PYOGENESIS - A Silent Soul Screams Loud

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VÖ: 24.01.2020
Bandinfo: PYOGENESIS
Genre: Metal
Label: AFM Records
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Lineup  |  Trackliste

Hossa! Bei wem PYOGENESIS bislang unterm Radar gelaufen ist, der sollte spätestens ihr nun veröffentlichtes, zehntes Studioalbum anchecken – denn „A Silent Soul Screams Loud“ hat ein paar grandiose Momente! Vor allem könnte es sehr viele Hörer der harten Musik ansprechen, da die Stuttgarter Band eine Mixtur aus diversen Genres spielt und damit Anknüpfungspunkte für Liebhaber verschiedener Metal-Kategorien bietet. Gleichzeitig könnte das aber auch die große Schwäche des neuen Albums sein. Dazu später mehr.

Erstmal der textliche Kontext, in dem das neue Album steht: Mit „A Silent Soul Screams Loud“ vollenden PYOGENESIS nach etwas mehr als vier Jahren ihre Steampunk-Trilogie rund um die technischen, gesellschaftlichen und (geistes-)wissenschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts. Beim aktuellen Dreher geht es speziell um berühmte Figuren, die in diesem Zusammenhang aus bestimmten Blickwinkeln eine gewichtige Rolle gespielt haben: Charles Darwin, Siegmund Freud, Napoleon, Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Frankenstein. Das ist insofern von Interesse, da die Musik zusammen mit diesem inhaltlichen Konzept einen eigenen Anstrich bekommt, der die vielen melancholischen Momente untermauert.

Einer der besseren Songs und Hauptteil des nur etwa 40-minütigen Albums ist das 14-Minuten-Opus „The Capital“, das sich mit Karl Marx´ „Das Kapital“ befasst. Angefangen von einer durch einen Männerchor gepolsterten, eindringlichen Solo-Gesangspassage von Flo V. Schwarz leiten bratende Gitarrenriffs und treibende Drums zu einer getragenen Melodie-Linie, die auch dank des Sounds eine besondere Atmosphäre erzeugt. Dazu kommt ein erstklassiges, locker eingestreutes Solo – und fertig. Könnte man zumindest denken, ist aber nicht so. Jetzt wird’s auf einmal ganz ruhig, ein breitwandiger Soundteppich erstreckt sich mit Anleihen an Kinofilm-Soundtracks der Marke Ennio Morricone. Dann kommt kurz ein wunderbar warmer Gesang, getoppt durch ein bittersüßes Gitarrensolo und wieder der Soundteppich, der nun ins Jenseits oder irgendwohin zu entfleuchen scheint. Wie nennt man sich so ein Musikstil? Ambient? Orchestral? Na, egal, denn neben ein paar Streichern und dem Keyboard setzen nun nach und nach und immer mehr E-Gitarren und Drums wieder ein und ziehen den Song auf eine weitere weitschweifende Ebene irgendwo in den Orbit. Mit anderen Worten: Wer will, kann als Hörer mit „The Capital“ Kopfkino genießen. Auf ganz hohem Niveau. Hier passt jede Note, jede Instrumentierung (sogar eine russische Balalaika ist beim Fade-out am Ende zu hören) und einfach das ganze Arrangement – große Musik also!

Bleiben wir beim Positiven: Bereits beim Opener „Survival Of The Fittest“ geht es mächtig gut nach vorn ab. Ein Refrain, der sich einfräsen kann sowie donnernde Drums, die ab und zu an den Metal-Rock von VOLBEAT erinnern, machen den Song zu einer unterhaltsamen, gute Vibes versprühende, Sache. Geradezu den Marsch blasen tut dann „Mother Bohemia“, wo das klassische Stück „Die Moldau“ von Bedřich Smetana in ein rasantes, stampfendes Kleid gestopft wird, garniert mit Elementen aus dem DEATH METAL (!). Muss man erstmal drauf kommen auf so eine Idee. Weltklasse! Dieses hohe Level kann „Will I Ever Feel The Same“ – ein weiterer guter Song des Albums – nicht halten, allerdings ist die flotte Nummer dennoch ein gutes Stück MODERN METAL mit durchaus harten Gitarren. Auch die Ballade „Modern Prometheus“ mit einem Duett mit Chris Harms von LORD OF THE LOST tönt überaus modern und hat einen schönen, getragenen Ohrwurm. Hier und da klingt das Teil sogar etwas poppig, was aber nicht groß stört.

Was PYOGENESIS allerdings geritten hat, einen Song wie „I Can´t Breathe (Prologue)“ zu fabrizieren, ist dem bis dahin durchaus sehr angetanen Metal-Fan ein Rätsel. Der Song ist einfach nur POP der ekligsten Art, so Richtung GOTH POP oder so. Zwar sehr emotional gesungen, aber nee, das ist so weit weg vom Rest des Albums, dass das einfach nicht passen will. Das folgende „I Can´t Breathe (Monologue)“ ist dann zwar nicht mehr poppig, sondern eher so Richtung AVENGED SEVENFOLD meets ALTERNATIVE METAL. Aber irgendwie nervt das Teil tierisch und man denkt sich gehässig: „Na, dann kannste halt nicht atmen; verrecke doch endlich und sei still!“ Als wäre das nicht schlimm genug, kommt mit „High Old Times“ ein weiteres Ärgernis: Hohoho-Backvocals gleich zu Anfang sollen wohl jedem klar machen, dass das hier jetzt STADION ROCK ist, wo alle mitzugehen haben. Aber nee, das wirkt alles aufgesetzt und packt einen überhaupt nicht, höchstens soweit, dass man sich überlegt, wie man ganz schnell die Skip-Taste in eine Löschen-Taste umbauen könnte. Einfach nur anbiedernd. Und erneut nicht passend zum Rest des Albums.

Wer tatsächlich bis hierhin gelesen hat, wird schon gemerkt haben: PYOGENESIS machen es dem Hörer mit ihrem neuesten Album nicht leicht. Großartige Momente und starke Songs stehen ziemlich Missratenem gegenüber. Leider ist die Spielzeit auch eher kurz, sodass bei nur acht Songs jeder Fehlgriff besonders weh tut. Möglicherweise wird es aber auch Menschen und Fans der Band geben, die die Truppe für die große Abwechslung, die diversen eingearbeiteten Stile lieben und kein Problem mit den musikalischen Brüchen haben. Letztlich überwiegen die Songs, die ohne Wenn und Aber erstklassig sind. Toll produzierter, stark gesungener und top instrumentierter METAL mit Elementen aus ALTERNATIVE METAL, ROCK, MODERN METAL, SPEED METAL, SYMPHONIC METAL/ ROCK und Filmmusik sowie hier und da sogar POP. Und am wichtigsten: Es gibt sehr viele überaus gelungene Melodien.

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Tobias (17.02.2020)

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