SOLSTICE - White Horse Hill

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VÖ: 06.04.2018
Bandinfo: SOLSTICE
Genre: Doom Metal
Label: Invictus Productions
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Der White Horse Hill ist nach derzeitigem Erkenntnisstand das älteste Scharrbild Englands. Kennt jeder, hat zumindest jeder schon einmal gesehen (Wikipedia - für die, die sich weitergehend informieren möchten).

"White Horse Hill" heißt auch das neue Album der eher frugal produzierenden Epic Doomer von SOLSTICE. Das erste Album seit "New Dark Age" aus dem Jahre 1998. Kinder, das war noch fast vor dem Internet. Zwischendurch gab es Mini Alben, Demos, Compilations, aber eben kein vollständiges Album. Dazu passend die Jubelrufe allerseits, ob gedruckt oder virtuell, eingedenk des neuen, vinylfreundlichen 46-Minüters der Bristoler Doom-Veteranen und Freizeitaluhutträger.

Wann ist eigentlich Metal so reaktionär geworden? Obacht, liebe Leser*Innen (hehehehe), es gibt auch noch eine Freiheit abseits derer, die sie meinen. Nur wohlwollende Interviews und Reviews als wahr und wahrhaftig zu bezeichnen ist zwar im Moment en vogue, richtiger wird es dadurch aber nicht. Wer das unpackbar "patriotische" Interview mit SOLSTICE in einem der beiden Dortmunder Printmagazine gelesen hat und zumindest soweit reflektiert, dass "nicht rechts" nicht automatisch "links/extrem/autonom, etc." heißt, wundert sich wohl ebenso wie ich, warum solche Aussagen in der einstmals meinungsbildenden Presse unkommentiert bleiben. Stand Metal dereinst in den 80ern, also mit Erfindung des Stils, nicht für Freiheit, Wahrheit und Offenheit? Klar, das Klischee war immer da, aber wenn man sich die Interviews und Berichte vor allem in den Printmags und sehr oft mit britischen/irischen Bands durchliest fragt man sich schon, wie man als Arbeiterkind (aus dieser Schicht ist der Metal nunmal erwachsen) plötzlich völlig kritiklos die Meinungen und Bestimmungen von Erb-Mittel- und Oberständlern übernehmen kann. Ich bin wirklich alles andere als ein Paradeintellektueller, aber bevor man eine Meinung übernimmt, sollte man sie vielleicht für sich selbst einmal anschauen und darüber nachdenken, ob das auch nur irgendwie richtig sein kann. Ein schwedisches Magazin, welches ein wohlwollendes Interview mit der eigenen Band (eben SOLSTICE) abdruckt, als eine der "letzten Bastionen der freien Presse" zu bezeichnen hat schon etwas von Realitätsverweigerung vom feinsten. Man muss keine Häuser besetzen oder "Rotfront" schreien, um hier nur mehr kopfschüttelnd reagieren zu können. "Entweder ihr mögt uns oder ihr seid #fakenews", das kennen wir nur allzu gut. 

Dass sich die Bezahlpresse da natürlich gerne mit einreiht sehen wir immer wieder, sei es bei SOLSTICE, bei PRIMORDIAL, FREI.WILD oder UNLEASHED. Hinterfragen? Herausfordern? Nein, wir bezeichnen uns als Fachpresse, gehen auf Konzerte mit "Fachpublikum" und haben allein mit diesem Ausdruck "Fach" jede anderslautende Meinung für uns als falsch deklariert. Diese Borniertheit der Szene hat schon fast etwas vom Jazzmilieu oder von den "ihr versteht das nicht"-Ausritten der Progrock/metal-Gemeinde.

Was will er uns damit schon wieder sagen? Ganz einfach nur, dass die Metalszene sich im Kern rund um eine geringe Anzahl von Influencern schart, die ihnen sagen, was gut ist. Und das war und ist dann meistens das, was auch schon vor 30 Jahren gut war. Dafür gibt es dann Konzerte und Festivals, auf denen vorgenanntes "Fachpublikum" von den Dortmunder Blättern abgesegnete Bands sehen darf und sich freut, dass man einen Patch einer Band auf der Kutte hat, einer Band die 1981 eine auf sieben Stück limitierte Flexidisc veröffentlicht hat und jetzt auf dem Keep-It-True oder Headbangers-Open-Air (oder wie auch immer sich die Trve-Nerd-.Festln nennen) mit dem Cousin des zweiten Bassisten als einzigem einigermaßen originalen Mitglied auftritt. Dann freut man sich ganz doll und klopft dem kügelründen Chefredakteur amikal auf die Nerd-Schulter. Alles, was dann außerhalb dieses Kosmos passiert, ist entweder falsch, untrve oder qualitativ minderwertig.

Aus diesen beiden Armen, der schon pathologischen Rückwärtsgewandtheit sowohl der Musik wie auch der eigenen Einstellungen hat sich die Metalszene eine eigene Version dieser ganz üblen "Angst des weißen Mannes vor Allem" gezüchtet. Metal oder insgesamt Musik als Rebellion? Klar, solange DU so wie WIR denkst und wie WIR bist. Und ich werde mich sicher nicht für meine Meinung rechtfertigen. Diese Zeit ist vorbei. Die Kampfrhetorik lasse ich nicht mehr unkommentiert (yeah, Biatches!).

Natürlich ist das Album gut. Das wussten wir schon vorher. Aber es war mir ein Bedürfnis, solche Sachen eben einmal zu kommentieren. Dafür bietet uns das Netz genug Platz. Und auch hier wieder: Mein Review, meine Meinung!

Wunderbar elegischer Doom mit einem Maximum an Melodien, schönen, leisen Interludien und dieser fantastischen Stimme. Textlich fußt man auf der "oral english folk tradition". Auch hier baut man sich etwas, dass es so nicht gibt. Tolkien hat dereinst "Herr der Ringe" erschaffen, um eine englische Mythenwelt zu erschaffen, weil es, bis auf "Beowulf" und ein paar Gedichte des venerable Beade, keine Folk-Tradition gibt, die außerhalb der christlichen Kirchen steht. Woher ich das weiß? Weil es Tolkien gesagt hat und er da thematisch recht bewandert war! Freunde, selbst die Wikinger-Mythen wurden von Christen aufgeschrieben, die Eddas erst Jahrhunderte nach den angeblichen Geschehnissen und das von christlichen Mönchen. Es mag sein, dass hier ein Stein, dort ein Hohlweg in England besteht, über den man sich Geschichten erzählt, aber es gibt so etwas wie eine englische Märchen- oder Mythenwelt nicht. Man weiß ja noch nicht einmal, wer den White Horse Hill in die Landschaft gekratzt hat.

Heute läufts... Werd ich wirklich zu alt für diese Musik oder nur für die sensationelle Ignoranz in der Szene?

Nach einem etwas zähen, sich gegen Ende hin steigernden Intro ("III") geht es direkt in den eigentlichen, etwas sperrigen Opener "Top Sol A Thane" der sich dann aber mit zunehmender Verweildauer steigert und den brutal gelungenen Pathos der gesamten Scheibe vorgibt. Ein erneut ruhiges Zwischenspiel, "Beheld, A Man Of Straw", signalisiert deutlich, dass das Album als ein Ganzes zu sehen ist. Ein Werk der Dunkelheit, der Ruhe, von mir aus auch der Verzweiflung. Epic-Doom at its best. Das bekommen sonst nur Bands wie ATLANTEAN KODEX hin. Man könnte hier und da etwas an der Länge der Songs kürzen ("For All Days, And For None" ist um locker drei Minuten zu lang). Irgendwann ist episch dann doch vielleicht ZU episch. Aber insgesamt vermag Songmaterial, der schön organische Sound und der grandiose Gesang von Paul Kearns zu überzeugen und wird dem angesteuerten Klientel Stunden der Verzückung bereiten. Man jongliert geschickt zwischen ewig langen Melodien und wie auf dem Titeltrack eher hurtigen Nummern.

Insgesamt ein überdurchschnittliches Werk.

Und angeblich kommt nächstes Jahr bereits ein neues Album! Arbeitstitel "The Plough And The Forge". 

Wir sind gespannt.

So, Luft holen und beruhigen.

(Ich würde dem Ernie jetzt gerne eine 7 von 10 Review für sein "braucht eigentlich wirklich irgend jemand Reviews?"-Video rüberschnalzen, aber man kann es dann doch auch übertreiben...)



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Christian Wiederwald (27.04.2018)

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