CELLAR DARLING - The Spell

Artikel-Bild
VÖ: 22.03.2019
Bandinfo: CELLAR DARLING
Genre: Folk Metal
Label: Nuclear Blast Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Es gibt sie noch: neue, originäre Musik. In der heutigen Zeit scheint alles schon einmal irgendwie dagewesen zu sein. Und doch kombinieren manche Musiker diverse Stilistika so kunterbunt miteinander, dass in der Tat etwas wirklich Einzigartiges dabei herauskommt. Die Musik von CELLAR DARLING ist so etwas. Die ehemaligen ELUVEITIE-Bandmitglieder Anna Murphy, Ivo Heinzi und Merlin Sutter erfüllten schon auf "This Is The Sound" nicht die Erwartungen, dass das Songmaterial im Folk Metal-Sektor beheimatet sei. Es werden Folk-Instrumente benutzt, das war es aber auch schon. Die Songs an sich haben mit Folk gar nichts zu tun. Es handelt sich um einen Mix aus Alternative Rock, Prog Rock, Metal und Gothic, bei welchem sich die Folk-Instrumente wie ein Puzzlestück ins Gesamtgefüge einordnen und in der Melange einen unverkennbaren, charakteristischen Gesamtsound kerieren. Auf "The Spell" wird dieser Stil im Rahmen eines textlichen Konzepts noch weiter manifestiert, noch deutlicher etabliert. Mit allen Konsequenzen! Wo es nämlich auf "This Is The Sound" noch einige leicht zugängliche Hits als Eisbrecher zu hören gab, macht "The Spell" ernst und fordert den Hörer ziemlich heraus; der nach einer sprichwörtlichen Tour De Force aber auch final belohnt wird!

Ein Mädchen verliebt sich in den Tod. Was schon im Musical "Elisabeth" zu reichlich Problemen führt, ist auch bei CELLAR DARLING kein Grund für romantische Schmachteleien. Auf "The Spell" regiert die Düsternis, gepaart mit Melancholie und Verzweiflung, bis an den Rand des Wahnsinns. Lediglich der Song "Love" versprüht mit seinen präsenten Dur-Hamonien eine Form der Euphorie, welche aber aber auf wackeligen Beinen steht und stets zu kippen droht. Der Opener "Pain" geht noch relativ straight nach vorne, präsentiert einen drückenden Rhythmus, verfolgt bis zum zweiten, ein wenig an LACUNA COIL erinnernden Refrain eine klare Songstruktur, bevor ein Break den Hörer aus der Sicherheit zieht. "Death" geht einen ähnlichen Weg, allerdings bricht man beim Doom-Break in der Mitte des Songs förmlich zusammen. Nicht aufgesetzt, unerwartet, bockstark! Und hört euch die Gruselballade "Sleep" an: psychedelisch, alptraumhaft, verstörend. Als ob BJÖRK bei HEILIUNG einen Gastauftritt hinlegen würde! "Drown" vermittelt das (vermutliche) Gefühl des Ertrinkens direkt an die Nervenzellen. Einerseits haben wir atmosphärisch schwelgerisch erhabene Momente wie beim Driften im Wasser, doch dann bekommt plötzlich die Panik Oberhand.

Es gibt auch zugängliche Momente auf "The Spell" zu hören. Der angesprochene Refrain von "Pain" ist so einer, aber auch im Titelstück verlässt einen die Zeile "From Roots To Moons" nicht so schnell. Das liegt zum einen an der offensichtlichen Wiederholung, aber zum anderen auch an der sensationellen Gesangsleistung von Anna Murphy, die sich mehrmals auf dem Album selbst übertrifft. Dann gibt es da noch das kleine in sich geschlossene Meisterwerk "Insomnia". Hier verschmilzt die sprichwörtliche Paranoia, die man während der Schlaflosigkeit verspürt, mit träumerisch erhabenen Momenten. Wenn Murphy zu ihrem "And I will not sleep until you hold me" ansetzt, ist das ein unfassbar emotionaler Moment, aber gleichzeitig schießt auch die Faust in die Luft und man ist gewillt, jedes Wort lauthals zurückzuschreien. Das Ding bitte live! Immer!

Es gibt eigentlich keinen wirklichen Kritikpunkt. Die Produktion ist ausgewogen, das Songwriting pendelt selbstsicher zwischen Konzepttreue und Eigenständigkeit. Lediglich im aus "Love-" und "Death Part II" bestehenden Finale nimmt das Konzept überhand, thematische Motive werden erneut aufgegriffen, der Song muss der Atmosphäre weichen. Ein mutiges Finale mit bitterem Beigeschmack. Subjektiv fehlt hier die letzte Brillanz zum vollkommenen Meisterwerk, welches CELLAR DARLING bei anhaltender Qualitätsdichte aber sicherlich bald hinbekommen werden.

Fazit: "The Spell" ist ein mutiges, herausforderndes, sperriges, aber belohnendes Album. Es verlangt viel ab, entfaltet sich aber bei jedem Spin ein wenig mehr und offenbart in Teilen eine lange nicht gehörte Perfektion zwischen songwriterischer Absicht und effektiver Umsetzung. Die Leistungen jedes Beteiligten sind sensationell, doch ist es unterm Strich Anna Murphy, die eine Gesangsleistung abliefert, welche im laufenden Jahr 2019 eigentlich unmöglich zu toppen ist.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (18.03.2019)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Area 53 Festival 2019
ANZEIGE