Interview: AVANTASIA - Tobias Sammet

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Du steckst einfach drin in diesen Mühlen und es ist gar nicht mal so leicht, dem zu entfliehen.

AVANTASIA legen mit "The Moonflower Society" ein ganz besonderes Werk ab, das vor allem für Mastermind Tobias Sammet sehr persönlich zu sein scheint. Im Interview gibt er uns mehr Auskunft dazu!

Text: Sonata
Veröffentlicht am 21.10.2022

Moin Tobias! Die erste Frage wirst du voraussichtlich bereits 348 Mal gestellt bekommen haben, aber wie kam der ausladende Albumtitel zustande und was war die erste Reaktion vom Label darauf?

Zuerst wollte ich die Scheibe nur "The Moonflower Society" nennen, aber das klang mir irgendwie nicht kraftvoll genug und da fehlte was. Es sollte imaginativer klingen und den Hörer mehr ins Erlebnis reinziehen. Natürlich hab' ich mir Gedanken gemacht, wie das am Ende auf Streamingplattformen aussehen wird auf den ganzen kleinen Thumbnails etc., wo es dann keine Sau mehr lesen kann. Die Plattenfirma war natürlich erst nicht begeistert, weil es rein aus Marketingsicht völliger Mumpitz ist, aber auf der anderen Seite fanden sie den Titel auch geil und haben gesagt, dass sie das möglich machen wollen. Das rechne ich ihnen auch hoch an, dass sie mich da das Ruder haben übernehmen lassen. Wenn's sich deswegen jetzt scheiße verkauft, dann soll es so sein. 

Um hier die Brücke zu schlagen: Das Artwork bildet doch auch eine wunderbare Symbiose mit dem Albumtitel. Dieses inszenierte Theaterstück auf der Bühne, das all diese Charaktere zeigt. Es passt doch wie die Faust aufs Auge und zieht den Hörer rein, noch bevor er einen Song hören konnte.

Das finde ich auch! Ich habe ja erneut mit Alexander Jansson (kreierte ebenfalls das Artwork zu "Moonglow") zusammengearbeitet, der sich ja eigentlich eher für Kinderbücher auszeichnet und ihm gesagt, er möge seine düstere Seite hervorholen, ohne das Kind völlig über Bord zu werfen. Ich habe ihm nur meine grobe Vorstellung geäußert und ihm einfach aufgetragen, diese Charaktere auf die Bühne zu zaubern. Viele fragten auch, ob das Charaktere aus den Geschichten sind oder gar Sänger von AVANTASIA, aber dem ist nicht so. Das ist quasi einfach die Moonflower Society, die den Hörer in eine surreale fantastische Welt einladen soll. 

Das ganze Artwork Konzept war ja auch Aufhänger für die Lyric Videos etc. Sah der Plan von dir bzw. dem Label von Anfang an vor, dass ihr keine klassischen Videos abdreht, sondern solche leicht animierten Lyric Videos für die Promotion nutzt?

Ich muss vorwegnehmen, dass ich es ja absolut hasse, selbst in Videos mitzuspielen. Du musst jeden Take gefühlt 1000-mal drehen und die Locations sind auch nicht immer so geil. "Sleepwalking" ist ein wunderschönes Video, aber das es da wirklich schweinekalt in der Schneelandschaft war, das kriegt der Hörer ja nicht mit! Die Videos im Zuge der Kampagne standen allerdings schon länger, weil es ursprünglich auch früher erscheinen sollte, wir es aber aufgrund von BLIND GUARDIAN etc. nach hinten verschoben haben, sodass das Label nicht binnen kürzester Zeit das Pulver für tragende Säulen verschießt. Und in der gesamten Planung war die Pandemie gerade noch akuter im Gange, sodass es logistisch eh schwierig geworden wäre. Das war am Ende also ein sehr netter Kompromiss. 

Du hast im Zuge der Veröffentlichung des Albums des Öfteren erwähnt, dass es dein bisher persönlichstes Album ist und in dir viele Emotionen geweckt hat. Wie würde eine kurze Storyline Zusammenfassung deinerseits aussehen?

Es ist diesmal keine zusammenhängende Story, sondern jeder Song kann und soll für sich genommen werden. Ich wollte auch einfach mal was Kurzweiliges machen und nicht wieder so eine überlange Platte machen, die eine komplette Geschichte erzählt. Ich habe mir in Therapieform alles von der Seele geschrieben in Form vom Eskapismus. Also Storytelling in AVANTASIA Form, wo ich unsere Welt verlassen kann, um in die Fantasiewelt eintauchen zu können. Ich habe extrem viele Dinge auf dem Album verarbeitet, während ich mein Studio betreten habe. Was sich in den letzten 15 Jahren angestaut hat, habe ich einfach mal verarbeiten wollen. Ich hab' manchmal nicht gemerkt, dass dieser Job einen gewissen Tribut erfordert und konnte das teils nie wirklich reflektieren. Dieses Album hat mir die Chance gegeben, das mal alles runterzuschreiben, was ich auch gebraucht habe, um nicht verloren zu gehen unter diesem "Druck". "I Tame The Storm" oder "Scars" beschreiben das ganz gut. Die Moonflower Society ist quasi ein cabinet of wonders und sollte das Ganze in zauberhafter Form als Imaginarium Theater darstellen. 

Ich finde rein musikalisch ist "The Moonflower Society" wohl auch das bisher vielseitigste AVANTASIA Album. Diese Vielfalt spiegelt die diversen Themen denke ich ganz gut wider und liefert stets einen spannenden Kontrast.

Vielen Dank! Unabhängig davon, ob es jetzt das vielseitigste Album ist oder nicht, war es definitiv das eine Album, wo ich so viel selbst reingesteckt habe wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich hab' alles selbst geschrieben und vorproduziert, hab alle Chöre etc. gemacht. Selbst auf dem Piano war ich diesmal zu 100% unterwegs und konnte mich vollkommen austoben. Selbst Sascha (Paeth; Produzent) hat manche Songs erst gehört, als sie schon fertige Demos waren. Ich bin hier vollkommen versunken und habe durch die persönlichen Themen einfach sehr viel in die Hand nehmen wollen, was mir gut tat und was man dem Album letztlich auch anmerkt. 

Ich muss sagen, dass du dich auch gesanglich so stark und emotional wie nie zeigst auf dem neuen Album. Ohne die Schleimspur zu groß werden zu lassen, bin ich durchaus der Ansicht, dass wir hier den besten Tobias Sammet hören, den es bisher gab.

Dankeschön! Das freut mich! Ich glaube das liegt vor allem daran, dass ich diesmal auch wirklich singen wollte. Nicht, dass ich in der Vergangenheit kein Bock auf Singen hatte, aber das Pensum war in der Vergangenheit teilweise viel zu hoch und ich habs teils nicht gemerkt. Gerade, als ich auch EDGUY noch zu 100% mitziehen wollte, hat es mich fast erschlagen. Album AVANTASIA, TOUR AVANTASIA, ALBUM EDGUY, TOUR EDGUY und dazwischen natürlich 1000 Promotouren, wo man teils für Interviews noch von Europa über Asien nach Südamerika geflogen ist. Es war alles zu viel und ich wollte allem gerecht werden. Klar war ich euphorisch, wenn ich ein fertiges Album im Studio hören konnte, aber so richtig realisieren, wie mir das geschadet hat, das konnte ich seinerzeit nicht. Meine Stimme hat extrem gelitten und da waren zig Warnzeichen, die ich ignoriert habe. Daher gehe ich das mittlerweile anders an und es tut mir unfassbar gut. 

Gut, dass du das mittlerweile so reflektieren kannst! Manchmal ist es ja schon zu spät, wenn einem dann die Stimmbänder reissen zum Beispiel...

Du, ich hatte echt zig Warnzeichen. Ich hatte einen Hörsturz und 2008 hab' ich zum Beispiel auf einer Seite das Gehör verloren und damals dachte ich nur, dass es ja hätte schlimmer sein können, wenn ich es durch 'ne Explosion oder so verloren hätte, aber es war ja "nur" die Musik. Du steckst einfach drin in diesen Mühlen und es ist gar nicht mal so leicht, dem zu entfliehen. Es gibt immer viele Leute, die dir auf die Füße treten wollen nach dem Motto "Ach der macht ja eh nur noch AVANTASIA und scheißt auf seine Freunde bei EDGUY, weil das mittlerweile mehr Geld bringt." und so weiter. Aber du musst lernen, das zu ignorieren. Die Leute kennen mich nicht und wissen nicht, was gut für mich ist. So sehr Corona alles zum Erliegen gebracht hat, so sehr hat es mich aus der Schusslinie gezogen und ich konnte neue Kraft tanken. Ich habe es so genossen, an diesem Album zu arbeiten, weil es wie eine Art Befreiungsschlag war. 

Du kannst es den Leuten so oder so nicht recht machen, das ist in der heutigen Zeit schlimmer dennje. Wenn du auf Zwang ne neue EDGUY Scheibe machst, weil die Leute danach schreien, dann hat absolut keiner was davon.

Natürlich nicht, aber manche Leute wollen ja auch, dass AVANTASIA endlich wieder wie "Metal Opera" klingt, aber das kann ich nicht mehr! Die Platten sind über 20 Jahre alt! Ich habe mich mit Geoff Tate mal darüber unterhalten und die Fans haben ihn ewig genervt, dass er mal sowas wie eine "Operation Mindcime" Platte machen soll und er hat irgendwann klein bei gegeben. Dann kam diese Platte und die Fans meinten allen Ernstes "Hä? Das klingt ja wie Operation Mindcrime... Wie langweilig." Ja natürlich klingt das dann so! Lass einen Künstler doch einfach das machen, was er oder sie für richtig hält. Unter Druck und abertausenden Erwartungshaltungen entsteht keine authentische oder gute Musik. Ich hab das für mich gelernt und die paar Motzköpfe da draußen wird es so oder so immer geben, egal was ich tue.

Da stimme ich zu 100% und empfinde das als schönes Schlusswort! Vielen Dank für das spannende Gespräch und alles gute für die neue Scheibe!

Danke, hat Spaß gemacht!


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