12.10.2014, Razzmatazz 1

ACCEPT Blind Rage World Tour 2014

Veröffentlicht am 26.10.2014

In Spanien heißen ACCEPT gar nicht ACCEPT, sondern "Atheppt" oder so ähnlich jedenfalls. Überhaupt läuft konzerttechnisch, zumindest in Barcelona, einiges anders als bei den uns allen wohlbekannten Shows im deutschsprachigen Raum, wo die Leute saufen wie die Löcher, sich den Schädel weichbangen oder -moshen und schon rumgeheult wird, wenn eine Band mal keine völlig exklusive Show spielt, sondern einfach nur ihr neues Album bewirbt. Genau das tun ATH... äh, ACCEPT aktuell auf großer Fahrt rund um den Globus, um "Blind Rage", ihre dritte Platte nach der ziemlich triumphalen Rückkehr in den Metalzirkus, Fans in aller Herren Länder näherzubringen. So, wie's an diesem spätsommerlichen Abend vor dem Razzmatazz, einem riesigen Industriekomplex mit drei kompletten Venues aussieht, wird sich der Abstecher nach Barcelona gelohnt haben: Die Straßen, Kaffees, Bars und Ecksupermärkte (werden hier übrigens unter der Hand nur "Apus" genannt) sind gerammelt voll mit schätzungsweise 1000 oder mehr Fans, die alle uniform mit einigem Stolz ihre Shirts und Kutten mit Patches deutscher Metalbands schautragen und darauf warten, dass sie um 19 Uhr die Halle stürmen können.

Als um 19:40 die Australier von DAMNATIONS DAY als Anheizer auf die Bühne müssen, ist der Laden schon gut und gerne zu zwei Dritteln gefüllt, die Stimmung aber noch verhalten. Kein Wunder, ich werde sicher nicht der einzige sein, der von dem Quartett noch nie etwas gehört hat. Ihre erste Platte "Invisible, The Dead", 2013 auf dem Amilabel Nightmare Records erschienen, ist jedenfalls vollständig an mir vorübergegangen. Das mag ein Fehler sein, denn die mit Mitte 20 relativ junge Truppe braucht nur einen oder zwei Songs, um das Razzmatazz gut in Fahrt zu bringen. Der technisch überaus anspruchsvolle Powermetal mit thrashigen Einflüssen (jaaaa, erinnert durchaus an NEVERMORE, vielleicht auch an MACHINAE SUPREMACY ohne C64-Keyboards) wirkt aber auch nicht nur spielerisch überzeugend transportiert, sondern macht vor allem wegen der sympathischen Performance von Gitarrist und Sänger Mark Kennedy Laune. Der Mann hat nicht nur eine für Metalverhältnisse unheimlich variable und sichere Stimme, sondern auch eine Ausstrahlung, bei der der Spaß an der Musik geradezu aus jeder Pore spritzt. Auf die Minute eine halbe Stunde und genau sechs Songs lang haben DAMNATIONS DAY Zeit, auf sich aufmerksam zu machen, dann wird die Bühne geräumt und für den Headliner vorbereitet.

Zeit, sich ein Bier zu holen. Theoretisch jedenfalls. Der Weg zur Theke wiederum macht keinen Spaß. Offenbar ist im Razzmatazz noch nicht angekommen, dass sich Spanien in einer ernsthaften Krise befindet. 25% Arbeitslosigkeit sprechen eine klare Sprache. Dass der Eintritt mit 30 Euro schon über durchschnittlichen deutschen Verhältnissen liegt, mag noch verschmerzbar sein. Aber ein halber Liter Bier für 5 Euro? Gin Tonic für 11 Euro? Und dieselbe Frechheit setzt sich am Merchstand fort. Ein Tourshirt für 25 Euro? Eine Jacke für 70 Euro? Alles klar. Rechnen wir mal: Der Durchschnittsverdienst im katalonischen Teil Spaniens liegt mit etwa 1300 Euro netto monatlich vergleichsweise hoch. 30 Euro Eintritt, vier Bier in vier Stunden, ein Shirt als Souvenir, sind 75 Euro für ein einziges Konzert. Ich frage mich, was deutsche Fans machen würden, wenn der deutsche Durchschnittsverdiener (laut Statistik der Weltbank rund 2100 Euro monatlich) für so einen Abend mal eben 130 Euro auf den Tisch legen sollte. Den Laden abfackeln? Heimlich einen Bierhelm mit reinschmuggeln? Wasser aus dem Hahn trinken? Gar nicht erst hingehen? Die spanischen Fans sind da still und genügsam und feiern trotzdem. Ob das jetzt Bequemlichkeit oder Dankbarkeit ist, ist schwer zu sagen. ACCEPT wird das wurscht sein - denn die werden von der ersten Sekunde an gefeiert, als wären sie die Offenbarung, ohne auch nur einen Ton gespielt zu haben. Die ersten drei Songs ("Stampede" vom neuen Album sowie "Stalingrad" und "Hellfire" vom "Stalingrad"-Album) braucht die Truppe, um richtig warm zu werden, dann ist auch Sänger Mark Tornillo so richtig auf der Bühne angekommen. Die großen Fußstapfen Udo Dirkschneiders hat der sympathische kleine Mann mit dem näckischen Bärtchen mittlerweile verlassen und überzeugt gerade bei den neuen Stücken mit einer angenehm zurückhaltenden Präsenz. Bei den alten Songs, muss ich sagen, finde ich ihn oft ein bisschen zu soft und schüchtern. Das macht naturgemäß Wolf Hoffmann zum Star des Bühnenbilds. Der Mann ist mit Mitte 50 fit wie ein Turnschuh und bearbeitet sein Instrument zwei Stunden lang entspannt, aber mit viel Elan nicht nur fehlerfrei, sondern mit soviel Spaß an der Sache, dass man meinen könnte, er hätte gerade sein erstes Album veröffentlicht. Genauso Peter Baltes, Ende 50 und optisch irgendwo in den späten 80ern stehengeblieben, aber ungeheuer sympathisch und überzeugend, ohne dabei überheblich zu wirken. Selbst Drummer Steffen Kaufmann macht zwischen satten Rockbeats und überraschend bösen Doublebass-Attacken gut Show. Dagegen ist Herman Frank heute erstaunlich blass - allerdings muss sich der Mann auch mit Husten, Naseputzen und mehreren Bechern Vitamindrinks über einen trotzdem tadellosen Gig retten. So sieht Professionalität aus - die erstreckt sich bei einer Band wie ACCEPT nicht nur auf die spielerische Klasse inklusive eines Bass-/Gitarrenduett-Solos mit richtig dicken Eiern, sondern auch auf den unheimlichen fetten und angenehmen Sound und die treffende, durchaus MANOWAReske Bühnendeko mit viel Metall und Lautstärke. Wer zwei Stunden lang alles derart richtig macht, und das nach fast 40 Jahren im Geschäft, der verkauft zurecht mehrere Konzerte in Spanien am Stück aus. Die Fans danken ihren Helden die übrigens recht superbe Songauswahl (unter den 21 Stücken fehlen natürlich nicht die üblichen Kracher wie "Restless and Wild", "London Leatherboys", "Losers and Winners", "Princess of the Dawn", "Fast as a Shark" und im Zugabenblock "Metal Heart" und "Balls to the Wall" neben einer sinnvollen Auswahl neuer Stücke, die vielleicht in zehn Jahren Klassiker sein könnten) mit frenetischen Jubelrufen, Fußballchören und am Ende des Sets einem irren Run auf Plektren, Setlisten und Drumsticks, wie ich ihn noch nicht gesehen habe. Was ich vorher auch noch nicht gesehen habe: Das Fußballtrikot mit ACCEPT-Druck, das ein Fan in der zweiten Reihe hochhält. Und was ich gar nicht gesehen habe: Leute, die bangen. Leute, die moschen. Nichts, gar nichts. Hat da am Ende die seltsame Politik einiger spanischer Läden Wirkung gezeigt? Ein spanischer Freund zeigte mir neulich ein Foto aus einem Metalclub in Barcelona, in dem ein Schild mit der dicken Aufschrift "Hier ist Moschen verboten!" hängt. Und nein, das ist kein Witz, auch das ist offenbar Spanien. Fotos: blocnroll.cat Setlist ACCEPT: Intro Stampede Stalingrad Hellfire 200 Years Losers and Winners London Leatherboys Starlight Dying Breed Final Journey Shadow Soldiers From the Ashes We Rise Restless and Wild Ahead of the Pack No Shelter (incl. bass & guitar solo) Princess of the Dawn Dark Side of My Heart Pandemic Fast as a Shark (with its Intro) Zugaben: Metal Heart Teutonic Terror Balls to the Wall (Bound to Fail) Setlist DAMNATIONS DAY: Invisible, the Dead The Meaning I Am Lucid Dreaming Carried Above the Sun Reaper


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