TERRA TOMA - The Play (Part 1)

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VÖ: 00.01.2019
Bandinfo: TERRA TOMA
Genre: Alternative Rock
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste

Nach dem grandiosen "7 Rock Standards" versammelte sich das Wiener Schräg-Rock-Quartett TERRA TOMA im Sommer 2017 im heimischen Studio und begannen, an neuem Material zu werken. Das Resultat sind, und ich zitiere "neun zusammenhängende Tracks, die sowohl musikalisch wie auch textlich diverse mythologische Aspekte behandeln. Raum und Zeit sind hier - variabel - es gibt keinen Beginn und auch kein eindeutiges Ende. Ich, du, wir und sie sind nicht festgelegt." 

"The Play (Part 1)" basiert auf Goethes "Faust", behandelt also das ewig alte Thema des Verkaufens der Seele an den Teufel für den Gegenwert des ewigen Lebens. Seit dem Mittelalter, der Vorauer Novelle schon, beschäftigt sich die Literatur mit dem Thema, Johan Spies veröffentlichte 1587 als Erster ein umfassendes Werk, welches sich mit dem Leben der historischen Person des Johann Georg Faust beschäftigte. Das Buch erreichte große Beliebtheit und wurde, für die damalige Zeit wenig üblich, in einige Sprachen übersetzt. So kam der Stoff auch nach England, wo Christoper Marlowe "The Tragical History Of Doctor Faustus" als Drama inszenierte und niederschrieb. Durch fahrende Theatergruppen, Wanderbühnen, gelang dann um 1600 der Stoff wieder nach Deutschland und wurde schlussendlich vom Geheimrat aufgegriffen. Das ist alles sehr knapp, sehr verkürzt, aber ein wenig Allgemeinbildung schadet nicht. Macht damit was ihr wollt.

TERRA TOMA behandeln diesen Stoff, als ob er im Kopf eines einzigen Menschen stattfände, in dem ein zweites Ich an Macht gewinnt und zunehmend Einfluss auf die Psyche und schließlich den ganzen Körper gewinnt. Rockmusik für Die Zeit-Leser quasi. In Zeiten wie diesen ein löbliches Unterfangen. Nicht dass früher alles besser gewesen wäre, auch wenn es diverse ideologische Strömungen  gerne wieder so wie einst sehen würden, aber der rasante Fortschritt der asozialen Medien wringt offensichtlich die Hirne der Meisten trocken. 

TERRA TOMA also, und wohl eine meiner längsten Einleitungen, ohne auf das Eigentliche einzugehen. Das neue Album der Wiener eben. Das Dritte. Und das bisher wohl verstörendste. Das, nennen wir es, Intro "A Precondition" beginnt schlagend und steigert sich hin bis zu einem beinahe martialischen Ende. Und dann, beim zweiten Stück des neun zusammenhängene Tracks umfassenden "The Play (Part 1)" kommt sie wieder, diese Mischung aus trashigen THERAPY?, altem Dark Wave, einer Spur YOUNG GODS und THE SWANS. Und einer riesigen Prise Eigenartigkeit und Eigenständigkeit. Für eine solche Bandbreite in 3:42 Minuten brauchen andere Musikkonglomerate ganze Karrieren.

Mich deucht, bei "Meph" wird der Gehörnte thematisiert und das Gekreische sowie die schiefen Keys gehen knackig in Richtung Noise-Rock, während der Song auf einem beinahe metallischen Fundament fußt. Generell darf man sich auf dem nicht mehr ganz so neuen Album erneut darüber freuen, eigentlich nie so ganz zu wissen, wo genau man sich in TERRA TOMAs Kosmos just befindet. Hier werden Emotionen zügig in die Songs gepresst und rasch abgehandelt, nur um wenige Sekunden später in einer gänzlich anderen Atmosphäre herumzuirren. Nach all dem Wahnsinn bremst sich "Meph" recht metallisch ein und endet wohl mit einem auralen Crash in einer Stahlbetonwand.

Ich persönlich finde die bisweilen extrem straighten, aber massiv organischen Drums von Walter Swoboda grandios. Ab und an ein kleines Aufflackern (gut, im Laufe des gesamten Albums ist deutlich zu sehen, dass hier ein Könner am werken ist), das zeigt, dass der Mann seines Instruments durchaus mächtig ist, aber insgesamt gibt er mit diesem korsettartigen Vortrag die Richtung an. Und immer wieder wird es noisig, nicht aber nervig Forum-Stadtpark-noisig, sondern TERRA TOMA - noisig. Der Gesang hängt wie bei "The Play" in der Strophe frei in der Luft während der Rest der Band darunter tut, was sie eben tun. 

Mir ist nicht klar, in welcher Szene die Wiener sich sehen. Jedenfalls bin ich in dieser nicht wirklich firm. Aber gibt man dem Album mehrere Chancen, entsteht hier durchaus Hörenswertes. Wie das achteinhalb Minuten lange Mutterschiff "Best Regrets", welches eigentlich keinen Anfang besitzt, sich ein wenig mit Wüsten-Rock der frühen Neunziger spielt und dem Wahnsinn, der diesem Werk lyrisch zugrunde liegt, reichlich Platz gibt. Klar, könnte man hier ab und an PINK FLOYD sagen, aber dazu sind TERRA TOMA dann doch zu eigenständig. Selten zuvor wurde ich von einem so langen Song so gut unterhalten obwohl so wenig passiert. Das muss man erstmal können. Abgesehen davon, dass der Fatalismus im Kontext beinahe greifbar ist. Begehbare Verzweiflung quasi.

"Logos" ist Djent mit angezogener Handbremse, erneut herzzerreißend klagenden Vocals und diese sich auftürmenden, schrägliegenden Keyboards, die wohl eines der Markenzeichen der Band sind. 

Das Album ist massiv anstrengend in der schönsten, beängstigendsten Bedeutung des Wortes. Getragen auf einem wunderbaren, handgemachten Sound der sich dem Plastikmüll, der seit Jahren soundtechnisch ins Freie gelassen wird, entgegenwirft, verliert man sich immer wieder in den Sounds und Songs einer der Bands, die es wohl verdient hätten, eine größere Präsentationsfläche zu bespielen. Wobei ich mir grad nicht sicher bin, welche das wäre. Das ist FM4-Musik wie sie FM4 nie spielen würde, SPEX-Musik, die von deren Redakteuren wohl verkannt werden würde. 

"The Play (Part 1)" ist so herrlich prätentiös, so wunderbar anmaßend und so grandios unzugänglich, dass es wahrlich eine Freude ist, diesen Schritt mit der Band mitzugehen.

Herrlich. Wirklich.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Christian Wiederwald (27.04.2019)

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