ME AND THAT MAN - New Man, New Songs, Same Shit Vol. 1

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VÖ: 27.03.2020
Bandinfo: ME AND THAT MAN
Genre: Dark Rock
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste

Unter dem Banner ME AND THAT MAN erschuf der Chef des polnischen Branchenriesen BEHEMOTH ein kreatives Ventil - eine Rückversicherung, dass BEHEMOTH BEHEMOTH bleibt und der Kunde weiterhin bekommt, was er kennt und verlangt. Könnte man meinen...denn im Angesicht der zahlreichen Extravaganzen auf "I Loved You At Your Darkest" erweist sich diese Aussage als eher irreführend - genau wie der Titel "New, Man, New Songs, Same Shit Vol. 1" des neuen ME AND THAT MAN-Opus. "New Man": stimmt nur insoweit, dass Nergals vormaliger Begleiter John Porter das Handtuch geworfen und den wandlungsfähigen Satansbraten damit zum alleinigen Gesellschafter von ME AND THAT MAN gemacht hat. Anstelle eines "New Man" als fixem Bandmitglied tritt vielmehr eine Reihe namhafter Musiker/innen ("New Men & Women" oder "New People"), wobei jeder Song des "Same Shit" eine eigene Stimme und Ausrichtung erhält. Dadurch wird, wie wir noch genauer beleuchten werden, die als "Same Shit" betitelte Unterhaltungskunst weitaus weniger deckungsgleich zum Vorgänger, als der Albumtitel vermuten lässt. OK, wenn am Ende nicht wenigstens "New Songs" stimmen würde, wäre in der polnischen Outlaw-Kapelle etwas katastrophal in die Pantalonen gelaufen, aber gehen wir weiter im Text...

Etikettenschwindel hin oder her - was können die "New Songs"?

Unser werter Herr Nergal war eben schon immer ein Anarchist in Bezug auf seine kompositorischen Freiheitsgrade. Und wie man aus den einleitenden Sätzen unschwer ableiten kann, hat "New, Man, New Songs, Same Shit Vol. 1" verhältnismäßig wenig mit seinem Vorgänger "Songs Of Love And Death" gemein. Diabolisch angehauchte Lyrik, eingebettet in stöpsellose Gitarrenmusik, die unter der Feder Adam Darskis arrangiert und geführt wird - und damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. Das Aufregende an der Sache und der in meinen Augen größte Pluspunkt des Zweitwerks ist, dass es sich über den gemeinsamen Nenner hinaus in keine Schublade stecken lassen will. Durch die Vielzahl an Stimmen und Stilen, die unter dem Banner "Same Shit" gebündelt werden, erscheint das Ganze schon fast wie eine Art Best-Of artverwandter Interpreten, ein Allstar-Outlaw-Gangbang oder ein Paralleluniversum, in dem die schwermetallische Prominenz ausladende Hüte mit Petruskreuz trägt.

Die Songs zeigen in vielerlei Hinsicht ihren eigenen Charakter - und die Hits sind alles andere als dünn gesät. Bereits der flott und lässig rockende Opener "Run With The Devil" mit Jørgen Munkeby (SHINING NO) schlägt Töne an, die man auf dem JOHNNY CASH-lastigen Debut nicht zu hören bekam - und macht nebenbei wahnsinnig Spaß. Musikalisch und besonders stimmlich überzeugen "By The River" mit Ihsahn (EMPEROR) und "Man Of The Cross" mit Jerome Reuter (ROME) - was für ein Organ! "Surrender" mit DEAD SOUL und VOLBEATs Rob Caggiano kommt als eindringlicher Blues mit großartigen Stimmen daher und "Deep Down South" lässt gekonnt Banjo und Kontrabass sprechen. Niklas Kvarforths (SHINING SE) Auftritt in "Confession" hybridisiert zum krönenden Abschluss mit dem sonst nur lyrisch beiwohnenden Black Metal und schickt den Hörer schlussendlich mit Blastbeats in die Wüste - grandiose Komposition! Einzig "Burning Churches" mit Mat McNerney (GRAVE PLEASURES) am Mikro schlägt noch stark in die Kerbe des Erstwerks.

Bitte einen Zehner in die Verharmlosungs-Kasse!

Die Texte glorifizieren neben dem Gehörnten auch die Gesetzlosigkeit und sind damit vom pädagogischen Standpunkt her mäßig wertvoll...aber sie werden durch den locker-makabren Umgang mit der Boshaftigkeit wieder äußerst unterhaltsam. So beweist der heitere Lagerfeuerchorus von "Burning Churches" mit der gleichlautenden Textzeile doch einen sehr farbenleeren Humor (bitte die lyrische Überspitzung der zugrundeliegenden Aussage als solche begreifen und nicht als Handlungsanweisung!). TRIVIUMs Matt Heafy belegt mit "You Will Be Mine" ein klassisches Outlaw-Thema und erteilt der Angebeteten seines lyrischen Ichs eine texanische Nachhilfestunde in Sachen Monogamie (vgl. ROSE TATTOOs "Bad Boy For Love"). Und weil er für die irreversiblen Erziehungsmaßnahmen selbstredend hinter schwedische Gardinen kommt, klingt er beim Vortrag seiner Geschichte entsprechend niedergeschlagen - auch diese Nummer überzeugt! Weiterhin gefallen die Seitenhiebe in Richtung von "Songs Of Love And Death" und BEHEMOTH, z. B. "my heart is pure but my church is black"  in "Run With The Devil" oder "blow your trumpets, Gabriel!" in "How Come?" mit SLIPKNOTs / STONE SOURs Corey Taylor.

Viele Gäste, großes Kino und schüchterner Chef

Die Kehrseite der Vielfalt ist, dass Meister Nergal selbst kaum zu Wort kommt und nur mit dem auf Polnisch gesungenen "Męstwo" verbal in Erscheinung tritt. Das ist natürlich schade, bleibt aber in Anbetracht des famosen Gesamtwerks ein minimales Manko, das sehr leicht zu verschmerzen ist. Unterm Strich zeigt die weitreichende Kooperation auf "New, Man, New Songs, Same Shit Vol. 1" weitaus mehr Stärken als Schwächen. Die Entscheidung, Onkel Nergals Outlaw-Spaß im Allstar-Format in die zweite Runde zu schicken, erweist sich damit als goldrichtig und macht das Projekt ME AND THAT MAN gutes Stück unterhaltsamer und interessanter. Da giert man doch gleich nach "New, Man, New Songs, Same Shit Vol. 2" (oder nach einem echten Outlaw-Country-Album - der namenslose Reiter).



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (24.03.2020)

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