LORDI - Recordead Live – Sextourcism In Z7

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VÖ: 26.07.2019
Bandinfo: LORDI
Genre: Hard Rock
Label: AFM Records
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Lineup  |  Trackliste

LORDI-Fans werden es wissen – wie lange mussten wir nun auf einen vollwertigen CD/DVD-Liverelease der Finnen warten? Lange! Eigentlich schon immer! [nerd mode on] Denn, klar, es gab die „Market Square Massacre“ DVD, die aber, wenn man es genau betrachtet, gerade einmal die kümmerlichen sechs Songs des Willkommenskonzertes nach dem Eurovisions-Unfall beinhaltet und nebenbei eine 2005 rein zu Promozwecken von Sony Finland ausgegebene DVD (betitelt wie das gleichnamige Hybridalbum „The Monster Show“), sowie die 2006 nur in Schweden von einer TV-Station vertriebene DVD „Bringing Back The Balls To Stockholm“, 2009 konnte man die komplette, per Live-Stream übertragene Lordi-Show aus München direkt nach der Show in höchst zweifelhafter Qualität auf einem USB-Stick erwerben und schlussendlich überraschten die Monster 2012 ihre Fans mit dem streng limitierten und nur über den Shop der Band erwerbbaren Sammlerstück „Scarchives Vol.1“, das den allerersten, unfallbehafteten Liveauftritt schonungslos und ungeschnitten zeigt. Die 2015 in Finnland erschienene Doku „Monsterimies“ beschränkte sich auf Backstage-Footage und nur kleine Live-Snippets, kann also nicht einmal in diesen Kreis einbezogen werden. (Wer gerade kleinen blassen Schimmer hat wovon ich spreche und wessen Neugier durch diesen Nerd-Ausbruch geweckt wurde, dem empfehle ich das eingehende Studium der umfassenden Lordi-Retrospektive, die weitaus tiefer in die Materie eindringt.)

Eigentlich durchaus eine respektable Anzahl an Live- bzw Video-Dokumenten, welche allerdings alle den gleichen Haken hatten: Sie waren entweder extrem kurz, legten den Fokus auf etwas komplett anderes – oder waren schlichtweg für den Normalsterblichen so gut wie gar nicht zu bekommen.[nerd mode off] So dauerte es trotz wortreicher Versprechungen von Band und Labels insgesamt 17 Jahre (!) (von der ersten Veröffentlichung 2002 bis heute), bis man sich endlich einmal eine echte Live-DVD der Finnen ins Regal stellen kann. Zeit wurde es. Denn die aufwändigen Kostüme einmal in Action zu sehen, das kann schon was – auch wenn man erst bei einem Konzert selbst sieht, wieviel die Herren da drunter eigentlich schwitzen, wenn man in den vorderen Reihen die Schweißspritzer abbekommt.

Als Fan wird man immer wieder den einen oder anderen Song lieber hören wollen, doch im Großen und Ganzen ist den Finnen bei „Recordead Live“ eine gute Mischung aus Gassenhauern, aktuellem Material und älteren, bzw selten gespielten Stücken gelungen. Auch am Sound kann man nicht herumnörgeln, dass er die Live-Situation sehr gut abbildet, dem Publikum genügend Raum gegeben wird und auch kaum bis gar nicht nachgebessert wurde. Das bedingt natürlich, dass man beim Gesang des Obermonsters, bzw dessen sympathischer Schräglage, bisweilen ein wenig schmerzhaft das Gesicht verzieht – doch das sollte man als Fan der Finnen von Konzerten ohnehin schon gewöhnt sein. Genau wie die diversen Spielereien, mit denen LORDI im Verlaufe des Konzerts auffahren, von einer zu exorzierenden Monsterdame zu Beginn („Sexorcism“ vom gleichnamigen aktuellen Album), über über die Bühne schwebende Geistermädchen („Missing Miss Charlene/House Of Ghosts“) bis hin zu liebgewonnenen Klassikern wie den Flügeln bei „Devil is a Loser“ oder der stimmungsvollen Schneekanone bei „It Snows In Hell“ - LORDI zelebrieren ihr „neues altes Image“, die längst überfällige Abkehr von glattgebügelter Familientauglichkeit, kurzerhand mit einer sich nackend räkelnden Dame an der Kette („Naked In My Cellar“, die Dame wird doch wohl nur in der mir zur Verfügung gestellten Promoversion verpixelt sein, oder?!), die danach auch noch fachgerecht in zwei Hälften geschnitten wird – inklusive Blutdusche für die Fans an der Front. Die diversen Special Effects sind wie immer nett; wenn sich zb beim Keyboardsolo von Hella die Bühnendeko selbst zu bewegen beginnt. Das sieht zwar alles aus wie aus einem schlecht animerten Horrorfilm („Evil Dead“ lässt grüßen), doch gerade dieses schräge Zusammenspiel macht die Live-Atmosphäre von LORDI aus.

Dazu passend, sind auch die Kameraführung und der Schnitt bisweilen ein wenig abstrus geraten, doch der Stil ist letztendlich Geschmackssache und trifft die Attitüde der Band durchaus passend. Zumindest bei der Anzahl der Kameras hat man sich nicht lumpen lassen, wenn auch die Pyrotechnik (mit Ausnahme der Feuereffekte, die vor allem „Hug You Hardcore“ ansprechend in Szene setzen) dann doch im Vergleich zu früheren pyromanischen Ausflügen eher knausrig wirkt. Dafür sind sich LORDI nicht zu schade, sich auf der Bühne auch einmal selbst auf die Schaufel zu nehmen, wenn sie sich beispielsweise mit „Heaven Sent Hell On Earth“ über einen der anspruchsvolleren, vertrackteren Songs von der dämonischen Seite des Vorgängeralbums „Monstereophonic“ trauen. Trotz augenzwinkernder Befürchtungen die raren Songs in den Sand zu setzen, findet sich auch eine nur wenig bekannte B-Side aus der „Arockalypse“-Ära in der Setlist – [nerd mode on] mit „Mr. Killjoy“ ein passender Insider für die Fancommunity der Monster. Trug doch eine derer schillerndsten Figuren, die es mit gefeierten Drum-Covern im Monster-Outfit beinahe zum Nachfolger des viel zu früh verstorbenen Otus gebracht hätte, ebenjenen Spitznamen. Der aus der Schweiz stammende sympathische junge Multiinstrumentalist, der bereits auf einer der vorigen Touren als Schlagzeuger der Gruppe SILVER DUST mit Lordi unterwegs war und derzeit als Sänger und Gitarrist mit seiner eigenen Band SERIOUSLY SERIOUS wachsende Erfolge verbuchen kann, grinste sich angesichts dieses unverhohlenen Tributs, versteckt unter einer Maske in der Bühnencrew der Band, bestimmt einen ab.[nerd mode off] Obendrauf gibt es noch ausufernde Soloparts aller Bandmitglieder, die von schräger Disco-Attitüde bis hin zum klassischen Aufstieg aus einem Sarg ausreichend Entertainment-Faktor liefern, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Was sich auch im Publikum im Z7 widerspiegelt, das zu den Finnen ordentlich abgeht – sogar Crowdsufer ziehen ihre Runden in Pratteln.

Alles Dinge, die eine reine Audioaufnahme, der man in diesem Fall im Vergleich zur DVD einen gewissen Langweiligkeitsfaktor nicht absprechen kann, einfach nicht rüberbringen kann. Deshalb meine Empfehlung, unbedingt zur DVD oder BluRay zu greifen, um das LORDI-Gesamtpaket zu bekommen – denn die Audiovariante für sich ist ok, aber unterm Strich angesichts der zwar charmanten und in Anbetracht der körperlichen Belastung durch die Kostüme verständlichen, aber dennoch deutlich ersichtlichen Schwächen der Finnen, nicht so wirklich prickelnd. Ein halbes Bonussternchen gibt es für die Ehrlichkeit, die gesanglichen Schnitzer nicht rigoros glattzubügeln, wie das manch andere Bands gerne betreiben. Man braucht das Bild zum Ton, sonst funktioniert es einfach nicht.

 



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Anthalerero (19.07.2019)

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