ALCEST - Spiritual Instinct

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VÖ: 25.10.2019
Bandinfo: ALCEST
Genre: Post-Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Prophecy Productions sind nicht gerade bekannt dafür, Bands aus ihrem Kollektiv von dannen ziehen zu lassen - umso verwunderlicher war die Neuigkeit, als die eigentlich schon zum Labelinventar zählenden ALCEST plötzlich ihren Abgang hin zu Nuclear Blast Records bekanntgaben und damit womöglich nicht nur strahlende Gesichter - ob bei ihrem bisherigen Arbeitgeber oder in Fanszene, sei dahingestellt - hinterlassen haben werden. Doch selbst ein solch riskanter Schritt birgt nicht nur Gefahren, sondern in manchen Fällen, also besonders dann, wenn man sich, wie die Franzosen, bereits etablieren konnte und dadurch besonderes Renommee genießt, auch einen sich expandierenden Wirkungskreis, der nach Jahren des steten Aufstiegs ein noch größeres Portal für die Zukunft öffnet. Wer dies nun damit verknüpft, dass sich ALCEST mit ihrem in Kürze erscheinenden NB-Debüt "Spiritual Instinct" in oberflächliche Staffage hüllen und damit auch ihre bisherige Linie aufgeben könnten, kann sich hier bereits einer ersten Entwarnung sicher sein, denn davon könnten sie kaum weiter entfernt sein.

Trotzdem führt "Spiritual Instinct" gewissermaßen die Tradition seiner Vorgänger fort, unterscheidet sich in Teilaspekten von diesen und wird daher in späterer Rückschau einer von unzähligen Bausteinen im Paradigma, ALCEST hätten sich während ihrer gesamten Karriere niemals wiederholt bzw. dasselbe Album mehrmals eingespielt, sein. Dass ich hier über eines meiner Alben des Jahres 2019 referiere bzw. es schlussendlich als solches ausrufen werde, ist dabei zwar kein greifbares Trademark, zumindest nicht im Bezug auf die klanglichen Kennzeichen von "Spiritual Instinct", doch umschreibt es passabel den Gedankengang, der mich seit dem Erstkontakt mit "Écailles de lune" immer wieder begleitet: Egal welche Parameter ALCEST chameleongleich in Herangehensweise und Ausführung verändern, sie bleiben unfehlbar - auch mit ihrem Sechstwerk, das trotz manchmal gar griffigerer und spürbar direkterer Methodik ("Les jardins de minuit" und "Protection") introvertiert bleibt und emotionalen Tiefgang offenbart.

Was mich an "Spiritual Instict" besonders begeistert, ist die Konstellation, dass ALCEST 20 Jahre nach ihrer Gründung (ja richtig, eigentlich gibt es sogar ein Jubiläum zu feiern...) immer noch nahezu unberührte Wege finden, um spannend und mitreißend zugleich zu komponieren. Kaum jemand kann seine Stimme so seraphisch als Melodiegeber wie Neige im fantastischen "Sapphire" einsetzen, kaum ein Schlagzeuger hat ein solch ausgeprägtes Gespür für Songstrukturen und den passenden Rhythmus in unterschiedlichsten Situationen wie Winterhalter in einem "L’île des morts", das, ähnlich wie der abschließende Titeltrack, zwischen sämtlichen Schaffensphasen der Band transzendiert und für kaum eine Band ist es so selbstverständlich, Musik und Magie einfach automatisch abzuspielen, ohne dass sich einer der Protagonisten mittels Egoismen in den Vordergrund zu drängen versucht. "Spiritual Instict" ist wie ein atmender Organismus und kann inmitten dessen auch mit melancholischen Keyboard-Harmonien und grollenden Drone-Gitarren ("Le miroir") eine fast schon kathartische Wirkung entfalten, die exemplarisch für all das steht, was ALCEST je ausgemacht hat und vermutlich ausmachen wird.

Womöglich mag es sich nun überspitzt oder gar kitschig lesen, aber ALCEST sind dem reinen Kunstbegriff abermals ein deutliches Stück näher gekommen. Man verspürt bei "Spiritual Instinct" das mystische Gefühl, dass man nicht mehr einer Band zuhört, die gerade ihre neueste Schöpfung vorspielt, sondern zwei Ausnahmekünstlern, die mit all ihren Ideen und Noten verschmolzen sind, diese regelrecht organisch leben. Als Hörer taucht man von der ersten Sekunden an in eine verträumte, sagenumwobene Parallelwelt ein, die quasi permanent eine Gänsehaut zaubert, den staunenden Hörer für eine knappe Dreiviertelstunde den grauen Alltag vergessen lässt und den kaum therapierbaren Suchtgrad mit jedem weiteren Durchgang steigert - diese Art von Eskapismus ist in seiner Prägung zudem deshalb einzigartig, weil man sogar dann freiwillig in ALCESTs Sphären entschwinden wollen würde, wenn das Leben ein rundum sorgenfreies wäre. Ich verneige mich vor dieser Brillanz und bin unendlich dankbar dafür, diesem Zauber beiwohnen zu dürfen.

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Wer noch mehr Details zu "Spiritual Instict" und Themen rund um ALCEST erfahren möchte, findet hier das Interview meiner geschätzten Kollegin Daria mit Neige.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (22.10.2019)

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