MACBETH - Gedankenwächter

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VÖ: 27.03.2020
Bandinfo: MACBETH
Genre: Heavy Metal
Label: Massacre Records
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Lineup  |  Trackliste

Wenn eine metallische Institution wie MACBETH ein neues Album veröffentlicht, dann ist das immer und in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Und wenn man die Ehre hat, dieses Album zu rezensieren, dann muss es erlaubt sein, etwas weiter auszuholen.

Die Thüringer Formation, die zumindest in Ostdeutschland den Status einer lebenden Legende besitzt, hat in ihrem immerhin schon 35 Jahre andauernden musikalischen Dasein alle Tiefen und mittlerweile zum Glück auch einige Höhen durchlebt. 1985 in Erfurt gegründet, erspielte man sich relativ schnell eine treue Anhängerschaft auf der einen Seite, geriet andererseits aber fast ebenso schnell ins Visier der DDR-Staatsmacht und der Stasi. Das Fass zum Überlaufen brachte 1986 das berühmt-berüchtigte Konzert im Erfurter Stadtgarten. Aufgrund der viel zu kleinen Location (gut 100 Fans mussten draußen bleiben) und der von der Volkspolizei untersagten Zugabe kam es im Anschluss an den Auftritt zu regelrechten Ausschreitungen. Als Konsequenz wurde die Band von der Obrigkeit mit einem Auftrittsverbot belegt, und die in der DDR für Künstler existenzielle Spielerlaubnis wurde eingezogen, was zum ersten Mal das Aus für MACBETH bedeutete (weitere interessante Details zur bewegten Bandgeschichte und auch Einblicke in die Stasi-Unterlagen findet ihr hier).

Also entschlossen sich die Bandmitglieder, unter dem Namen CAYMAN weiterzumachen. Allerdings erschwerten der Weggang des Schlagzeugers und die Inhaftierung des Sängers den Fortbestand der Band. Aber man gab nicht auf, tourte fleißig weiter, und im Herbst 1989 stieß der aus der Haft entlassene Sänger wieder zur Band. Ein gutes Omen? Leider nicht, denn Detlef Wittenburg wählte Ende 1989 kurz nach dem Fall der Mauer den Freitod. Nach seinem Suizid schien das Schicksal von CAYMAN/MACBETH endgültig besiegelt. Doch weit gefehlt, bereits 1993 kam es zu einem Comeback unter dem ursprünglichen Namen MACBETH, das allerdings leider schon nach kurzer Zeit durch einen erneuten Selbstmord, diesmal den des Schlagzeugers, sein jähes Ende fand. Und diesmal sollte es ein Jahrzehnt dauern, bis MACBETH sich 2003 erneut wie Phönix aus der Asche erhoben. Es folgten Jahre harter Tourarbeit, aber MACBETH ruhten sich nicht auf ihrer musikalischen Vergangenheit aus, sondern lieferten mehr und mehr neues Songmaterial, das von den Fans so gut aufgenommen wurde, dass man 2006 endlich das lang ersehnte Debüt "Macbeth" veröffentlichen und 2009 schließlich mit dem Release des Nachfolgers "Gotteskrieger" bei Massacre Records späten aber absolut verdienten Erfolg beim Publikum wie auch bei der Musikpresse einfahren konnte.

Heute ist die DDR seit mehr als 30 Jahren Geschichte, MACBETH indes gibt es immer noch (nach wie vor mit den beiden Gründungsmitgliedern Hanjo Papst und Ralf Klein), und das ist auch gut so.

Der aktuelle Longplayer „Gedankenwächter“ ist mittlerweile das fünfte Studioalbum von MACBETH, und nie klangen die Thüringer frischer, aggressiver und musikalisch gereifter als heute. Zudem haben MACBETH es geschafft, die in der DDR staatlich verordneten deutschen Texte von diesem negativen Stigma zu befreien, ins positive Gegenteil zu verkehren und zum Markenzeichen der Band zu machen. Die Lyrics von Tracks wie dem Titelstück oder „Brandstifter“ sind im wahrsten Sinne des Wortes „brand“aktuell, anklagend und schonungslos. Die Texte beschäftigen sich mit unterschiedlichen geschichtlichen Epochen. Inhaltlich bezieht man unter anderem Stellung zu Religion, Krieg und Verfolgung. Dabei gelingt es der Band immer wieder, Interpretationsspielräume zu schaffen. So handelt z.B. „Wolfskinder“ vordergründig von den elternlosen Kindern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, spiegelt auf einer anderen Ebene aber ebenso die Situation tausender Kinder in den Flüchtlingslagern in der Türkei und Griechenland im Hier und Jetzt wider. In „In seinem Namen“ geht es um den Fanatismus im Glauben und die damit verbundenen Verbrechen, wobei nicht nur die Untaten des Christentums angeprangert werden, sondern alle Religionen, deren Radikale bzw. Geistliche sich an Mensch oder Tier vergehen, während sie sich auf ihren Gott berufen.

Die eindringlichen Lyrics werden von Frontmann Oliver Hippaufs unverwechselbarer Stimme getragen, die Inbrunst und Hingabe des Sängers ist dabei beinahe physisch greifbar, während er sich durch die einzelnen Songs singt, schreit und leidet. Eine wirklich großartige Leistung!

Musikalisch schließt „Gedankenwächter“ nahtlos an den Vorgänger „Imperium“ aus dem Jahr 2015 an. MACBETH pfeffern dem Hörer technisch versierten Oldschool-Thrash im modernen Gewand um die Ohren, der immer wieder von fantastischen Melodien durchzogen wird und durch enormen Abwechslungs- und Facettenreichtum glänzt. Mal knochentrocken, mal heftig stampfend, mal getragen majestätisch.

Da wird im grandiosen, bitterbösen Opener „Friedenstaube“ die Thrashkeule direkt auf die Zwölf des Hörers geschwungen, wohingegen „Krieger“ in brachialem Midtempo alles niederwalzt, was sich dem Song in den Weg stellt. „In seinem Namen“ beginnt richtiggehend Black Metal-lastig, während sich die beiden Axtschwinger in „Wolfskinder“ immer wieder stakkatoartig durch den Sechsminüter hacken, der aber trotz der Aggression mit einer eingängigen Hookline aufwartet. „Daskalogiannis“ startet schleppend und sakral, ehe sich der Track zu einem absolutem Melodic Thrash Knaller entwickelt!

Kommt „Hexenhammer“ eher slow mit gelegentlichen Ausbrüchen im Chorus daher, so sind „Brandstifter“ und „Gedankenwächter“ schnelle düstere Stücke, die man bereits nach dem ersten Hören nicht mehr vergisst. Der das Album beschließende Song „Demmin“ erzählt bedrückend und verstörend das Grauen, das die mecklenburgische Kleinstadt 1945 zum Ende des Krieges heimsuchte und lässt den Hörer gebannt und mit einem flauen Gefühl im Magen zurück, während der Track in den Gedanken noch geraume Zeit nachhallt.

Fazit: Mit „Gedankenwächter“ unterstreichen MACBETH auch 31 Jahre nach der Wende, dass deutsche Texte im Metal nicht nur RAMMSTEIN und der NDH vorbehalten sind. Klischeefrei und tiefgründig arbeitet man in den einzelnen Songs Ereignisse sowohl der Gegenwart als auch der Geschichte auf – düster, kritisch und vielschichtig. Auch wenn traditioneller (melodischer) Thrash Metal aus allen Poren der neuen Silberscheibe quillt - Produzent Patrick W. Engel (der von 2008 bis 2010 selbst aktives Mitglied bei MACBETH war) hat es wieder geschafft, dem Album einen erdig-rauen, aber trotzdem zeitgemäßen und druckvollen Sound zu verpassen. Im Hinblick auf die fast shakespearesk anmutende Dramatik der Bandgeschichte, ist den Thüringer Jungs erneuter und andauernder Erfolg absolut zu wünschen! Dass MACBETH ihn zweifelsohne verdient haben, beweisen sie mit der Qualität von „Gedankenwächter“ einmal mehr auf eindrucksvolle Art und Weise.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (24.03.2020)

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