AGNOSTIC FRONT - Get Loud!

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VÖ: 08.11.2019
Bandinfo: AGNOSTIC FRONT
Genre: Hardcore
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

AGNOSTIC FRONT mögen bis heute für bescheidene Obolusse in stinkigen Clubs vor wild marodierenden Massen auftreten, doch ihr Status als Urväter und Koryphäen des New York Hardcore ist und bleibt unbestritten. Nach fast vier Dekaden des Schaffens müssen Roger Miret und Co. niemandem mehr etwas beweisen - und dennoch werden die alten Hasen nicht müde, bereisen Jahr um Jahr den Globus und veröffentlichen nach wie vor regelmäßig neuen Stoff, der nicht selten über den reinen Statuserhalt hinausgeht. Ihre letzte Scheibe "The American Dream Died" wurde von Fans und Kritikern einstimmig gelobt und als massives Dampfhammer-Spätwerk der Band gefeiert. Die Vorfreude und auch die Erwartungen an den Nachfolger "Get Loud!" sind entsprechend hoch.

Mit dem schicken Coverartwork gehen die New Yorker zurück in die 1980er, zu Zeiten ihres Zweitwerks "Cause For Alarm". Das Motiv und die Figuren, die das 1986er Werk zierten, erleben eine Renaissance und auch der Urheber des originalen Covers, Sean Taggart, wurde erneut ins Boot genommen. Damit knüpfen AGNOSTIC FRONT an ihre Anfangstage an, implizieren zugleich eine Oldschool-Scheibe von Weltklasse und...halten ihr Wort. Dass auf "Get Loud!" nicht gekleckert, sondern geklotzt wird, wird bereits mit dem brutalen wie ohrgängigen Opener "Spray Painted Walls" klar. Der Einstieg wirkt vertraut und an den Vorgänger anküpfend, doch erscheint das Ganze noch eine Ecke runder, zielgerichteter und bissiger. Knüppelharte, thrashige Highspeed-Pogoanheizer wie "Anti Social", "Conquer And Divide" oder "Dead Silence" lassen den Tacho regelrecht rotieren und durch die Decke schießen. Daneben steht eine Reihe klassischer NYHC-Perlen wie "Urban Decay" und "Isolated", die mit brettharten Powerchords auf die Zwölf geben und Schnittmengen mit den Kollegen von SICK OF IT ALL offenbaren. Dem Fundamentalwerk "Cause For Alarm" wird damit ebenso gehuldigt wie neueren Werken, besonders der 2007er Scheibe "Warriors". Der Hit der Platte folgt mit dem punkigen "I Remember", das wie eine bilderbuchartige Retrospektive auf die Anfangstage Roger Mirets und Vinnie Stigmas mit AGNOSTIC FRONT zurückblickt. Besonders erquickend sind dabei die vielen kleinen (gewollten oder ungewollten) Seitenhiebe wie die Textzeile "Hey, Ho, Let's Go!" oder die in den Riffs und Chören erkennbare Nähe zu PENNYWISEs "Bro Hymn". Starke Songs bietet "Get Loud!" am laufenden Band, dazu bellt Roger Miret wie ein tollwütiger Straßenköter und zeigt sich in bestechender Form. Man könnte fast meinen, die New Yorker erleben gerade ihren zweiten, dritten oder fünften Frühling.

Aber warum eigentlich "Get Loud!"? Die Welt mag sich verändert haben, doch die Menschen bleiben gleich und mit ihnen die durch sie verursachten Auswüchse, gegen die AGNOSTIC FRONT seit Anbeginn ihrer Karriere wettern. Wie zuvor drehen sich viele ihrer Texte um gesellschaftliche Themen, die zwar aus konkreten Umfeld der Band entnommen sind, aber stellenweise auch den allgemeinen Zeitgeist wiedergeben. "Conquer And Divide" z. B. hebt auf die Spaltung der Gesellschaft ab und lässt sich damit weit über den New Yorker Stadtrand hinaus übertragen. Der Titel des Albums wird zugleich Grundaussage - zum Aufruf, sich gegen die Missstände seiner Gesellschaft aufzulehnen und etwas zu verändern, selbst die Veränderung zu sein. 30 Jahre sind eine lange Zeit, doch manche Dinge ändern sich nie - und wie es glücklicherweise scheint, auch nicht AGNOSTIC FRONTs Renitenz, Bissigkeit und ihre glühende Leidenschaft für ihr Baby namens New York Hardcore.

Das Auftauen vergangener Glanztaten ist ein unstreitbar werbewirksamer Schritt, doch bleibt dabei das Risiko, sich an seinem eigenen Gewicht zu überheben und die selbst gesteckten Erwartungen zu unterbieten. AGNOSTIC FRONT hingegen zeigen, wie man souverän die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit schlägt. "Get Loud!" verbindet die Wut und Aggression der Anfangstage mit dem virtuosen Können einer altmeisterlichen Band. Auch, wenn die rumpeligen Tage von "Cause For Alarm" passé sind, erhält das neue Werk noch einen Teil seines rohen und bodenständigen Charmes. Es ist schnell, laut und durchschlagend wie ein Roundhousekick ins Gebiss. Dem Titel "Godfathers Of Hardcore" werden die alten Herren damit mehr als gerecht und legen selbst auf ihr gefeiertes "The American Dream Died" noch einen drauf.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (04.11.2019)

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