LORNA SHORE - Immortal

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VÖ: 31.01.2020
Bandinfo: LORNA SHORE
Genre: Deathcore
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste

Die jüngere Vergangenheit von LORNA SHORE ist eine nahezu endlose Saga der Gegensätze: Während man einerseits seit der Veröffentlichung der "Maleficium"-EP in raschem Tempo an Reputation hinzugewinnen und zuletzt mit "Flesh Coffin" (2017) an der eigenen musikalischen Hegemonie im Deathcore arbeiten konnte, erweist sich speziell das Mikrofon als fortwährendes Instrument des Fluches, der längst nicht mehr als überschaubarer Stolperstein auf dem Weg nach ganz oben kleingeredet werden kann. Dass man mit Tom Barber einen fähigen Mann für den unheiligen Sermon verliert, wenn CHELSEA GRIN anklopfen, kann in Anbetracht der unterschiedlichen Machtverhältnisse im Genre durchaus mal vorkommen, aber dass man mit dessen Nachfolger CJ McCreery so derbe in die Scheiße griff, dass man ihn noch vor dem Release des neuen Albums "Immortal" wieder loswerden muss, wird für die Band nur schwer verdaulich sein. Die eigentliche Crux ist dabei offensichtlich: "Immortal" kann noch so gut sein, über ihm wird stets ein fader Schein strahlen.

Diejenigen, die sich nicht für das Privatleben eines Künstlers interessieren oder, besser gesagt, die privaten Verfehlungen dessen übergehen wollen, weil für sie angeblich nur die Musik von Relevanz sei (Unwissenheit ist Glückseligkeit), müssen nun entweder ganz stark bleiben oder den folgenden Absatz einfach gänzlich überspringen, aber: So sehr ich CJ McCreery für seine fast schon dramaturgische gesangliche Inszenierung zwischen infernalen Schreien, wütendem Gebelle und abyssisch-tiefen Growlings auch abfeiern möchte, ich tue mir enorm schwer damit, das in der Öffentlichkeit zu tun. Es sind aber nicht nur die hartnäckigen Missbrauchs- und Rassismus-Vorwürfe gegen ihn, die mittlerweile aus zahlreichen glaubwürdigen Quellen bestätigt wurden, sondern auch die vielen grenzdebilen Fans, die sich in affige Ausreden und ekelerregende Anschuldigungen gegen seine Opfer flüchten, weil es ihre Lieblingsband betrifft und man sich als Frau doch schon viel eher hätte zu Wort melden können, wenn die Vorwürfe denn wirklich stimmen würden. Kurz gesagt: die gesamte Bandbreite menschlichen Verderbens entlädt sich in dieser Angelegenheit - mal wieder. 

Bleibt also noch die Frage, wie man LORNA SHOREs Verhalten in diesem Extremfall einordnen kann und hier möchte ich lieber einige Worte des Schutzes ausformulieren: Selbstverständlich wäre das romantische Idealkonzept gewesen, sämtliche Vocalspuren zu löschen und anschließend neu einsingen zu lassen, aber daran hingen eben auch eine ganze Reihe von kostspieligen Verbindlichkeiten (neues Mixing und Mastering, weitere Promokampagnen, etc. pp.), die man sich mit dem aktuellen Status, mit der aktuellen Größe einfach nicht leisten können wird. Ich bin mir also ziemlich sicher, dass sich LORNA SHORE diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben, zumal sie gleichzeitig eben auch mit den Nachwirkungen dieses GAUs zu kämpfen hatten und dabei sicherlich nicht nur einmal ihre Zukunft als Band aus den Händen, aus dem eigenen Einflussbereich entgleiten sahen.

Aus der Egoperspektive betrachtet hätte ich es trotzdem begrüßt, wenn man noch einmal am Album geschraubt hätte, denn der Sound ist unterirdisch und der sozusagen allumfassende, absolute Prototyp des amerikanischen Loudness Wars. Dem ungeschulten (und vielleicht auch schadlosen) Nachwuchsgehör mag das möglicherweise noch gefallen, aber sowohl auf einer amtlichen Heimsoundanlage sowie mehreren unterschiedlichen Kopfhörern erwies sich der Klang von "Immortal" als eine oftmals latent anstrengende, manchmal aber gar unerträglich grenzüberschreitende Achterbahnfahrt der fehlenden Balance bzw. übertriebenen Lautstärkeschwankungen und einer Soundkompression from hell, bei der wahrscheinlich selbst die Klangverbrecher von ALLEGAEON vor Neid erblassen würden. Das ist insofern schade, als dass wir es hier eigentlich mit einem durch und durch unterhaltsamen, kompositorisch hochwertigen Album zu tun haben, das beispielsweise auch die zuletzt schwächelnden CARNIFEX kinderleicht durch die nächstbeste meterdicke Reaktorschutzwand prügelt. Mörderische Breakdowns à la "This Is Hell" oder "Darkest Spawn" setzen aktuell höchstens THY ART IS MURDER schöner in Szene, die skandinavisch-angeschwärzten Sympho-Elemente sind klug integriert ("Hollow Sentence" und "Endless Torment") und die Riffs inkl. Soli und catchy Leadhooks ("Immortal" und "King Ov Deception") sind mindestens so abwechslungsreich und packend wie die Vocals des mittlerweile ausgeschiedenen CJ McCreery.

Das alles nützt mir nur leider nichts, wenn ich bestenfalls die Hälfte wahrnehme, weil mir ansonsten der Schädel platzen würde. Vielleicht ist das auch die Intention hinter "Immortal" gewesen, aber im Jahre 2019 gab es sicherlich andere Möglichkeiten als das, was letztlich dabei herumgekommen ist - und das ärgert mich vor dem Hintergrund der musikalischen Qualitäten enorm. Dass man speziell im Core-Bereich oftmals mindestens zu Grenzwerten geneigt und häufig sogar anfällig für derartige Straftaten an menschlichen Sinnesorganen ist, möchte ich gar nicht abstreiten, zumal infernalische Lautstärkepegel im Metal ja ungeschriebenes Gesetz sind, aber spätestens wenn man dadurch im Alter von 35-40 das Gehör eines kriegsgeschädigten Rentners haben sollte, bringt einem die ganze Leidenschaft für die Musik nichts mehr. Bitte versteht mich nicht falsch: Ich bin äußerst tolerant gegenüber Metalproduktionen und bisher selbst noch sehr glimpflich davongekommen, aber was LORNA SHORE hier in Zusammenarbeit mit dem Soundtechniker Josh Schroeder abgeliefert haben, ist für mich persönlich weitestgehend ungenießbarer, totdigitalisierter Lärm, den ich in dieser Form in meinen zehn Jahren als Musikjournalist noch nicht oft erlebt habe. Schade drum, aber da wäre selbst die erneute Zusammenarbeit mit Will Putney das deutlich geringere Übel gewesen.



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (28.01.2020)

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