09.03.2018, B72, Wien

LONG DISTANCE CALLING

Text: Florian Rosenberger | Fotos: Kalti
Veröffentlicht am 12.03.2018

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Das lange Warten hatte nach vier Jahren endlich ein Ende - LONG DISTANCE CALLING wieder live in Wien zu sehen. Schon beim letzten Konzert in der ((szene)) Wien am 18.02.2014, mit den nun schon in andere Ligen aufgestiegenen ALCEST als Support, begeisterten die deutschen Post-Rock-Pioniere nicht nur mich vollends. Innerhalb von vier Jahren spielten sich LONG DISTANCE CALLING von ihrem ersten Auftritt als Support von KATATONIA im Jahr 2010, über den fulminanten „Arena Drei-Raum“-Gig 2011, der Show mit den von mir hochverehrten PROTEST THE HERO im Jahr 2012 und dem 2013er-Auftritt mit den nun bereits sehr erfolgreichen SOLSTAFIR in der kleinen Arenahalle, in die Herzen vieler Fans.

Das Konzert im B72 startete kurz nach 21 Uhr. Nach dem Einstieg mit dem flotten neuen Instrumentalstück „Ascending“ aus dem neuen Album „Boundless“, bescherte der Klassiker „The Figrin D’an Boogie“ dem Publikum alles was diese außergewöhnliche Band auszeichnet: Großartiger Songaufbau, zwischen groovigen Riffs und grandiosen Melodien. Danach wurde schnell „Trauma“ vom eher zwiespältig wahrgenommenen Vorgängeralbum „Trips“ runtergezockt, um sich den neuen gelungenen Kompositionen wie „In The Clouds“ mit seinen ehrfurchtsergreifenden Sounderuptionen vom neuen Meisterwerk „Boundless“ zu widmen, über das Kollege Lucas mit Gitarrist Florian Füntmann ein Interview geführt hat.

„Aurora“ vom Debüt-Album „Satellite Bay“ beamte das Publikum danach in „MONKEY3eske Sphären“ direkt in den Weltraum. Auf die im Jahr 2001 gegründeten MONKEY3 wäre ich wohl nie gestoßen hätte es LONG DISTANCE CALLING nicht gegeben. Nach den ersten magischen psychedelischen vier Minuten, steigert sich der Song „Aurora“ mit seinen metallischen Riffs in ungeahnte Dimensionen des Universums.

Diese Erhabenheit wurde mit dem nicht minder genialen „Black Paper Planes“ fortgesetzt. Bei einem der wohl faszinierendsten groovenden repetitiven Eingangsgitarrenlicks, gab es kein Halten mehr im Publikum. Unter anderem bei meinen mit langen Haaren gesegneten Konzertpartnern kreisten die Köpfe in Dauerrotation. Mein Lieblingsfotograf Kalti und ich konnten leider nur unsere spärlich bewachsenen Häupter in Headbangmodus versetzen – das schmerzende Genick am nächsten Tag hinterließ Spuren. In der Setlist wechselten sich ab dann immer neue „Boundless“ Songs wie das Sehnsuchtsgefühle herbeirufende „Out There“, das ergreifende „The Far Side“ und das zwischendurch heftige „Skydivers“ mit bereits bekannten ab, was den Spannungsbogen im Laufe des Konzerts konstant aufrecht hielt.

„Into The Black Wide Open“ setzte den vorhergegangen Songs in Sachen Epik nochmal die Krone auf. Einfach fantastisch, welche Klangwelten die Ohren der Zuhörer berührten. Die Menge im B72 war bis auf die erste Reihe am Toben. Keine Ahnung was bei diesen Konzertbesuchern los war: Eine Regung war über die gesamte Spielzeit kaum zu sehen. [Anm. d. Lekt: Das scheint ein weitverbreitetes Phänomen unter Erste-Reihe-Besuchern zu sein...] Ganz anders die Band selbst, die sich auf der kleinen Bühne in einen regelrechten Endorphinrausch spielte, den sie zumindest bei einem Großteil der anwesenden Musikbegeisterten auch entladen konnten.

Der Einsatz eines Sängers, wie es bei den letzten drei Konzerten immer mehr der Fall war, wurde an diesem Abend ganz und gar nicht vermisst. Es verstärkte vielmehr die Wirkungskraft der Instrumentalstücke wie „Sundown Highway“ oder „Apparitions“ von „Avoid the Light“. Ist eine Steigerung der Großartigkeit eigentlich kaum mehr möglich, da kommt mit „Arecibo“ einer der einprägsamsten und groovigsten Gitarrenlicks der Musikgeschichte daher. Schon am SUMMER BREEZE 2013 lief dieses Lick in Dauerrotation als Werbejingle und brannte sich in die Gehirnzellen ein.

Weit nach hinten in der Bandhistory ging es zum Schluss noch mit „Metulsky Curse Revisited“ vom Demowerk „Dmnstrtn“ aus dem Jahr 2006, wo sich die ganze Klasse von LONG DISTANCE CALLING bereits erahnen lassen konnte. Den Spaß an ihrer Musik hat die seit über zehn Jahren feste Grundbesetzung anscheinend noch nicht verloren. Und die Experimentierfreudigkeit geht, wie das neue Album beweist, auch ohne Sänger. Somit hoffe ich, dass uns LONG DISTANCE CALLING als eine der besten Bands der Welt noch lange erhalten bleibt. Eine Band, die als Einheit zusammenspielt und jeder Musiker seinen Teil dazu beiträgt, damit ein stimmiger Gesamtsound entsteht, den man so noch nie gehört hat.

Als Zugabe bekamen wir an diesen Abend das überlange Instrumentalstück „Beyond The Void“ vom selbstbetitelten Durchbruchsalbum "Long Distance Calling" serviert und somit hinterließen die Post-Rocker LONG DISTANCE CALLING nach fast zwei Stunden genialer Musik ein euphorisches Publikum. Eine so packende Show erlebt man auch nicht alle Tage und hoffentlich bald wieder. Freunde spährischer Klänge dürfen sich zumindest auf die Artverwandten RUSSIAN CIRCLES am 20. Mai freuen.

Bezüglich der zwar geschätzten und gemütlichen, aber auch viel zu kleinen Location B72, die den perfekten Rahmen für kleine Undergroundshows wie KARMA TO BURN im Jahr 2016 bot, ist noch folgendes zu sagen: Der Sound im B72 war wieder mal allererste Sahne, auch die reduzierte Lichtshow optimal. Lediglich Visuals hätten den phänomenalen Auftritt noch das Tüpfchen auf dem i aufsetzen können. Das wäre dann aber auch der einzige Wunsch den ich anbringen möchte, wenn LONG DISTANCE CALLING in einer verdient größeren Location in Wien spielen werden. Genug neue Fans haben sie jedenfalls durch das Konzert an diesem Abend bekommen.


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