CALLEJON - Hartgeld Im Club

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VÖ: 04.01.2019
Bandinfo: CALLEJON
Genre: Metalcore
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Metalheads hassen Hip-Hop! Alle! Ausnahmslos! Sonst sind sie gar keine richtigen Metalheads! Deswegen sind im Folgenden jegliches Wissen und jegliche Fürsprache bezüglich dieser Pseudomusik 100% geheuchelt und entsprechen somit ausdrücklich nicht der Wahrheit! Ich bin ja schließlich ein knallharter Metaller und kein lame-ass Loser-Homie! Scurr!

CALLEJON – bzw. deren „dummdeutsch-degenerierten Brüder“ KALLEJON – machen nun also Hip-Hop? Türlich, Türlich, machen sie ja nicht zum ersten Mal! Seit 2008 existiert ihr Rap-Song „Porn From Spain“, bei dem Nico von K.I.Z. ein Feature hat, und auf ihrem ersten Cover-Album „Man Spricht Deutsch“ sind ja ebenfalls KALLEJON-Versionen bekannter Songs von TIC TAC TOE, SIDO, FANTA 4 und FETTES BROT zu hören. Diesmal sollte es eine ganze Platte voller metallisch adaptiertem Sprechgesang werden. „Hartgeld Im Club“ ist allerdings keine Parodie, kein Lustigmachen über den Rap, sondern vielmehr eine Adaption, mitunter glatt eine Hommage an die entsprechenden Künstler oder immerhin die Kunst des Genres.

Aber sezieren wir diesen Deutschrap-Metalcore-Bastard doch mal, nehmen wir das Mischwesen Stück für Stück auseinander, um herauszufinden, ob sich die einzelnen Cover gelohnt haben.

Song 1: „Von Party Zu Party“, der bis dato erfolgreichste Song vom Raperinnen-Duo SXTN war 2017 zwei Wochen lang in den Charts (Platz 81). In ein vielseitiges bis chaotisches Party-Drogen-Gewandt werden gesellschaftskritische Themen wie Rassismus, Sexismus und die Arm-Reich-Schere eingestrickt. Wie bei allen Songs der Platte übernehmen CALLEJON den Song sehr direkt und passen nur das Genre an ihren eigenen Stil an; vorwiegend den, den sie vor „Fandigo“ gespielt haben: rauen, aggressiven Metalcore. Abgesehen davon, dass der Song nun auch für Metalfreunde zum Genuss wird, gewinnt der Titel nicht viel dazu. Allzu eingängig war er vorher auch nicht, wohl aber kreativ und inhaltlich wertvoll. Außerdem brüllt BastiBasti in fast schon vergessener Manier lautstark herum – das durfte man in letzter Zeit fast schon ein wenig vermissen. 4 von 5 Punkten.

Song 2: „Schlechtes Vorbild“ ist eine von SIDOs durchschnittlich erfolgreichen Singles – 11 Wochen bis hin zu Platz 18 der Charts. 2007 war er noch bei Aggro Berlin und trug seine silberne Totenkopfmaske. Im Vergleich zu einigen anderen seiner Songs ist seine Provokation feinsinniger und setzt sich geschickt damit auseinander, ob die scheinheiligen Medien und die verlogene Gesellschaft seine Vorbildfunktion als Rapper nicht missverstünden. Zudem ist die Hook insbesondere für die Zeit bereits extrem eingängig. Kräftig, deftig und energiereich vermetalcoret bringt der Song BastiBastis beste Rapstimme hervor. Man merkt die Leidenschaft und ich möchte wetten, dass er selbst schon damals Fan des Titels war. So macht auch das Cover wirklich Spaß, wenngleich die recht gleichförmigen Strophen vielleicht dazu führen, dass der Song nicht bei jedem im Ohr bleibt. 4,5 von 5 Punkten.

Song 3: „Kids (2 Finger An Den Kopf)“ ist 2013 erschienen und mit 25 Chartwochen und dem sechsten Platz einer von MARTERIAs erfolgreichsten Songs. Die mit der Zeit nachlassende Partykultur thematisierend klingt er nach Beschwerde, aber auch nach Nostalgie und etwas traurig bis resignierend. Ein stark geschriebenes und zumindest für viele Menschen ab 30 sehr nachvollziehbares Werk. CALLEJON machen eine stark aggressive Nummer daraus. In dieser Aggression ertrinkt das Traurige. Hier hätte ich mir eindeutig eine tragischere, schwerere Nummer mit Anlehnungen an „Hölle Stufe 4“ oder gar „Kind Im Nebel“ gewünscht. So gewinnt der Song zu wenig gegenüber seinem sehr starken Original und bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. 3,5 von 5 Punkten.

Song 4: „Palmen Aus Plastik“, der erste große Erfolg (Chartplatzierung zehn, 53 Wochen ab Juli 2016) von BONEZ MC und RAF CAMORA. Thema ist die Liebe zu seiner nicht sehr liebenswerten Stadt plus jede Menge Cannabis. Der Song ist nicht dumm, aber bleibt intellektuell deutlich hinter den bisher diskutierten Titeln zurück. Zudem geht der gepresste Assi-Sprachduktus im Original ziemlich auf die Nerven. Da die Hook jedoch echt gut sitzt, geht der Song auch bei CALLEJON ziemlich gut ins Ohr. Die „Fandigo“-Elemente, die am Anfang einsetzen, hätten durchaus wieder aufgegriffen werden können, aber dafür gibt es ein wunderbares Abriss-Ende. Ob das zum Song passt, finde ich fragwürdig, aber es macht Laune! 4 von 5 Punkten.

Song 5: Mit dem Nummer-1-Song „Was Du Liebe Nennst“ feierte BAUSA 2017 einen unglaublichen Erfolg, der bis heute anhält. Über den drogigen Autotune-Stil kann man sich sicher Streiten, aber das grandiose Songwriting und das smoothe Feeling sind nicht von der Hand zu weisen. Zugegeben, ich stehe auf den Song, halte ihn im Original allerdings nicht allzu oft aus. Enorm habe ich mich also auf die CALLEJON-Version davon gefreut – und ich wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil! Dieses Cover geht so richtig schön unter die Haut und trotzdem maximal steil. Nicht ohne Grund haben wohl auch BastiBasti, Actionhorn und Co. dazu ein Video gedreht. Bester Song der Platte! Hören! Wieder hören! Anfangen zu lieben! Abfeiern! 5 von 5 Punkten.

Song 6: „Willst Du“ ist der mit Abstand erfolgreichste Song von ALLIGATOAH (62 Wochen in den Charts, Platz 14). Die oft missverstandene Nummer ist ein Song gegen (!) Drogen, der die Kush-Romantik, das gemeinsame Zugrundegehen, kritisch porträtiert. Über diese gelungene Aufarbeitung der Thematik hinaus ist der Titel ein sprachakrobatisches Meisterwerk, das der Rapper grandios zu inszenieren weiß. Ja, auch hier bin ich eindeutig ein Fan des Originals. Aber diesmal können CALLEJON nicht mithalten. Zwar schaffen sie eine ganz ansprechende Metalcore-Version, das hohe Tempo macht BastiBasti jedoch Probleme, die er im Studio vielleicht gerade noch so vertuschen kann – live wird ihm das nicht gelingen. ALLIGATOAHs eigenwilliger Stil bleibt hier unübertroffen und auch unerreicht. 3 von 5 Punkten.

Song 7: „Arbeit Nervt“ von DEICHKIND; 9 Wochen Charts, Platz 23. Die Hymne an das Nicht-Arbeiten ist betont stumpf und trumpft durch monotone Wiederholung. Ich stimme zu und zeige minimalen Einsatz. Original ist nicht schlecht. Cover auch nicht. Ausraste-Song mit hübsch viel Utze-Utze im Coregeschrammel mit NDH-Anleihen. Sheesh! 4 von 5 Punkten.

Song 8: Natürlich ist auch eine Nummer von CALLEJONs Best-Rap-Buddies K.I.Z. dabei. Sie haben sich für „Urlaub Fürs Gehirn“ entschieden. Die Nummer war kein Charterfolg, hat aber dennoch Gold-Status. Eingängigkeit, Humor und nur locker eingesprenkelte Gesellschaftskritik machen ihn zum gelungenen Party-, mehr aber noch zu einem Live-Hit, der auf Konzerten und Festivals wunderbar einschlägt. Das schafft das Cover von CALLEJON auch. Fast noch besser sogar. Da spürt man die Nähe der beiden Bands. Einfach geil! 4,5 von 5 Punkten.

Song 9: „So Perfekt“ von CASPER (feat. MARTERIA) war 2011 der Durchbruch des Rappers mit der damals noch sehr beeindruckenden Stimme. Ebendie ist auch das Alleinstellungsmerkmal, des schleppend-traurigen Songs, der seinen Schwermut durch die Banalität der schnöden Pop-Rock-Untermalung noch zu unterstreichen weiß. An genau dieser flachen Musik krankt dann aber die Metalcore-Version. CALLEJON finden hier im Vergleich zu „Kids (2 Finger an den Kopf)“ durchaus einen Ausdruck der Verzweiflung, aber auch hier bleibt er zu schwach, wenn man den Vergleich mit CASPERs Version zieht und die Fähigkeiten von CALLEJON kennt. Vielleicht hätte man hier mutiger werden können, um dem Original einige verzweifelte „So Perfekt“-Schmerzensschreie, vergleichbar mit dem „Ich fehle mir“ aus „Kind Im Nebel“, hinzuzufügen. Schade! 3,5 von 5 Punkten.

Song 10: „Bros“ von RIN ist ab 2017 40 Wochen in den Charts gewesen (Platz 27). Der Stil ist jenes kodeinversiffte Autotune-Gejammer, womit die ironiebefreiten MONEYBOY-Nachfolger heutzutage die Charts fluten. Ich bin gespalten, finde den Song irgendwie technisch-kompositorisch spannend, finde die Freunde-gegen-Partnerin-Thematik recht flach angegangen und finde das Gewinsel echt nur selten erträglich. BastiBasti ist sich nicht zu fein, in seiner Adaption ebenfalls die Vocal-Manipulations-Maschine zu bedienen. Und das klingt faszinierenderweise durchaus gelungen. Meinen fettesten Respekt für diese Umsetzung – insbesondere das lautmalerische Ende! 4,5 von 5 Punkten.

Song 11: Nicht einmal vor Babo HAFTBEFEHL machen die Sackgassen-Jungs halt. „Ich Rolle Mit Meim Besten“ (2014, 2 Wochen Charts, Platz 48) lautet der Titel und lässt inhaltlich viel Spielraum zur Interpretation – oder hat hat gar keinen Sinn? Wer weiß das schon bei HAFTBEFEHL mit seiner kryptischen Sprache. Wie fesselnd die Nummer allerdings ist, überrascht mich immer wieder aufs Neue. Das gilt für die Metalcore-Version ansatzweise genauso – vielleicht etwas weniger im Part, den im Original MARTERIA hervorragend übernimmt. Mehr als OK ist es dennoch! 4 von 5 Punkten.

Genug gecovert!

An dieser Stelle endet der Cover-Part von „Hartgeld Im Club“. Dem Limited-Box-Set ist noch ein Cover von „Türlich Türlich“ von DAS BO angehängt, der wie die drei zusätzlichen Remixe der Presse nicht zur Verfügung gestellt wurde. Regulär enthalten sind aber auch zwei komplett neue Songs von CALLEJON mit reichlich Gästen.

Song 12: Der Titelsong von „Hartgeld Im Club“ klingt anfangs orientalisch an. Er bedient sich textlich und stilistisch bei Elementen von vergangenen „Porn From Spain“-Teilen. Musikalisch entsteht ein Mix aus alten und neueren CALLEJON-Songs mit starken Rap-Einflüssen. Die kulminieren in den sehr gelungenen Feature-Parts der Rapperinnen ANTIFUCHS und PILZ. Auch wenn der Stil Spaß macht, kann der Song deutlich weniger mitreißen, als er sich wünscht. 3,5 von 5 Punkten.

Song 13: Wenn es um Hip-Hop geht, dann darf eine Fortsetzung von CALLEJONs Chaos-Proll-Rap-Reihe nicht fehlen. „Porn From Spain 3“! Eingängiger als die beiden Vorgänger passt alles, was BastiBasti und Co. daran selbst machen, gut zusammen und macht Spaß – ernsthaft etwas anderes will der Song auch nicht. Die Hook wird in Zukunft durch die Konzertsäle gegrölt werden, einzelne Zeilen werden zitiert werden. Sehr gut! Tatsächlich konnten sie ICE-T von BODY COUNT als Feature gewinnen. Die Jungs sind Fan von ihm, also sei ihnen verziehen, dass sie den älteren Herren einladen, der die Bühne auch für seinen stupiden Feldzug gegen die „pussification of men“ nutzt. Wertsteigernd für die Nummer sind die paar unpassend englischen Zeilen definitiv nicht. Anders sieht es bei dem Einsatz von K.I.Z. aus, der beinahe dazu neigt, CALLEJON selbst in den Schatten zu stellen – hat mächtig Flow und ist äußerst gewitzt. Das hört man gerne öfter! Abgesehen vom ignorierbaren ICE-T-Part der vielleicht beste Teil der „Porn from Spain“-Reihe! 4,5 von 5 Punkten.

Fazit – "Ich liebe es!"

Errechnet man aus allen Songbenotungen den Schnitt, müsste CALLEJON für „Hartgeld im Club“ nur ca. 4 von 5 Punkten erhalten. Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, dass kein einziger schlechter Song auf der Platte ist, ein interessanter Querschnitt durch die deutsche Rap-Szene gewählt wurde und selbst die etwas weniger überzeugend performten Hits noch ziemlich viel Spaß machen, weil sie bekannte Abgeh-Nummern sind. Zudem sind mit „Schlechtes Vorbild“, „Urlaub Fürs Gehirn“, „Bros“ und „Porn From Spain 3“ wirkliche Bereicherungen für das CALLEJON-Repertoire entstanden. „Was Du Liebe Nennst“ ist sogar noch weit mehr als das und wird hoffentlich über die aktuelle Tour hinaus in den Live-Playlists der Band bleiben. „Ich liebe es!“ Den Song sehr, das Album durchaus aber auch. Zielsicher und mit Bravour haben CALLEJON die Genres gekreuzt – ein Hochgenuss!

 

ps.: Nächstes Mal hätte ich gern was von ZUGEZOGEN MASKULIN dabei! Aber nein, ich mag keinen Hip-Hop! Ich bin doch ein Metalhead!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Jazz Styx (04.02.2019)

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