04.02.2020, MS Connexion, Mannheim

ABBATH + VLTIMAS + 1349 + NUCLEAR

Text: Lord Seriousface | Fotos: FiniMiez
Veröffentlicht am 07.02.2020

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Aural

Ganz wohl war uns beim Antritt unserer heutigen Konzertreise offengestanden nicht. Schließlich verlief die jüngste Vergangenheit im Hause ABBATH weit weniger ruhig und rühmlich, als man es zu Friedenszeiten erwarten würde. Die Südamerikatour des Kult-Norwegers wurde bekanntermaßen nach einem desaströsen Livedebakel in Buenos Aires abgeblasen, woraufhin der Bandchef einen Entzug begann und ankündigte, "stärker und fokussierter als je zuvor zurückzukehren". Kaum meldete sich der ehemalige IMMORTAL-Fronter kuriert aus seinem Proberaum zurück, folgte prompt die Meldung, dass Bassistin Mia Wallace auf eher unfreundliche Art gegangen worden sei. Es roch also nicht gerade nach Friede, Freude, Eierkuchen in der Bergener Schwarzheimerschmiede. [Anm. d. Red.: Mit Black Metal ist alles Krieg.] Dementsprechend befremdlich wirkten die Abbilder des überholten Bandlineups auf den liebevoll designten LP-Hüllen, die man präsentativ auf der reichlich gedeckten Merch-Tafel im Mannheimer MS Connexion Complex drapiert findet. Die Zeit nach dem Tourcrash war kurz und die Befürchtungen groß, doch der alte Hase sollte wie immer für eine Überraschung gut sein...

NUCLEAR

Offiziell sollte es gegen 20:00 Uhr losgehen...weswegen uns der ohrenbetäubende Bombenlärm, mit dem der Eröffnungsact NUCLEAR seinen Auftritt einläutet, vollends auf dem linken Fuß erwischt. Ehe wir überhaupt mal geschnallt haben, wie uns geschieht, finden wir uns inmitten von Nebel, Geballer und Gebrülle wieder. Plötzlich stehen fünf stämmig gebaute Chilener auf der Bühne und machen aus derselben Kleinholz. SLAYER und DESTRUCTION lassen herzlichst grüßen und uns fällt vor Freude die Kinnlade auf die Füße. In der Halle, die bereits jetzt respektabel besucht ist, macht sich gute Laune breit. Nach nur einem Song haben die Herren ihr Publikum vollends überzeugt und lassen das Spektakel noch etwa eine halbe Stunde einwirken. Der Sound sitzt, die Bässe gehen ins Gedärm, übernehmen etwa 50% seiner peristaltischen Tätigkeit und man ist rundum zufrieden. Dabei musste ich mich erst kürzlich über zweifelhafte Praktiken im Ticketgeschäft echauffieren und mich zeitweise der Frage ausgesetzt fühlen, ob eine derartig von Kommerzgeilheit und Abzocke verseuchte Metalwelt überhaupt noch lebenswert ist...doch wenn ich mir diese geniale Undergroundkombo ansehe, die eigens über den großen Teich geflogen ist, um an diesem schnöden Dienstag einer Ansammlung von sonderbaren Menschen den Abend zu versüßen, erscheinen mir derartige Auswüchse ganz weit entfernt. Was wir hier erleben, ist verdammt nochmal Metal! So wird's gemacht und kein Stück anders!

Setlist NUCLEAR:

  1. Confront
  2. God Forsaken Life
  3. Violence That Burns
  4. Killing Spree
  5. No Light After All
  6. On Killing
  7. E-Faith
  8. Apatrida

1349

Der Umbau für 1349 dauert eine gefühlte Ewigkeit...ein Monitor neben dem Drumset scheint zu streiken, man bockt ihn auf zwei Getränkekisten auf, nimmt ihn wieder runter, wechselt diverse Kabel und Ravns Mikro. Bis die Norweger schlussendlich auf der Bühne stehen, hat sich der Testbeat aus Meister Frosts Schießbude bereits mehrfach ins Langzeitgedächtnis getackert. Die zweite Band des Abends ist zugleich die düsterste und die einzige, die Black Metal im eigentlichen Sinne spielt. Dementsprechend festlich gekleidet und in erhabenen Dunst gehüllt betreten die vier Nebelkrähen die Bretter und kredenzen eine Runde "Aural Hellfire". Die obligatorischen Feuerfontänen bestehen heute aus Nebel, der in Verbindung mit orangefarbenem Licht zumindest den Eindruck von Flammen erweckt - ganz zur Freude der zahlreichen Fotografen, die sich heute so nah kommen wie ein Pekinger Taschendieb seiner Kundschaft zur Rush Hour. 1349 wollen es wissen und demonstrieren erneut, dass sie live eine absolute Macht sind. Frost malträtiert seine knapp 20 Becken und Felle wie ein Berserker und heizt noch eine Ecke deftiger an als auf Platte. Im vollendeten Blutrausch dargebracht, kommen auch die neuen Stücke von "The Infernal Pathway" mit einer ganz anderen Schlagkraft rüber als gewohnt. Vom Treiben auf der Bühne bekommt man vor lauter Nebel kaum mehr etwas mit. Die Gäste stört dies keineswegs, einige Fans in der ersten Reihe bangen sogar im Takt mit Frosts Blastbeatattacken [an alle Orthopäden, Chiropraktiker und Physiotherapeuten im Großraum Mannheim: ihr habt das hier nicht gelesen!]. [Anm.d. Lekt.: Die eröffnen gleich noche ein paar Praxen. Ich sehe einen Branchenboom voraus!] Nach getaner Arbeit verabschiedet sich Fronter Ravn höflich mit Verbeugung und Handschlag - ein wahrer Gentleman, trotz kiloschwerer Bewaffnung am Leib.

Setlist 1349:

  1. Sculptor Of Flesh
  2. Through Eyes Of Stone
  3. Slaves
  4. I Am Abomination
  5. Striding The Chasm
  6. Golem
  7. Atomic Chapel
  8. Dødskamp
  9. Abyssos Antithesis

VLTIMAS

Und weil das Ganze immer schön abwechslungsreich und interessant bleiben soll, schicken wir vor dem Headliner noch einen Newcomer aus dem Blackened-Death-Bereich an den Start! OK, Newcomer ist ein eher unglücklicher Terminus für David Vincents (ex-MORBID ANGEL) aktuelle Band, auch wenn sie mit bisher einem Album noch recht jungfräulich ist. Und weil das offenbar auch auf Organisatorenseite so gesehen wird, heizt Mr. Vincent direkt für die Band des Abends an - ein Album hin oder her. Mit der neuen Truppe, zu der u. a. Blasphemer (AURA NOIR, GAAHLS WYRD live) und Flo Mounier (CRYPTOPSY) gehören, lässt der prominente Fronter nichts anbrennen. Mit einem strammen Sound, einer wahnwitzigen Lautstärke und einer ebenso beeindruckenden Performance geleitet das internationale Black-Death-Gespann durch sein etwa 40-minütiges Set, wobei das Debutalbum "Something Wicked Marches In" in voller Länge präsentiert wird. David Vincent übt sich als Alleinunterhalter und erweckt zeitweise den Eindruck, irgendwie mit Abbath verwandt zu sein. Ebenfalls sehr unterhaltsam ist seine Danksagung an die anderen Bands, zu der Flo Mounier jeweils einen von der jeweiligen Band entlehnten Beat aus der Hüfte knattert. Ansonsten wirkt das Spektakel allerdings etwas blass...die Band tischt zwar ziemlich fett und äußerst professionell auf, will dabei aber nicht so recht den Nerv treffen. Dem Applaus nach zu orten, der sich über das Set allmählich vom höflichem Anstandsapplaus zu mäßiger Begeisterung mausert, scheint es vielen Gästen ähnlich zu gehen.

Setlist VLTIMAS:

  1. Something Wicked Marches In
  2. Praevalidus
  3. Total Destroy!
  4. Monolilith
  5. Truth And Consequence
  6. Last Ones Alive Win Nothing
  7. Everlasting
  8. Diabolus Est Sanguis
  9. Marching On

ABBATH

Gegen 23:00 Uhr schlägt die Stunde der Wahrheit: das mehrere Meter breite, metallene ABBATH-Logo wird gelüftet, eisig-blaues Licht flutet die Bretter und ein ausuferndes Intro ertönt. Und so wie selbiges endet, stürmt der Headliner die Bühne und schmettert seiner Audienz "Hecate" um die Ohren. Ist dieser monochrome Hüne am Leadmikro tatsächlich derselbe Abbath, der noch vor wenigen Wochen als trauriges Abbild seiner selbst skandalierte? Passiert das hier gerade wirklich oder werden wir Zeuge einer ziemlich lauten Fata Morgana? Ungläubig zwicke ich mir ins Rentenfett, suche nach Indizien für eine (verdammt gut gemachte) Playbackshow und bleibe mit diesem Unterfangen glücklicherweise erfolglos. Der Chef ist tatsächlich bestens bei Stimme und Laune und wirkt, als habe er die letzten Monate nur mit seiner Klampfe, Sport und Kohlsuppen verbracht. Auch die Band als Ganzes zeigt sich bestens aufeinander eingestimmt und legt eine Performance an den Tag, die ich so schon seit...nunja...wahrscheinlich noch nie erlebt habe. Standesgemäß gibt es neben ABBATHs Eigenkompositionen einige IMMORTAL-Gassenhauer und einen Klassiker vom ersten Abbath-Soloalbum "Between Two Worlds". Weil die Zeit knapp ist, bleibt wenig Zeit für Abbaths Späße, einen Vorhang zum Verstecken gibt es nicht und auch der berühmte Krabbengang bleibt heute auf der Strecke. Also bleibt nichts weiter übrig, als über die volle Distanz den eisigen Fön der Bergener Tonkunst in die Meute zu pusten und sich am Eiszapfenwachstum an Nasen und Ohren zu erfreuen. Natürlich ist und bleibt die Band eine Art Oneman-Show, aber eines steht fest: seinen Gitarristen Ole André Farstadt sollte der große Häuptling tunlichst bei Laune halten - denn wie auf "Outstrider" glänzt der Mann auf der Bühne mit seinen virtuosen Soli und verleiht damit auch den älteren Songs eine ganz besondere Würze. Nach einer Stunde ist der Spaß vorbei, die Gemeinde geflasht und die wohl größte Sorge des Abends vom Tisch.

Setlist ABBATH:

  1. Hecate
  2. Count The Dead
  3. Bridge Of Spasms
  4. The Artifex
  5. Warriors (I)
  6. Ashes Of The Damned
  7. Harvest Pyre
  8. Against The Tide (IMMORTAL)
  9. One By One (IMMORTAL)
  10. Calm In Ire (Of Hurricane)
  11. Outstrider
  12. In My Kingdom Cold (IMMORTAL)
  13. Winterbane
  14. To War!

Hellfire

Hut ab! Nach der vollgestopften Massenandacht mit MAYHEM erweist sich auch der heutige Abend im Zeichen von Kälte, Tod und Teufel als voller Erfolg - Black Metal und ähnliche Späße scheinen in der Gegend einfach gut anzukommen. Die äußerst überzeugende Rückkehr des Gastgebers rundet den ohnehin schon gelungenen Abend zusätzlich ab. Bleibt nur zu hoffen, dass Abbaths neu gewonnener Elan und die offensichtlichen Fortschritte im Kampf gegen die Sucht von Dauer sind. Vielleicht kehrt dann endlich die verdiente Ruhe im Hause ABBATH ein und Leute wie der Verfasser können sich auf die Besprechung von Tonträgern und Konzerten beschränken. Wir für unseren Teil hätten darüber hinaus keinerlei Wünsche offen und verabschieden uns mit einer erhobenen, wenn auch leicht angefrosteten Pommesgabel. Besucht die Tour und werdet Zeuge, denn "The Return Of The Panda King" ist noch nicht vorbei!


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