30.07.2018 - 05.08.2018, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken 2018 – Wo war ich in der Nacht von Montag auf Sonntag? (Teil 3)

Veröffentlicht am 09.08.2018

Schlamm ist die gewohnte Geißel des Wacken Open Air. 2018 aber hat das Festival mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Das Bier ist warm! Nicht nur das Bier, sondern auch die Menschen. Es ist heiß. Übertrieben heiß! Und staubig! Verdammt. Es ist ein Kampf, in den Redakteur Jazz sich da stürzt. Wird er ihn überstehen oder doch schmelzen?

Es soll vorgekommen sein, dass sich ein Black-Metaller beim Verlassen des Zeltes in Asche verwandelt hat.

Spiel den selben Song noch mal! Die Cantina Band ist dieses Jahr nur auf Platz zwei der Repeat-Hits-Charts!

Stumpen dreht mal wieder den Blödel-Faktor auf über 9000 und wird somit zum Dödel-König der Publikumsbeleidigungen, als er mit KNORKATOR auftritt. Gut, dass zwischendurch Alf Ator das Singen übernimmt, denn im Gegensatz zum grundlegend charakterschlechten Stumpen ist Alf einfach nur „Böse“. „Wir werden alle sterben“ klingt nicht nach einem lustigen Song, ist er aber. Wahnsinn ist Stumpens Sportlichkeit, die er zum Beispiel bei Keyboard-Liegestützen unter beweis stellt. Bedenklich ist der Mädchen-Weitwurf, zu dem er die Menge anstiftet. Zum Nachdenken hingegen der letzte Song: „Eigentum“. Fakt ist, dass KNORKATOR live verdammt viel Spaß machen – immer wieder. Ob das beim kommenden Album „Widerstand ist zwecklos“ auch so sein wird, bleibt abzuwarten. Mit Spannung! Verdammt noch mal! Seid gespannt!

SPOIL ENGINE sind ein wunderbares Beispiel dafür, dass eine Band mit Frontfrau sich nicht allein über sie und ihr Aussehen definieren muss. Sie machen feinen metalcorigen Melodic Death Metal. Der Sound ist fett, die Stimme voller vernichtender Brutalität – beeindruckend, mit wie wenig Anstrengung Iris Goessens solchen Lärm erzeugt. „Stormsleeper“ ist die aktuelle Platte.

An den wenigen Wasserlöchern bilden sich mitunter lange Schlangen. Wer zu spät kommt, muss in der Wüste verdursten. Die Geier kreisen.

Die Louder Stage war mal die Party Stage. Auch wenn der hiesige Auftritt ein Abstieg für DIE APOKALYPTISCHEN REITER ist, da sie zuvor die noch größeren Bühnen auf dem W:O:A bespielen durften, passt Party doch auch echt gut zu ihnen. Sie mischen Songs vom aktuellen Album „Der Rote Reiter“ mit Klassikern. Letztere scheinen etwas besser anzukommen. Das ist ja aber nicht ungewöhnlich. „Es wird Schlimmer“, „Der Adler“, „Seemann“. Das macht Spaß und doch laufe ich mit „Friede sei mit dir“ im Rücken davon.

Denn nebenan spielen GOJIRA. Die progressive Death-Groove-Musik der Franzosen ist viel, viel zu anspruchsvoll für einen Samstagnachmittag nach fünf Tagen Hitze und fünf Nächten schlafloser Party. Beeindruckend ist es natürlich trotzdem – immer dann, wenn das Gehirn bereit ist, doch ein paar Takte zu verarbeiten. GOJIRA sind einfach nichts für zwischendurch, sondern erfordern volle Aufmerksamkeit – oder aber vollkommenes Gehenlassen und Versinken. Aktuelle Platte? „Magma“.

Erstmals auf dem W:O:A ist das Foodsharig-Zelt dabei, in dem Lebensmittel, die man nicht mehr konsumieren möchte, abgegeben werden können. Genauso kann man sich dort bedienen, wenn man etwas findet, das man gern verzehren mag. Weniger wegschmeißen! Großartige Sache! Kommt bitte wieder!

Irgendwo zwischen Bullhead City und Wackinger Village begegnet mir mein Kollege Lucas Prieske, der voller Begeisterung von einer Neuerung auf Wacken berichtet, die ich bisher sehr skeptisch betrachtet habe:

„Nur allzu hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass sich trotz aller Offenheit und Toleranz doch nach wie vor ein gewisser Elitismus bezüglich der Trveness des Wacken Open Air sowie seiner Besucher hält. Meist ist doch alles darauf ausgelegt, möglichst metal zu sein; Corpsepaint und Wikinger sind ein alltäglicher Anblick, während dem ein oder anderen beim Anblick eines pinken ESKIMO-CALLBOY-Shirts die Gesichtszüge entgleisen (trve story übrigens). Doch was nun auf dem W:O:A 2018 erstmals stattfindet, zeigt, dass sich zwei Subkulturen absolut sinnvoll miteinander verbinden können.

Die Rede ist von „ESL GOES WACKEN“! Für alle, die jetzt vielleicht ein wenig auf dem Schlauch stehen: ESL steht für E-Sports-League und umfasst eine ganze Reihe nationaler und internationaler Events, in denen sich vornehmlich Profiteams hin und wieder in sogenannten Community-Events, aber auch Fans in kompetitiven Mehrspieler-Videospielen messen. Dazu zählen beispielsweise Games wie „Counter Strike“, „Overwatch“, „League of Legends“, „Dota 2“, „Playerunknowns Battlegrounds“, „Fortnite“ und viele weitere. Fans, Spieler und Sponsoren versuchen seit Jahren (mitunter sehr erfolgreich), den E-Sport als anerkannten Sport zu etablieren und konnten so bereits zahlreiche Turniere mit teilweise absurd hohen Preisgeldern organisieren. Aber was hat das denn jetzt mit Wacken zu tun?

Als erstes (mir bekanntes) Festival hat das W:O:A in diesem Jahr mit der „ESL ARENA“ nicht nur dem E-Sport einen verhältnismäßig großen Platz eingeräumt, sondern gibt Besuchern die Möglichkeit, in offenen Turnieren gegeneinander anzutreten oder Matches von Profiteams wie dem „Spandauer Inferno“, aber auch einigen Bands live per Leinwand zu verfolgen. Darüber hinaus ist das Zelt gefüllt mit Infoständen, Goodies und Konsolenstationen, an denen man verschiedene Titel auch einfach selbst ausprobieren kann, so unter anderem „FIFA ‘19“ oder „God of War“. Untermalt wird die ganze Aktion natürlich durchgehend von saftigstem Metal, der gut abgemischt und nicht zu aufdringlich aus zahlreichen Boxen dröhnt. Die Metal-Gaming-Crossover-Community offenbarte sich mir als erstaunlich groß und kommunikativ, sodass ich in dem klimatisierten (!) Zelt gegenüber der WET/Headbanger-Stage einige wirklich gute Gespräche über die ausgestellten Spiele sowie über die Turniere führen konnte. Ebenfalls erfreulich anzusehen ist, dass auch ältere, weniger Gaming-affine Kaliber unter den Besuchern sich in die Arena wagen, um sich zumindest an den Konsolen in dem einen oder anderen Titel zu versuchen.

Für jemanden, dessen Herz sowohl für Metal als auch für die Gamingszene schlägt, bleibt nur zu sagen: Starke Aktion!

Das omnipräsenteste Kostüm des Jahres ist der Power Ranger. Sorry Pikachu!

Es wird Nacht und das Wetter gibt auf. Wir haben es bezwungen. Angenehme Sommernachtstemperaturen begleiten meinen brutal koffeinierten und nicht weniger promillisierten Weg zu ESKIMO CALLBOY. Party-Extase pur! Von alten Klassikern wie „Is Anyone Up“ und „Muffin Purper-Gurk“ über modernere Klassiker wie „Party At The Horror House“ bis zu werdenden Klassikern wie „MC Thunder“ ist alles dabei, was das Trancecore-Herz begehrt. Besser kann es nicht werden. Mehr kann jetzt nicht mehr kommen!

Die Cola, die ich zum Ausklang noch trinken möchte, schmeckt sehr nach Wodka-Energy. Komisch!

DIMMU BORGIR spielen noch ihre letzten Töne, als ich an den Megabühnen vorbeigehe. „Mourning Palace“ weckt Kindheitserinnerungen. Wie schön!

Zum entspannten Ausklingen möchte ich noch einen Moment bei ZEAL & ARDOR reinhören. Ein paar Minuten und dann ab ins Bett. Da habe ich meine Rechnung aber ohne ZEAL & ARDOR gemacht. Die machen nämlich eine Mischung aus Gospel und Black Metal. Klingt komisch, ist aber das stärkste, was jemals gemacht wurde. Das wiederum klingt nach einer deutlichen Übertreibung, das ist mir klar. Ich meine es aber wörtlich. Ich kann unmöglich objektiv von ZEAL & ARDOR berichten. Deswegen lass ich an dieser Stelle einfach mal Zahlen sprechen: 10 von 5 Punkten! Oder Superlative: Das beste Konzert, das ich je gehört habe! OK, ich höre auf, aber ich meine es ernst! Danke ZEAL & ARDOR! Überzeugt euch auf der neuen Platte „Stranger Fruit“.

Gute Nacht! Und tschüss, geliebtes Wacken!

Kurz vorm Ende des W:O:A 2018 klingelt ein zorniger Pascal Staub an meiner Zelttür und legt los:

„In meiner ersten Wut habe ich mich sogar zu einem für mich unüblichen Facebook-Statement hinreißen lassen, so enttäuscht war ich. Es geht um DIMMU BORGIR, die einer der Hauptgründe waren, warum ich zum diesjährigen Wacken Open Air pilgern wollte. Nicht nur gehören die Norweger zu den allerersten Bands, die zu meiner musikalischen Findung beitrugen, nein, ich höre sie mittlerweile auch seit vielen Jahren in hochfrequenter Regelmäßigkeit, konnte bislang auch jedem ihrer Alben sehr viel abgewinnen und dann erschien dieses Jahr ja auch noch das großartige „Eonian“. Könnte es also überhaupt einen besseren Zeitpunkt für die erste Live-Beschauung geben? Eigentlich nicht. Und doch bin ich nach sechs Songs frustriert davongezogen.

Während mich GOJIRA erst ein paar Stunden zuvor mit einem unfassbar geilen Sound, der Gitarren, Bass und Schlagzeug wie tonnenschwere Stahlträger auf das Publikum hinabregnen ließ, komplett überwältigen konnten, gab es bei DIMMU BORGIR zunächst nur Doublebass-Matsch, gegen den sämtliche andere Instrumente und auch Shagrath verzweifelt anzukämpfen versuchten. Hinzu kam, dass selbst ich, der sich da seit diversen gesundheitlichen Problemen mit dem Gehör sicherlich nicht mehr zu den Volume-Thrillseekern zählt, die quasi nicht existente Lautstärke zunächst als großen Witz empfand. Überspitzt formuliert hätte man sich ohne Gehörschutz locker direkt vor die Anlage stellen können und es wäre trotzdem nichts passiert. Letztlich war das insgesamt ein beschämendes Erlebnis, weil DIMMU BORGIR auf ihren Werken gerade im Bereich der Soundproduktion penibel sind, sich nach der Anschaffung ihres aufwändigen Bühnenoutfits und -dekors aber offensichtlich keinen richtigen Live-Experten mehr leisten konnten.

Eventuell ist dieses Urteil eine Spur zu hart, aber da man schon während dieser sechs Songs vernehmen konnte, dass ständig am Sound geschraubt wurde (eine richtige Balance gab es gefühlt nie, irgendein Instrument war immer viel zu dominant), obschon man zuvor durch den wahnwitzig geilen Auftritt von HELLOWEEN (übrigens auch soundtechnisch) zweieinhalb (!) Stunden Zeit hatte, um für einen angemessenen Klang zu sorgen, ist das schlichtweg nicht genug für eine Band dieser Größenordnung. Meine Liebe zu dieser Band wird das zwar nicht auf den Prüfstand stellen, aber vielleicht kann man darin diese achtjährige Abstinenz, diesen Rost in puncto Liveaktivität sehen. Und genau daran sollte man bis zum gewaltigen Tourpaket mit KREATOR, BLOODBATH und HATEBREED unbedingt arbeiten.“

Fazit

Wacken braucht kein Fazit! Wacken ist Wacken! Lohnt sich immer! Sicher auch beim 30. Mal im nächsten Jahr! Faster, harder, louder! Pommesgabel! Rain or shine! Ich gehe jetzt vorzeitig in den Winterschlaf!


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