OPETH - In Cauda Venenum

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VÖ: 27.09.2019
Bandinfo: OPETH
Genre: Progressive Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Ursprünglich wollte ich den einleitenden Gag auf Kosten der ewigen Nörgler, der schon meine Besprechung zu OPETHs "Sorceress" zierte, aufwärmen, aber stattdessen muss ich ausnahmsweise mal das ansonsten maue Metal-Outlet der Springer-Presse und den Umgang mit dem Thema loben. Denn, ob gewollt oder nicht, einen vollumfänglichen Beitrag zur "In Cauda Venenum"-Listening Session zu veröffentlichen, ohne auch nur ein halbes Mal auf die leidige Thematik, ob Mike Åkerfeldt nun wieder harsche Vocals zum Besten gibt oder eben nicht, eingegangen zu sein, hat mir durchaus einen amüsierten Schmunzler abgerungen. Denen, die Härte a) fehlinterpretieren und b) automatisch mit Qualität gleichzusetzen scheinen (Herr Åkerfeldt höchstselbst ging ja in einem Promovideo ebenfalls darauf ein), dürfte dabei das ein oder andere Äderchen aufgeplatzt sein und alleine dafür sollte sich die Aktion reichlich gelohnt haben.

Warum ich das erneut anmerken muss? Weil ich, obschon ich es eigentlich besser wissen und das oftmals alberne Egozentrik einiger Teile der Metalszene kennen sollte, nach ausgiebigem Genuss des neuen Werkes mal wieder davon überrascht war, wie man sich in einem Labyrinth der nichtigen Nebensächlichkeiten verfangen kann, wenn man doch einfach die schiere Genialität, die sich darauf kumuliert, anerkennen und genießen könnte. Gewissermaßen herrscht hier aber auch eine minimale Analogie vor, denn auch von "In Cauda Venenum" selbst bin ich abermals überrascht: Wenn ich behaupten würde, dass man hierauf selbst nach Hunderten von Durchgängen noch neue Details entdecken kann, wäre das in Anbetracht der Fülle an Ideen und dem Überschwang an enthusiastischem Songwriting eine maßlose Untertreibung, nein, eine Beleidigung gegenüber OPETH als künstlerisches Kollektiv.

Deshalb habe ich mir für diese Rezension explizit besagtes Songwriting auserkoren, um zu veranschaulichen, auf welchem Level sich OPETH mit "In Cauda Venenum" bewegen, denn genau der dadurch hervorgerufene Erkundungsreiz ist stellvertretend für die Klasse des 13. Studioalbums. Es würde einer Sisyphus-Aufgabe gleichen, hier ein spezielles Highlight zu nennen, weil man stets etwas Neues identifiziert und identifizieren wird, das einem höchste Anerkennung abnötigt und abnötigen wird. Mikael Åkerfeldt und Kollegium sind waschechte Musiknerds, die vor dem Recording wohl stundenlang ihren Plattenschrank durchforstet haben, und fusionieren dermaßen viele Referenzen zu einer neuen und dennoch vertraut klingenden OPETH-Sphäre. Was vielen hierbei gefallen dürfte: die Soundabmischung ist klarer, aufgeschlossener und damit auch zugänglicher als noch auf "Sorceress", ja, gewissermaßen sogar "metallischer" als zuvor.

Aufmerksame Mitleser werden es an dieser Stelle bereits registriert haben: Ich schweife ab, um die Besprechung des musikalischen Teils möglichst lange hinauszuzögern. Die Begründung ist banal: Jedes neue OPETH Werk ist eine gewaltige Herausforderung, sowohl für den profanen Hörer als auch für diejenigen, die zusätzlich zum reinen Hören auch noch adäquate Worte dafür finden müssen. Nichtsdestotrotz glaube ich zu wissen, dass "In Cauda Venenum" von Beginn weg eine Spur extrovertierter als "Sorceress" ist und dem Auditorium, nicht nur wegen erwähnter Produktion, sondern auch der grundlegenden stilistischen Ausrichtung, einen minimal erleichterten Zugang gewährt. Man könnte auch sagen, dass OPETH hier wieder etwas vertrauter klingen, da man die härteren Momente des Vorgängers ausbaut und die eigentümlicheren Einflüsse aus Jazz, Funk und Fusion merklich zurückfährt. Dennoch ist bereits das nach dem verträumt-düsteren Intro "Livet’s Trädgård" folgende "Svekets Prins"  mit einem imposant anmutenden, magischen Gefäß zu vergleichen, bei dessen Öffnung ein Schwarm unterschiedlichster Emotionen und Stimmungen hinausquillt. Zunächst noch heavy, geht es schnell in ein Spoken-Words-Intro mit anschließenden Akustikgitarren über, um dann, also nur etwas später, zu manchmal gar operettenhaften Vocals und versonnenen Keyboardströmen in instrumentalen Laut-Leise-Wechseln aufzugehen. Nicht selten und - vor allem - nicht nur hier hat man das Gefühl, einem avantgardistischen Theaterspiel beizuwohnen, speziell bei "Banemannen" könnte man sich allerdings auch an einen gemütlichen Abend in einem von Zigarrennebel verschleierten Jazz-Club ca. 60er Jahre zurückversetzt fühlen. Besonders dann tut es gut, wenn eine Singleauskopplung à la "Hjärtat Vet Vad Handen Gör", wohlgemerkt ein achteinhalb-minütiger Song, den Hörer mittels direkterer Strukturen und Rhythmen aufatmen lässt und für klarere Sicht- und Hörverhältnisse sorgt - oder ein "Charlatan" die immer noch aktuellen, tiefen MESHUGGAH-Takte mit verrückt-psychedelischem Tastenspiel verschmilzt, und sich, bevor es mit dämmriger Ambience langsam gen Ende flanieren kann, in einer gesanglichen Pointe entlädt.

Dass all das nicht immer einfach zu verarbeiten ist, ist einleuchtend, zumal an dieser Stelle gerade mal ein Bruchteil dessen veranschaulicht wurde, was auf "In Cauda Venenum" tatsächlich stattfindet - den Rest sollte, darf und muss jeder für sich selbst herausfinden, denn genau so, also ohne ein als eine komplett aufgeschlüsselte Plattenbesprechung getarntes Lösungsbuch, möchte "In Cauda Venenum" genossen und entdeckt werden. Besonders bei den ersten Annäherungsversuchen wird es dabei höchstwahrscheinlich Momente geben, in denen man sich selbst als erprobter OPETH-Fan ob der schieren Vielfalt verloren oder zumindest überfordert fühlen kann. Je nach Gemütslage bzw. Gusto liesse sich das vorhandene Spektrum also durchaus kritisieren, da es aber nie einen kalkulierten Selbstzweck-Charakter offenbart, sondern immer noch dem großen Ganzen untergeordnet ist, ist es aus meiner Sicht und Erfahrung der vergangenen Wochen und Monate mit ebendiesem "In Cauda Venenum" schlussendlich praktikabler, die kommenden Herbst- und Wintertage sinnvoll zu nutzen, um es an behaglichen Abenden bei Kerzenschein, Tee und Wolldecke wirken und wachsen zu lassen. Idealerweise in der schwedischen Fassung, die ich hier speziell aus dem Grund rezensiert habe, weil man diesem Geniestreich definitiv anhört, dass er in dieser Konstellation erdacht war und erst danach in die Englische Sprache transkribiert wurde, um sprachliche Hürden zu vermeiden.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (24.09.2019)

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