Interview: SUMMER BREEZE OPEN AIR - Roman Hilser

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Was glaubst du, sagen Leute, wenn z.B. IRON MAIDEN auf dem Summer Breeze spielen? Gehen sie dann zum Summer Breeze, oder gehen sie zu IRON MAIDEN?

Im Vorfeld des diesjährigen SUMMER BREEZE OPEN AIRs hatte Stormbringer die Gelegenheit, ein äußerst interessantes, spannendes und informatives Gespräch mit Roman Hilser, dem Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit beim SBOA zu sprechen.

Veröffentlicht am 17.08.2022

Hallo Roman. Super, dass es geklappt hat und wir ein wenig über das Summer Breeze Open Air plaudern können. Das Festival wird ja von der Silverdust GmbH organisiert und durchgeführt. Erzähl doch unseren Lesern bitte, was dein Job bei Silverdust ist.

Ich würde das so beschreiben: Ich bin ein digitaler Postbote, der aber mithilft, die Form der Briefe und die Inhalte der Briefe zu gestalten. Alles, was beim Festival, in der Produktion, im Booking entsteht, muss irgendwie zum Fan kommen, und ich habe die Aufgabe, dass es bei uns in einer verständlichen und ansprechenden Form nach außen geht. Ich habe die Möglichkeit im Hause zu koordinieren mit unserer Grafik wie das Ganze aussehen soll, teilweise mache ich das selbst, wenn es schnell gehen soll. 

Der andere, große Teil meiner Arbeit ist, dass vor Ort während des Festivals Medien, Bild – bewegt oder als Foto – etc. gesammelt werden, damit wir unser eigenes Zeug zur Bewerbung vom Breeze verwenden können. Das heißt, tägliches After Movie oder Impressionsvideos oder Fotos aller Bands und Fans. 

Wie lange bist du schon dabei, und wie bist du zu dem Job gekommen?

Also zum Summer Breeze kam ich erst als Fan, dann als Crew einer Band, das war damals 2013 mit DER WEG EINER FREIHEIT, 2014 war ich Stage Hand auf dem Breeze auf der Pain Stage und in dem Jahr – 2014 – habe ich dann über einen Freund, Phil von HACKNEYED, die Empfehlung an Achim weitergeben können, dass ich mich gut um Facebook und Zeug kümmern kann, das war sozusagen die Empfehlung. Und dann habe ich ab 2014 einen 450- Euro- Job gemacht und mich vor allem um Facebook und Instagram gekümmert, und Ende 2015 bin ich fest angestellt worden. Und ich kenne sogar noch eine Perspektive mehr vom Festival: Mit der eigenen Band nämlich auch, das war dann 2015. Vor der Festanstellung 2015 habe ich noch selber gespielt. 

Du warst bei DER WEG EINER FREIHEIT Bandmitglied? 

Nein, Mitglied der Crew. Aber drei Leute zu dem Zeitpunkt damals von DER WEG EINER FREIHEIT waren gleichzeitig auch noch in meiner Band FUCK YOU AND DIE. Das war so eine Klüngelbandvermischung, und bei DER WEG EINER FREIHEIT habe ich oftmals Merchandise auf der Tour gemacht oder war in der Crew. Aber das hat sich dann ein bisschen runtergeschraubt wegen des Summer Breeze Jobs, das war 2014. 

Von FUCK YOU AND DIE habe noch gar nicht gehört, muss ich gleich mal googlen. Gibt`s die Band noch?

Nein, wir sind seit 2016 nicht mehr aktiv. 

Aber man wird wahrscheinlich etwas zum Hören im Netz finden. 

Auf jeden Fall!

Ich selbst habe dich ja über deine Arbeit als Stimme des Breeze im offiziellen Forum kennengelernt und empfand den Austausch mit dir dort als äußerst angenehm. Allerdings muss man mittlerweile dieses Medium ja leider schon als Fossil aus einer anderen Zeit bezeichnen. Hast du eine Erklärung, warum die Foren generell immer mehr aussterben?

Ja, Aussterben stimmt sogar bei uns auch, also es sind die letzten zwei Wochen vom Summer Breeze Forum, da haben wir das Ende angekündigt vor ein paar Tagen. Ich will da gar nicht zu traurig klingen, aber ich glaube die Leute sind viel schneller in ihrer Kommunikation, viel direkter, es läuft viel mehr über WhatsApp, vielmehr auf dem Handy direkt. Also ich weiß nicht, wie Du oder wie Leute im Allgemeinen Foren nutzen, aber ich verbinde Forum immer mit dem Lesen am Desktop. Ich habe es kaum auf dem Smartphone. Ich glaube die Mobilgeräte haben ein bisschen was damit zu tun, dass Foren schlechter funktionieren, neuere Arten der Kommunikation und die verringerte Aufmerksamkeitsspanne von den meisten Leuten. Diese „too long, didn’t read“-Mentalität, ich glaube, die haut bei Foren total rein mit „Ach, da kommt der wieder, der so viel schreibt, dass lese ich gar nicht durch.“, ich glaube das wird immer häufiger – leider. 

Ja, ich verbinde Foren auch immer mit Zeit. Du musst schon ein bisschen Zeit investieren, ein Forum ist ja immer eine Mischform aus Chat, man konnte, wenn die Leute online waren, direkt miteinander kommunizieren, man konnte aber auch auf einen Beitrag antworten, der schon eine Woche alt war und hat diesen Beitrag damit aber auch wieder aktualisiert, das geht bei Facebook und Co natürlich nicht. Wenn der Beitrag bei Facebook zehn Mal nach unten gerutscht ist, interessiert er auf Deutsch gesagt, keine Sau mehr. 

Ja genau, die Konsumgeschwindigkeit ist, glaube ich, mittlerweile eine ganz andere. 

Du sagtest es schon, mittlerweile ist die Entscheidung gefallen, dass das Forum nach dem diesjährigen Festival nicht weitergeführt wird, auch wenn die User logischerweise für den Fortbestand plädiert hatten. Aber eure Argumente sind absolut nachvollziehbar. Kannst du noch einmal kurz erläutern, was euch dazu bewogen hat, das SBOA-Forum aufzugeben? Und habt ihr eventuell Pläne für eine Alternative?

Also was in dem Forum wirklich richtig, richtig nervig war, waren die tausenden Anfragen von Bots, die Mitglieder des Forums werden wollten. Dann der Verwaltungsaufwand, diese Bots wieder zu löschen bzw. gar nicht zuzulassen, aus den Anfragen dann doch die wenigen, die noch am Forum teilnehmen wollen herauszupicken und dann war es bei mir tatsächlich so, dass ich der Situation war, diese Geschwindigkeit, die mittlerweile an den Tag gelegt wird, die kann ich im Forum nicht mehr leisten, weil ich durchs Kümmern von allen Kanälen das Gefühl habe, dass man auch im Forum zäher vorankommt, wenn man sich das Ziel setzt, dass man viele Informationen schnell raushaut. 

Dieser wertvolle Austausch, den es aber im Forum gab, der muss erhalten werden, auf jeden Fall und auch gern, wenn ich sozusagen Brieffreundschaften irgendwann mit Forenusern habe, über unsere offiziellen E-Mails, dann ist es auch gut. Aber ein weinendes Auge ist auf jeden Fall auch dabei. Aber es gab ganz klar der Rat von dem Programmierer unserer Webseite: Das Ganze umzuziehen, allein die neuen Farben jedes Jahr neu darüberzustülpen, ist viel zu aufwendig und die Hoffnung ist, dass wir mit dem Feedback von allen die auf das Summer Breeze kommen, das Ganze auf die Reihe bekommen, dass wir eine Alternative bieten, wie zum Beispiel Discord. Und wenn irgendwann jemand ums Eck kommt und sagt, hey, das hier erfüllt die Zwecke eines Forums, schaut euch doch mal das und das an, dann schauen wir uns das auf jeden Fall an. Die Suche ist noch nicht beendet, aber wir starten mal mit Discord. 

Hm, also Discord läuft ja jetzt schon. Ich habe mal reingeschaut. Das ist je so eine Art Facebook bei dem man aber die Beiträge trotzdem statisch links an der Seite hat, damit diese nicht so schnell verloren gehen, sozusagen ein Mix. Also muss man mal schauen, wie es läuft also ich würde mir schon wünschen, dass es läuft. 

Ich persönlich finde ja, dass das Breeze trotz seiner heutigen Größe nach wie vor ein großes Ohr für die Wünsche, Ideen aber auch für die Kritik der Besucher hat. Würdest du sagen, dass diese Beziehung zwischen Orga-Team und Fans etwas Breeze-spezifisches und besonderes ist, indem ihr die Dinge, die an euch herangetragen werden, tatsächlich ernst nehmt und, so weit möglich, auch umsetzt?

Ich würde mir nicht herausnehmen, dass das Breeze-spezifisch ist, aber bei uns im Team ist das, was ganz Wichtiges. Ich sehe auch in meinem Job meine Stärke eher darin, mit Leuten zu kommunizieren und wirklich auf Feedback einzugehen und durch dieses Gespräch dann die sogenannte Interaktion zu erzeugen. Das Ziel ist nicht, Interaktion um jeden Preis, sondern zielgerichtete Interaktion mit Leuten. Und das klingt jetzt natürlich ein bisschen pathetisch – aber: ohne Fans kein Summer Breeze. Und wenn jemand sagen kann, wie er das Summer Breeze erlebt, dann sind es eigentlich die Fans, denn wir haben dafür kaum Zeit und auch die Perspektive nicht bzw. nicht mehr. Man muss direkt mit den Leuten reden, die Feedback geben. Wie die Frage, ob es geschmeckt hat, wenn man für jemanden kocht, und die ehrliche Antwort bekommt man vom Breeze-Publikum. Also das Publikum hat sich von allein in diese Position begeben, denn das steht wirklich drin in den Kommentaren, das Verständnis. Für viele Teile unserer Arbeit gibt es da Rückmeldung. Also es wird nicht nur gefordert, sondern es wird vorgeschlagen und Vorschläge annehmen, hat sich immer wichtiger platziert in unserer Arbeit. 

Also spezifisch fürs Breeze nicht, nur machen wir das auch wirklich gern: Anreiseumfragen, Umfragen zu allen Themen wo wir nicht weiterwissen, was denn jetzt richtig oder das Beste ist. Und gleichzeitig haben die Umfragen und hier kann ich auch total ehrlich sein, natürlich auch den Sinn, dass wenn man weiß, was den Leuten besser gefällt, dann nehmen sie es wahrscheinlich auch wahr. Also wollt ihr mehr Fläche hier, wollt ihr grüne T-Shirts, wollt ihr mehr Schatten. Das ist so ein Beispiel, da kommt immer „Ja“. Aber das ist superschwer umzusetzen, das brennt schon lange unter den Nägeln, ob wir das irgendwann mal hinkriegen. Aber das Schöne ist auch, dass wir uns nie verstellen müssen, sondern eine ehrliche Antwort Probleme oftmals schneller aus der Welt räumt. Wir müssen kein Konstrukt aufrechterhalten, deshalb ist die ehrliche Kommunikation mit dem Publikum essenziell wichtig für uns. 

Ich erinnere mich z.B., dass wir schon vor Jahren (im Forum) darum gebeten hatten, an der T-Stage eine zweite kostenlose Wasserstelle im Infield einzurichten. Es hat ein paar Festivals gedauert, aber 2018 wurde dieser Wunsch dann erfüllt. Oder der „Käfig“ vor der Mainstage 2017, der nach massiven Kritiken direkt wieder abgeschafft wurde. Wie müssen wir uns das vorstellen, wird solcher Input von außen bei Silverdust in einer großen Runde diskutiert?

Das kommt bei mir meistens als erstes an und eine höhere Häufigkeit von solchen Rückmeldungen lösen bei mir dann immer aus, dass ich das notiere und an die entsprechende Stelle bei uns in der Festivalproduktion weitergebe. Also das kann ganz einfach gehen, ich notiere mir mehrere E-Mails zum Thema extra Wasserstelle oder fehlende Wasserstelle. Das gebe ich an die Produktion und sage: „Bitte beachten, das ist eine ganz deutliche Rückmeldung von unseren Gästen, denen würde es besser gefallen, wenn das wäre“. Und dann haben wir bei uns den Produktionschef Jonas, der sagt mir das entweder direkt ab und nennt mir Gründe oder er sagt: „Danke, nehmen wir in die nächste produktionsinterne Besprechung mit auf und wir schauen, ob wir es umsetzen können“

Das Summer Breeze hat von den Anfängen als regionale Auftrittsmöglichkeit für Achims Band VOODOO KISS bis zum zweitgrößten Metal Open Air Deutschlands eine unglaubliche Entwicklung genommen. Was ist das für ein Gefühl für dich, Teil eines so großen Events zu sein?

Man wird ein bisschen betriebsblind, das kann ich direkt zugeben, weil man so tief drinsteckt und heute ist ja auch noch eine ganz besondere Situation, weil wir über 1000 Tage kein Breeze hatten, oder 1189 oder noch mehr. Aber jetzt kribbelt es wieder, vor allem im Sommer, da ist man on fire und man sieht andere Festivals und findet die gut, geht hin und hat da eine gute Zeit und dann wird man schon happy, dass man da mitmachen kann. Und dann ist für mich unglaublich wichtig, zu versuchen ein paar Konzerte zu sehen, weil da kommt es bei uns allen durch. Es sind unterschiedliche Bands auf unserer Topliste aber, dass jeder Musikfan ist, das ist auf jeden Fall eindeutig – ich sage es mal für 2022 – wenn ich dieses Jahr ein bisschen die Möglichkeit habe, MISERY INDEX zu schauen, dann ist Gänsehaut vorprogrammiert und in solchen Momenten bin ich total happy ein Teil des Breeze zu sein. 

Ich nehme mir aber auch selten Zeit, Abstand von dem Ganzen zu nehmen und mir zu überlegen, was mache ich hier eigentlich. Man taucht dann doch oft zu tief ein und es ist nicht mehr so spannend wie vor zehn Jahren, weil sich oftmals etwas wiederholt. Zum Beispiel der Benni von NEAERA schickt mir Babyklamotten für meine Tochter. Das finde ich jetzt zwar megacool, aber vor zehn Jahren hätte ich gesagt, krass! Eine meiner Lieblingsbands! Ich lerne den Sänger kennen! So auf die Art, aber man wird da relativ schnell zu Freunden und dann wird es weniger spektakulär, was aber nichts Schlechtes ist. Also ein gutes Gefühl, auf jeden Fall! 

Einen Namen hast Du jetzt schon genannt, gibt es noch ein zwei Highlights für Dich aus dem Billing dieses Jahr?

Ich gucke mal kurz drauf (lacht). Also ich habe es so oft vor mir und ich habe auch schon Namen für 2023 vor mir…dass ich da auch gerne den Überblick verliere. Da bin ich froh, dass ich meine Summer Breeze App vor mir habe, wenn ich mal ganz schnell was nachschauen will – sorry für die Werbung – da ist viel, was mich interessiert. Wo ich aber voll heiß drauf bin, sind MISERY INDEX, wie gesagt und DARK FUNERAL und DER WEG EINER FREIHEIT. Was ich auch dazu sagen kann, ist, Main Stage Shows interessieren mich relativ selten, das liegt aber an meinem persönlichen Musikgeschmack.  

(Schaut noch mal intensiv in die App) Das sind die Sachen, wo ich unbedingt hinmuss. Ich muss es zumindest schaffen, ein paar Minuten davon zu sehen. URNE aus England noch und VULTURE. Eine Handvoll nehme ich mir immer vor und zwei, drei werden es dann manchmal…vielleicht NYRST noch aus Island, eine Blackmetal-Band, LÜT noch aus Norwegen finde ich sehr unterhaltsam, die machen einfach Spaß. Und ansonsten natürlich würde ich noch zur Main Stage, nicht wegen der Bands, sondern wegen der Show. Also ich will sehen, was da so geht, was da für eine Produktion dahintersteht, was bauen die auf? Stehen da Panzer oder wieviel Feuer gibt es?

Ich nenne das Breeze immer gern mein „Wohnzimmer-Festival“. Denn trotz der um die 40.000 Gäste jedes Jahr, habe ich nie das Gefühl, dass das Breeze übervoll oder beengt wirkt. Vielmehr habe ich immer den Eindruck, mich frei bewegen zu können, immer eine Ecke zum Chillen zu haben und selbst bei den Headlinern relativ weit vorn einen guten Platz zu finden, ohne sich wie eine Ölsardine in der Dose vorzukommen. Was ist deiner Meinung nach das Geheimnis, das dem Breeze trotz seiner Größe diese Wohlfühl-Atmosphäre verleiht?

Da müsste ich – denn das sind nur Vermutungen – spekulieren…also es ist schon eine Weile her, als wir das letzte Mal ausverkauft waren. Ich glaube trotzdem, dass auch mit einem ausverkauften Festival es immer noch gemütlich wäre, weil einfach der Platz auf dem Flugplatzgelände relativ viel hergibt. Und meine persönliche Meinung ist, dass ich mich auf flachen Stätten viel unwohler fühle als auf Stätten, wo ich eine Perspektive habe. Durch einen gewissen Weitblick hat man dann doch mehr Luft um sich herum. Der Blick von dem höchsten Punkt am Infield-Eingang zur Main Stage, der lässt schon zu, dass man viel vom Festival sieht, ohne dass man total eintauchen muss. Also man hat geographische Vorteile, das würde ich wirklich nennen. Das Breeze-Gelände geht an der ein oder anderen Ecke so ein bisschen bergab oder ein bisschen bergauf, da kann man sich besser zurückziehen. Das, finde ich, macht echt viel aus und dass wir auch nie auf die Idee kommen würden, dass Voller = Besser bedeutet, sondern irgendwann reicht es. 2017 wurde das Battlefield so konzipiert, dass da auch richtig ordentlich viele Leute drauf passen, und auch da gab es noch Raum. Dort gab es dann eher Probleme mit Toiletten, aber das wurde auch zum Glück behoben, und ich glaube, da gibt es mehrere kleine Feinheiten, die da eine Rolle spielen. 

Ich finde tatsächlich, man hat auch bei den Laufwegen zwischen den Bühnen nicht das Gefühl, dass sich alle tottreten. 

Ja, an dieser Stelle auch ein großes Lob an unser Produktionsteam und ihr Sicherheitskonzept. Da muss es einfach von vorneherein klar sein, dass Menschenströme gut funktionieren. Da gab es 2017 die erste Idee mit: „Bitte nutzt erst den rechten Aufgang vom Battlefield“. Das waren Versuche, und ganz schnell wurde klar, dass wenn man an der ein oder anderen Stelle den Weg zwei, drei Meter breiter macht, regelt sich das von allein. Die Leute, das liegt wahrscheinlich auch an Mitteleuropa, die tendieren eher dazu, auch im Fußgängerverkehr, eher rechtsbündig zu laufen, das funktioniert dann. Ein großes Lob an die Massenintelligenz oder Massenintuition, dass dann so viel gut geht. Und für den Notfall sind wir natürlich auch vorbereitet. Also wir sind nicht komplett von der Intuition der Leute abhängig, wenn was wäre. Da haben wir schon die Konzepte, dass gut entfluchtet werden kann.

Ein absolutes Highlight ist die gigantische, drehbare Bühne, die 2017 zum 20-jährigen Jubiläum zum ersten Mal präsentiert wurde und die seitdem das ehemalige Doppel aus Main- und Painstage ersetzt. Kannst du uns zu dieser, soweit mir bekannt, in der Festivallandschaft nach wie vor einzigartigen Konstruktion erzählen? Wer ist auf die Idee gekommen? War die Realisierung sehr aufwendig? Und was ist das Besondere an der jetzigen Mainstage?

Erst mal schlechte Nachrichten für dieses Jahr. Keine drehbare Bühne, weil sehr aufwendig im Aufbau und Corona-bedingt haben wir nicht genügend Personal, um diesen Aufbau ordentlich durchzuführen. Es fehlt das professionelle Personal, um den Drehteller schnell genug und sicher genug wie in der Vergangenheit aufzubauen. Also setzen wir dieses Jahr zum Jubiläum mit der Drehbühne aus. Aber es wird eine Veränderung an der Bühne geben, die würdig ist fürs Jubiläum. Und ob 2023 sich der Teller wieder dreht oder ob es wieder in eine andere Richtung geht, das ist noch nicht klar. Nur auf die Drehbühne sind wir nach wie vor stolz, deswegen ist es richtig Kacke, dass die Branche im Bühnenbau so viel Abgang (wegen Corona) hatte. Das Risiko war zu groß, mit zu wenig Leuten diese Bühne dieses Jahr zu bauen. 

Aber die Idee kam, glaube ich, wirklich aus dem Theater, weil Drehteller sind auf kleineren Theaterbühnen gängig. Und die Idee war von Achim. Der hatte es unterwegs mal zum Spaß zu jemandem gesagt, es sich danach sofort notiert und den Bühnenbauern mal besprochen. Das war bereits so 2014, 2015 mit dem Ausblick auf das Jubiläum 2017. Die Idee musste lange reifen. Und selbst finden, dass die Drehbühne so etwas wie ein Headliner an sich ist. Die Idee war anfangs, dass die Bands sich nach vorn drehen, und dann geht’s los. Da hat uns aber der reale Festivalbetrieb wieder eingeholt, und es hat sich superschnell verändert in: die Band dreht sich weg, wenn der Auftritt vorbei ist. Das hat sich von allein so geregelt. Im Kopf war es so, man drückt den Knopf und das Teil dreht sich, und dann Boom, Attacke! Jetzt ist es eher so, dass der Dreheffekt beim Abschied der Bands zum Einsatz kommt. 

Aber das ist tatsächlich eine Frage, die können wir gern in einem Jahr wieder stellen, und dieses Jahr lasst ihr euch einfach vom Bühnendesign zum 25-jährigen Jubiläum überzeugen.

Man hört und liest ja immer wieder Bandwünsche der Fans wie IRON MAIDEN, METALLICA oder RAMMSTEIN. Sind diese Bands tatsächlich über eurem Budget, oder habt ihr da feste Prinzipien, keine Künstler zu buchen, die über einen bestimmten Bekanntheitsgrad hinausgehen?

(Schmunzelt) Das ist eine meiner Lieblingsfragen, wirklich. Da habe ich mir jahrelang Gedanken drüber gemacht. Weil: was glaubst du, sagen Leute, wenn z.B. IRON MAIDEN auf dem Summer Breeze spielen? Gehen sie dann zum Summer Breeze, oder gehen sie zu IRON MAIDEN? Das ist für mich so ein bisschen die Beantwortung dieser Frage. So Aussagen wie: „Wir gehen zu RAMMSTEIN, die spielen da auf dem Breeze“. Das ist die falsche Reihenfolge. Diese Bands sind zu groß. Diese Bands sind größer als der Name Summer Breeze, das muss man ganz klar sagen. 

Auf dem SBOA spielen die größten Heavy Metal-Bands der unterschiedlichen Genres, aber nicht die größten Heavy Metal-Bands. So würde ich es immer beschreiben. Denn z.B. CANNIBAL CORPSE sind einer der größten Death Metal-Bands der Welt. Aber CANNIBAL CORPSE wird nie größer sein als MAIDEN. Die großen Bands der einzelnen Genres helfen natürlich [die Attraktivität des Festivals zu steigern. Anm. d. Verfassers], aber wenn sie darüber hinauswachsen, werden sie oft so teuer, dass es uns lieber ist, zwei, drei…fünf andere Bands für das Publikum bereitzustellen, weil das so mehr Sinn macht, für unser Konzept. 

Und es gibt noch eine weitere Überlegung. Die Vorstellung, dass Freitagabend RAMMSTEIN auf dem Summer Breeze spielen und Freitagnacht oder Samstagmorgen alle RAMMSTEIN-Fans heimfahren, weil sie ihr Highlight hatten, wäre nicht gut. Nicht nur fürs Breeze, so etwas wäre schlimm für jedes andere Festival auch. Wenn die Band größer ist als das Festival, und nach deren Auftritt ist weniger los, das wäre schade. Das sind auf jeden Fall die beiden Hauptgründe.

Und die Sache mit den Preisen – ich bin sehr froh, dass ich kein Booker bin. Das ist, glaube ich, einer der nervigsten Jobs überhaupt, der eine sagt: „Wir wollen eure Band“, der andere sagt: „Dann zahlt mal ordentlich, denn die Band sollte schon bei euch spielen“. Und dann dieses ständige Hin und Her, alle wollen etwas voneinander, aber man wird sich nur sehr schwer einig, wenn es um sehr große Namen geht. 

2019 fand ja das bislang letzte Summer Breeze Open Air statt. Dann kam Corona und sorgte dafür, dass das Festival gleich zwei Jahre am Stück nicht stattfinden konnte. Wie an vielen anderen aus der Künstler- und Event-Branche ist die Pandemie und ihre Folgen auch am Breeze nicht spurlos vorüber gegangen. Wie war das, als ihr 2020 mit einer komplett fertigen Planung und unzähligen Verträgen und Buchungen im Rücken das Festival absagen musstet?

Brutal scheiße! Also es war…wir haben wirklich lange gehofft, und als dann klar wurde, dass es nicht funktioniert…

Wobei, 2020 war es noch aus so vielen anderen Gründen richtig scheiße, weil wir schon wussten, dass es nicht klappen wird, uns aber die politischen Entscheidungen so lange gefehlt haben, dass die Unsicherheit für Verträge, Versicherungen, für alles Rechtliche, also für Bürokratie und Papierkram, der wirklich nervt – dass da einfach die Sicherheit gefehlt hat, um das zu tun, was wir eigentlich immer machen wollen: eine klare Aussage nach außen zu den Fans. Weil – ich formuliere das jetzt von der negativen Seite – wenn jemand irgendwas rund ums Breeze mitkriegt und danach nur ein Fragezeichen im Kopf dasteht, dann habe ich meinen Job verfehlt. Und rund um Corona war das so schwer, das in ein Ausrufungszeichen zu verwandeln, weil wir selber so viele Fragezeichen überm Kopf hatten. Und nach außen dann zu sagen: „Wir wissen selber auch noch nicht, wie es weitergeht.“, war richtig, richtig schwer.

Aber es war auch eine Chance, uns noch mal drauf zu besinnen, wie wir weiter machen müssen – auf jeden Fall! Hey, wie funktioniert eigentlich grundsätzlich so ein Festival, das fällt dann doch häufiger auf, wenn es mal nicht klappt, und hier hatte es ja mal komplett nicht geklappt.  

Sicher gab es auch bei den Silverdust-Mitarbeitern in den vergangenen zwei Jahren Existenzängste. Habt ihr die Pandemie überstanden, ohne Stellen abbauen zu müssen?

Ja, zum Glück. Also, es gab Abgänge in der Zeit, aber das lag nicht an Corona. Es lag an neuen Chancen oder neuen Perspektiven von unseren Mitarbeitern, die uns verlassen haben. Wir sind in Kurzarbeit gegangen und haben es mit eineinhalb blauen Augen überstanden. 

Weil unser Team schon groß genug ist, dass sich ein paar von uns um Bürokratie kümmern können. Es wurde umgeswitcht: anstatt Bandgagen bezahlen und Hotels buchen und so weiter, wurde recherchiert, wie bekommen wir die Hilfe, die uns zusteht? Denn uns war wirklich klar, dass in der sechstgrößten Branche in unserem Land, die Hilfen auch angebracht sind. 

Und mir taten wirklich die kleineren Festivals leid, deren Teams so klein sind, dass dafür niemand Zeit hat, sich um Bürokratie zu kümmern und um Hilfen anzufordern. Da hatten wir auch einen Metal-Festival-Call mit deutschsprachigen Festivals. So über 50 Stück waren da drin, und da wurde dann auch klar, dass wenn jemand keine Zeit hat, sich zu kümmern, um Hilfen einzufordern, da ist es dann noch viel schlimmer, als es bei uns war.

Es gab allerdings auch diverse positive Aspekte an der ganzen Corona-Misere. Speziell meine ich damit den unglaublich großen Support eurer Fans. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Dokumentation „The Lost Edition“, die live während der Nicht-Festival-Woche 2020 ausgestrahlt wurde. Du und Alex als Moderatoren wart sichtlich gerührt und überwältigt, als ihr über die Unterstützung der Breeze-Besucher gesprochen habt. Wenn du an diese Momente zurückdenkst, verursacht das dir auch heute noch eine Gänsehaut?

Auf jeden Fall! Denn wir haben in unserem kleinen Team das Glück, dass wir etwas ERARBEITEN und AN ETWAS arbeiten können, wo wir wirklich einen Sinn drin sehen. Da könnte man noch viel weiter weggehen, zu Fragen wie: was ist Arbeit, womit verbringe ich meine Tage, und wofür stehe ich morgens auf…Und Corona nimmt einem das weg, woran man die ganze Zeit arbeitet. Und die Fangemeinschaft sagt dann aber mit Nachdruck: „Wir sind da, wenn es weiter gehen wird!“ Das gibt so viel Sicherheit. Und die Sicherheit kann, wenn man es schwarz auf weiß nimmt, nur durch Ticketkäufe erhalten werden, durch Merch-käufe, Kommentare posten, Feedback geben – einfach bei uns bleiben. Das bei-uns-bleiben war sauwichtig, denn dadurch war der Sinn des Ganzen wieder deutlicher spürbar.

Es war so cool, weil in der Zeit, in der wie die „Lost Edition“ aufgenommen haben, in Dinkelsbühl, kamen ein, zwei, drei Autos über die Felder gefahren, wo eigentlich normalerweise 38.000, 40.000 Leute drauf sind. Aber da waren es halt drei, vier Autos. Und unser Filmer der Jules, unser Marketingchef Alex und ich. Und wir haben einfach „Hallo“ gesagt, und die so „Ja hallo! Wir vermissen das Festival!“ Da war dann schon klar, dass den Leuten richtig viel am Breeze liegt und wir das SBOA auch weiterhin machen können, weil die Leute so dahinterstehen. 

Ich war auch ohne Festival sowohl 2020 als auch 2021 vor Ort (Dinkelsbühl und Umgebung haben ja auch abseits des Breeze eine Menge zu bieten), und als ich dann so an der heiligen Landebahn stand, habe ich schon einen Stich verspürt, in der Brust, bei dem Gedanken: „Mensch eigentlich würdest du jetzt da drüben vor der Bühne stehen, mit Pommesgabel und hoch die Tassen bei irgendeiner Band, und jetzt ist da nix“. Das war schon ein bitteres Gefühl. 

2021 gab es für mich noch eine andere Perspektive. Ich war auf dem Alcatraz Festival in Belgien, und da hat alles funktioniert. Aber wir durften nicht. 2020 war wirklich ein Unterschied zu 2021. Beide Jahre waren auf eine ganz andere Art schwierig. Und hätte uns jemand im Mai oder Juni 2020 gesagt, wie lange es problematisch bleibt, dann hätten wir wahrscheinlich auch einen Motivationseinbruch erlitten. Zum Glück war es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht klar, wie lang die Scheiße dauert. 

Um noch mal kurz auf die Unterstützung, den Support zurückzukommen, den ihr erfahren habt – man kann also ohne Übertreibung sagen, dass eure Fans und Besucher einen nicht unbeträchtlichen Teil dazu beigetragen haben, das Festival und die Crew durch die Krise zu führen?

Den größten! Ich würde wirklich sagen – den größten Teil! Die Tatsache, wie viele Leute ihr Ticket ins nächste Jahr umgezogen haben. Politiker sagen immer: „Wir haben einen klaren Regierungsauftrag“. Und wir hatten einen klaren Summer Breeze-Auftrag. Weil die Leute gesagt haben, wir behalten unser Ticket und sind dabei in der Zukunft. Zum einen motivationsseitig, aber auch von den Ticketeinahmen, war das für uns eine große Unterstützung. Denn wir haben dadurch gesehen: Wir können überleben! Das war sehr hilfreich. 

Zum Glück ist Corona 2022 zwar nicht vorbei aber keine Bedrohung für das Summer Breeze mehr. Umso mehr dürften die Besucher in diesem Jahr darauf brennen, endlich wieder ihr Festival erleben zu können. Wie geht es dabei der Breeze-Crew? Seid ihr 2022 besonders heiß auf die dritte Woche im August? Oder hat man nach den Erfahrungen der letzten zwei Jahre irgendwo tief in sich drin auch das ein oder andere ungute Gefühl, ob alles gut gehen wird?

Also ich glaube, dass Corona auch 2023 noch eine Bedrohung ist. Aber nicht als Infektionskrankheit an sich, sondern als Antreiber einer veränderten Struktur der letzten zwei Jahre innerhalb der Branche. Dass Leute mittlerweile woanders ihr Geld verdienen – das Personal fehlt! Es fehlen Trucker, von Spritpreisen brauche ich an der Stelle nicht sprechen, auch wenn das nicht so viel mit Corona zu tun hat. Es fehlen Leute in allen Bereichen der Branche.

Es hat sich so viel verändert durch Corona, so dass der Event-Sektor noch lange brauchen wird, um sich wieder zu erholen. Ich habe die Quelle grade nicht im Kopf, aber viele Stimmen sagen, dass das Jahr der Erholung erst 2023 werden wird und man erst 2024 zum ersten Mal nach 2019 wieder davon ausgehen kann, dass es einen echten Anschluss an das letzte Festival vor Corona geben wird. 

Und derzeit gibt es auch noch Problem mit Flugreisen. Wenn man sieht, wie schwierig es für die Bands geworden ist, ihre Flüge zu planen. Wie schwer es ist, Preise zu halten. Was da alles teurer wird, ist immer noch eine unmittelbare Bedrohung. Aber die unmittelbare (gesundheitliche) Bedrohung der Leute auf dem Platz, die ist durch die Zahlen, die man aktuell lesen kann, wie Hospitalisierung etc., ist, das würden wir, natürlich als medizinische Laien sagen, nicht mehr wirklich groß, wenn die Besucher sich weiter an ein paar einfache Regeln und Umgangsformen miteinander halten. Dann kommen alle so gut wie möglich durch den Sommer. 

2022 feiert das Breeze sein mittlerweile 25-jähriges Bestehen. Als Besonderheit anlässlich des Jubiläums findet am Dienstag die „Roots Of Summer Breeze“-Nacht statt – mit vier Bands, die bereits auf den beiden ersten Festivals 1997 und 1999 gespielt haben. Dazu FLESHCRAWL, die nach dem unaussprechlichen Verlust von Sven Groß im letzten Jahr jetzt mit neuem Sänger ein Comeback starten wollen. Und zum ersten Mal öffnet ihr bereits am Mittwoch das komplette Infield-Gelände mit zusätzlichen sechs hochkarätigen Acts auf der Mainstage, neben der traditionellen Nuclear Blast Label Night und dem Riot Of The Underground. Dürfen die Besucher noch auf die ein oder andere Überraschung mehr gespannt sein? Ein Feuerwerk gibt’s ja dieses Jahr nicht, hat mir der Achim schon gesteckt, das hat das Budget diesmal nicht hergegeben. 

Ich würde gern sagen: "JA – bleibt gespannt!" Aber: Gar nicht so arg viel. Also da kann ich total ehrlich sein. Jede größere Überraschung hätten wir genutzt, um frühzeitig de Leute drüber zu informieren. Alle positiven Gründe, zum Summer Breeze zu gehen, wollen wir eigentlich immer so früh wie möglich raushauen. Das ist so wie bei der häufig gestellten Frage: „Wann werden die nächsten größeren Bands bekanntgegeben?“. Die großen Bands werden IMMER so früh wie möglich rausgegeben. Wir sind froh, dass die bei uns spielen, und deswegen veröffentlichen wir die natürlich, sobald wir das dürfen, nach deren Tourplan oder Promo-Plan. 

Wir halten für 2022 nix zurück. Aber wir glauben, dass vor Ort dieses Besondere innerhalb der Fangemeinschaft zurückkommen wird. Ich bin mir sicher, weder noch so tolle Feuerwerke oder irgendwelche Specials oder sonstige Überraschungen werden die Parties auf dem Campingplatz und natürlich vor den Bühnen irgendwie übertreffen können. Da sind wir sehr selbstbewusst. 

Dieses Credo „The Return – Stronger Than Ever“, das sind die Besucher! Da spielen wir es wieder zu den Leuten zurück, denn die Stärke des Festivals war schon immer die Kombination: gute Bands vor guten Fans. Das ist das, was das Summer Breeze ausmacht. Und dass, dieses Besondere und dieses Schöne, wird es dieses Jahr wieder geben. Deshalb sind wir da sehr, sehr entspannt.

Dann hoffen wir, dass das Jubiläums-Breeze ein voller Erfolg wird und wir uns in den kommenden Jahren wieder regelmäßig im August auf die Metal-Party schlechthin freuen können. Lieber Roman, ich danke dir sehr für das angenehme, ausführliche, spannende und interessante Gespräch! Wir sehen uns auf der heiligen Landebahn!

Danke dir für das Gespräch. 


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