22.03.2019, Kesselhaus Wiesbaden,

DESERTED FEAR + CARNATION + HIEROPHANT

Text: Lord Seriousface | Fotos: FiniMiez
Veröffentlicht am 28.03.2019

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Vorspiel

Es ist ein schöner Freitagnachmittag, an dem wir uns bei schönstem Frühlingswetter auf die Reise zum Wiesbadener Kesselhaus machen. Nach zwei Stunden atemberaubender Darbietungen von Schwertransporten, Hobbystuntleuten und Harakirifahrern kommen wir schließlich wohlauf an Ort und Stelle an. Nach einem kurzen Kampf mit dem Parkscheinautomaten schlendern wir über den Vorplatz des Kulturzentrums Schlachthof, auf dem ein fast schon frühsommerliches Beisammensein stattfindet. Die große, gut gefüllte Freifläche mit Skatepark, Klimmzugstangen, Basketballplatz, usw. wird zur Freilichtbühne für Muskelmänner, Diabolo-Jongleure und BMX-Kunstfahrer. "Johnny B. Goode" schallert aus einem Radio irgendwo im Feld, dicht gefolgt von SYSTEM OF A DOWNs "Chop Suey". Obwohl der Einlass erst in anderthalb Stunden stattfindet, tummeln sich bereits erste Kuttenträger vor den Toren des Kesselhauses und schlürfen ihren Gerstensaft. Auf der Suche nach unseren Interviewpartnern stapfen wir vor dem Künster-Eingang umher und treffen auf DESERTED FEARs Fronter Manuel Glatter und Tourmanager Vince Grundke. Da beide mit dicken Kameras bewaffnet sind und Manuel passenderweise noch eine Mütze trägt, halte ich beide natürlich für Fotographen und bewerbe mich damit geradeweg für den diesjährigen Dummdödel-Award in der Kategorie "verpeiltester Redakteur im Onlinejournalismus" [lieber Manuel, bitte sieh mir meine Verstrahltheit nach und votiere für mich bei vorstehender Preisverleihung]. Pünktlich wie die Feuerwehr treffen wir auf CARNATION - Sänger Simon Duson erscheint wie vereinbart zum Interview und bringt gleich seine halbe Band mit, die wir flugs in Gruppenhaft nehmen und uns zu einem netten Gedankenaustausch in der milden Frühlingssonne zusammenfinden. Während unseres Gesprächs gesellen sich noch die restlichen Bandmitglieder zu uns und geben uns Gelegenheit für ein abschließendes Gruppenfoto. Nach diesem ersten Interview warten wir auf DESERTED FEARs Drummer Simon Mengs und sehen seinen Bandkollegen Fabian Hildebrandt in Sportklamotten vom Basketballplatz kommen. Während die ersten Fans ins Kesselhaus gelassen werden, begleitet uns Simon Mengs zu einem netten Spaziergang rund um das Kulturzentrum und gibt uns unser zweites Interview für heute. Nach diesem ebenfalls sehr freundlichen Schwatz mit dem sichtbar gut aufgelegten Drummer finden wir uns pünktlich auf die Minute im kleinen Club des Wiesbadener Schlachthofs ein.

HIEROPHANT

Während ich noch fleißig den Merchstand leerkaufe und dem Plastikdino auf der Theke Trinkgeld gebe, beginnen HIEROPHANT bereits mit einem dröhnenden und beklemmenden Intro. Mit meiner vollen Einkaufstüte betrete ich den gut gefüllten Konzertraum und halte Ausschau nach meiner Frau und Kollegin FiniMiez, die sich bereits vor der Bühne im nicht vorhandenen Fotograben positioniert. Das italienische Trio setzt auf ein martialisches, diabolisches und schwarzmetallisches Bühnenbild mit umgedrehten Kreuzen, aufgespießten Schädeln und Ketten. Die Band tritt stilecht in Lederklamotten und mit Kriegsbemalung auf und bietet motiviert ihren brutalen Black / Death Metal feil. Die Jungs von CARNATION stehen unterdessen am Bühnenrand und dokumentieren die intensive Darbietung ihrer Labelkollegen. Nach dem ersten Song "Spawned Abortions" entschließe ich mich, noch einmal zurück zum Merchstand zu gehen und mir noch schnell HIEROPHANTs aktuelle Scheibe "Mass Grave" zu kaufen, die heute ausführlich beworben wird. Abgesehen von diesem ersten Song, der der jüngsten gleichnamigen EP entstammt, zocken die Italiener heute ausschließlich Material ihres aktuellen Werks und bieten die Platte damit fast in voller Länge dar. Das Auftreten des Trios und ihre wie besessen wirkende Performance verschmelzen mit der Bühnendeko zu einem stimmigen Gesamtbild und rufen Erinnerungen an mein letztes WATAIN-Konzert wach. Die Band gibt sich dazu passend eher wortkarg und speit eher vereinzelte Ansagen der Marke "we are just dead bodies" in den Raum. In einer kurzen Pause zwischen zwei Songs schlürft Basser Fabio Carretti mal lässig sein Pils, aber auch Finsterheimer wie HIEROPHANT sind eben auch nur Menschen. Das zahlreich erschienene Publikum wirkt anfangs noch etwas verhalten, zeigt aber vereinzelt gebanntes und andächtiges Nicken. Das doomig schleppende "Sentenced To Death" lässt hier und da bereits erste brünftige Kampfschreie vernehmen. Vor dem letzten Song "Eternal Void" trommelt Fronter Lollo auf seinem Gitarrenhals herum, produziert damit ein paar Rückkopplungen und brüllt ein aufrichtiges "Thank You So Much!" in die Menge. Nach diesem letzten Song formt der Frontmann zum Abschied noch einmal mit seinen Armen ein Petruskreuz und zieht mit einem schallernden "Hail Satan!" von dannen.

Setlist HIEROPHANT (ohne Gewähr):

  1. Spawned Abortions
  2. Execution Of Mankind
  3. Forever Crucified
  4. Mass Grave
  5. Sentenced To Death
  6. In Decay
  7. Trauma
  8. Eternal Void

CARNATION

Nach dieser ersten zünftigen Schlachterei betreten CARNATION um Punkt 20 Uhr die Bühne. Basser Yarne Heylen wird auf dieser Tour aus Zeitgründen von Joeri van de Schoot (EVIL INVADERS) vertreten. Sänger Simon hat sich inzwischen von einem gut gelaunten und amüsierten Metalhead zu einer bedrohlichen Frontfigur mit stählerner Miene verwandelt. Vollbepackt mit schwerer Lederjacke und dicken Ketten tritt der über und über mit Kunstblut [hoffentlich...] übergossene Sänger mit seinen Mannen eine Welle der Zerstörung los. Während der ersten leisen Takte von "The Whisperer" wenden sich die Musiker noch ihrem riesigen Backdrop zu und suchen mit dem Einsatz der lauten Sägerei den Kontakt zum Publikum. Dem Aufruf "Bang Your Skulls!" folgt die Masse, ohne zu zögern, denn mit "Hellfire" und "Plaguebreeder" ist die Stimmung bereits zu Anfang des Sets am Kochen und tendiert zur totalen Eskalation. Bier spritzt in alle Richtungen, Schuhe fliegen durch die Luft und ich habe in der zweiten Reihe ernsthaft Mühe, meine Kollegin mit ihrer Kamera vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Es ist der reine Wahnsinn, als wäre ein Schalter umgelegt worden oder einfach mal der versammelte CARNATION-Fanclub angereist, um gut gelaunt und vorgeglüht das Kesselhaus zu demontieren. Da machst du den Pogo mit - ob du willst, oder nicht! Bei den langsameren Passagen "Sermon Of The Dead" ebbt das Chaos dezent in Richtung Hüpfpogo ab, aber direkt mit Einsetzen der Blastbeats rasten die Pogenden wieder aus, als hätten sie drei Liter Energydrinks intus. Mein Nachbar zockt Luftgitarre, während ein anderer Konzertgast besinnungslos besoffen wie ein halbgefüllter Kartoffelsack durch den Circlepit kullert. Glücklicherweise sind heute wieder alle sehr hilfsbereit und helfen ihren Mitfeiernden auf die Beine; einer der Aufmerksamen Gäste hilft mir sogar dabei, die Splitter einer gesprengten Bierflasche aus dem Pit rauszupogen. Fronter Simon und seine Mannschaft toben auf der Bühne, der rot glühende Sänger wirft wahnsinnige Blicke ins Publikum und linst wie ein Gespenst durch die aufsteigenden Nebelfontänen. Die Band nimmt die unbändige Energie der Crowd auf und fühlt sich dadurch offensichtlich noch weiter angestachelt. Während der letzten ausklingenden Takte von "Fathomless Depths" starrt die Band wieder auf ihr Backdrop und beendet ihr Gemetzel in derselben Pose, wie es begonnen wurde. CARNATION verlassen, begleitet von Klatschen, Pfeifen und Brüllen, die Bühne und hinterlassen erschöpfte und zufriedene Gesichter, die Euphorie war spürbar und ansteckend. Nach der zweiten Band ist die Bude eingesaut und der Korkboden von Bier und anderen Flüssigkeiten durchzogen. Ich fühle mich "stone washed" wie eine Jeans und mir wird klar, dass das, was Simon mir vor dem Konzert über die Shows der vergangenen Tage erzählt hatte, kein Werbegag war...Hut ab, Jungs!

Setlist CARNATION (ohne Gewähr):

  1. The Whisperer
  2. Hellfire
  3. Plaguebreeder
  4. Disciples Of Bloodlust
  5. Necromancer
  6. Sermon Of The Dead
  7. Power Trip
  8. Chapel Of Abhorrence
  9. Fathomless Depths

DESERTED FEAR

Nach einer kurzen Pause betreten DESERTED FEAR die Bühne, während das Intro von "Drowned By Humanity" die von Dunkelheit umhüllte Menge durchdringt. Als plötzlich die Lichter angehen, erklingt nicht wie erwartet der Album-Opener "All Will Fall", sondern "Battalion Of Insanities" vom Debut "My Empire". Grundsätzlich hört sich die heutige Setlist der Eisenberger sehr ausgeglichen an und bietet von allen Alben der Band ausreichend Futter. Lediglich der dritte Langspieler "Dead Shores Rising" ist mit "nur" zwei Songs vertreten, während Oldschool-Freunde sich über gleich fünf Klopper von "My Empire" freuen dürfen. Die Crowd ist sichtlich erfreut, wirkt aber noch etwas ausgelaugt von der vorangegangen Hochleistungssport-Einlage während CARNATIONs Auftritt. Auch auf der Bühne ist man sichtbar gut gelaunt, besonders Manuel Glatter und Fabian Hildebrandt zeigen ein permanentes Strahlen in ihren Gesichtern und sind nie um eine freundschaftliche Interaktion mit dem Publikum verlegen. Die Band gibt sich bodenständig und sympathisch, sucht den Kontakt zu ihren Fans und spricht einfach so in ihrem Dialekt frei heraus. Fronter Manuel erkennt einen Fan in der ersten Reihe scheinbar wieder und entgegnet: "Hey - dich kenne ich doch! Du sollst doch nicht dein ganzes Taschengeld ausgeben!". Spätestens beim dritten Song "Kingdom Of Worms" wacht die erschöpfte Meute allmählich wieder auf und Kollegin FiniMiez sieht sich aus vier Richtungen mit verschwitzer Haarpracht ausgepeitscht, einer der Bangenden schädelt mir donnernd gegen die Schulter. Als zwischendurch das Interlude "Across The Open Sea" eingespielt wird, gibt es eine etwa 27-sekündige Verschnaufpause, bis mit "Welcome To Reality" die erste Nummer vom aktuellen Opus aufgeführt wird. Die Fans feiern den neuen Song frenetisch ab - mein Vordermann bangt dabei derart motiviert, dass er mir seine Schädeldecke unter's Kinn knüppelt und ich in Gedanken kurz an den Terminplan meines Zahnarztes denke. Generell komme ich mir in diesem fast unfreiwilligen Pogo wie ein fleischgewordener Prellbock vor, und eigentlich würde ich wirklich gerne selbst in den Pit springen. Aber ich entschließe mich dazu, lieber die permanenten Bombenangriffe aus dem Moshpit abzuwehren - ganz zu Gunsten meiner Frau und Kollegin, die mangels Fotograben unter erschwerten Bedingungen arbeitet. Außerdem muss ein solches Spektakel gebührend dokumentiert werden. Dieser Umstand und die spürbare Nähe zur Band machen den nur halbherzig mitgetanzten Pogo gleich wieder wett. Man erinnere sich nur an Fabians Zwischenruf: "Wer hat mir alle meine Plektren geklaut?! Wisst ihr, was das alles kost'?!". Zwischenzeitlich hat die Crowd das Stagediven und Crowdsurfen für sich entdeckt, weswegen ich nun auch in dreidimensionaler Ausdehnung auf Wurfgeschosse aller Gewichtsklassen Acht geben muss. Bei "The Final Chapter" sind nun endlich mehr Leute in der Luft als auf dem Boden. Einem der Schwebenden werde ich beim Auflesen seines Smartphones behilflich, was ich natürlich postwendend durch einen kräftigen Tritt ins Kreuz gedankt bekomme - #läuft! Kurz bevor sich DESERTED FEAR mit "Bury Your Dead" verabschieden wollen, meldet sich auch "der Allergeilste" in der ersten Reihe und will Sänger Manuel einen Ring anstecken...oder ihm am Finger lutschen...so genau wollen wir es eigentlich gar nicht wissen. DESERTED FEAR erklingt vom Band und will sich vom Publikum verabschieden, was ihnen die Meute jedoch nicht durchgehen lässt. Dazu kommentiert Gitarrist Fabian noch einmal: "...mach aus den Scheiß!", bevor die Thüringer noch die letzte Zugabe "Nocturnal Frags" spielen und sich anschließend händeschüttelnd von ihrer Fangemeinde verabschieden (dürfen).

Setlist DESERTED FEAR (ohne Gewähr):

  1. Intro (Drowned By Humanity)
  2. Battalion Of Insanities
  3. Mortal Reign
  4. Kingdom Of Worms
  5. Wrath On Your Wound
  6. Across The Open Sea
  7. Welcome To Reality
  8. Face Our Destiny
  9. The Final Chapter
  10. Field Of Death
  11. My Empire
  12. Interlude (Dead Shores Rising)
  13. The Carnage
  14. All Will Fall
  15. Bury Your Dead
  16. Nocturnal Frags

Nachspiel

Dieses Package hatte es definitv in sich. Alle drei Bands legten eine motivierte und intensive Performance an den Tag und ernten vor der Bühne zum Dank ein infernales Chaos. Nach den Shows unterhalten wir uns noch einmal kurz am Merchstand mit Simon Duson (CARNATION) und Simon Mengs (DESERTED FEAR). Drummer Simon verpasst mir für ein letztes Foto den obligatorischen Kinnhaken, woraufhin uns gewahr wird, dass wir alle denselben Sport betreiben. Wir erheitern unseren Kampfsportgenossen mit einer kurzen Anekdote über unseren Muay-Thai-Patch, der den thailändischen Schriftzug zeigt und schon von so manchen Festivalgästen für das Logo einer Black Metal Band gehalten wurde - mit dem Zusatz "die hab' ich schon mal irgendwo gesehen". Während DESERTED FEAR noch Autogramme geben und ihren Fans Rede und Antwort stehen, verabschieden wir uns vom Ort des Geschehens. Draußen feiern die Leute immer noch den anbrechenden Frühling, das Radio schallt nach wie vor über den Platz. Triefend wie ein Schmorbraten, heiser wie ein Räucheraal und durchgeprügelt wie ein Schnitzel machen wir uns auf den Weg durch die wolkenlose, lauwarme Nacht.


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