OAK - Lone

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VÖ: 20.12.2019
Bandinfo: OAK
Genre: Death/Doom Metal
Label: Transcending Obscurity
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Wenn man nach Mitgliedern der portugiesischen Black Metaller GAEREA sucht, stößt man meist dort, wo normalerweise Bandmitglieder gelistet werden, auf gähnende Leere. Wer dann allerdings - aus welchem Grund auch immer - im niedertourigen Sektor von Transcending Obscurity Records stöbert, trifft auf eine Death / Doom Band namens OAK, die ebenfalls aus Portugal stammt und von (aktiven und ehemaligen) GAEREA-Mitgliedern bevölkert sein soll. Damit hätten wir gleich zwei Fliegen mit einer (laaangsam klappenden) Klappe geschlagen, nämlich zwei Mitglieder der verschleierten Geheimniskrämer zu identifizieren und nebenbei einen veritablen Geheimtipp aufzuspüren. Und falls es innerhalb der Musik so etwas wie relativistische Anomalien geben sollte, die auf mirakulöse Weise für eine gefühlte Stauchung der Zeit sorgen könnten, dann hätten wir mit dem Debutalbum "Lone" gleich den dritten Stubenbrummer geplättet. Die angerissene These könnte der Nährboden für mannigfache Wahnvorstellungen über Bezugssysteme und invertierte Zeitdehnung ausarten, doch wollen wir uns nicht weitergehend mit (pseudo-)theoretischen Klimmzügen zermürben, wo doch der empirisch nachweisbare Effekt unbestritten bleibt: OAK verkürzen beim Hören die Zeit!

Das Debut der doomigen Portugiesen besteht aus nur vier Songs, wovon die ersten beiden zusammengenommen schon 35 Minuten Spielzeit ausmachen. Das eröffnende Duo aus "Sculptures" und "Mirror", die durch einen fließenden Übergang zu einer Einheit verschmelzen, grenzt für sich gesehen schon an Perfektion. Der Zauber dieses Monuments entfaltet sich ab dem ersten Durchlauf, bleibt über Wochen ungebrochen und lässt das Gespür für Zeit verwässern. "Scultpures" stimmt zunächst über drei Minuten mit einzelnen, in der kargen Leere aushallenden Akkorden und spärlichen Drum-Akzenten ein, bis Guilherme Henriques' tiefe Growls einsetzen und die Nummer langsam an Fahrt aufnimmt. Die Vocals ähneln einem tiefen Grollen...den Vorboten eines verheerenden Erdbebens...als brüllte der rotpigmentierte Stirnwaffenträger aus den Untiefen der Hölle gen Erde, um deren unvermeidlichen Untergang zu verkünden. Meine Hochachtung - bei dieser stimmlichen Leistung fallen einem ausgewachsenen Grizzly vor Neid die Zähne aus! Die hypnotischen und zerbrechlich anmutenden Melodien malen Bilder von wüsten Landschaften, vernebelten Wäldern im Herbst, verrottendem Holz - als wäre das Coverartwork der Platte in Noten übersetzt worden. Zwischendurch setzen harte Akkorde ein, begleitet von nietender Doublebass und sorgfältig dosiertem Stimmeinsatz - die im Stillen verborgene Urgewalt tritt zu Tage und sorgt für Gänsehaut.

Seinem Anfang gleich klingt "Sculptures" ruhig und atmosphärisch aus, um nahtlos zu "Mirror" überzuleiten. Das Netz aus verzerrten Akkorden, behäbigen Drums und Growls wird langsam dichter, zum Ende des 19-minütigen Schwergewichts schlägt die bis dahin durchgängige, erhaben-melancholische Stimmung allmählich ins Bedrohliche um. Nach dem Blick in den Spiegel des Verderbens zieht "Abomination" die Schlinge weiter zu, die Akkorde werden härter und dissonanter. Es scheint, als würde man sich durch den immer dichter werden Wald einem unheilvollen Höhepunkt nähern, der sich schlussendlich in "Maze" manifestiert. Die fragile Komponente des Klangkonstrukts ist verschwunden, wir finden uns im Zentrum angekommen, wo uns der grollende Dämon erwartet und mit seinem linken Zeigefinger zerquetscht. Ruhe kehrt ein und wir kehren zurück in die Realität - oder zu "Sculptures", dem Startpunkt der Reise.

Hut ab! Was die OAK hier mit "Lone" (wohlgemerkt zu zweit!) abliefern, ist mehr als nur Musik - es ist eine Offenbarung, eine spirituelle Erfahrung, eine Zeitmaschine, in der 51 Minuten so kurz erscheinen wie der alltägliche Gang zum Briefkasten. Dazu präsentiert sich die Debutscheibe der Portugiesen in einem Sound, der ebenso perfekt ist wie die durch ihn transportierte Tonkunst. Kristallklar, urgewaltig und dennoch unverfälscht - die Drums klingen so natürlich, als stünde man direkt neben der Schießbude. Selten war ich so uneins darüber, ob für das vorliegende Werk die hart umkämpfte Höchstnote in Frage käme, denn so tief ich hier auch grabe, kann ich nichts ausmachen, das es ernsthaft zu kritisieren gäbe. Und wenn ich den Blick in die Glaskugel wage und mir vorstelle, dass das letzte Quäntchen Hochgefühl in der Zukunft verborgen liegen könnte, erscheint mir dieser Ritterschlag für das Duo in greifbarer Nähe.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (18.12.2019)

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