WHITE WIZZARD - Infernal Overdrive

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VÖ: 12.01.2018
Bandinfo: WHITE WIZZARD
Genre: NWoBHM
Label: M-Theory Audio
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Nach dem Black Metal ist wohl die NWobHM, der klassische Metal, oder ganz einfach der Heavy Metal, wohl eines der vernerdetsten Subgenres in der gesamten harten Musik. Nirgendwo anders gibt es soviele Szenewächter, Trolle und ironieresistente Fans, Musiker und Veranstalter wie im Retro-Metal. Klar, auch der Proggie schüttelt verwirrt den Kopf, wenn LaBries Jüngster erneut einen Klassiker in Grund und Boden singt und der Doom-Metaller scheint bass erstaunt, wenn sich jemand erdreistet, schneller als Halftime zu zeugeln. Wenn man dann aber beim Keep It True oder dem Headbangers Open Air steht weiß man, dass es sich hier wirklich um eine eigene Welt handelt. Selbst Bands, deren zweiter Bassist 1981 grad mal ein Textfragment in eine Apfelbaumrinde geschnitzt hat, werden von Fans aus der ganzen Welt abgöttisch verehrt und bei einem Auftritt auf einem der erwähnten oder anderen 500 einschlägigen Festivals abgefeiert, als wäre Opa grad aus der Kriegsgefangenschaft in Vietnam heimgekehrt.

WHITE WIZZARD aus dem Zentrum der New Wave of british Heavy Metal, Los Angeles, kauzen mit ihrem vierten Album "Infernal Overdrive" jetzt nicht ganz so extrem in den metallischen Minen von Moria, aber die Einflüsse sind recht zügig und schon beim Opener und Titelsong zu erkennen. Da PRIEST is back, quasi. Und MAIDEN auch ("Voyage Of The Wolf Raiders"). Eingedenk der Tatsache, dass die vorgenannten musizierenden Seniorenresidenzen seit ewig nichts mehr auf die Reihe bekommen, hat das äußerst gutklassige Album aber durchaus seine Berechtigung. Ein recht klarer, harter und nie zu moderner Sound verschafft den Songs ein solides Fundament, über dem gerifft, zeitweise geproggt aber immer hochklassig gesungen wird. Und schon sind wir beim zurückgekehrten Wyatt "Screaming Demon" Anderson, der als Mischung aus Bruce Dickinson, Matt Barlow und dem Kürsch sein Hansi durchgeht. Und zwar locker. Selbst extrem hohe Screams kommen von ihm mit einer Klarheit und Schärfe wie es sie nicht allzu oft gibt.

Dass er dabei ziemlich ranzige Texte darbringen muss, wie das die US-Armee glorifizierende "Voyage Of The Wolf Raiders" oder das wohl gegen die Lügenpresse (yeah, Bitches, das sind wir!) gerichtete "Critical Mass" ist bestenfalls peinlich, eigentlich aber schon hetzerisch auf POTUS-Niveau. "Storm The Shores", siehe das nachstehende Lyricvideo, schlägt ebenso in die hyperpatriotische Kerbe und ist jenseits aller Kritik. Aber das kennen wir auch schon von anderen Ami-Bands (ICED EARTH haben seit Jahren ein Händchen für völlig humorfreie, unreflektierte und leicht von einer Seite beeinflusstes Textgut). Wir alle kennen aber die Antwort, konfrontierte man eine dieser Bands mit ihrem lyrischen Reflux, schon jetzt: Lügenpresse, PC gone mad, Snowflake, "ist es schon wieder soweit?" (kein Scheiß, hab ich erst unlängst in einem FB-Thread gelesen, bei dem es um die Ablehnung eines Auftrittes einer Band ging, deren Fronter sich live gerne eindeutig bemalt zeigt), etc. Das alles eben, was wir seit Jahren von verschiedensten Seiten, ist man nicht auf der ihren, zu hören bekommt. Danke Donald! Danke Kornblumen!

But I digress...

Da bleiben aber immer noch die Songs über. Und der Song mit einem der seltsamsten Texte, vorgenanntes "Voyage Of The Wolf Raiders" eben, ist ein dermaßen starkes, von IRON MAIDEN beeinflusstes Lied, dass man sich beinahe an die Hochzeit der Eastender zurückerinnert. Ich erspare mir mein übliches Lamento, die einstigen Metalgötter betreffend, aber WHITE WIZZARD sind zumindest bei diesem Song im direkten Vergleich die deutlich besseren MAIDEN. Und beim Opener die besseren JUDAS PRIEST. Generell treten sie uns mit einer Mischung aus den beiden genannten, ehemaligen Metal-Deitäten, ICED EARTH, VIRGIN STEELE und proggig/neoklassischer Musikalität recht heftig in den Magen und rulen dabei ziemlich. Das Album hat neben den großen melodischen Momenten einiges an technischer Verspieltheit aufzubieten, die sich aber fern der Selbstverliebtheit abspielt und den Songs zusätzlich Tiefe verleiht. Es gibt musikalisch keinen schwachen Moment auf der Scheibe und vor allem die Soli ("Pretty May" - Freunde Eurer Mütter!) sind überragend gespielt und komponiert.

Das Dilemma: Kann man den lyrischen Content abseits lassen und die Musik alleine genießen (interessant dass es auch hier eine Parallele zum Black Metal gibt)? Das bleibt natürlich jedem selbst überlassen und es kann freilich auch sein, dass ich den Gag nicht ganz verstehe und WHITE WIZZARD das alles nicht so meinen. Es ist aber mindestens ärgerlich, dass man sich in einem Genre, welches immer für Revolution, Freiheit und das Anderssein stand, mit solchem reaktionären Gedankengut herumschlagen muss. 

Fazit: Musikalisch und gesanglich ein ganz starkes Album. Inhaltlich absoluter Vollholler. Schade, das Album wäre mit ein paar Texten über sich frenetisch paarende Einhörner oder sich im Jungwald verirrt habende Nachwuchsritter das erste Highlight des noch jungen Jahres. So ist es noch immer ein starkes Album, hat aber einen massiv faden Beigeschmack durch den lyrischen Kehricht. "I don´t care what you think of me, hypocrite´s philosophy, I rip you apart like a heart attack!" ist keine Kinderjause mehr. Nur weil drei Viertel der westlichen Menschheit derzeit auf diesem Pfade marschieren heißt es noch lange nicht, dass man alles akzeptieren muss. 

Tirade Ende. Ewig schade um die vertane Chance, den Heavy Metal - Thron 2018 schon jetzt für sich zu sichern.

 



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Christian Wiederwald (08.01.2018)

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