31.12.2018, Playa Las Glorias, Puerto Vallarta

New Years Eve with RAMMSTEIN in Mexico

Veröffentlicht am 09.01.2019

Am 31.12. mit einem kühlen Cerveza bei 25 Grad (plus!) am Strand sitzen und rockigen Klängen lauschen, wer möchte das nicht? Was im ersten Moment für den kältegebeutelten Mitteleuropäer etwas abstrakt klingt, wird für mich hier nach wenigen Augenblicken Anwesenheit bereits wohlige Realität, und die als Weihnachtsbäume geschmückten Palmen überall nehmen einem eh jede Scheu vor dem Jahreswechsel im Warmen. Nachdem ich ja 2018 auch schon in Nepal war um dort ein Death Metal Festival zu besuchen (den Bericht findet ihr HIER!), war die Option „RAMMSTEIN“ unter diesen Umständen natürlich absolut unumgänglich, um ein ziemlich ereignisreiches Jahr nochmal adäquat abzurunden. Nach etwas sperriger Anreise (drei Flüge inklusive einem Layover in Chicago) trete ich dann am Samstag vor dem Neujahr endlich aus dem Airport in die wohlige-warme Pazifik-Luft und die langen Hosen und der Pullover werden für die nächsten sechs Tage umgehend gegen kurze Shorts und T-Shirt getauscht.

Puerto Vallarta ist in etwa so groß wie Graz, ob des angrenzenden Ozeans aber etwas urlaubstauglicher, quirliger und bunter, und die sicherste, sauberste und freundlichste Stadt Mexikos. Sagt man hier. Man sagt hier auch, die Küstenstadt, die heute das ist, was in den Siebzigern Acapulco war, sei die mexikanischste aller mexikanischen Städte, was durch die hier ansässige Modelo-Brauerei (die unter anderem das National-Gesöff Corona herstellt) noch zusätzlich unterstrichen wird. Der Löwenanteil der Touristen kommt aus den USA (wenn es um den Urlaub geht, sind alle Mauern der Welt scheinbar plötzlich ganz klein und niedrig, und die „Fuck Trump!“ Shirts kann man bei jedem Souvenirshop kaufen) und Kanada – die sogenannten „Snowbirds“, also die Kaltwetterflüchtlinge, sind hier überall zu finden – aber auch die Europäer haben Puerto Vallarta schon für sich entdeckt, seit man über London und Helsinki (!) eine Direktverbindung anbieten kann.

Warum RAMMSTEIN genau diesen Ort für ihre zweiteilige Party (man spielt auch am 2.1. noch einen Set) ausgesucht haben, weiß ich selber nicht so genau, das Konzertgelände wird zwar unterm Jahr auch regelmäßig mit lokalen Shows und Bands bespielt, dient aber ansonsten als wenig einladender und staubiger Not-Parkplatz zwischen einem der schicksten Hotels der Stadt und einem nie fertiggestellten, aber scheinbar in Renovation befindlichen Hotel-Rohbau. Die zentrale Lage am Playa las Glorias, also tatsächlich „am Strand“, gemütliche 30 Bummelminuten vom Altstadt-Zentrum entfernt, macht das Gelände aber für diverse Events mitunter sehr attraktiv. Bereits am Tag meiner Ankunft inspiziere ich das Aufbau-Geschehen, kann sogar am Sonntag und Montag einen Teil des nachmittäglichen Soundchecks mithören und man sieht noch am anderen Ende der Stadt, wenn die Feuer-und Rauch-Kanonen getestet werden.

Die Silvester-Sause am Montag beginnt dann bereits um 16 Uhr mit den einheimischen Coverbands COLECTIVO SUICIDO, der ROXY BAND vom gleichnamigen Rock-Club, den UNDERDOGS aus Guadalajara und PRESSIVE, die allesamt geile Performances bieten und die Leute – vor einer kleinen Bühne mitten am Strand! – mit bekannten Hits von KORN über die RED HOT CHILI PEPPERS bis TOOL zum Köpfebeuteln und zu Hüpforgien am rauschenden Pazifik aufgeilen können. Vor allem die UNDERDOGS mit ihrem Fred Durst-Klon als Zweitsänger kommen gut an und dürfen glatt noch ein zweites Mal auf die Bühne, bevor nebenan dann die eigentliche Hauptshow startet. Und da Teile des Strands frei zugänglich sind, kann auch Otto Normalurlauber einen Abstecher machen und sich zumindest das Vorprogramm von außerhalb gratis reintun.

Am Konzertgelände herrscht - wider erwarten, aber doch irgendwie logisch – die deutsche Gründlichkeit kombiniert mit mexikanischer Lässigkeit: Saubere, effektive (und vor allem genug) Toiletten, eine billige und leckere Fressecke mit Burger, Tacos, Enchiladas, Tamales und Burritos, ein wenig üblichem Tand und Klimbim, und das Riesen-Bier bekommt man prompt von den fliegenden Händlern um umgerechnet  3,50 Euro. Nur das offizielle RAMMSTEIN-Merch schaffte es nicht mehr rechtzeitig durch den Zoll – dafür haben sich die etwa 15 inoffiziellen Leiberl-Stände vor dem Eingang mit diversen Plagiaten in allen möglichen Ausführungen krumm verdient, was RAMMSTEIN aufgrund der örtlichen Bestimmungen wohl oder übel mit Zähneknirschen hinnehmen mussten.

Die riesige Bühne wirkt, an der Hinterseite des pompösen „Now Amber/Secrets Vallarta“-Hotelkomplexes platziert wie ein eben gelandetes UFO aus einer anderen Dimension - und irgendwie ist es das ja auch, die Industrial-haften Ruinen des bislang nicht fertiggestellten Hotelkomplexes gegenüber, in symbolisches Rot getaucht, komplettieren die etwas apokalyptisch-dekadente Kulisse. Das bargeldlose Bezahlsystem funktioniert reibungslos über einen Armband-Chip, man muss sich nirgends allzu lange anstellen, und das Gelände bietet trotz „Ausverkauft“ noch genug Platz für Bewegungen und Begegnungen. Ok, „Ausverkauft“ heißt in diesem Fall: 5000 Leute dürfen sich den heißen Shice hier heute Abend antun, für RAMMSTEIN-Maßstäbe also quasi eher ein privater Wohnzimmer-Gig.

Die Opener 3TEETH aus L.A. waren sogar mir bislang unbekannt, machen ihren Job aber ganz gut und können mit ihrem Elektro-Rock im Spannungsfeld von MARILYN MANSON, KORN und ROB ZOMBIE nach einigen Startschwierigkeiten auch mich vollends überzeugen - die Mexikaner stehen ja scheinbar sowieso auf diese Sachen mit striktem Beat, ein bisserl Makeup und furztrockenem Sound. Und dann, allerpünktlichst um 22:25, entern die Meister aus Deutschland mit „Ramm4“ und viel Kawumm das feuerspuckende Bühnen-UFO. RAMMSTEIN kommen, sehen und siegen heute mit einer exklusiven Mörder-Setlist, wo sogar „Mein Teil“ inklusive Riesenkochtopf seit langem wieder mal zum Zuge kommt, die Bühnenshow ist natürlich erwartungsgemäß feurig, rauchig und konfettig, kommt ansonsten ohne größere Überraschungen aus und lässt immer noch genug Raum für ein spontanes „Ooooh!“ , „Aaaah!“ und ein paar Gänsehautmomente – trotz der Wärme von allen Seiten.

Kurz vor dem Jahreswechsel spielt man noch „Sonne“, „Amerika“ (irgendwie ironisch, wenn die zahlreich erschienenen Amis den doch recht Ami-kritischen Text inbrünstig mitplärren!) und „Stripped“, das exakt 15 Sekunden vor Mitternacht endet und einem opulenten, von Lindemann eingezählten Feuerwerk Platz macht, mitunter eines der intensivsten der Stadt an diesem Abend. Im neuen Jahr legt man dann symbolisch gleich noch die Zugabe „Te Quiero Puta!“ nach, dann verabschiedet man sich gewohnt kommentarlos und lässt noch standesgemäß eine Mariachi-Band aufmaschieren, die auch gleich gut Partystimmung macht, und denen die Rammsteine nach anfänglichen Soundschwierigkeiten höchstselbst die Mikrofone vor die Instrumente stellen.

Den anschließenden DJ-Set von Joe Letz mit zu viel Utz Utz und zu wenig Substanz hätte man sich aber schenken können, und stattdessen lieber die angekündigte „80s Party“ am Strand machen sollen, die aber irgendwie nicht so wirklich stattfand. Egal, wir sind hier, wir haben Cerveza, es hat immer noch kuschelige 23 Grad, das Meer rauscht, die Birne dröhnt, die Stimmung ist super, der Sand knirscht unter den Füssen und ungewollte Zwischenfälle sind rar bis nicht existent. Jeder ist happy, und es ist ja extrem schön, wenn so viele unterschiedliche Nationen einfach nur eine fette Party zusammen feiern. Also wozu aufregen?

Ungläubig steht man dann da, um ein Uhr morgens, und der Kopf surrt, kann das Erlebte scheinbar noch nicht wirklich verarbeiten. Ist das jetzt alles wirklich passiert? Waren da jetzt in diesem VIP-Bereich wirklich gefühlt mehr Leute pro Quadratmeter als am regulären Gelände? Warum geht das hier ohne unnötiges Rumböllern vor Mitternacht und bei uns zuhause nicht? Und warum liegt hier eigentlich Sand rum? RAMMSTEIN machen hier heute zwar exakt das, was sie überall sonst auch machen - nämlich präzise und punktgenau ihre Hits abfeuern, ohne Kommentare (bis auf den Countdown, ein „Happy New Year“ und ein paar „Gracias!“ am Schluss bleiben Lindemann und Co. gewohnt stumm) und ohne unerwarteten Firlefanz.

Aber das besondere Setting an diesem besonderen Abend macht diesen Gig wohl doch zu einem „Once-In-Your-Lifetime-Event“. Da zwei Tage später exakt der selbe Set nochmal gespielt wurde, war es auch überflüssig, sich diesen nochmal extra anzutun, obwohl man wegen der geringeren Nachfrage sogar die Karten um die Hälfte des stolzen Preises verscherbelt hat. Der entsprach übrigens in etwa einem halben mexikanischen Monatsgehalt - trotzdem spendierten sich auch viele Einheimische diesen Kracher, und ich habe auch einige Leute aus Ecuador, Brasilien und Kolumbien getroffen. Viele verfolgten das Geschehen aber auch gratis vom Parkdeck nebenan, oder einfach vom nächsten Baum aus, so gut es halt irgendwie ging. Hauptsache man ist irgendwie dabei.

Am Heimweg ins nahe Hotel sinniere ich: Ja. So kann man das neue Jahr beginnen, nein man soll es sogar. Bis 4. Jänner lasse ich hier noch die Seele baumeln, hänge die Füße in den angenehm temperierten Pazifik und gönne mir abends dann lecker Corona und Burger im „La Chingona“ (Heavy Taco Metal), quasi gleich ums Eck, beim Exil-Karlsruher Emrah, einem der Hotspots in Pee Vee (wie man dann schön posh sagen tut, wenn man sich zu denen zählen darf, die schon mal hier waren...) wenn es um gutes Essen, rockige Klänge und nette Gesellschaft geht. Und es wird bereits inoffiziell gemunkelt, zum nächsten Jahreswechsel dann eine wirklich, wirklich große Band hier her an den Strand zu holen. Mehr wird an dieser Stelle aber noch nicht verraten. Ist ja auch fast noch ein Jahr Zeit...

Feliz ano nuevo wünscht euch euer Senor Miguel!

Setlist (ohne Gewähr)

Ramm 4
Reise, Reise
Hallelujah
Zerstören
Keine Lust
Feuer frei!
Seemann
Mein Teil
Du riechst so gut
Mein Herz brennt
Links 2-3-4
Ich will
Du hast
Ohne dich

Encore:
Sonne
Amerika
Stripped
(Countdown 2019)
Te quiero puta!

Alle Bilder © Mike Seidinger.


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