SILENT STREAM OF GODLESS ELEGY - Smutnice

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VÖ: 07.12.2018
Bandinfo: SILENT STREAM OF GODLESS ELEGY
Genre: Folk Metal
Label: (undefiniert)
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Lineup  |  Trackliste

SILENT STREAM OF GODLESS ELEGY sind schon sehr lange – genauer gesagt seit 1995 – auf ihrer Reise, um metallisch-melancholische Melodien unters musikliebende Volk zu bringen, und immer wieder überraschten sie uns auf ihrem Weg mit kompakten, nachhaltigen Alben, die leider auch immer wieder in der allgemeinen Folkloreflut zwischen ELUVEITIE und KORPIKLAANI untergingen und zu Unrecht in der zweiten Reihe oder gar der untersten Schublade landeten. Das wird sich hoffentlich mit dem sechsten Longplayer „Smutnice“ endlich ändern, dem ersten Lebenszeichen seit satten sieben Jahren, denn der gröbste Folk-Boom ist ja scheinbar erst mal vorbei, und so ist auch wieder mehr Platz im Revier für die wirklich anspruchsvollen Sachen, wie halt zum Beispiel das vorliegende Langspielwerk.

Produziert von niemand geringerem als Roland Grapow (MASTERPLAN), garantiert „Smutnice“ schon mal wohlig warmen, gut ausgewogenen Sound, der fast schon einen Tick zu homogen klingt, was auch zu einem Gutteil dem Experten für Heimatmusik, Yossi Sassi (ex-ORPHANED LAND) zu verdanken ist, der die Scheiblette abgemischt hat. Vor allem den ziemlich talentierten Neuzugang an den Drums, Michal Miltak, hat man hier fein heraus ziseliert. Typisch für das Septett sind seit jeher die hübsch zwischen Männlein (Pavel Hrncir) und Weiblein (Hana Hajdova) aufgeteilten Vocals, die trotz der sich etwas sperrig gestaltenden tschechischen Sprache eine gewisse Melancholie ausstrahlen, ja ich wage zu behaupten: dass hier in der Muttersprache gesungen wird, macht einen beträchtlichen Teil der Charmes von SILENT STREAM OF GODLESS ELEGY aus. Man füge eine knackige, mal klagende, mal zum Tanz bittende Violine hinzu – fertig ist der Sound, der bodenständig klingt und dennoch modern.

Gleich das eröffnende „Ten, Ktery Ukoval Slunce“ kann mit einer Hookline aufwarten, die man unbewusst die nächsten Tage und Wochen vor sich hin summen wird, manchmal auch durchaus laut (im Selbstversuch habe ich das übrigens erfolgreich bestätigt). „Kdo Z Nas Je Vic“ rast anschließend mit Doublebass und Blastbeats richtiggehend davon, ist mitunter der härteste Track hier, in dem Pavel auch mal schön grunzen darf, jedoch immer im angenehmen Bereich, und der Refrain lockert die ansonsten brettharte Nummer etwas auf. „Synecku“ ist nicht nur ein Lied über Verlust und Trauer, es klingt auch so. Ruhig treibt man dahin, begleitet von ungewöhnlichen Klängen unkonventioneller Saiten-, Hack- und Streichinstrumente, und auch hier wieder: vehementer Ohrwurm-Alarm. „Ptakoprav“ heißt übersetzt so viel wie „Der mit den Vögeln spricht“, und dieser Jene macht das scheinbar sehr schleppend, getragen und episch. Vom Gesang her wieder ein wunderschönes Duett, erinnert dieses Lied durchaus an ältere SSOGE-Veröffentlichungen und zeigt, wie man den eigenen Stil trotz kleinerer Innovationen beibehalten und ausbauen konnte.

„Maloverna“ beginnt mit einer markanten Bass-Line, die nur vom entrückten Gesang und einem Hackbrett aufgebrochen wird – hier erinnert anfangs alles ziemlich viel an DEAD CAN DANCE in der „Within The Realm…“-Phase, im weiteren Verlauf zieht der Song die Härteschraube aber doch noch ein wenig an. Die traditionellen Gesänge am Beginn von „Za Nevestou“ erinnern ein bisschen an ELUVEITIE, aber man bleibt hier - im Gegensatz zu den Schweizern - im überschaubar langsamen Bereich. Der Refrain garantiert auch diesmal wieder, dass man ohne irgendeine Kenntnis der tschechischen Sprache irgendwann lauthals mitsingt. Und im Hintergrund zirpt leise sogar eine Maultrommel. „Tychy Zpev“, zu Deutsch „Stilles Lied“, ist erwartungsgemäß natürlich kein Highspeed-Kracher, sondern kombiniert eine wunderschöne, auf der Lagerfeuer-Gitarre vorgetragene Schunkel-Melodie mit melancholischen Folk-Fragmenten. Schlussendlich geleitet und „Bezbrezi“ fast schon tragisch-traurig an den Ausgang, auch hier trumpfen SSOGE nochmal mit ihrer größten Stärke auf: einer Kombination aus Tradition, Moderne, Härte und Melancholie, wie es sonst nur wenige Bands (MY DYING BRIDE etwa seien hier erwähnt, minus ein paar Moll-Akkorde) zustande bringen.

„Smutnice“ wird sich – ganz dem Spinnrad am Cover gleich – bei vielen Hörern im Gehör weiterdrehen und weiterdrehen, ist es doch ein Werk, das vielschichtig ist und eingängig zugleich, das die Wurzeln der Band nicht verleugnet und sie somit echter und erdiger klingen lässt als vieles, was in letzter Zeit so an selbsternanntem „Folk“ über den Ladentisch ging. Nehmt euch echt Zeit dafür – und „Smutnice“ wir euch noch lange begleiten!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (27.01.2019)

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