Interview: GHOSTHER - Frank Stellmacher

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Es kann passieren, dass du bei unseren Songs auf ein Melodeath-Riff stößt und fünf Sekunden später kommt ein Chorus, der an BEYONCÉ erinnert.

Nach der Veröffentlichung des zweiten GHOSTHER-Album ergab sich kurzfristig die Möglichkeit, einen Plausch mit Bassist Frank zu halten.

Veröffentlicht am 10.10.2022

Hallo Frank, schön dass du Zeit hast, um ein wenig über deine Band und die neue Platte zu plaudern. Wir kennen uns ja schon etwas länger, aber stell dich doch unserer Leserschaft kurz vor. 

Hi, ich bin der Frank, Bassist bei GHOSTHER, und unter anderem noch bei Doc Gator Records für grafische Sachen zuständig. Ich habe eine eigene Facebook-Gruppe – die „Heavy Metal Fans“. Und ich mache eigentlich noch hunderttausend Sachen, irgendwie kriege ich das hin. Mit GHOSTHER haben wir jetzt gerade unser zweites Album "Immersion" herausgebracht.

Bevor wir auf „Immersion“ zu sprechen kommen, lass uns kurz zurückblicken. GHOSTHER gibt es (anfänglich unter dem Namen MODO) mittlerweile fast zehn Jahre. Ist euer Line-Up in der ganzen Zeit konstant geblieben?

Nein. Gegründet worden ist die Band von Jenny und Ronny – die sind ja Geschwister – anfänglich noch mit einem anderen Gitarristen und Bassisten. Es stellte sich allerdings schon nach kurzer Zeit heraus, dass der Gitarrist da nicht mehr mitmachen wollte. Die Gründe dafür kenne ich nicht. Und als die Band auf der Suche nach einem neuen Gitarristen war, hat der Andy gesagt: „Ich helfe euch erst mal aus“. Das Aushelfen war eigentlich nur so lange geplant, bis sich ein neuer Gitarrist gefunden hätte. Aber irgendwann gab es Andys alte Band CYRCUS, die auch relativ bekannt war, nicht mehr, und ab da hat er sich entschieden fest bei GHOSTHER mitzumachen. 

2018 hat dann der damalige Bassist aus Zeitgründen aufgehört. Ich spielte zu der Zeit noch in einer Cover-Band, war da aber zufälligerweise auch gerade auf dem Absprung, weil ich nach 20 Jahren Cover-Musik keine Lust mehr drauf hatte. Und ich hatte zu dem Zeitpunkt gar nicht groß nach etwas Neuem gesucht, weil für mich an dem Punkt meine Musiker-Karriere eigentlich zu Ende war. Entwickelt hat sich mein Einstieg auf einem Proberaum-Konzert von MODO.

Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Ich sagte zu einem Freund, der auch anwesend war und der Band recht nahestand: „Wenn die mal nen neuen Bassisten brauchen, steige ich da ein.“ Darauf meinte er: „Ich kann dir relativ sicher sagen, DASS der aufhört“. Und so entstand der erste Kontakt, dass ich zur Band gesagt habe: „Wenn ihr einen Bassisten sucht, sagt mal Bescheid. Ich hab da Bock drauf“. Die gleiche Geschichte nach dem Motto: „Wenn der Bassist mal aufhört, fange ich da an“, hatte ich vor ca. 27 Jahren schon mal. Ich hab damals, als es um meine alte Band ging, zu meiner Mutter gesagt, da war ich so 18: „Wenn die einen Bassisten brauchen, fange ich da an“. Sie hat mich damals ausgelacht und sagte: „Ja klar!“ Weil, die waren damals relativ bekannt, bei uns in der Ecke. Aber es hat irgendwie geklappt, und ich war dabei. Und bei MODO hat sich die Geschichte so ein bisschen wiederholt, und ich war ab Anfang 2018 dabei. Seitdem ist das Lin-Up aber konstant.

Würdest du sagen, dass diese seit über vier Jahren feste, unveränderte Besetzung Auswirkungen auf die Qualität eurer Musik hat?

Definitiv. Jeder neue Musiker, und diese Erfahrung habe ich in den letzten 30 Jahren immer wieder gemacht, muss sich erst mal einspielen. Man muss schauen, ob das überhaupt menschlich zusammenpasst, aber auch ob es musikalisch funktioniert, denn das ist ja immer so die Sache, die Richtung der Musik, die man macht, und wo man hinwill. 
Bei uns vieren ist es so, obwohl wir alle sehr unterschiedliche Einflüsse haben, gibt es mehrere gemeinsame Nenner, und die treffen sich in unserer Musik.

Um noch mal auf die Sache mit MODO zu sprechen zu kommen, habt ihr den alten Bandnamen wirklich wegen der Verwechslungsgefahr mit dem 90er Jahre Eurodance-Projekt abgelegt?

Ja natürlich. Anfangs hatten wir uns einen Spaß daraus gemacht, und unser Intro bei Konzerten war tatsächlich „Eins, zwei, Polizei…“. Aber unabhängig davon bist du irgendwann an einem Punkt, wo du mit deiner Band vielleicht Platten veröffentlichen willst, die halt nicht nur im Freundeskreis verkauft werden. Und da kamen dann so die ersten Bedenken. Wollen wir riskieren, dass wir dann eine komplette Pressung einstampfen müssen, weil wir uns dann umbenennen müssen? Und auch von unserem alten Label-Boss kam der Hinweis, dass wir uns vielleicht nach einem anderen Namen umsehen sollten. Das war zu dem Zeitpunkt noch kein Zwang oder so, und es gab auch noch keine rechtlichen Schritte gegen uns. Aber wir haben uns dann schon im Vorfeld entschieden, diesen ganzen Dingen aus dem Weg zu gehen. 

Bei der Schreibweise des jetzigen Bandnamens gibt es ja dieses zweite „H“ in der Mitte des Wortes. Hat das eine bestimmte Bedeutung?

Ja, klar. Eigentlich setzt sich der Name aus zwei Wörtern zusammen: „Ghost“ und „her“, also jemanden ausblenden, z.B. in den sozialen Medien jemanden überall blockieren, mit dem nix mehr zu tun haben wollen. 

„Immersion“ ist euer zweites Album. Bereits das Debüt „Through Fire“ konnte die Medien und die Fans gleichermaßen begeistern. Doch mit der neuen Scheibe habt ihr meiner Meinung nach noch mal einen Schritt nach vorn gemacht. Siehst du das genauso?

Definitiv! Ich finde, „Immersion“ klingt insgesamt gestraffter. Unabhängig von den neuen Einflüssen, wenn man das überhaupt so nennen kann, denn viel dieser Elemente waren auch schon auf „Through Fire“ vorhanden. Allerdings ist das erste Album in einem Zeitraum von mehreren Jahren entstanden. Da waren im Prinzip alle Songs drauf, die wir bis dahin hatten. „Immersion“ ist dagegen – und ich finde, das hört man auch – in einem relativ kurzen Zeitraum entstanden. Da waren jetzt keine großen Lücken dazwischen. Die Songs sind in einem Zeitrahmen von drei, vier Monaten entstanden. Und dementsprechend hört man auch einen roten Faden, der sich durch das Album zieht. 

Der Begriff „Immersion“ hat im Deutschen ja unterschiedliche Bedeutungen, bzw. er kann mehrdeutig ausgelegt werden. Was ist deiner Meinung nach die treffendste Übersetzung?

Dieses Eintauchen halt. Das spiegelt sich ja letztendlich auch im Cover wider. Oft sieht man nur so die Sachen, die an der Oberfläche liegen. Und um die „ganze Wahrheit“ zu sehen, muss man auch mal hinter die Fassade schauen. Einfach mal tiefer einzutauchen, um zu sehen, ob es nicht noch etwas anderes gibt als das, was an der Oberfläche schwimmt. Und das kann man ja auf alles beziehen, die momentane politische Lage der Welt zum Beispiel. Im Moment kannst du nur das in dich aufnehmen, was die Medien dir vorgeben, aber ob diese Sachen wirklich stimmen, ist ja die andere Seite. Also, mal nicht alles sofort glauben, was man auf den ersten Blick sieht oder hört. 

Ihr selbst beschreibt eure Musik als „…Alternative Metal irgendwo zwischen HALESTORM, KILLSWITCH ENGAGE, den FOO FIGHTERS, SOILWORK und den ARCHITECTS…“. Haben die genannten Bands eher Vorbildwirkung, oder übt der Sound dieser Gruppen auch direkten Einfluss auf euren Stil und eure Songs aus?

Also, ich glaube, eher eine Vorbildwirkung. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann unsere Musik eigentlich gar nicht so richtig beschreiben oder klassifizieren. Das ist für einen selbst auch immer schwierig zu sagen: „wir klingen so, oder wir klingen so“. In unserer Musik sind schon hin und wieder mal Elemente drin, die vielleicht etwas an die FOO FIGHTERS erinnern, in einem Drum-Beat zum Beispiel oder an SOILWORK an anderer Stelle. Aber ansonsten glaube ich nicht, dass man sagen kann, DER Song klingt jetzt genau nach SOILWORK oder ein anderer genau wie FOO FIGHTERS.

Und das spiegelt sich auch in den Kritiken wider, die wir aktuell bekommen, weil keiner genau sagen kann, wie wir klingen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Reviews sehr voneinander. Der eine schreibt, da ist etwas von dem und dem drin, andere hören wieder das und das heraus. Ich persönlich finde zum Beispiel auch Elemente von SLAYER oder vom Death Metal aus den 90ern in unseren Songs, aber auch Hardrock und Rocksachen aus den 80ern. Das ist aber nie so prägnant, dass man jetzt sagen könnte, das ist ein 80er-Jahre-Song oder so. Und das hört sich vielleicht erst mal ziemlich wild an, ist es am Ende aber gar nicht, weil die ganzen Einflüsse in unserer Musik sehr homogen zusammenkommen. Wir mischen halt einfach alles, was uns Bock macht.

Zwei Dinge sind mir sofort bereits beim ersten Durchlauf aufgefallen und stellen für mich die markantesten Veränderungen im Vergleich zu „Through Fire“ dar. Zum einen verwendet ihr tatsächlich Melodic Death Metal-Versatzstücke, wie zum Beispiel zu Beginn des Openers als Einleitung oder in „Better Days“. Die Art und Weise, wie dieses Stilmittel eingesetzt wird, erinnert mich ein wenig an HEAVEN SHALL BURN. Wer ist denn auf die Idee gekommen, dass auch Melodeath gut zu eurer Musik passen könnte?

Das ist halt so die Sache. Wir machen uns da relativ wenig Gedanken drüber. Wie ich gerade schon sagte, wir machen das, worauf wir Bock haben und was uns Spaß macht. Und dazu zählt unter anderem auch Melodeath. Andy, unser Hauptsongwriter ist zum Beispiel ein riesiger SOILWORK-Fan und mag Melodic Death Metal generell. Ich sowieso. Ich komme ja aus dem 90er Old-School-Death Metal, habe aber auch irgendwann angefangen, Sachen wie IN FLAMES zu hören. Also kommen die entsprechenden Einflüsse schon von allen aus der Band, und dass das dann irgendwann auch mal in unserer Musik auftaucht, ist demzufolge gar nicht so abwegig. Wir haben es nur so verpackt, dass es auch in unseren eigenen Stil reinpasst. Wir hören zum Beispiel aber auch alle Popmusik, und so kann es passieren, dass du bei unseren Songs auf ein Melodeath-Riff stößt und fünf Sekunden später kommt ein Chorus, der eventuell an BEYONCÉ erinnert. Wenn das gut zusammenpasst, dann machen wir das. Auch aufgrund unseres gemischten Alters kommen da ganz viele unterschiedliche Einflüsse zusammen und so gibt es bei GHOSTER halt alles, von Pop über Black Metal bis hin zu SLAYER.

Wir hatten in dem Song „Resistance“ einen Blast Beat, der mich irgendwie immer an Black Metal erinnerte. Also war das für uns in der Produktionsphase der Black Metal-Song. Oder es gab bestimmte Beats, durch die für Andy und mich ein anderer Track sozusagen den SLAYER-Part hatte. Und diese Namen: Slayer-Song, Black Metal-Song waren dann auch tatsächlich unsere Arbeitstitel.

Ich finde, diese Mischung und die unterschiedlichen Einflüsse machen euch im positiven Sinne unvorhersehbar. Die zweite direkt ins Auge stechende Neuerung ist Andis Gesang. Er hat die cleanen Vocals des Debüts (fast gänzlich) gegen gutturale Shouts getauscht, was mir persönlich außerordentlich gut gefällt, weil er meiner Meinung nach diese Gesangsform wesentlich besser beherrscht und die harschen Shouts auch einen guten Kontrast zu Jennys Klargesang bilden. War es eine bewusste Entscheidung von euch, den Gesangsstil eures Axtschwingers zu ändern oder hat sich das eher unbewusst ergeben?

Eigentlich beides. Durch die Tatsache, dass die Songs insgesamt etwas härter geworden sind, musste natürlich Andys Gesang, seine Shouts entsprechend angepasst und justiert werden. Das hat sich unbewusst in die entsprechende Richtung entwickelt. Aber auch bewusst, denn hat er dann auch wirklich monatelang, sogar zusammen mit einem Coach, dran gearbeitet, um ein gutes Ergebnis abzuliefern und auch die ganzen Techniken zu lernen, damit er sich die Stimme nicht kaputt singt. 

Ihr habt auf dem aktuellen Album gleich zwei Gastgesangsbeiträge, zum einen Björn Strid in „Doomed“ und zum anderen Joey Tyler in „More Of The Same“. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit den beiden?

„Doomed“ entstand eigentlich erst, nachdem wir unsere Vorproduktion schon fertig hatten. Eigentlich standen die Titel fürs Album schon, doch dann hat Andy sozusagen in einer Nacht- und Nebelaktion noch ein weiteres Stück geschrieben. Er meinte, die Nummer wäre ganz cool und da haben wir ihn noch mit fertig gemacht und irgendwann kam dann die Idee, da müsste eigentlich noch so ein richtig fetter Shouter mit dazu, so als Feature. Und weil SOILWORK eine der Bands sind, die bei GHOSTHER den gemeinsamen Nenner darstellen, haben wir schlussendlich entschieden, mal beim Björn anzufragen. Ein „Nein“ hatten wir schon, also konnten wir bestenfalls ein „Ja“ kriegen. Also haben wir ihn angeschrieben und ihm die die Demo-Version geschickt – und er fand es geil. So ist diese Sache gestartet. Den Rest haben Jenny und Björn untereinander abgestimmt und etwas später hatten wir dann seine Gesangsspuren und konnten sie in den Song integrieren.

Bei Joey war es so, dass seine Band VRSTY hierzulande zwar noch nicht so bekannt ist, in Amerika und New York aber gerade richtig durch die Decke geht. Und Andy hatte in den sozialen Netzwerken Kontakt zu ihm, weil er VRSTY richtig cool findet und das auch gepostet hatte. Also hat Andy ihn angeschrieben nachdem wir den Song „More Of The Same“ fertig hatten und fanden, dass Joeys Stimme sehr gut dazu passen würde. Und auch Joey hat direkt gesagt: „Das mache ich!“. Das ist also über den „kurzen Dienstweg“ gelaufen, wenn man so will und hat alles super funktioniert.

Um noch kurz beim Thema Gastsänger zu bleiben, ich fand auch die Idee, wie ihr Björns Gesangsparts visuell in euer Video zu „Doomed“ eingebunden habt, richtig gut umgesetzt.

Ja. Das war eher aus der Not heraus geboren. Wir hatten Björn darum gebeten, dass er sich bei seinen Gesangsparts mit der Kamera aufnimmt. Dann kamen seine Videos und wir haben uns gefragt, was wir jetzt damit machen könnten. Die jetzt einfach so einzublenden, fanden wir ein bisschen billig. Und irgendwann hatte jemand die Idee, dass doch mit Fernsehern zu machen. Und Björns Videos sind auch nicht in die Geräte hineinprojiziert, sondern das Material läuft wirklich auf den Fernsehern. So richtig mit DVD-Player und Multi-Scart und hunderttausend Kabeln. Ich hatte da den ganzen Tag daran gesessen, die Sache überhaupt so in Gang zu bekommen, dass Björns Aufnahmen wenigstens auf drei Fernsehern laufen. Die Geräte funktionierten nicht alle, da wir uns die teilweise vom Sperrmüll besorgt hatten. Da stehen aber auch noch uralte Geräte dabei, die ich mir von meinem Vater geborgt habe. Der sammelt alte Radios und hatte glücklicherweise auch noch zwei, drei analoge Röhrengeräte rumstehen, mit gefühlt 500 Kilo Gewicht pro Fernseher. Das mussten wir am Set dann auch alles so aufbauen, dass es genau zusammenpasste und nicht umkippte, mit Spanngurten und so. Das war schon ein ziemlicher Aufwand, aber am Ende hat es sich gelohnt, wie ich finde. 

Auf jeden Fall! Digital trifft auf analoge Technik, könnte man sagen. 

An dieser Stelle noch ein weiterer Blick zurück. Euer Debüt erschien im Dezember 2019. Eigentlich wäre 2020 ja euer Jahr gewesen, um mit der Scheibe im Rücken so richtig durchzustarten, vor allem auch live. Doch dann kam Corona und hat vor allem der Künstler- und Eventbranche komplett den Wind aus den Segeln genommen. Wie habt ihr die Zeit der Pandemie erlebt und was habt ihr unternommen, um nicht unterzugehen? Ich denke mal aufgeben, war sicher nie eine Option.

Nein. Aber der Anfang war schon schwierig. Wir hatten unser Debüt-Album, teuer produziert in einem gestandenen Studio. Und danach gab es noch genau drei Auftritte. Unsere Release-Show mit MOTORJESUS zusammen, ein Konzert als Support für MYSTIC PROPHECY im Turok in Essen, ein Gig mit MOTORJESUS in Mönchengladbach und das war's dann. Die letzte Show stand dabei bereits auf der Kippe. Du weißt ja, wir kommen aus dem Kreis Heinsberg und der war ja Patient Null, sozusagen das Corona-Epizentrum zu diesem Zeitpunkt. Deshalb waren die Heinsberger erst mal nicht gern gesehen und wir haben bei dem Konzert in Mönchengladbach auch darauf verzichtet zu sagen, woher wir kommen. Direkt danach kam der Lockdown. Und du stehst erst mal da und denkst: „Na super!“

Wir hatten für 2020 eigentlich deutschlandweit sehr viele Festivalauftritte geplant, auf denen wir auch schon gebucht waren. Und dann war auf einmal nix mehr. Was schlussendlich in den folgenden zwei Jahren passiert ist, wissen wir ja alle. Das war schon erstmal frustrierend. Wenn man dasteht und denkt: „Ja – was machst du denn jetzt?!“ Aber dann haben wir, bzw. der Andy, relativ schnell angefangen neue Songs zu schreiben. Und das ging dann ziemlich fix, wie ich vorhin schon erzählt hatte, innerhalb von drei, vier Monaten waren die Stücke für ein ganzes Album fertig. Die haben uns in der Vorproduktion schon so sehr begeistert, dass es für uns nur heißen konnte – weiter machen, weiter machen, weiter machen! Und wenn jetzt halt fast nichts möglich ist, zurzeit, machen wir halt das Dickste draus, was irgendwie geht.

Wir sind also im Frühjahr 2021 ins Studio gegangen, haben das komplette Album aufgenommen, ganz in Ruhe, ohne Druck. Wir haben uns im Studio auch die Zeit genommen, das ein oder andere Arrangement noch mal zu überdenken. Dadurch hat der gesamte Aufnahmeprozess in Summe etwa einen Zeitraum von vier Monaten in Anspruch genommen. Das hatte auch damit zu tun, dass wir ja das Album nicht zusammen aufnehmen konnten durch die Kontaktsperren, sondern immer nur einer allein. Das Studio war in Köln. Und Köln hatte eine Ausgangssperre ab 20.00 Uhr. Das kam halt auch noch dazu. Aber der Aufwand und auch die Strapazen haben sich gelohnt, denn als wir dann zum ersten Mal die fertigen Mixe gehört haben, standen wir mit offenem Mund da und konnten es selbst nicht glauben, was wir da abgeliefert hatten. 

Demzufolge kann man „Immersion“ ja schon als ein Kind der Corona-Jahre bezeichnen. Du hast das ein oder andere schon erwähnt, aber noch mal konkret nachgefragt – hat die Pandemie neben der Entstehung des Albums auch seinen Inhalt beeinflusst?

Ja klar. Es steckt schon auch eine Menge Wut in dem Album und auch in den Texten. Von Wut über Verzweiflung bis hin zu Hoffnung ist da alles dabei, sowohl von den Lyrics und der Musik als auch von der Stimmung her. So handelt der Song „Infectious“ thematisch direkt von der Pandemie-Zeit. Auf einer anderen Ebene geht es aber auch darum, dass der einzige Virus eigentlich wir Menschen sind und wir die Welt kaputt machen. „We are the weapons…“. Aber da gibt es eben auch Stücke wie „A Beautiful Mind“, die dann wieder ein Stück positiver rüberkommen. 

Lyrics ist ein gutes Stichwort. Die Texte des neuen Longplayers drehen sich zum großen Teil um Beziehungen und Beziehungsprobleme oder sie enthalten Selbstreflektionen der Erzähler-Person, die von Zweifeln, Schmerz und Verlustängsten handeln, aber auch von Hoffnung. Bei GHOSTHER ist ja eure Frontfrau Jenny für die Lyrics zuständig. Sind die Inhalte der Songtexte eher fiktiv, oder spiegeln sie tatsächlich Jennys persönliche Erfahrungen und ihr Seelenleben wider?

Auch hier – beides, würde ich sagen. Teilweise ist es metaphorisch, zum Um-die-Ecke-Denken. Wie in „Criminal Love“ zum Beispiel. Der Text handelt davon, dass sich jemand (online) von einer anderen Person abhängig machen lässt, in Chats und so weiter. Dass die Person sich einlullen lässt, um dann missbraucht zu werden. Hin und wieder muss mal also ein wenig zwischen den Zeilen lesen, aber natürlich fließen auch persönliche Erfahrungen in die Texte ein. Dazu kommen Themen, die einfach aus dem (realen) Leben gegriffen sind und um die Jenny dann ihre Texte drum herum baut, wie in „Karma“. Da geht es um einen alten Arbeitskollegen, der seine Mitarbeiter über Jahre hinweg gemobbt hat. Der Betreffende wird nicht personifiziert, aber sicher kennt jeder so eine ähnliche Situation, ob im Beruf, oder bei den Kindern in der Schule. Und da kommt das Karma ins Spiel, nach dem Motto: Irgendwann holen dich alle deine Taten ein und fallen auf dich zurück. 

Auch wenn wir uns langsam wieder auf die dunkle Jahreszeit zu bewegen und Corona noch nicht wirklich vom Tisch ist, sieht die Situation, was Liveauftritte angeht, wieder ganz gut aus. Was habt ihr für 2022 noch so an Konzerten geplant? Und habt ihr vielleicht auch schon einige Auftritte fürs nächste Jahr im Auge, eventuell ja den ein oder anderen Festival-Gig?

Ja, Anfang Oktober haben wir erst mal die Release-Show zu „Immersion“ mit unseren Freunden von MY AMNESIA und IGNITION. Und danach geht’s los! Wir gehen auf Deutschland-Tour mit APRIL ART im Oktober, und im November spielen wir noch zusammen mit den BUTCHER SISTERS. Für 2023 gibt es erste Anfragen aber noch nichts Konkretes. Die Situation ist im Moment etwas schwierig, da auch die ganzen Festival-Leute noch nicht so richtig wissen, wie es weitergeht nächstes Jahr. Deswegen konzentrieren wir uns jetzt erst mal auf die Tour, die diesmal natürlich vom Zeitpunkt perfekt passt, direkt im Anschluss an die Veröffentlichung des Albums. 

Frank, vielen Dank für deine Zeit und deine interessanten Antworten. Viel Erfolg für GHOSTHER weiterhin und ich hoffe, euch in der Zukunft auch mal live erleben zu dürfen.

Vielen Dank auch von meiner Seite für das nette Gespräch.

 

Das Stormbringer-Review zum aktuellen GHOSTHER-Album "Immersion" findet ihr hier.


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