ASP - Zutiefst

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VÖ: 27.10.2017
Bandinfo: ASP
Genre: Gothic
Label: Trisol
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Lineup  |  Trackliste

Das Jahr 2017 ist für ASP offenbar das des maritimen Flairs, aber auch des Rekurses auf Altes. Es finden sich, in gewohnter ASP-Manier, an einzelnen Stellen Rückgriffe auf bereits im Repertoire dieser Gothic-Novel-Rock-Band um Mastermind ASP befindlichen Stücke. Sprudelnd und schäumend geht es mit dem Intro „Sturz“ los. Ein Titel, der gänzlich ohne Text und mit wenig anderen Geräuschen als einem Echolot und aufsteigenden Luftblasen, erzeugt durch das Absinken eines U-Bootes oder eines Schiffes, auskommt. Kurz, aber aufgrund der "Nässe" eher nicht knackig.

Diese Stimmung des absinkenden U-Boots wird mit „20.000 Meilen“ fortgesetzt. Vor dem inneren Auge entsteht das Bild eines Unterwasser-Fahrzeugs mit umherzuckenden Scheinwerfern. Nicht nur der Name dieses Songs, sondern auch der dazugehörige Logbucheintrag legt den Gedanken an Jules Vernes nahe. Aber ebenso könnte er ein Science-Fiction-Fan an die dunkle Bedrohung in einer weit, weit entfernten Galaxis denken lassen und mit den Jedi und den Gungan auf dem Weg nach Theed, Hauptstadt des Planeten Naboo sein. Unterwegs treffen die Aquanauten auf gigantische Wesen, welche sich auch im Song wiederfinden, der vielleicht aus dem Bordradio dringt. Definitiv passend.

Von den Tiefen des Meeres geht es zurück an die sturmgepeitschte Meeresoberfläche, obwohl der Titel eher das Gegenteil vermuten lässt. Man könnte fast meinen, ASP konnte sich nicht entscheiden, welche Stimmungen er erzeugen wollte. Auch der Film wechselt, von "Star Wars" und Jules Vernes geht es nach Tortuga, nur um kurz vorher noch von Davy Jones abgefangen zu werden. „Zutiefst“ scheint so etwas wie eine Hymne auf seine verbrennende, verzehrende Liebe zu der Göttin zu sein. Der Meister des Gothic-Novel-Rocks hat wieder zugeschlagen.

„SonArta“ ist nicht etwa eine veränderte Namensform von SONATA ARCTICA, sondern der zutiefst groovige Song Nummer vier. Wie ein zig Kolben starker Motor selbige pumpen lässt, so geht auch hier das unterschwellig mitschwimmende Maritime weiter. Und zugleich fühlt es sich an, als hinge die Flagge auf Halbmast. Irgendwo zwischen Trauer und Energie, schwankend auf den Wellen der Emotionen. Das ist „SonArta“. Wenn es aus den Tälern der Daseins-Negativa empor geht, kann der Kampf wieder aufgenommen werden, wenn die richtigen Leute an der Seite stehen und gemeinsam die „Torpedos“ auf deren Mission schicken. Niemals kampflos untergehen. Was als Botschaft vielleicht etwas zu pathetisch klingt, hat diesen Beigeschmack bei den „Torpedos“ eher nicht.

Was zum einen wie das alttestamentarische Ungeheuer, zum anderen wie das an selbiges angelehnte staatstheoretische Werk von Thomas Hobbes heißt, nennt sich „Leviathan“. Das stürmisch-nasse Umfeld des Ungeheuers, das Meer, wie auch seine verschlingende Eigenschaft (oder der Staat als Organisation von Menschen mit dem Ziel der Überwindung des Natürlichen) scheint in diesem Lied von ASP Anklang zu finden. Wie das leicht überwindbare Böse dennoch ein Böses ist und bleibt, so kann auch ein Staat ein Böses sein, wenn er die im Vergleich zu ihm Schwächeren verschlingt und sie nur deshalb für ihn von Nutzen sind, weil sie ihm als Nahrung dienen. „Vom Uhrwerkklang gehetzt“, wie es in diesem Lied heißt, oder auch „kein Aderlass zu groß“, Merkmal eines Staates, der auf buchstäbliches Ausbluten-Lassen und zeitlicher Hetze beruht. Welcher Staat nun genau der Leviathan ist oder zu einem solchen Wesen zu werden droht, darüber lässt sich seitens des Zuhörenden sicherlich viel spekulieren. Fest steht, dass dieses Lied ein episches ist.

Das Ungeheuer hat sich gesättigt und taucht wieder ab in die „Untiefen“. Ihm folgen Schiffe, von einem Licht in die Irre geführt und auf Grund gelaufen, von spitzen Felsen aufgerissen. Kollateralschaden oder nicht, am Ende ein Futter für die Krabben. Eine Konsequenz des reißenden Wesens, die Beute seiner Zähne hat das Nachsehen. Was nicht im Schlund des Ungeheuers oder in den „Untiefen“ des Meeres, quasi in den Tiefen des Mahlstroms, versinkt, wird von den habgierigen Fehlleitern an sich genommen. Doch die Folge ihres Tuns, die Auferstehung der Fehlgeleiteten aus den „Untiefen“, sie wird die Blender erwischen, auch wenn diese es nicht wünschen.

Mit „Abyssus 1“ wird es ruhig und samtig. Beim ersten Hinhören könnte hier eine Einschlafmelodie unterstellt werden. Wenn es denn nur während einer Havarie aufgrund eines Sturmes möglich wäre, zu schlafen. Die charakteristisch symbolhafte Sprache zieht sich auch hier durch. Und da ist wieder der dunkle Turm. Ganz ins ASPischer Manier wird hier auf altbekannte Motive rekurriert, vertraut und doch wieder völlig neu. Wieder eine gute Nummer.

Beim Intro von „Bernsteinmeerengel“ könnte man zuerst an einen Heimathafen denken, in den trotz der erlebten Stürme eingelaufen wird. Dieses Harfenintro ist allerdings zu kurz, als dass sich diese Hoffnung festigen könnte. Ebenso wie die Hoffnung auf das Überstanden-Haben sich zerstreut, so wird auch ein zunächst perfekt erscheinendes Bild durch das Auftauchen der Leichen im Keller vernichtet. Es schwingt die Erwartung mit, dass in einer eschatischen Realität eben jene Kellerleichen auf der Anklagebank sitzen. In diese bildhafte Sprache, die ausgedrückte Bildlichkeit lässt sich so manches hineinlesen, ohne dass das tatsächlich Gemeinte zum Ausdruck kommt. Insgesamt auch hier eine den Geist fordernde Nummer.

Es wird reduziert, wenn die „Mondscheinserenade“ erklingt. Hier handelt es sich um eine Mischung aus Gelesenem und Gesang. Mal wieder eine überschaubarere Songstruktur, aber wieder etwas mehr Text als bei anderen Bands. Und so machen ASP wieder dem ihnen zugeordneten Genre "Gothic-Novel-Rock" alle Ehre, denn das Romanhafte klingt wieder an. Am Ende der ersten CD dieses Doppelalbums steht erneut ein Song mit einem kurzen Titel. Am Anfang war es der „Sturz“, nun kommt der „Sog“. Der Titel ist passend, denn beim Hören wird man hineingesogen in die Geschichte des besungenen „kleinen Menschenjungen“ auf dessen Reise, wie in einem Fiebertraum. Und wie eine Reise, ein Marsch klingt es durch den an Marschmusik erinnernden Rhythmus während der Strophe. Für ASP eher ungewohnt sind die verzerrten Vocals während der Überleitung zum Chorus, welche den Song in Richtung Screamo ziehen. Ein Song, der aufhorchen lässt.

Auf CD 2 wird mehr erzählt. Gleich neun Logbucheinträge erzählen die Entstehungsgeschichte einiger Lieder sowie des Albums an sich. Schön, dass so etwas auch mal zur Sprache kommt. Die „Parole: Poesie!“ schreit fast nach der Betitelung als klassische Rockballade. Die Poesie, die Dichtkunst sowie ihre Leistungsfähigkeit und Überlebensfähigkeit werden besungen. Kritisch wird beäugt, was so an Negativa in der Welt existierte und immer noch existiert. Besonders auffällig ist die klare Sprache in diesem Song, die im Vergleich zu den Vorgängern ohne viele Bilder auskommt. Auch mal schön.

„I Am A Rock“ lässt zunächst an „Illusion“ von VNV NATION denken und bleibt auch, sowohl sprachlich als stimmungsbezogen, in diesem Kontext, obwohl die rockigere Attitüde von ASP hier wieder prägend ist. Macht Spaß, stimmt dennoch nachdenklich und lädt zum Resümieren ein. Was wird gerne von einer langen Reise mitgebracht? Ein „Souvenir, Souvenir“. Die Verbindung zum Tasteninstrument von Loriot würde dabei dann doch zu sehr hinken. Es sei denn, der Meister des trockenen Humors hätte auf die Abhängigkeit hinausgewollt. Hier ist wieder ein guter Live-Song, der als Souvenir durch einen Konzertabend mitgenommen werden kann.

Und zu guter Letzt ist da „Reflexionen“. Nicht von ASP, sondern von SPIELBANN interpretiert. Gitarre und Gesang sowie ein wenig Bass, gewürzt mit einer Prise Streicher und Querflöte. Sehr schön, tendiert aber sehr in Richtung Pop oder Pop-Rock. Hier ist dies allerdings nichts Schlechtes. Es gefällt.

Fazit: Geiler Scheiß. Macht Spaß und fordert mal wieder den Geist.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Thomas Trüter (04.12.2017)

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