NAILED TO OBSCURITY - King Delusion

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VÖ: 03.02.2017
Bandinfo: NAILED TO OBSCURITY
Genre: Death Metal
Label: Apostasy Records
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Wenn wir von melodischem Death/Doom sinnieren, zählen wir meistens - verzeiht das Namedropping - die üblichen Verdächtigen auf: frühere OPETH und KATATONIA, DAYLIGHT DIES, SWALLOW THE SUN, NOVEMBERS DOOM, GHOST BRIGADE, SLUMBER, etc. pp.. Die Liste liesse sich quasi unendlich fortführen und viele würden dabei dennoch NAILED TO OBSCURITY aus Niedersachen übergehen, die seit 2005 aktiv sind und mit "Opaque" zuletzt ein fabelhaftes Album veröffentlicht haben, das sich vor den Großen der Szene wahrlich nicht verstecken musste und auch weiterhin nicht muss. Für ihren dritten Streich "King Delusion" haben sich die Ostfriesen (und der Emsländer) stattliche vier Jahre Zeit gelassen, präsentieren damit aber schon Anfang Februar ein erstes großes Ausrufezeichen und Highlight des noch jungen Jahres, das Fans obiger Gruppierungen unbedingt prüfen sollten.

Warum das Fazit im Grunde schon (in gekürzter Fassung) in der Einleitung steht? Weil "King Delusion" schon mit den allerersten Tönen im einleitenden Titeltrack, also den aufschimmernden Gitarren, dem bedachten Strukturaufbau, den Melodien und den markerschütternden Growls nicht nur umgehend Großes erahnen lässt, sondern dabei auch eine eigene Note erkennbar macht, die die ganzen Einflüsse verschmelzen lässt.

Aber was genau ist es, was NAILED TO OBSCURITY 2017 überhaupt ausmacht? Sie legen hörbar viel Wert auf musikalische Ästhetik, eine düster-bedrückende Grundstimmung und nahtlose Phasenwechsel zwischen brutalen Gefühlsausbrüchen, melancholischen Segmenten und einem Schuss Progressivität. Und das ziehen sie konsequent hochklassig bis zum Ende durch. Mal ausschweifend melodisch und mit klaren Gesangslinien wie in "Protean" (die Lead-Harmonien gegen Ende sind ganz große Kino), mal etwas deftiger und verzweifelter wie in "Memento". Wirklich festnageln (nein, das war nicht als Wortwitz gedacht) lassen sich NAILED TO OBSCURITY dabei allerdings trotzdem nicht, da man gewissermaßen allen Phasen gleichmäßig ihre Anteile zugesteht und dadurch nicht in das Muster abdriftet, zwischen einzelnen Stücken zwanghaft Kontraste schaffen zu müssen, um besonders variantenreich agiert und damit dann ein Stück weit die Atmosphäre ruiniert zu haben.

Viel mehr ist "King Delusion" also ein einziges organisches, natürlich fließendes Werk, das so in sich schlüssig ist, dass man gar nicht erst in Versuchung kommt, den fehlenden Abwechslungsreichtum zu kritisieren. Das könnte man nämlich durchaus, würde damit aber den Sinn und Zweck dieser Veranstaltung fehlinterpretieren, zumal sich in jedem der insgesamt acht Songs von Durchlauf zu Durchlauf Heerscharen von Highlights herauskristallisieren. Das fängt bei den gleißenden Hintergrundgesängen in "Deadening" an, geht über den mit einem ausgezeichnet gelungenen Spannungsbogen versehenen Longtrack "Uncage My Sanity" und hört bei einem "Desolate Ruin", das man aufgrund seiner überwältigenden Melodieführung eigentlich schon zu einer unumstößlichen Genreblaupause erheben kann, auf. Beim dazwischen angelegten "Devoid" sorgt das dann dafür, dass es sich im Vergleich, wenngleich es sich immer noch auf hohem Niveau befindet, nicht komplett durchsetzen kann. Geschenkt.  

Normalerweise tue ich mir richtig schwer dabei, schon zum Jahresbeginn höhere Wertungsregionen anzuvisieren, aber selten hat mir ein Album diese Prozedur so sehr erleichert, wie "King Delusion" von NAILED TO OBSCURITY. Denn: diese Stilistik kann man de facto einfach nicht viel besser als die Niedersachen auf ihrem Drittling zelebrieren und es ist allerhöchste Eisenbahn, dass diese fünf Herrschaften die Aufmerksamkeit bekommen, die sie sich ohne jeden Einwand verdient haben. Und wenn wir hier von großen Emotionen, noch größeren Melodien, ausladend songdienlichem Schlagzeugspiel, klasse Texten, fantastischem Gesang und Eigenständigkeit in Hülle und Fülle schwärmen, dürfen wir zum Ende dieser Rezension nicht vergessen, dass "King Delusion" vor allem auch als Gesamtkunstwerk wahrzunehmen ist, das vom Artwork optisch brillant repräsentiert und von V. Santura (DARK FORTRESS, TRIPTYKON), der für mich übrigens definitiv zu den herausragendsten Produzenten unserer Zeit zählt, mit einer mächtigen Produktion klangvollendet wird. Viel fehlt hier nicht zur Höchstpunktzahl, das ist sicher.

Anbei findet ihr noch ein Interview zum Album, den Enstehungsprozessen früherer Veröffentlichungen und den Live-Plänen von NAILED TO OBSCURITY.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (30.01.2017)

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