MÅNEGARM - Fornaldarsagor

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VÖ: 26.04.2019
Bandinfo: MÅNEGARM
Genre: Viking Metal
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste

Würde man zu der Zeit, in der diese Review das Licht der Welt erblickt nach Metalbands fragen, die sich textlich mit den alten Nordmännern und ihrer Geschichte oder Kultur beschäftigen, dann würden wohl 98 Prozent aller Befragten als Erstes an AMON AMARTH denken, umso mehr dann, wenn der nächste Longplayer in Form eines altertümlichen Berserkers quasi schon um die Ecke lauert (wer mehr dazu wissen will, der möge bitte mich klicken). Doch gibt es neben Hegg und seinen werten Schildbrüdern auch noch ein paar weitere Musiker aus Schweden, ein Triumvirat aus wilden Wölfen, das sich kurz vor dem Beginn des Sommers von ihren Ketten reißt und einmal mehr das Reich der nordischen Sagen und Legenden aus dunklem Mittelalter aufleben lässt: MÅNEGARM, die (metaphorischen) Söhne des wilden Wächterbiests zu den Toren Helheims.

Beachtet man den Release-Zeitpunkt ihres neuen "Meisterstücks", wie sie es selbst nennen, könnte man beinahe den Anschein bekommen, als wollte man den bärtigen Landsmännern aus dem Melo-Death Bereich das Rampenlicht nicht ganz allein überlassen und eine Alternative für diejenigen bieten, die etwas tiefer in die historische Materie Nordeuropas eintauchen wollen. Denn der neue Longplayer der Band, genannt "Fornaldarsagor", ist mehr als nur ein gewöhnliches Album. Es ist ein Tor in die Welt des gleichnamigen Sagenbaums aus Skandinavien, gefüllt mit Geschichten und Mythen aus der Zeit vor der weitgreifenden Christianisierung Nordeuropas (welche dann von christlichen Mönchen niedergeschrieben wurden – the irony! – Count Wiednakh) und damit auch ein Tor zur Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die einige grandiose Erzählungen und Abenteuer für diejenigen bereithält, die sich auf ihre Magie einzulassen bereit sind  (und die, die entweder noch nicht die rund 9000 verschiedenen Viking/Pagan-Alben von Hunderten anderer Bands zum absolut gleichen Thema kennen oder selbige kennen, sich die aber noch ein paar tausend Mal anhören wollen – Wiednjir).  . Für diesen Schreiberling war also schon zur Ankündigung des Albums klar, dass Selbiges nicht ohne eine genaue Analyse davonkommen könnte und oh, wie sehr sehnte er diesem Release aus dem hohen Norden entgegen. Nun, nach Monaten des Wartens, ist es endlich soweit. Die Erwartungen sind also hoch, höher noch als die Erwartungen an die letzte Staffel gewisser Fantasyserien, was angesichts der Nerdigkeit des schreibenden Individuums schon etwas heißen mag. Doch stellt sich in solchen Fällen im die Frage: Kann man als Künstler den Hoffnungen, die Fans in das neue Werken stecken eigentlich gerecht werden?

MÅNEGARM beweisen mit "Fornaldarsagor", dass es möglich ist. Denn das, was hier abgeliefert wurde, gehört mit zu den besten und mitreißendsten Dingen, die die nunmehr drei Mitglieder seit der Mitte des letzten Jahrzehnts hervorgebracht haben. Nicht nur imnBezug auf das dahinterstehende Konzept kann man hier endlich wieder an alte Großtaten anknüpfen, auch musikalisch versteht man es hier, alte Qualitäten wieder aufleben zu lassen. Das Album lebt von einem Sound, der den über die Jahre gereiften, melodischen Viking Folk Metal der Band mit der Härte ihrer früheren Werke würzt und ihm so einen wesentlich raueren, man könnte sagen "urweltlichen" Flair gibt, der das lyrische Konzept der erzählten Sagen und Mythen punktgenau unterstreicht und den Hörer in genau die unwirkliche, bedrohliche Atmosphäre wirft, die auch beim Ansturm einer blutdurstigen, mittelalterlichen Armee selbst das Herz der tapfersten Krieger kurz stocken lässt.

Gleich der Opener "Sveablotet" und auch die anschließenden Nummer "Hervors Arv" leben genau von diesem Gefühl, sie erzeugen schnell Spannung und strotzen vor Energie, scheuen sich in den richtigen Momenten allerdings auch nicht, gefühlsbetont und harmonisch zu klingen, um Kontrast in die Musik zu bringen und den mitreißenden Melodien, für die die Band seit langem bekannt ist, den nötigen Raum für ihre ganz eigene, ursprüngliche Schönheit zu geben. Vor Allem in dieser Etappe muss wohl auch die erste der beiden Balladen des Albums, "Ett Sista Farväl" genannt werden. Zwar scheint der Song anfangs nicht so wirklich zünden zu wollen, doch nach dem zweiten oder vielleicht auch dritten Durchlauf und vor Allem beim gleichzeitigen Verfolgen der Lyrics (die sind nämlich zumindest beim Kauf der LP auch übersetzt nachlesbar) wird die Intensivität und Gefühlsbetontheit des Songs dem Hörer erst richtig bewusst. Allerdings findet sich auch zumindest musikalisch leichtere Kost wie "Spjutbädden" auf dem Album, anfangs ein klassischer Stampfer, der jedoch zum Ende hin auch mit einer atmosphärischen Note aufwarten kann. Trotzdem, zusammen mit dem fast eine Spur zu kitschig geratenen Rauswerfer "Dödskvädet" sicherlich einer der Songs des Albums, die das sonst so hohe Niveau nicht zu jedem Zeitpunkt erreichen können.

Die unantastbaren Highlights des Albums findet man allerdings unter den Namen "Krakes Sista Strid" und "Slaget Vid Bråvalla". Beide Lieder erzählen die Geschichte unterschiedlicher Schlachten, das Eine etwas verklärter, das Andere etwas nüchterner. Klingt jetzt in erster Linie nicht wirklich originell und ist es wahrscheinlich auch nicht. Die Art und Weise jedoch, wie MÅNEGARM den durch die Songs erzählten, angeblichen Geschehnissen aus grauer Vorzeit Leben einhauchen lässt selbst Experten für musikalische Kriegsberichte wie SABATON ins Hintertreten gelangen. Rhythmische Kriegschöre, mit denen die Schildbrüder sich Mut zusprechen, harte Riffs, die mehr als alles andere Euphorie verdeutlichen, folklorische Klänge und akustische Untermalungen, die zusätzlich zur Atmosphäre beitragen und nicht zu vergessen das grandiose, immersive Organ, das die Erzählungen an die Hörer bringt, diese beiden Songs bieten all diese Qualitäten und setzen sie mit ihren Themen in den richtigen Kontext.

Dies ist wahrscheinlich ein Album, das nicht jeder auf dem Schirm hat, doch ich möchte wetten, dass es die Wünsche vieler erfüllen könnte, die sich sowohl für Geschichte als auch für Metal interessieren. "Fornaldsagar" kombiniert sozusagen das Beste beider Welten, von Vergangenheit und Gegenwart, von Geschichte und Musik, von Folk und Metal. Man könnte nun beanstanden, dass nicht jeder Song das Niveau vollends halten kann, aber dennoch ist dieses Album wohl hier das Beste, das MÅNEGARM seit Langem veröffentlicht haben und wahrscheinlich auch das Folk Metal Highlight des Jahres!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Daniel Csencsics (07.05.2019)

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