Interview: KRANKHEIT - Chris

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Über den Tod zu denken hat keinen Zweck, denn wenn er kommt, ist man schon weg.

Was ist ein Gargantua und kann man das Essen?

Veröffentlicht am 16.11.2022

Hallo Chris, ihr seid seit 2011 in der Dark-Metal-Szene unterwegs. Gestartet in Österreich und auch im deutschen Raum keine Unbekannten mehr und habt einen Neuzugang in den Saiten. Möchtest du etwas zu der aktuellen Besetzung sagen?

Das ist richtig. Nach dem Abgang von Roy mussten wir uns neu orientieren. Anfangs wollten wir die Band auf ein Duo kürzen und mit diversen Live-Musikern arbeiten. Das gestaltete sich jedoch gar nicht so einfach. Mäx war damals ein guter Bekannter und es wurde schon kurz nach dem Ausstieg von Roy über mögliche gemeinsame Pläne gesprochen. Als ich ihn dann zufällig bei einem Konzert in Salzburg getroffen habe, wurde es auf einmal sehr konkret und nun sind wir hier und er ist fixer Bestandteil der Band. Wir haben einen neuen Freund gewonnen und eine Bereicherung für die Band. 

Wie findet man Gleichgesinnte im Dunkeln?
Indem man mit der Taschenlampe akribisch danach sucht. Spaß beiseite. Man glaubt gar nicht wie schwierig sich das gestaltet. Ein neues Mitglied hängt eigentlich von 3-4 wesentlichen Punkten ab. Zeit, Handwerk/Ambition und Charakter. Meistens findet man Leute, die nur einen oder zwei der genannten Punkte erfüllen. Selten jemanden, wo alles zutrifft. Ich habe mich mit einem Kollegen darüber unterhalten und er meinte, dass sei in der Stadt auch nicht einfach. Hier in den ländlichen Regionen ist das noch schwieriger. 
Wir sind sehr froh, mit Mäx jemanden zu haben, wo alles zutrifft und wir gemeinsam eine Menge Spaß haben. 

Fragen zu den einzelnen Songs:

Wie kommst du auf „Gargantua“ als Antihelden des neuen Albums?
(Man stößt ja nicht einfach mal so auf eine alte französische Romanreihe.)
Ich kann hier nur für mich sprechen. Meine Inspirationsquellen verstricken sich in die unterschiedlichsten Bereiche. Seien es Games, bildnerische Kunst, Filme, Philosophie, Geschichte, und vieles mehr. Das Wort Gargantua hörte ich zum ersten Mal auf der Fachhochschule, während meines Studiums. Dort war es noch der Titel zu einem Bild von Honoré Daumier. Natürlich habe ich das Thema dann verfolgt und bin zur Romanreihe gekommen. Auch das Schwarze Loch in einem meiner Lieblingsfilme, „Interstellar“, heißt Gargantua. Wir fanden den Titel sprachlich und inhaltlich sehr passend.  

Kommunikation – Wörter haben Macht – inwieweit lenkst Du mit deinen Wörtern die Meinung und gibt es Wörter, welche Du ungern benutzt?
Ich persönlich lenke „bewusst“ keine Meinungen, bzw. versuche immer mit Kompromissen Lösungen zu finden. Ich weiß aber sehr wohl, was rhetorisch klug und manchmal weniger klug ist. Das hängt aber dann ganz von der Person ab, die mir gegenüber ist. Ich verbiete mir kein Wort. Bei Sprache geht es immer um den Kontext und wer es warum spricht. Das Wort allein hat ohne Bedeutung keine Macht. 

Bett des Prokrustes – der Gute war nicht gerade zimperlich im Umgang mit Gästen. Ist es ein Gleichnis zur modernen Welt oder wofür steht er für dich?
Modern würde ich nicht sagen. Seine Geschichte ist schon etwas älter, aber immer noch zeitgemäß. Der Mensch will oder muss sich oft verbiegen und beschneiden. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, möchte ich offenlassen. 

By the way finde ich den dualen Part des Songs gewagt und interessant. Was war zuerst da?
Das ist unterschiedlich. Manchmal wird Text auf den Song geschrieben, manchmal existiert es schon und wird angepasst. Je nach dem. Ich hoffe du hast das gemeint. (jup, merci)

Des Kaisers neue Kleider – und wieder ein Märchen. Magst du Märchen, Sagen, Legenden?
Natürlich. Der Mensch definiert sich über seine Geschichten. Ich finde es spannend, wie sich diese Geschichten eigentlich immer und immer wiederholen. Wir sind scheinbar sehr resistent was das Lernen aus Fehlern angeht. C. G. Jung beschreibt sowas als kollektives Bewusstsein. Deswegen funktionieren diese Archetypen auch. 

Auf der Bühne trägst du ein fröhliches Schwarz. Wie schauts privat im Kleiderschrank aus? 
Auch Schwarz. Ich mag das. Das Fröhliche bleibt trotzdem.  

Neid –  zur Abwechslung ein wenig Todsünde – kommt sofort. Wie sind eure/Deine Erfahrungen mit Neid? Lernt man damit umgehen, oder trifft es einen eiskalt aus dem Hinterhalt?
Neid ist etwas Allgegenwärtiges. Sowas wie Neid kommt bei mir nur dann auf, wenn ich sehe, wie bei anderen Dinge funktionieren, die bei mir noch nicht so flüssig laufen. Dann erinnere ich mich aber sofort wieder daran, dass ich selbst einfach dranbleiben muss und arbeiten. Somit löst sich das wieder sehr schnell auf. Den toxischen Neid erreiche ich zum Glück gar nicht. 

Müll –  Wortassoziation: Wegwerfgesellschaft. Ist "Müll" für dich auch auf das menschliche Verhalten bezogen oder rein die tatsächliche Zerstörung der Natur durch die Hinterlassenschaften unserer Gesellschaft?
Beides und noch viel mehr. 

Ave-Maria – klassisches Piano und dann kommst Du, und machst ein Duett mit einem Kirchenchor. Welchen Chor konntest du dafür zwangsrekrutieren?
Den Computer. Wir würden sehr gerne mit einem echten Chor mal zusammenarbeiten. Bis dahin bedienen wir uns noch bei den aktuellen technischen Möglichkeiten. 

Wer hat das Musikohr bei euch, welches die Überschneidung verschiedener Musikstile überwacht und so passend zusammenbringt?
Alle eigentlich. Jeder hat seine Kernaufgabenbereiche, aber bei der Musik sind alle gleichermaßen beteiligt. Was die klassischen Midi-Arrangements angeht, klemmt sich immer Tony dahinter. Aber wie schon gesagt, es gibt da Arbeitsaufteilungen. Kreativ ist jeder gleichwertig und die beste Idee gewinnt. Es muss dem Song dienen. 

Was würde dein Religionslehrer zu diesem akustischen Attentat sagen?
Kommt darauf an welcher. Einer würde sich nicht sehr freuen, dem anderen würde es eventuell sogar gefallen. 

Exzorist ft. Thy Antichrist  – wurde dir schon mal eine Audienz bei einem Exorzisten empfohlen?
Haha, nein. Aber eine Überfahrt in ein KZ. Haters gonna hate…(Jessas, sehr uncharmant manche Zeitgenossen)

Wie würdest du das Böse definieren? 
Das ist aber ein großes Fass. Ich würde sagen „das Böse“ per se gibt es nicht. Diese Eigenschaft ist ein fixer Teil von uns. Man muss das akzeptieren und anerkennen. Man ist fähig und bereit böses zu tun. Entscheidend ist dann, ob ich es tue. Jemand der behauptet nicht fähig zu sein „böses“ zu tun, lügt. Der Mensch ist ein Raubtier. Jahrtausende an Evolution können nicht durch ein paar Jahrzehnte Wunschdenke eliminiert werden. (Korrekt)

Narr – muss sich ein Narr den Regeln beugen?
Kommt darauf an. Manchmal ist es gut, dass er es nicht muss. Manchmal wäre besser er täte es. 

Narrheit gibt Freiheit? Darf man als Künstler auch den Schelm rauslassen? Oder ist Ernst seine Pflicht?
Du darfst alles, wenn du mit den Konsequenzen umgehen kannst. Zum Thema Ernst. Nur wenn du über etwas lachen kannst, hast du den Ernst der Lage verstanden. 

Endlich – das Akzeptieren der Endlichkeit unseres Lebens gibt uns jeden Tag die Chance, unser Leben bewusst zu leben. Ist es ok, dass dieses Lied, diesen Gedanken bei mir hervorbringt?
Ja. Die Frage ist, ob man das kann und wenn ja, welche Bedingungen sind dafür notwendig. Vielleicht ist der Tod auch eine Erlösung. Ich hoffe es. Gibt auch den Spruch: „Über den Tod zu denken hat keinen Zweck, denn wenn er kommt, ist man schon weg.“ Ich kann dem sehr viel abgewinnen und es fokussiert wieder in die Gegenwart.  

Was bedeutet dir Zeit und Endlichkeit?
Zeit bedeutet mir noch alles, weil es mir zum Glück noch gut geht. Endlichkeit oder Unendlichkeit vermag ich nicht zu begreifen. Über sie nachzudenken bringt, mich zum Verzweifeln. Deshalb vermeide ich das so gut es geht.


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