12.11.2013, Arena

PARADISE LOST

Veröffentlicht am 20.11.2013

Die Vorfreude auf diese speziell nur an ein paar ausgesuchten Stationen stattfindende Tour war bei der Ankündigung schon sehr groß. Und endlich, ein halbes Jahr später, machte dann am Abend des 12. Novembers 2013 der Tourtross von PARADISE LOST, LACUNA COIL und KATATONIA in der Wiener "Arena" halt. Vom Headliner, der heuer das 25-jährige Jubiläum feiert, bin ich schon seit meinem ersten Konzert im damals noch existierenden „Planet Music“ 2007 begeistert. Mit dem starken "In Requiem"-Album im Gepäck, kehrten die Gothic-Genrebegründer auch 2009 zu "Faith Divides Us – Death Unites Us" und 2012 zu "Tragic Idol" nach Wien – beide Male in die „Arena“ – zurück. Das größte Geschenk aber, das PARADISE LOST der Musikwelt machten, war die "Inception" einer Idee in Köpfen von Musikgenies wie KATATONIA und weiterer großartiger Bands wie beispielsweise GHOST BRIGADE. Eher zufällig besuchte ich 2010 die "Szene" Wien, auf den Verdacht hin, mit KATATONIA eine Genreperle zu entdecken. Und welch überwältigendes Erlebnis ich damals bei der Tour zu "Night Is the New Day" hatte, ist kaum in Worte zu fassen. Mit mir wurde an diesem Abend ein neuer Fan geboren, und ich beschäftigte mich fortan mit der Vergangenheit und natürlich auch mit der Zukunft der Band. Und genau zur gleichen Zeit letztes Jahr wurde das Meisterwerk "Dead End Kings" wiederum in der "Szene" präsentiert. Nun, im Jahr 2013, feiern KATATONIA das 10-Jahres-Jubiläum ihres bahnbrechenden Kunstwerks "Viva Emptiness", welches an diesem Abend in voller Länge gespielt wurde. Die Hoffnung, dass auch weitere Perlen geboten würden, wurde mit der knappen Zeitplanung leider genommen. Um 19:30 Uhr mussten die Musiker, die letztes Jahr die "Szene" fast ausverkauft hatten, in der "Arena" auf die Bühne. Für Fans natürlich ein Beschwerdegrund, da um Punkt halb acht nur die ersten Reihen gefüllt und die Sitzplätze im hinteren Bereich besetzt waren. Doch im Laufe der angesetzten Stunde füllte sich der Raum zusehends und somit konnten KATATONIA in Wien doch ihren verdienten Triumph feiern. Leider war der Sound nicht von Beginn an optimal, besonders der geniale Gesang von Jonas Renkse kam nicht zur vollen Geltung. Der knappen Zeit ist wahrscheinlich auch ein atmosphärisches Intro zum Opfer gefallen. So dauerte es einige Songs lang, bis ich mich in die Welt der Schweden hineinversetzen konnte. Ab dann war es aber einfach nur ein Traum, sich den dargebotenen Klängen hinzugeben. Es ist natürlich schwierig, den Spannungsbogen über die komplette Albumlänge aufrecht zu erhalten – ob es allerdings Sinn machte, das Album einfach in umgekehrter Reihenfolge wiederzugeben, sei dahingestellt. Aber egal: Die Mischung zwischen ruhigen und harten Songs funktionierte vorzüglich.

Um einige Highlights hervorzuheben: Bei "Omerta" bekam ich zum ersten Mal Gänsehaut, und bei den Zeilen: "…why have you waited so long?" lief es mir kalt den Buckel runter. Dieses Gefühl können nur wenige Bands bei mir erzeugen. Beim folgenden Song "Evidence" kann man sich nur den Weltschmerz mit den Worten "Be still for a moment, Everything depends upon you, If you die I will die too" inbrünstig von der Seele schreien. Einzelne Musiker hervorzuheben, erübrigt sich bei KATATONIA, da hier das Gesamtkunstwerk zählt und ich mich oft dabei ertappte, einfach die Augen zu schließen, um die Gefühlergüsse auf mich wirken zu lassen. "Walking by a wire" ließ mich genauso wenig kalt, ein genialer Chorus zum Niederknien: "One day I will be free..", ja geht‘s denn noch besser? Und ob: Der Nackenbrecher "Wealth" brachte mich beim Headbangen andauernd aus dem Rhythmus. "Criminals" erzählt eine traurige Geschichte – "So gather your strength and break free, Or you will surely die“, "Sleeper" groovte in bester Art und Weise dahin und "Ghost of the Sun" brachte die Fans mit den Refrainzeilen "I trusted you, you lied, It's all I hear a fucking lie" komplett zum Ausrasten. Also ein kompletter Triumphzug? Naja, ein bisschen Kritik muss ich doch anmerken, so großartig Jonas Renkse seinen Gefühlen auf den Alben auch Ausdruck verleihen kann, live fehlt ihm durch seine Introvertiertheit eine gewisse Präsenz. Auch seinen Mitstreitern, die zwar alle einheitlich in weinroten Shirts auftraten, hielten sich allesamt showtechnisch sehr zurück. Also für einige Konzertbesucher wirkte diese Band beim erstmaligen Kontakt unter Umständen wenig zugänglich, die Musik ist aber für meinen Geschmack über allen Zweifel erhaben! Setlist KATATONIA: (ohne Gewähr) Inside the City of Glass Wait Outside Omerta Evidence Complicity Walking by a Wire One Year From Now Wealth Burn the Remembrance Will I Arrive A Premonition Criminals Sleeper Ghost of the Sun Und nun kommen wir auch schon zu LACUNA COIL, die ja auch stark von PARADISE LOST beeinflusst sind, aber eher mehr in die poppige Richtung gehen als in jene der coolen Frühphase der Genrepioniere. Über das Aushängeschild der Band – Cristina Scabbia – brauche ich wohl keine Worte zu verlieren, muss man ihr doch zugestehen, dass sie neben ihrer hübschen Erscheinung auch eine ausgezeichnete Stimme besitzt. Das war‘s dann aber auch schon, was mich überzeugte, denn den hyperaktiven Sänger Andrea Ferro halte ich mit seinen Overacting-Gesten einfach nicht aus – Nicolas Cage ist nichts dagegen!

Kommerziell betrachtet, macht das Tour-Paket durchaus Sinn, nur waren LACUNA COIL für mich und viele der anwesenden Fans zwar keine Stimmungstöter, aber die aufgebaute Atmosphäre von KATATONIA haben sie definitiv gekillt. Ich weiß ja nicht, wie es in anderen Städten abgelaufen ist, da LACUNA COIL letztes Jahr das "Flex" nur zu einem Viertel füllen konnten, doch wäre für Wien ein Positionstausch der beiden Vorbands mit Sicherheit sinnvoller gewesen. Die Tatsache, dass zum überwiegenden Teil das Material der aktuellen, mit durchwachsenen Kritiken beurteilten Scheibe "Dark Adrenaline" dargeboten wurde, machte die Sache nicht besser. Bei einigen Klassikern wie "Our Truth" vom Album "Karmacode" oder "Swamped" von "Comalies" ging das Publikum zwar gut mit und die Band machte auch einen engagierten Eindruck, wieso man sich aber Werkstatt-Overalls als gemeinsames Bühnenoutfit wählt, ist mir unbegreiflich. Mit "Senzafine" wurde dann vom "Unleashed Memories"-Album noch ein auf Italienisch gesungener Song ausgepackt – Eros Ramazotti lässt grüßen! Für Fans der Italiener wird das Konzert schon in Ordnung gegangen sein, aber für meinen Geschmack ist LACONA COIL glatt polierter Gothic-Rock mit Metalanleihen, der mich ziemlich kalt lässt. [Florian Rosenberger] Setlist LACUNA COIL: (ohne Gewähr) I Don't Believe in Tomorrow Kill the Light Fragments of Faith Heaven's a Lie The Game Our Truth Upsidedown Without Fear Senzafine Swamped Intoxicated Trip the Darkness Spellbound Sodann ward auch schon die Bühne geräumt für den vielversprechenden Headliner des Abends: Die grandiosen PARADISE LOST eröffneten ihre Darbietung – kurzer Blick auf die originale, von der Band während ihres Auftrittes höchstpersönlich verwendete und von mir quasi eigenhändig von der Bühne stibitzte Setlist (!) – mit dem wuchtigen "Mortals Watch the Day". Stimmung brauchte da nicht erst lange aufzukommen, die Fans waren ab der ersten Sekunde voll mit dabei. Auch war der Sound – bei den Vorbands ja bekanntlich nicht so berauschend – mittlerweile qualitativ äußerst zufriedenstellend. Die nächste Nummer war dann sowohl in album- als auch in stiltechnischer Hinsicht ein großer, für manche Zuseher vielleicht sogar gewagter Sprung: "So Much Is Lost" vom ohnehin sehr kontrovers rezipierten Album "Host" flutete die Halle mit klareren und vor allem elektronischeren Klängen. Nichtsdestoweniger kann dieser Song durchaus als inoffizielle Hymne der Band herhalten, drückt er doch nur allzu wörtlich aus, wofür die Gruppe und das von ihnen wesentlich geprägte Musik-Genre stehen: Verlust, Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit alles Irdischen.

Die sprunghafte Struktur der Alben- und Songauswahl zog sich durch den gesamten Auftritt und geschah mitunter auf Kosten einer gewissen, der Atmosphäre zuträglichen Kohärenz – also ein roter Faden ließ sich nicht ausmachen. Denn nach dem ohnehin schon eher überraschenden Auftakt ging "Remembrance" vom Album "Icon" der Pflicht-Nummer – und vielleicht offiziellen Hymne der Band – "Gothic" voraus. Aber allemal sehr geile Performance. Der etwas chaotische Längsschnitt durch die gesamte Diskografie der Band ging weiter mit dem melodiösen Song "Enchantment", durch welchen die Band wieder einmal ihre absolute Souveränität bei Live-Auftritten unter Beweis stellte und der meinerseits Gänsehaut auch auf dem kleinen Finger verursachte. Danach stand "Faith Divides Us – Death Unites Us" auf dem Programm sowie die gleichnamige Über-Nummer des aktuellen Albums "Tragic Idol". Ich, wie so viele andere mittlerweile vollkommen in Ekstase aufgegangen, begleitete diese wie auch die folgenden absolut packend dargebotenen Nummern "Never For the Damned" und das etwas spacigere "Isolate" headbangend und inbrünstig mitsingend. "Say Just Words" war dann das Sahnehäubchen, das es gehörig in sich hatte, das die feschen Mannen auf der Suche nach dem Paradies noch ins Publikum schmetterten, bevor sie, um die Zugabe-Phase anzukündigen, kurz von der Bühne verschwanden. "And for one second I lost my breath"…

Doch PARADISE LOST spannten ihre treuen Fans nicht unnötig lange auf die Folter und setzten mit dem sehr doomigen, kehligen, und vor allem historisch frühen Song (1990!) "Rotting Misery" erneut zum musikalischen Rundumschlag an. Dass "One Second" da wieder Kontrast-Programm darstellte, versteht sich von selbst. Doch die Menge war schlichtweg nicht mehr zu halten, und was soll ich noch großartig dazu sagen: "One Second" ist für mich definitiv einer der betörendsten Songs dieser Band überhaupt. "True Belief" war dann die meiner Meinung nach sehr stimmige Draufgabe und groovte einem das vom Bangen noch vorhandene Resthirn weg. Das atmosphärische "Over the Madness" sollte die Gemüter dann wieder etwas besänftigen und in den Rest des, zumindest für mich, bezaubernden Abends entlassen.

[Anica R. Siemangg]

Setlist PARADISE LOST: Mortals Watch the Day So Much Is Lost Remembrance Gothic Enchantment Faith Divides Us – Death Unites Us Tragic Idol Never For the Damned Isolate Say Just Words Encore: Rotting Misery One Second True Belief Over the Madness


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