20.05.2018, Leipzig, Leipzig

Wave Gotik Treffen 2018 Teil 2

Text: Werner Nowak | Fotos: Werner Nowak
Veröffentlicht am 05.06.2018

» Hier gehts zur Galerie...

SONNTAG

A PROJECTIONAm Sonntag wäre ich dann fast in einer Kirche gelandet. ARCANA hätten in einer wunderschönen Ruine gespielt, aber diese war leider etwas weit weg vom Schuss und mit den Öffis schlecht erreichbar. Und ich hätte sowieso nicht lange bleiben können, denn es stand bereits am frühen Nachmittag auch eine meiner aktuellen Lieblingsbands am Programm:

A PROJECTION waren der Opener in der Kuppelhalle und die musste ich unbedingt sehen, hören und fotografieren! Die Post-Punker aus Stockholm klingen wie JOY DIVISION mit einer Spur THE CURE und FIELDS OF THE NEPHILIM. Sogar optisch erinnert der Sänger etwas an Ian Curtis! Für die frühe Stunde (kurz nach 15:00 Uhr) war die Halle sogar schon sehr gut gefüllt. Und die Band verstand es dann auch mit ihren mitreißenden Nummern die Fans zu begeistern. Für mich eines der besten Konzerte des Festivals!

Nach dem Gig stand aber auch schon der erste Standortwechsel am Programm. Es ging in das Schauspielhaus, der wohl edelsten und bequemsten Location des Treffens, denn diese ist mit wahnsinnig gemütlichen Samtsesseln ausgestattet!

JO QUAIL
Im Saal war bereits der erste Act auf der Bühne und ich machte es mir daher bei der Bar gemütlich und vertrieb mir die Wartezeit auf die nachfolgende Künstlerin bei einem kühlen Bier.

JO QUAIL, die zauberhafte Cellistin aus London, war dank eines guten Freundes von mir schon öfter zu Gast in Wien. Und so freute ich mich auf ein Wiedersehen!
In einem hautengen glitzernden Kleid und mit viel Witz und Können begeistere die Künstlerin dann auch von Anfang an das bereits voll besetzte Schauspielhaus. Ihr skelettartig anmutende E-Cello dient der Künstlerin dabei als Klopf-, Zupf- und Streichintrument und mit Hilfe von Effektgeräten werden die Tracks Schicht für Schicht aufgebaut. Gesang wäre hier nur störend, denn auch so entfaltet die Musik eine Spannung und Intensität, die man nicht erwarten würde! Und wir kamen auch in den Genuss von exklusiven neuen und selten live gespielten Stücken.

Und noch ein Wiedersehen gab es: QNTAL präsentierten ihren Mittelalter-Electro-Pop diesmal im exquisiteren Ambiente des Theaters. Hat mir persönlich besser gefallen als im Heidnischen Dorf, obwohl die Besetzung ident und die Setlist ähnlich war. Das Ambiente und auch der Klang machen im Schauspielhaus doch mehr her.

QNTAL

ROSA CRUX hatte ich bis dato noch nie live gesehen und bereits der Bühnenaufbau wusste zu beeindrucken! Rechterhand war ein imposantes Glockenspiel von etwa 3 mal 2 Meter aufgebaut, sowie ein Klavier. Auf der linken Bühnenseite stand der eindrucksvolle “Drumcomputer”  BAM. Dieser besteht aus 4 Skeletten, die mit mechanisch bewegten Armen auf drei Tamboure und eine Pauke eindreschen. E-Gitarre, Bass und teilweise Dudelsack komplettieren den Sound der Franzosen, der sich irgendwo zwischen Ritual und Dark Wave bewegt. Optisch verstärkt wurde die Performance durch passende Projektionen im Hintergrund. Zwei Ölfässer vor der Bühne ließen darauf schließen, dass hier auch noch eine Überraschung wartet und tatsächlich stiegen dann im Laufe des Konzertes 2 junge Damen auf die Tonnen und schwenkten riesengroße Rosa-Crux-Fahnen über den Köpfen der Zuseher. Leider konnte ich nicht bis zum Ende bleiben, denn ich wollte noch die Mitternachtseinlage in der AGRA fotografieren und so verpasste ich die abgefahrene Performance zum Ende des Auftritts. Aus Fotos und Erzählungen erfuhr ich dann, dass hier zwei nackte Frauen mit Dreadlocks ein Mehlbad nahmen. Meine Kamera war dankbar, dass ihr diese Prüfung erspart blieb und der Reinigungstrupp hatte sicher auch Spaß an der Beseitigung der Sauerei.

ROSA CRUX

Immerhin schaffte ich es dann dank den Jungs von DEATH IN ROME, bei denen ich mitfahren durfte, noch rechtzeitig in die AGRA zu den Männern, die auf Schuhe starren - den Shoegaze-Godfathers THE JESUS AND MARY CHAIN. Ich hatte sie bereits im Vorjahr in Wien gesehen und war damals vom Konzert ziemlich begeistert. Und es gab auch dieses Mal keinen Grund zur Kritik. Ein für AGRA-Verhältnisse guter Sound und die Band spielte über 20 Songs! Darunter natürlich jede Menge Hits wie “April Skies”, “Just Like Honey” oder “Sidewalking”, aber auch ein paar Stücke des letzten Albums “Damage And Joy”.

THE JESUS AND MARY CHAIN

Auch hier bin ich nicht ganz bis zum Ende geblieben, denn zum Ausklang des Tages wollte ich noch zum “Göttertanz”, wo mich noch etliche Freunde und Bekannte erwarteten, sowie eine feine Musikauswahl aus den Genres Ritual, Dark Folk, Neo Klassik und Artverwandtem.

Mehr Bilder vom dritten Tag gibt's auf stills.eraserhead.at!

 

MONTAG

Montag stand ein bisschen Lärm am Programm. Zumindest auf meinem. Herr Bargeld, der Headliner des Abends, hatte den Soundcheck deutlich überzogen und so startete das One-Man-Projekt SΛRIN  eine Stunde später als geplant. In Bomberjacke und SM-Ledermaske gekleidet schraubte der Künstler eine Mischung aus Dark Techno, EBM und Industrial mit seinen Controllern und Gerätschaften zusammen. War jetzt nicht so ganz mein Genre, daher konnte mich die Performance nicht über die ganze Länge fesseln.

Ganz anders als die nachfolgende Band BEINHAUS in der Kantine. Optisch eher unscheinbar zimmerten die drei Musiker aber in guter alter Neubauten-Manier einen auch ähnlichen Sound zusammen. Es wurde auf Kanister, Bleche, Stahlrohre, Ziegel und Fässer eingedroschen und der manische Sänger spie den Besuchern die Texte förmlich ins Gesicht. Und das nicht nur von der Bühne aus, sondern auch vom Absperrgitter vor der Bühne und später inmitten der Menschenmenge!

BEINHAUS

Schwer experimentelle Kost kredenzten im Anschluss SARDH. Das Ende der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gegründete Klang-Bild-Kollektiv präsentierte die Uraufführung von „SARDH:UNORT“. Etliche seltsame Gerätschaften und Aufbauten waren dafür auf der Bühne platziert, aber auch Gitarre, Elektronik und Gesang/Geschrei sowie Projektionen wurden in das Gesamtkunstwerk integriert um einen Klangkosmos aus Ambient, Industrial und Noise zu schaffen. Schwere Kost und teilweise echt anstrengend.

So gerne ich Dark Ambient höre, aber live ist das immer eine schwierige Sache. Vor allem am vierten Festivaltag. So auch bei SVARROGH. Ein Mann hinter dem Computer und einer am Cello. Dazu die Projektion eines obskures Hasenvideos. Da muss man es schaffen, irgendwie reinzukippen, sonst wird’s langweilig.

Ein ordentliches Aufputschmittel war dann aber wieder in der Halle angesagt. Ich wusste bereits, was mich erwartet, denn letztes Jahr konnte ich schon beim Roadburn eine Performance des menschgewordenen Krachgenerators Tristan Shone mit seinem Projekt AUTHOR & PUNISHER bestaunen. Mit selbstgebauten mechanischen Kontrollgeräten sowie elektronischen Sounds und Samples erschafft der Kalifornier einen brachialen Sound, den man als “Industrial Doom Metal” bezeichnen könnte.

AUTHOR & PUNISHER

Brachiale Klänge bringt auch der Schwede Thomas Martin Ekelund mit seinem Ritual-Industrial-Projekt TREPANERINGSRITUALEN auf die Bühne. Hier kommt der Sound aber bereits vorgefertigt aus der Konserve und wird durch stark verzerrte Live-Vocals ergänzt. Ein abgefucktes Bühnenoutfit ist ebenso Programm wie der Kartoffelsack über dem Kopf, der im Laufe des Konzertes abgenommen wird und ein blutverschmiertes Antlitz offenbart.

TREPANERINGSRITUALEN

BLIXA BARGELD und TEHO TEARDO bildeten schließlich meinen Schlusspunkt der diesjährigen Konzertreihe. Über ersteren braucht man als Gründungsmitglied der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN und NICK CAVE’s BAD SEEDS wohl nicht viele Worte verlieren, zweiterer ist ein italienischer Musiker und Komponist, der ebenso bereits mit etlichen Indie- und Underground-Künstlern zusammengearbeitet hat. Aus der Kooperation der beiden sind bis jetzt vier Alben entstanden und ich konnte sie bereits 2014 beim "Primavera-Festival" in Barcelona live erleben.

Die Bühne war inzwischen von zahlreichen Musiker bevölkert, darunter Streicher inklusive einer Cellistin, sowie ein Saxofonspieler. Teho und Blixa betraten als letzte die Bühne, beide in schicke dunkle Anzüge gehüllt. Wobei Letzterer wohl vergessen hatte, passende Socken und Schuhe einzupacken, denn Bargeld war barfuß!

Und der Sound hat dann trotz überlangem Check noch immer nicht ganz gepasst. Aus dem Monitor kam nix und so wurde der erste Song nach ein paar Takten gleich wieder abgebrochen, die Ursache gesucht und behoben und erst dann ging es auch wirklich los mit dem Konzert. Teho an der Gitarre, Blixa am Mikrophon. Es ist immer wieder ein herrliches Erlebnis, wie er mit Mimik, Gesten und seiner tiefen, sonoren Stimme den Liedern Leben einhaucht, leise flüsternd, beschwörend, aber auch mal kräftig und laut tönend. In diesem Fall stimmungsvoll unterstützt vom Streicherensemble und der dezenten Gitarrenarbeit von Signore Teardo. Und das Publikum im bis auf den letzten Winkel gefüllten Volkspalast hat es ebenso begeistert aufgenommen und konnte so auch den letzten Tag des Wave Gotik Treffens mit einer ausgezeichneten Live-Performance beschließen.

BLIXA BARGELD & TEHO TEARDO

Mehr Bilder vom vierten Tag gibt's auf stills.eraserhead.at!

Nach einem kleinen Absacker in der Moritzbastei war auch dieses WGT dann wieder viel zu schnell vorbei und es ging am Dienstag von der Parallelwelt im schwarzgefärbten Leipzig wieder zurück in den viel zu bunten Alltag. Ich hoffe, mein kleiner Bericht abseits der üblichen metallischen Gefilde hat Euch trotzdem ein wenig gefallen und vielleicht hat er ja auch das Interesse geweckt, mal in das Schaffen der einen oder anderen hier erwähnten Band reinzuhören!


WERBUNG: Uzziel
WERBUNG: Escape Metalcorner