30.11.17, Festhalle Frankfurt, Frankfurt

DIE TOTEN HOSEN - LAUNE DER NATOUR 2017

Text: Fred Gasch | Fotos: Fred Gasch
Veröffentlicht am 07.12.2017

» Hier gehts zur Galerie...

Dieses Zitat von Friedrich Hebbel (1813-1863) ist von Bedeutung und vielsagend: „Es gibt Leute, die nur aus dem Grund in jeder Suppe ein Haar finden, weil sie davor sitzen und solange mit dem Kopf schütteln, bis eines hineinfällt." Womit wir beim eigentlichen Thema angekommen sind. Man kann sicherlich seine Energie damit vergeuden, sich über alles und jeden zu echauffieren und seine Unzufriedenheit kund zu tun, zumal man u. A. auch Geld dafür hingelegt und eine Erwartungshaltung hat. Aber man kann auch „fünfe“ mal gerade sein lassen, einfach nur mal genießen und die angestaute Energie, „die Sau“, z.B. auf einem Konzert herauslassen. Denn dafür ist es Live, nicht komprimiert und kommt nicht aus der Konserve. Und hier kommt man unweigerlich an dem Zitat von Herrn Hebbel vorbei.
 

 

Mit der Musik ist es wie mit dem Hunger. Eine Art Sprichwort besagt: „Man soll nicht mit leerem Magen Einkaufen gehen, denn man kauft sonst in Übermaßen ein“. Etwas abgewandelt ist es mit der Musik das Gleiche. Dieser Hunger kann nicht wirklich gestillt werden, zumindest nicht komplett. Musik als Droge - als Ersatzdroge Essen - könnte man hier anführen. Sich satthören! Ja, das konnte man an diesem Abend in der ausverkauften Frankfurter Festhalle. Oder wie es Andreas Marti (*1964), ein Schweizer Texter & Moderator einmal ausgedrückt hat: „Musik ist eine legale Droge. “ Man stolpert hier von eine Droge zur nächsten. Wie heißt doch gleich eine Scheibe von den TOTEN HOSEN? „Opium fürs Volk“. Und diese musikalischen Opiate, aus fünfunddreißig Jahren „DIE TOTEN HOSEN“, wurden angerichtet und vor ausverkauftem Hause serviert. Diese Musik als Betäubung und zum „Abschalten“ ist an diesem Abend genau das Richtige für die Flucht aus der alltäglichen Realität, in die musikalische Realität. Gilt dieses Zitat: „Musik, auditives (Erklärungsauszug aus dem Duden, 9., aktualisierte Auflage Fremdwörterbuch: Fähig Sprachlaute wahrzunehmen & zu analysieren) Abbild seelischer Schwingung" von Professor Michael Marie Jung (*1940), für jede Art von Musik oder nur für aussagekräftige mit „Hirn“ dargebrachte Mucke?

Nicht umsonst startete Anfang der 80er Jahre eine Art Revolte gegen das Ernsthinzunehmende in Politik und Gesellschaft, gegen Nazis und Ungerechtigkeit gegenüber der „normalen“ Gesellschaft. Dieses Thema ist auch fünfunddreißig Jahre später bei den „HOSEN“ nicht anders. Sie sind sich dieser Thematik noch immer bewusst und treu geblieben. Schon früh wurden die Zeichen der Zeit erkannt, man hatte bis dato im Großen und Ganzen von fast keiner Band hierzulande ein „Gegenpolstatement“ zu hören bekommen.

 

Wie auf der Page von den "HOSEN" nachzulesen ist, stand ein Konzept zur Bandgründung „Gewehr bei Fuß“. Es galt.. „Wie Verlierer auszusehen, die Erwartungen herunterzuschrauben, aber schließlich die Zuschauer zu verblüffen.“ Dies ist auch meistens gelungen. Gilt dieses Konzept nach wie vor? Ist dies eine berechtigte Frage, nach all den Erfolgen? Wie Verlierer sehen die „HOSEN“ ganz sicher nicht mehr aus, das sieht und merkt man ziemlich deutlich. Verblüffen tun sie ihre Zuhörerschaft dennoch. Dies ist einer Entwicklung geschuldet, die so vielleicht nicht zu erwarten war.

Aber man muss auch sagen, dass der Spagat zwischen Kommerz und Kunst nicht die einfachste Sache der Welt ist. Hier spielt Selbsterkenntnis eine wichtige Rolle.

Dies ist ein Beispiel: Obwohl „Damenwahl“ mit Hits wie „Wort zum Sonntag“ und „Verschwende deine Zeit“ gespickt gewesen ist, empfanden DIE TOTEN HOSEN diesen Longplayer für sich selbst als zu (aal)glatt. Und um diesen Fauxpas schnellstmöglich auszubügeln, sich zu rehabilitieren, den „Schandfleck“ auszumerzen, den man sich selbst zugefügt hat, der wohl auch die richtige Quittung nach sich gezogen hatte, wollten sie so schnell als möglich eine rohe Punkrock-Platte hinterher schieben.

Im Frühjahr 1987 erschien unter dem Pseudonym „DIE ROTEN ROSEN“ ein Album mit Punkrock-Versionen von Schlagern der fünfziger und sechziger Jahre, unter anderem „Im Wagen vor mir“ von HENRY VALENTINAO „Itzy Bitzy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini“ von CATERINA VALENTE oder „Wir“ von Freddy QUINN. Auch auf der Page „DIE TOTEN HOSEN“ nachzulesen. Diese Scheibe, „Never Mind the Hosen – Here‘s the Roten Rosen“, wurde das erste Album, das in Deutschland die Charts erreichte (Platz 28). Das war dann sozusagen der Schnitt gegen das Vorgängeralbum und der Schritt zurück zum Ursprung. Das Aufbegehren gegen eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht immer mehr schlechte Konturen annimmt, war und ist berechtigt.

Das Warten hat ab jetzt ein Ende. Das Herzkammerflimmern befand sich seit langem auf allerhöchstem Stand. Der Siedepunkt ist nicht fühlbar gewesen. Denn:

Es gibt qualitätsmäßig Hausnummern, die sehr hoch hängen. So wie im Falle von „DIE TOTEN HOSEN“, Und es ist beileibe nicht die Musik dieser Ausnahmeband allein. Das „Drumherum“, das Engagement, neben den Bühnen oder besser außerhalb von Konzerthallen, das dieses Gesamtpaket DIE TOTEN HOSEN zum Erfolg werden ließ. Und dieser Erfolg hält nach wie vor an. Dieses Gesamtpaket funktioniert nicht, weil es funktionieren muss, sondern es funktioniert aus sich heraus. Aber bis es eben soweit kommt/kam, waren auch steinige Wege und hohe Hürden zu bewältigen. Dass dieses Kritisieren mal laut, mal schrill, mal spektakulär, mal herausfordernd an die Menschheit herangetragen/gebracht wurde, um auf das Wesentliche (Gegen Nazis, etc…) aufmerksam zu machen und gewisse Begebenheiten so nicht einfach hinzunehmen, sind Punkte die noch Bestand haben. Und in heutiger Zeit wahrscheinlich aktueller sind, als viele Jahre zuvor.

 

 

Hier wurde noch immer mit Vollgas eine Liedzeile an die nächste gereiht, ein Lied an das nächste. Und immer wieder der Chor als Backround der gesamten Festhalle mit dabei. Denn in fünfunddreißig Jahren Bandgeschichte hat man einiges erlebt und einiges zu erzählen gehabt, ohne Umschweife, unverblümt, kein Blatt vor den Mund nehmend, das Gaspedal durchtretend und unverfroren, Nadelstiche setzend. Und das von der Authentizität her sehr intensiv. Nicht so, wie andere „Warmduscherbands“, die mit angezogener Handbremse ihr Set einfach so herunterleiern. Fast drei Stunden gab es voll auf die Zwölf. Es setzte Gesichtselfmeter in die Richtungen, die sich hier ruhig angesprochen fühlen dürfen.

Am Anfang ein Zitat und zum Abschluss auch deren zwei, man kann es nicht lassen, Eines von Alfred Selacher, seines Zeichens Schweizer Lebenskünstler (*1945) „Musik entfesselt Gefesselte.“ Und eines von der Lyrikerin, Aphroristikerin Gudrun Kropp (*1955) „Musik hören ist ein Genuss. Musik machen eine Gnade.“

Gott sei Punk gibt es die „HOSEN“! Wer tritt uns, dem Volk, sonst in den Arsch und hält uns somit den Spiegel vors Gesicht und bei der Stange?


Setlist:
01. Intro
02. Urknall
03. Auswärtsspiel
04. Laune der Natur
05. Das ist der Moment
06. Die Schöne und das Biest
07. Glückspiraten
08. Alles was war
09. Altes Fieber
10. Bonnie & Clyde
11. Ein guter Tag zum Fliegen
12. Wie viele Jahre (Hasta la muerte)
13. Nur zu Besuch (mit Esther & Streichern)
14. Unsterblich (mit Esther & Streichern)
15. Pushed Again
16. Unter den Wolken
17. Steh auf, wenn Du am Boden bist
18. Wannsee
19. Willkommen in Deutschland
20. Paradies
21. Wünsch Dir was
22. Hier kommt Alex
Encore I:
23. Opel Gang
24. Alles passiert (mit Esther & Streichern)
25. Das Mädchen aus Rottweil
26. Zehn kleine Jägermeister
27. Schönen Gruß, auf Wiedersehn`
Encore II:
28. Mehr davon (mit Esther & Streichern)
29. Verschwende deine Zeit
30. Alles aus Liebe
31. Tage wie diese
32. Achterbahn (by request)
34. You`ll Never Walk Alone (RODGERS & HAMMERSTEIN - Cover)
35. Outro: Kein Grund zur Traurigkeit


WERBUNG: Uzziel
WERBUNG: HAMMERFALL - Glory To The Brave 20 Year Anniversary