04.08.2017, Wacken Festival Area, Wacken

Wacken 2017 - Folk-Freitag

Text: Jazz | Fotos: Fred Gasch
Veröffentlicht am 12.08.2017

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Dies ist der fünfte Tag auf dem Holy Ground und langsam beginnt alles zu verschwimmen. Auf die gut in Alkohol eingelegten Hirnzellen ist weniger und weniger Verlass und die strikte Grillfleisch-Diät macht auch nicht direkt agil. Doch irgendwann krieche ich durch Schlamm und Pfützen erneut zu den Bühnen. Von den ehemaligen Grünflächen ist nur noch brauner Matsch übrig.

Es sind SALTATIO MORTIS, die derzeit dafür sorgen, dass unzählige Festivalgäste „wild und frei“ den Boden zertanzen. Die Mittelalterrocker haben jede Menge neuere Musik aus ihrer nicht mehr ganz so mittelalterlichen Phase dabei und sorgen damit für viel Begeisterung. Da sie erstmals auf einer der beiden Mainstages auftreten, haben sie gerade wahrscheinlich das größte Publikum ihrer bisherigen Karriere vor sich. Sänger Alea ist sichtlich gerührt von all den mitsingenden Kehlen und übergibt sich den tragenden Händen der Masse zum Song „Rattenfänger“. Weitere Höhepunkte sind die großartigen Songs „Prometheus“, „Eulenspiegel“ und „Spielmannsschwur“. Begleitet von ständigen Feuerstößen liefern sie eines der mitreißendsten Konzerte des diesjährigen Wacken Open Airs.

Im direkten Kontrast zu den Melodien von SALTATIO MORTIS wirkt die, eigentlich ebenfalls sehr melodische, nachfolgende Musik von TRIVIUM eher nach Geknüppel und Gebrüll. Aber auf dem Festivalgelände sind sich sehr viele einig, denn den folgenden Satz hörte ich mehr als einmal: „Natürlich höre ich mir TRIVIUM an. Ist ja ein Muss!“ Recht haben die vielen unterschiedlichen Urheber dieses sinngemäßen Zitats. Spätestens ab „Watch the World Burn“ brennt buchstäblich die Luft. Der Schlamm hält die Crowdsurferzahlen etwas geringer als sonst, aber er macht die verbleibenden auch zu unangenehm tropfenden Dreckschleudern. Die Wellen von „In Waves“ tragen mich von der Bühne weg in Richtung Bühnenzelt.

Dort erfahre ich, dass PARADISE LOST bestens unterhalten hätten, wenngleich sie nach eigener Aussage „fucking ancient“ seien. Auch PRONG hätten ihren Groove Metal sehr gut rübergebracht, auch wenn Frontmann Tommy Victor ein Shirt der eigenen Band getragen habe. Ihr Höhepunkt sei „Broken Peace“ gewesen.

Nun wird es komplex mit THE DILLINGER ESCAPE PLAN. Wäre diese Band der Akt des Beischlafes, würde man bei ihnen vor lauter Stellungswechseln kaum zur Penetration kommen. Leider befinden sich die vielleicht bekanntesten Mathcoreler auf ihrer Breakup-Sex-Tour, um die Metapher fortzuführen. Bei ihren absolut uneingängigen, extrem gasgebenden Klängen – unter anderem auf dem aktuellen Album „Dissociation“ – kann man nur hoffen, dass es nach der Trennung bald zu einer Wiedervereinigung kommt. Keine endgültige Scheidung, sonder eine On-Off-Beziehung vielleicht? Doch wie jede Zwischenmenschlichkeit haben auch THE DILLNGER ESCAPE PLAN ihre Schattenseiten. Zwischen den heftig fickenden Parts gibt es eine Menge Gekuschel, das mitunter ein bisschen zu entspannend ist. Ich habe gehört, es käme nicht gut an, wenn man währenddessen einschläft.

Einen dieser zahmen Songs im Rücken geht es für mich zurück zur Mainstage. Von dort schallt mir bereits ein cellolastiges „Nothing Else Matters“ entgegen. APOCALYPTICA spielen erneut ihr Debütalbum mit METALLICAs Hits vergangener Zeiten wie zum Beispiel „For Whom The Bell Tolls“ – wiedervereint mit ihrem früheren Bandmitglied Max Lilja. Der nach eigener Aussage seit dem Gründungsjahr 1993 heute erstmals wieder aufgeführte Song „Escape“ sagt vielen im Publikum nichts und löst Langeweile aus, die jedoch bald darauf von „Battery“ wieder weggefegt wird. Mit der Abschlusskombination aus „Seek and Destroy“ und „One“ bringen vier bis fünf Cellos und ein Schlagzeug die Menge zum Toben.


(c) Th. Eisbrenner

Nach einer ordentlichen Stärkung in den Punkten Promille und Grillgut treibt es mich ins Wasteland, die Ecke des Wackinger Village, in dem das vergangene Mittelalter gegen das nächste eingetauscht wurde. Staubige Gestalten in aufwändigen Kostümen im Stil von Mad Max und Fallout veranstalten dort Cagefights und schicken Flammen in den Nachthimmel. Derzeit haben sie dort aber Besuch von Kämpfern aus einer anderen dystopischen Zukunft. CYPECORE heißen die industriellen Todesmetaller mit einigen Kernelementen und nicht wenig Melodie. Zwischen den unzähligen Flammenstößen zeichnen sich im grünen Licht meist nur die Silhouetten der Musiker ab. Ihre Kampfanzüge leuchten gelblich, ihre Haut ist dreckverschmiert, ihre Fans headbangen. Parallel laufen unbedeutende Acts wie TURBONEGRO und MARILYN MANSON – nie davon gehört! Als CYPECORE die Bühne verlassen, bleibt das Gefühl zurück, dass MEGABOSCH fehlen, die einzig wahren Könige der Wasteland-Stage – hoffentlich sind sie nächstes Jahr wieder da!

MARILYN MANSONs „Sweet Dreams“ begleitet mich nach Hause – ja, mein Camp, mein Zelt ist mein Zuhause. 100%!

 

Hier geht es zum Bericht vom Mittwoch, Donnerstag und Samstag (sofern diese bereits online sind).


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