Finsterforst - Mach dich frei

Artikel-Bild
VÖ: 23.01.2015
Bandinfo: FINSTERFORST
Genre: Folk Metal
Label: Napalm Records
Hören & Kaufen: Amazon | Ebay
Lineup  |  Trackliste

Ich wusste es immer: In FINSTERFORST stecken Musiker mit viel Talent und Herzblut. Mit der Presse hatten's die Schwarzwälder allerdings nie einfach, wurden für die Debüt-EP "Wiege der Finsternis" sowie das Debüt-Album "Weltenkraft" vielerorts verschmäht, teilweise sogar lächerlich gemacht. Teile der Kritik mögen berechtigt gewesen sein, denn das Material war entweder zu dudelig oder viel zu gestreckt. Andererseits hat man früh gezeigt, wohin die Reise gehen soll. Es handelte sich nicht um den üblichen Weg der unzähligen FINNTROLLs, ENSIFERUMs und TURISAS'. Wie man mit "...zum Tode hin" und vor allem "Rastlos" zeigte, hatte man die MOONSORROW-Sparte anvisiert und überraschend gut bedient. Da war die Ankündigung des neuen Albums "Mach dich frei" mitsamt Cover und Tracklist ein milder Schock. Haben sich FINSTERFORST der bösen Seite des Pagan Metal zugewendet?

Ein erster Blick auf die Spielzeiten beruhigt all jene, die ebenfalls gedacht haben, es ginge nun ab zu Schrott-Orchestern wie VARG oder MINAS MORGUL. So steigt man also wohlgesonnen ein, lässt das mystische Ambient-Intro "Abfahrt" auf sich wirken und wird in "Schicksals End'" direkt die ein oder andere Neuerung bzw. Erweiterung im Klangkorsett erkennen. Bevor nämlich die ersten düster-tiefen Blechbläser ertönen, lassen sich in der Gitarrenarbeit IMMORTAL-Referenzen dabei ertappen, wie sie im Einklang mit dem Keyboard die für diese Art Musik unabdingbare Atmosphäre gepaart mit Epik aufbauen. Dabei ziehen FINSTERFORST auch mal das Tempo an und riffen schroff, packen großflächigen Klargesang, sowie ihre typischen Chöre aus und verbinden die einzelnen Teile flüssig mit orchestralen Passagen und einem Hauch von Filmscore. Ähnlich leitet auch "Zeit für Hass" ein, wird dann aber zunehmends ruppiger und gewinnt durch den Marsch-Rhythmus zunehmends an Dynamik, welche die Schwarzwälder in epochalen Bombastmomenten und zum Ende mit einem rasanten Akkordeon-Part entladen.

Nach dieser Tour de Force spendieren FINSTERFORST dem Hörer eine kleine Pause, verknüpfen "Im Auge des Sturms" akustische Töne mit sphärischen Tastentönen und unterstreichen den Konzeptalbum-Charakter des Albums. Diesem werden die Burschen musikalisch über die volle Spielzeit gerecht, denn auch der Titeltrack und "Mann gegen Mensch" schlagen in eine ähnliche Kerbe wie die vorangegangen Stücke, bauen allerdings deutlich intensiver auf atmosphärische Keyboardeinsprengsel und kraftvolle Chöre, um der Lass dich nicht unterkriegen-Attitüde gerecht zu werden. Womit wir gleichzeitig auch bei der Kritik an "Mach dich Frei" wären: So fließend man seine Kompositionen im Stile des bereits angeteaserten Konzeptalbums verknüpft, so unschlüssig erscheint mir die lyrische Entwicklung von FINSTERFORST. Auch hier handelt es sich höchstwahrscheinlich noch um den Protagonisten, den man bereits mit dem Vorgänger vorgestellt hat. Höchstwahrscheinlich deshalb, weil die textliche Inszenierung größtenteils sehr oberflächlich bzw. unpersönlich operiert und leider von Plattitüderei à la "Steh' zu deinem Zorn und schlag doch einfach drauf" oder "Verachte deinen Nächsten denn auch er verachtet dich" geschwächt wird. Das gelang auf "Rastlos" trotz der vielen Zweckreime besser, wobei man fairerweise zugeben muss, dass FINSTERFORST dennoch vergleichsweise selten im Fremdschamwald oben genannter Stümper wildern und lieber ihrem Stil und ihrem Schwarzwald verbunden bleiben.

Den pflegen sie dann im abschließenden Intro-plus-Epic-Longtrack-Duo "Reise zum..." und "Finsterforst" auch lieblich und erheben sich dabei auf ein Niveau, bei dem man mit Fug und Recht behaupten kann, zur erweiterten Spitze des Pagan Metals Anschluss gefunden zu haben. Mir will sich der lyrische Sprung von Naturverbundenheit hin zu Gesellschaftskritik und wieder zurück zwar weiterhin nicht erschließen, aber trotz dessen ist "Mach dich frei" ein überragendes, leidenschaftlich-intensives und erfrischend-interessantes Album geworden, das zwar klar das MOONSORROW-Rezept aufgreift, dem Genre mit seinen dunklen Fanfaren, dem erhöhten Akkordeon-Anteil, sowie der Scheuklappenlosigkeit aus Prinzip viele neue Facetten verleiht und längst verloren gegangenes Leben einhaucht. Anders formuliert: FINSTERFORST haben erneut mehrere Sprossen an ihrer Entwicklungs-Leiter erklommen und dabei diverse Schwächen im Songwriting ausgebügelt. Insgesamt liefern sie also eines der ersten großen Highlights 2015 ab und solange weder Stephan Weidner, Philipp Burger, Freki Varg noch Askeroth als Ghostwriter für die Texte der kommenden Alben angefischt werden, haben sie definitiv eine sehr blumige Zukunft vor sich. Da kann man sich sicher sein.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (18.01.2015)

WERBUNG: Hard
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE