ENSLAVED - E

Artikel-Bild
VÖ: 13.10.2017
Bandinfo: ENSLAVED
Genre: Progressive Metal
Label: Nuclear Blast Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Letztes Jahr erst haben ENSLAVED ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert, heuer im März wurde der Klassiker "Eld" stolze 20 Jahre alt und nun, passend zum (hoffentlich) nahenden Winter, stellen die Norweger ihr 14. Studioalbum vor, das mit dem schlichten Titel "E" (nein, nicht "M", bitte dringend die Futhark-Kenntnisse auffrischen, wer das ernsthaft glaubt) geboren wurde. Addiert man jetzt noch diverse "unterstützende" Releases wie die Roadburn-Geschichte oder die EP-Compilation "The Sleeping Gods - Thorn" dazu, kann man wahrlich nicht behaupten, dass die Bandkarriere zuletzt ereignisarm plätscherte, im Gegenteil: Qualitativ hochwertige Kunst haben die Herren in ihrer Karriere trotz zahlreicher Stilanpassungen immer gewährleistet, aber seit "Axioma Ethica Odini" perfektionieren sie ihren extremen Progressive Metal zunehmends und haben zuletzt mit "In Times" nachgewiesen, dass sie ihren Stil, ihr musikalisches Eigenheim endgültig für sich gefunden haben und sich fortan auf die Details konzentrieren wollen.

Und voll mit diesen beladen hat "E" nicht nur ein Schiff auf Bereitschaft, sondern eine ganze, gewaltige Flotte, deren Bild- und Tongewalt man nach nur einem Durchlauf erst einmal verarbeiten muss. Alleine das zehnminütige "Storm Son", das man mutigerweise als Single ausgekoppelt hat, ist für sich genommen schon ein Kleinod mit zahlreichen Wendungen zwischen einem sich aus Natur- und Hornklängen zusammensetzenden Intro, intensiven Extreme-Metal-Zitaten und verträumt-schwelgerischen Melodien und Gesängen, bei denen man auch unmittelbar den 25-jährigen Håkon Vinje, der den 2016 ausgestiegenen Herbrand Larsen am Keyboard ersetzt und gleichzeitig die Clean Vocals übernimmt, kennen- und rasch auch schätzen lernen darf. ENSLAVED lassen sich also nicht mal nach einem bedeutenen Line-Up-Wechsel (der erste seit 2004) in Ketten legen, sondern zaubern frisches, talentiertes Blut aus ihren Hüten, das fortlaufend viele weitere geniale Akzente zu platzieren und damit seine Expertise zu unterstreichen weiß.

Zunächst aber wird es in "The River's Mouth" ruppiger, wodurch man sich, bis der Klargesang erneut die schwarzmetallischen Schaden aufbricht, gelegentlich sogar sehr weit in der ENSLAVED-Historie zurückversetzt fühlt. Man sollte sich allerdings auch keine Illusionen erlauben: die fünf Norweger lösen sich auf "E" endgültig von sämtlichen Genregrenzen bzw. -limitierungen und haben ihr Songwriting insofern perfektioniert, dass man nicht mehr dasselbe Gefühl wie noch bei den Vorgängern hat, als man das "Axioma Ethica Odini"-Grundgerüst mal etwas progressiver ("Riitiir"), mal etwas härter und schwärzer ("In Times") analysieren konnte, sondern spürt, dass man all das miteinander verschmolzen hat und nun sogar noch weit darüber hinaus agiert. So findet man in "Sacred Horse" dezent-psychedelische Krautrock-Anleihen im Keyboardspiel, darf in "Feathers Of Eolh" und "Hiindsiight" ätherischen Flöten- und Saxophoneinspielern (natürlich liesse sich das auch mit einer stinknormalen Gitarre erledigen, aber wenn man schon mal das aberwitzige Genie dafür besitzt, warum nicht?) lauschen und im dissonanten "Axis Of The Worlds" ein zunächst ungewohnt modernes ENSLAVED bestaunen, ehe WARDRUNA-Mastermind Einar "Kvitrafn" Selvik dann zum beruhigenden Outro kontributiert und die extravagante Opulenz mit einem ehrwürdigen Ende veredelt.

Nun haben wir aber ein echtes First-World-Problem: Höchstwertungen an ENSLAVED zu vergeben, ist immer ein zwei-schneidiges Schwert; man ist zwar stets hin und weg, wenn man sich in den neuesten Streich der Norweger hineingedacht hat, weiß gleichzeitig aber auch, dass die Herren ihre eigenen Superlative ständig hinterfragen und diese beim nächsten Studiogang noch höher ansetzen. Auf "E" entsteht jedenfalls erneut eine kleine, homogen-natürliche und ungemein formvollendete Welt vor dem geistigen Auge, in der fließende Genrewechsel Usus sind und sich scharenweise Finessen tummeln, die sich manchmal offen zu erkennen geben, manchmal aber auch einige Durchläufe benötigen, um vollständig entschleiert zu werden. Dadurch ist das 14. Werk von ENSLAVED einmal mehr ein extrem motivierendes und höchst spannendes, das Progressive-Metal- und aufgeschlossene Black-Metal-Fans gleichermaßen glücklich machen sollte und dabei zumindest mir eigentlich keine Angriffspunkte liefert. Der erschreckende Aspekt daran ist: Bei ENSLAVED hat man irgendwie das beklemmende Gefühl, dass sie jetzt erst so richtig loslegen. Ich hätte nichts dagegen.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (11.10.2017)

WERBUNG: IMNAIL
WERBUNG: HAMMERFALL - Glory To The Brave 20 Year Anniversary