ROKKO RAMIREZ - No World Order

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VÖ: 15.12.2018
Bandinfo: ROKKO RAMIREZ
Genre: Industrial
Label: Earcatcher Records
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Lineup  |  Trackliste

Gerold Haubner aka ROKKO RAMIREZ , der normalerweise als „Österreichs härtester DJ der Welt“ die Hüpfbuden von Meidling bis Hongkong beschallt, kann zwischendurch auch mal auf „ernst“. Nach dem Ende der Kult-Ska-Crossover-Combo JESUS CHRIST SMOKES HOLY GASOLINE im Jahre 2012 war es musikalisch länger ruhig um den eigenwilligen Niederösterreicher, nun überrascht er uns mit einem Konzeptalbum (!) über den Ersten Weltkrieg (!!) und hat sich hier insbesondere mit der Schlacht von Grodek, dem Lyriker Georg Trakl und den Isonzo-Schlachten auseinandergesetzt . Das weitgehend in Eigenregie entstandene und zusammen mit seinem „Brother in Arms“ Lenny Sharkov aufgenommene Werk ist brachial wie polarisierend gleichsam, spagatet zwischen LAIBACHschem Industrial, entrücktem Neofolk und sterilem Neo-Black Metal, um hier mal ein paar kleine Schublädchen zu öffnen.

Insgesamt ist das Werk, vor allem mit diesem Themen-Background, natürlich keine leichte Kost nicht. Soll es aber auch nicht sein, denn ROKKO RAMIREZ will die Menschen mit diesem Output zum Innehalten und zum Nachdenken anregen, und erst in zweiter Linie zum Headbangen. Versöhnlich beginnt die Platte, wie einst der Krieg mit Hurra und Überschwang, mit dem zweiteiligen „A Call To Arms“, das einen vom akustischen Gitarrengezirpe in Neofolk-Fasson direkt in die schwarzmetallische Hölle geleitet, immer wieder aufgelockert durch sich wiederholende, doomig-düstere Passagen - gefangen im ewigen Kreislauf, in der Abwärtsspirale des Krieges. Bei „Retrogott“ geht’s gleich mit Doublebass-Salven zur Sache, stoisch treibt man den Beat mit angedeuteten, entfernten Melodien vor sich her, zerbrochen nur vom Ruf der Sirenen (oder, in diesem Falle, vom Ruf  Eve von Klehis)– komm, komm, Soldat! In den Schützengraben! Wenn es einen Gott gibt, dann ist er kein guter. Der Mittelteil erinnert entfernt an ganz, ganz frühe AMORPHIS, ein insgesamt recht kompakter Song, der im Gehör bleibt, gerade wegen – oder trotz - seiner sparsamen Intonierung.

Dann geht es im Armeewaggon an den „Isonzo“. Interessanterweise höre ich hier ständig Andeutungen von MOTÖRHEAD im Riffing, obwohl das Stück eher melodiöser Post-Death Metal zu sein scheint. Auch hier wieder vorwärts treibendes Gehöppel am zwar programmierten, dennoch meist sehr authentisch klingenden Schlagzeug, und immer diese Moll-Ahnung von Zerstörung über all der Dur-Stimmung: über 100.000 Tote in zwölf Schlachten klagen an! Mit dem durch schwere Gasmasken-Atemzüge eingeleiteten, schleppenden Intermezzo „Sarin“ schlägt ROKKO RAMIREZ die thematische Brücke zur Gegenwart: Vor hundert Jahren der erste Giftgas-Krieg der Menschheit, vor zwei Jahren bewusster Einsatz von Giftgas im Syrienkrieg. Das eher kurze, verhalten beginnende Stück artet dementsprechend mittendrin in eine Kanonade des puren, schwarzen Hasses aus. Dem Lyriker Georg Trakl und seinem gleichnamigen (letzten) Gedicht widmet sich dann „Grodek“, bewusst etwas theatralisch, mit Marschmusik, einem Unheil beschwörenden, aus den Tiefen der Seele tönenden Piano und Streichern. Entrückt, stoisch, fast neofolkig wird das Gedicht Trakls vorgetragen, wird jäh konterkariert von einem sinnbildlichen Trommel-Dauerfeuer. Alles ist kaputt, das Ende ist nah – dabei hat der Krieg doch gerade erst begonnen!

Dann, Sirenengeheul! „No World Order I“ erinnert vom Vibe ebenso an DAFs „Mussolini“ wie an altes PUNGENT STENCH-Zeug, hat sogar einen ziemlich gut tanz- und bang-baren Rhythmus, ist aber trotzdem vom Kommerz so weit entfernt wie seinerzeit Kaiser Wilhelm vom Hausverstand. Derber Post Black Metal trifft auf Industrial-Groove, und mancher Teil könnte auch gerne ein wenig länger dauern. Denn „No World Order II“ ist bereits der letzte Song, eher ein Outro – Rummelplatzmusik ertönt, alles ist gut. Oder doch nicht? Dann, der finale Growl. „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung. Unter goldenem Gezweig der Nacht und Sternen, es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain, zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter. Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.“ Man drückt erneut auf Play, der Krieg beginnt von neuem. Immer und immer wieder. Vier lange Jahre bis zum absoluten Wahnsinn. Diesen zu versinnbildlichen, ist ROKKO RAMIREZ trotz geringer Spielzeit hier eindeutig gelungen, vielleicht auch durch den eher lyrischen Textzugang. Was musikalisch aus „No World Order“ herauszuholen ist, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen. Für mich ist es ein mutiges Werk, ein notweniges Werk, das uns wieder in den Sinn rufen muss: Wehret den Anfängen und werdet euch bewusst, wie gut es euch im Frieden geht.

Hervorheben möchte ich am Schluss noch die Glanzleistung von Eve von Klehi, die von schaurig-schönem Gezirpe bis hin zu abgrundtiefem Gegurgel und dezent maskulinem Geröchel alles kann, und sämtliche Gesangsparts auf „No World Order“ eingetütet hat.

Wir haben übrigens mit ROKKO RAMIREZ beim Wirten seines Vertrauens im 8. Wiener Hieb ein wenig über das Album geplaudert. Das Interview findet ihr HIER.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (15.12.2018)

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