Raunchy - Vices.Virtues.Visions.

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VÖ: 28.11.2014
Bandinfo: Raunchy
Genre: Metal
Label: Massacre Records
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Lineup  |  Trackliste

Zu RAUNCHY hatte ich noch nie ein allzu gutes Verhältnis: Die stetigen, medialen Lobeshymnen, die sie zu legitimen FEAR FACTORY Nachfolgern erhoben, waren nur schwer greifbar. Warum eigentlich gerade Burton und Dino? Also musikalisch gesehen? Klar, die Dänen haben unfassbar viel Potenzial, sind definitiv begabte Künstler, sind aber trotz des selben Genres doch ganz woanders zu Hause. Dort sind sie auch sehr gerne über's Ziel, über die Grenze des Ertragbaren um Meilen hinausgeschossen. "A Discord Electric" hatte zuletzt zwei oder drei durchaus starke Songs, war in der Masse aber schier ungenießbar: Keyboard-Overkill, zu viele gepitchte bzw. überproduzierte Cleanvocals - der Topf war groß, der Inhalt mehr als nur bunt gemischt. Allerdings auch nicht erfolgreich vermengt. Trotzdem haben sich die Herren um den amerikanischen Gesangsneuzugang Mike Semesky mit "Vices.Virtues.Visions." aufgrund ihres zweifelsohne vorhandenen Talents abermals eine ehrliche Chance verdient.

Die Frage, ob sie diese auch nutzen, stelle ich mal ganz hinten an. Mit wuchtigen Riffwänden und cineastischen Sphären beginnt "Eyes Of A Storm" jedenfalls superb, der typisch poppige Refrain manifestiert eindeutig das Schaffen RAUNCHYs und erinnert an den starken Vorgänger-Song "Dim The Lights And Run". Ähnlich stimmungsvoll folgt "Truth Taker", das sich im weiteren Verlauf aber als Groovehammer entpuppt und sich nur im Chorus zu zuckersüßen Melodien hinreißen lässt. Spätestens mit dem stahlharten Knüppel "Digital Dreamer" wird allerdings klar, dass die Dänen auch Reperatur-Arbeiten vollzogen und ihren Sound deutlich entschlackt haben. Will heißen: Klarere Strukturen, angenehmere Electropopausflüge. Und anstatt durchgehend wie vom Affen gebissen alles zusammenzuwerfen, was einem gerade so durch's Köpfchen spukt, konzentrieren RAUNCHY ihre Ideen auf's Wesentliche und agieren nicht mehr wie verkappte Progmetaller.

Ihr Kernelement verlieren die Dänen dabei aber nicht aus den Augen: Die Eingängikeit ihres Materials. Da haben sie mit Mike Semesky auch einen wirklich großartigen Fang gemacht, der seinen Vorredner Kasper Thomsen im harschen Bereich eins zu eins ersetzt, ihm aber mit seinen Fähigkeiten im Klargesangsbereich eindeutig das Wasser abgräbt. Nachdem bisher ausschließlich Keyboarder Jeppe Christensen für derlei Vocals zuständig war, bringen RAUNCHY auf "Vices.Virtues.Visions." eine grandiose Stimmvielfalt in's Spiel, die vor allem in "Never Enough" und "I, Avarice" einschlägt. Überspannt wird der Bogen dann andererseits mit dem hyperaktiven Synthmonster "The Castaway Crown" und "Anesthesia Throne", welches zwar mit knackigen Thrashriffs und Videospiel-Vibe in der Melodieführung brilliert, im Refrain aber völlig übertreibt, wohingegen sich "Luxuria" als offenbar verloren gegangene VOLBEAT-Nummer dazwischen schleicht und mittels Swingrhythmen und Rockfundament zum Mitwippen anregt.

Zu einem komplett überzeugenden Gesamtpaket hat es "Vices.Virtues.Visions." abgesehen von den bereits zitierten Exzessen auch deshalb nicht geschafft, weil dem Album zum Ende hin spürbar die Luft ausgeht. Während "Frozen Earth" noch einmal hitlastig auftritt, treten die beiden abschließenden Tracks "Clarity" und "The Singularity Heart" auf der Stelle, wodurch die je 7 Minuten einfach viel zu gestreckt ausfallen und nur vereinzelt gefallen. Ebenfalls anstrengend ist dieses Mal auch der Mix von Langzeitproduzent Jacob Hansen, der RAUNCHY zwar einmal mehr ein kolossales Gewand verpasst hat, die Instrumente aber viel zu matschig inszeniert und den Gesang teilweise arg in den Hintergrund gedrängt hat. Das nimmt den in der Vergangenheit häufig maßlosen Klargesängen von Jeppe Christensen zwar den Wind aus den Segeln, schwächt aber auch den überwiegend grandiosen Mike Semesky, der sich auf dem nächsten Longplayer gerne noch etwas mehr trauen darf. Trotz aller Kritikpunkte ist "Vices.Virtues.Visions" aber überdurchschnittlich gut, denn RAUNCHY haben dieses Mal einen großen Schritt in ihrer Entwicklung gemacht und werkeln hier kaum noch plan- und ziellos vor sich hin. Die Zufallshitmaschinerie der Vergangenheit ist damit passé und das Talent wurde, um die Eingangsfrage zu beantworten, endlich mal produktiv genutzt.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (20.11.2014)

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