Interview: EVERGREY - Jonas Ekdahl

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Es wäre wichtig aufzuwachen und sich bewusst zu werden, was zur Hölle wir da machen und wo die Welt gerade hingeht...

Anlässlich des kurz bevorstehenden Releases des neuen Albums wurde bei EVERGREYs Jonas Ekdahl mal nachgehakt, wie es um Album und Schauspielerei steht und was Souvlaki mit der griechischen Mythologie zu tun hat. Hier gibt es die Antworten.

Veröffentlicht am 18.05.2022

Hi Jonas. Wie geht’s dir? 

Mir geht’s gut. Ich habe zwar seit dieser Woche einen Männerschnupfen, aber es wird langsam besser, also alles in Ordnung. 

Das klingt gut. Was noch richtig gut klingt, ist euer neues Album „A Heartless Portrait (An Orphean Testament)". Gratulation! Ich habe jetzt schon einige Umdrehungen durch und es ist wieder einmal ein Meisterwerk geworden, das auch mit jeder Umdrehung weiter wächst und neue Details bereit hält. Ich freue mich schon richtig darauf, die Songs darauf live mitzuerleben!

Ja, ich mich auch. Wir sind auch gerade mitten in den Proben. Im Moment proben wir noch einzeln und am Sonntag treffen wir uns dann, um die Songs zum ersten Mal wieder mit der ganzen Band zu spielen. Darauf freue ich mich schon sehr. Außerdem arbeiten wir an ein paar Sachen für die Live-Shows. Das wird richtig cool. 

Aber die Tour wird erst im Herbst stattfinden? Oder habt ihr auch Festivals am Start? 

Wir haben zwar ein paar Sommerfestivals, aber nicht viele: zwei in Schweden, eins in Finnland, eins in Tschechien, glaube ich. Aber wir spielen nächste Woche drei Club-Shows in Finnland. Und dann machen wir zwei Akustik-Shows zum Release-Datum hin, einmal in Göteborg und einmal in Stockholm. Es gibt also immer was zu tun. 

Zurück zum Album. Was bedeutet eigentlich der Albumtitel "A Heartless Portrait (The Orphean Testament)"?

Es ist ein Symbolismus – über das Schreiben trauriger Songs, aber sich dabei großartig fühlen. Aber es wird auch eine Parallele gezogen zur Geschichte von Orpheus aus der griechischen Mythologie. Das war Toms Idee und basiert auch auf ihm, er sieht da ein paar Ähnlichkeiten in der Geschichte. Da Tom ja für die Lyrics zuständig ist und alles aus seiner Sicht schreibt, spiegelt sich das ja in allem wieder. Er spickt dann alles mit Metaphern oder presst das in bestimmte Formen, basierend darauf, wo er sich mental oder gedanklich gerade in dem Moment befindet. 

Ja, die Lyrics sind ja auch immer sehr durchdacht, philosophisch oder manchmal sogar kryptisch. 

Ja auf jeden Fall, Tom schreibt definitiv keine „Bubble Gum“-Texte. 

Haben wir es dieses Mal denn mit einem Konzeptalbum zu tun? 

Naja, das und das letzte sind ja keine Konzept-Alben. Aber gleichzeitig drehen sie sich natürlich alle um Tom, sein Leben, seine Gedanken und seine Sicht auf die Welt. Also irgendwie, wie jedes Album, ist es ein Konzeptalbum über Tom *lacht*. Wir haben ja vorher eine Trilogie gemacht, da war es bewusst und beabsichtigt, ein Konzept-Album zu machen.  Aber dieses und „Escape Of The Phoenix“ drehen sich um verschiedene Themen und Aspekte. Aber so gesehen: Das letzte war der Phoenix aus der griechischen Mythologie, dieses Mal Orpheus. Wer weiß, was als nächstes passiert? *lacht* 

Ah, hier ist also der rote Faden! 

Ja, vielleicht dann ja nächstes Mal das Thema Souvlaki. *lacht* Dann werde ich vielleicht die Lyrics dazu schreiben. Und du darfst dir das dann als erstes anhören. *lacht*

Das wird interessant, da freue ich mich drauf! Wo wir gerade beim Songs schreiben sind: Wie kann man sich den ganzen kreativen Prozess vorstellen? Die Lyrics macht ja Tom, aber wie funktioniert der Rest? 

Also beim Songwriting hat jeder von uns gleich viel zu sagen und jeder beteiligt sich auf seine Weise, dieses Mal aber mehr als normalerweise, was für mich und Tom auch entspannter war. Klar, bündeln Tom und ich dann alles und nehmen produktionsmäßig alles in die Hand und kümmern uns um die Feinheiten, bis alles fertig ist. Aber beim Schreiben waren dieses Mal alle mit dabei. Jeder brachte eine Menge Ideen mit und gemeinsam pickten wir dann die Themen und Richtungen heraus, die wir auf diesem Album einschlagen wollten.

Das war sehr inspirierend und kreativ, vor allem für mich, aber ich denke, das war es für alle von uns, weil sich jeder mit so vielen Ideen hatte einbringen können. Normalerweise haben wir zuerst die ganze Musik fertig gemacht und Tom hat dann die Lyrics darüber gelegt. Auf diesem Album lief das aber simultan. Während wir die Musik geschrieben haben, hat er gleichzeitig an den Vocal-Linien und den Lyrics gearbeitet. Das habe ich sehr genossen, weil man direkt ein Gefühl dafür bekommt, wie der Song sich entwickelt, anstatt dass man sich vorstellen muss, wie die Melodielinien oder die Vocals wahrscheinlich klingen würden. Du kannst also wieder ganz neue Sachen ausprobieren. Wenn zum Beispiel die Vocals toll sind, kannst du das als Basis nehmen und dann alles andere drum herum schreiben und umgekehrt. Das war schon inspirierend, ich mag die Art, wie wir hier gearbeitet haben, sehr. 
Als wir im Studio am Aufnehmen von Bass und Drums dran waren, war alles andere quasi schon geschrieben und soweit fertig. Die Keyboards waren schon aufgenommen und die Vocals waren mehr oder weniger auch schon fertig. Das heißt, wir konnten auch weitaus mehr jammen und noch mal kreativer sein und unser Ding machen. Das war super inspirierend. 

Also ist es dieses Mal so richtig eine „Band-Sache“. Ich finde schon, dass man das merkt, wenn man sich die Scheibe anhört. Jeder einzelne hat mehr Platz und Raum, um zu scheinen und sich einzubringen, aber gleichzeitig funktioniert alles großartig zusammen in einer Einheit. 

Danke, da stimme ich zu. Das haben wir in diesem Prozess über die Jahre gelernt, dass wir uns darauf fokussieren, was im Song wirklich wichtig ist und nicht alles auf einem Haufen schmeißen, was wir vor zwölf, dreizehn Jahren richtig gut gemacht haben, als wir aber auch naiver waren mit dem Songwriting, bei dem alles gleichzeitig passieren musste. Ich glaube, wir haben gelernt, im Song Platz zu schaffen und den richtigen Teil zur richtigen Zeit hervorzuheben. Und das macht es solider und schöner beim Anzuhören. 

Das wird vielleicht auch der Grund sein, dass man – obwohl man nach Sekunden weiß, dass da EVERGREY am Werk sind, kein Album wie vom anderen kopiert klingt. Immer gibt es etwas Neues, Frisches zu hören. 

Oh danke. Das ist tatsächlich auch unser größtes Ziel für jedes Album, das wir schreiben – immer das vorherige Album zu toppen. Natürlich denken wir nicht daran, das letzte Album unbedingt toppen zu müssen, während wir was Neues schreiben. Aber wir wollen schon, dass jeder Song besser ist als der letzte, weil du ja immer was dazu lernst und neue Erfahrungen sammelst bei jedem Song, den du schreibst. Ich finde, solange du Spaß und das richtige Gefühl zum Schreiben hast, wird sich der Rest auch von selbst finden, wenn du dir auch des Wissens, der Erfahrung und der Möglichkeiten bewusst bist, die du über die Jahre hinweg dazu gelernt hast. Aber ich bin total zufrieden und stolz, was bei dem Album rausgekommen ist.

Sogar noch mehr als bei „Escape Of The Phoenix“, das ich immer noch als richtig starkes Album ansehe. Es war einfach das Beste, was wir zu der Zeit machen konnten. Auch, wenn wir direkt angefangen haben, für das aktuelle Album zu schreiben, als „Escape Of The Phoenix“ rausgekommen ist. Ich habe bemerkt, wie viel ich allein von dem ganzen Prozess gelernt habe, „Escape Of The Phoenix“ zu schreiben und aufzunehmen. Und ich hatte natürlich auch die ganzen „Versuche und Irrtümer“ im Hinterkopf, denen ich dabei begegnet bin. Und diese haben wir natürlich auch auf dem Tisch gelegt, als wir jetzt das aktuelle geschrieben haben. 

Jetzt zu den Musikvideos, die ja auch wirklich interessant sind. Ihr habt ja so eine Art Trilogie mit den drei Songs am Start, bei welchen ihr auch eine Geschichte erzählt. Außerdem ist es ja mehr oder weniger eure Premiere, da ihr auch als Schauspieler auftretet. Wie war es, jetzt mal nicht nur ein Musikvideo zu drehen? 

Es war großartig. *lacht* Wir hatten so viel Spaß. Es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir Videos wie das gemacht haben. Ich finde, die Trilogie war eine coole Sache. Wir haben das ja auch quasi rückwärts gemacht. Wir haben ja mit dem letzten Teil begonnen. Wir wollten einfach viel zu viel machen, sodass es nicht in ein Video gepasst hat. Also haben wir einfach weitergemacht. Patric Ullaeus hat ja wieder großartige Arbeit geleistet mit dem Editing und der Regieführung. Er achtet immer darauf, dass wir besser aussehen als wir in Wirklichkeit aussehen. lacht

Wo kommen die Ideen und der Inhalt für die Videos her? Mischt da Patric Ullaeus ebenfalls mit? 

Nein, von Anfang an ist das Toms Idee. Er hatte schon die Idee für das erste Video, aber wir sind draufgekommen, dass wir die ganzen coolen Sachen, die wir machen wollten, nicht alle in viereinhalb Minuten unterkriegen, also haben wir einfach weiter gemacht in einem zweiten und dritten Video, bis wir da geendet haben wo es dann gepasst hat. 

Am Ende vom Video zu „Blindfolded“ werden die Worte „Make sure who you are before someone else tells you who to be“ (zu dt.: Mach dir klar, wer du bist, bevor andere dir sagen, wer du sein sollst.) eingeblendet. Ist das Teil der Geschichte oder eine bestimmte Nachricht?

Ja, ich würde sagen, das ist die Essenz der ganzen Geschichte und eigentlich das, worum es geht. Uns wird die ganze Zeit erzählt, was wir machen sollen, wie wir uns verhalten sollen, über social media und so weiter. Und dabei bauen wir jedes Jahr weiter Distanz zu allem auf. Dabei wäre es wichtig, aufzuwachen und sich bewusst zu werden, was zur Hölle wir da machen und wo die Welt gerade hingeht, denn das sieht nicht gut aus, wenn du mich fragst – und ich kenne Tom, das ist auch seine Meinung. Es war ja auch seine Idee und das Thema von Anfang an. 

Wir vergraben unsere Gesichter den ganzen Tag lang in unserem Handy und im Computer, hören uns Leute auf Twitter, Youtube oder irgendwelche Influencer an, und man bekommt gesagt, wie man sich anziehen oder sich verhalten soll, was richtig ist und was falsch oder ähnliches. Ich meine, wach auf, benutze deinen eigenen Kopf und deine eigene Energie, um was anzupacken und was draus zu machen.  

Stattdessen hört man auf jeden anderen, nur nicht auf sich selbst. 

Richtig, und das wollten wir mit dem letzten Video halt hervorheben und enthüllen. Das freie Denken des Menschen, anstatt das zu übernehmen, was andere denken und blind zu folgen. Das ist wichtig! Die Menschen verlieren und vergeuden Zeit ihres Lebens, weil sie nur scrollen und swipen. 

Gibt es denn eigentlich einen Song, oder auch mehrere, die dich in irgendeiner Weise kalt erwischt  oder auf positive Weise schockiert haben? Weil sie sehr besonders sind oder die Texte richtig einschlagen?

Ja, doch, ich hab ein paar. Ich mag „Midwinter Calls“ wirklich sehr, vor allem, wie es geworden ist, weil wir anfangs einfach ein paar Ideen in die Luft geworfen und dann zusammengepuzzelt haben.  Und der Song klang dann ganz anders. Also wie wir es geschafft haben, den Song zu dem zu machen, was er jetzt ist, über dieses Ergebnis bin ich wirklich froh. Die Melodie und Vocals klingen fantastisch. Und ich mag den Kontrast im Song sehr gern, zwischen den heavy parts und dem Chanting der Leute, das eine Live-Aufnahme von einem Konzert in Göteborg war.
Die Leute hatten keine Ahnung, was sie singen. *lacht* Aber sie hatten auf jeden Fall Spaß. Und ich bin froh, dass wir das aufgenommen bekommen haben und dann ins Album mischen konnten. 

Auf „Save us“ auch, oder? 

Ja, aber das war strukturierter. Das waren Einsendungen von Fans, auf einen Aufruf. Wir hatten sowas wie einen guide track. Das andere war in einem Venue. Also zwei verschiedene Fan-Beteiligungen auf einem Album.

Und ich mag den Song „Re-Awakening“, weil er frischer und positiver daher kommt, als manche der anderen Songs auf dem Album. Das ist auch wichtig, auch mal einen erfrischenderen Song zu hören.

Das letzte Album „Escape Of The Phoenix“ war ja ein großer Erfolg in den Charts. Ist das für dich eigentlich wichtig? Was erwartest du dir vom neuen Album? 

Natürlich ist es nett, wenn wir damit gut ankommen, aber den richtigen Beweis dafür, ob das Album ankommt, bekommen wir auf Tour, wenn wir live spielen. Aber es ist schon ein ehrfürchtiges Gefühl, wenn eine Band die seit irgendwas um die 25 Jahre unterwegs ist, immer wieder die Charts erklimmt und mit jedem Release mehr Erfolg und Fans zieht. Meiner Erfahrung nach ist das jetzt nicht sehr typisch in diesem Business. Ich bin sehr dankbar, dass es immer noch so viele Leute gibt, die an uns interessiert sind und uns soviel Unterstützung zukommen lassen. 

Wenn du dir etwas vorstellen könntest, was du mit EVERGREY noch erreichen möchtest, was wäre das? Oder denkst du da gar nicht dran und lässt einfach alles fließen? 

Naja, nicht wirklich fließen. Ich bin schon sehr zufrieden, wo wir sind, aber die Band ist immer noch im Aufstieg, kommerziell und musikalisch. Natürlich gibt es immer Sachen, die man sich wünscht oder träumt. Wir waren zum Beispiel noch nie in Japan. Das wäre auf meiner Bucket List. Also wo zu spielen, wo wir noch nie waren. Auch Argentinien zum Beispiel. Da würde ich auch gern hin und die Fans dort treffen. Aber ich bin natürlich einfach happy, dass ich das alles so lange Zeit machen kann. 

Wenn du dir eine Band oder einen Künstler aussuchen könntest, um mit ihm zu touren, egal ob tot oder lebendig. Wen würdest du nehmen? 

Also, was die Musik angeht, natürlich IRON MAIDEN, weil sie einfach die größte Metalband überhaupt sind. Ich für mich persönlich würde aber PANTERA wählen. Die sind meine Lieblingsband – das ist jetzt eine Ego-Sache – dann könnte ich sie jede Nacht live sehen, wenn wir mit ihnen auf Tour wären. 

Und zur letzten Frage: Beende den Satz: „A Heartless Portrait" ist...“ 

,,,zu haben in allen Läden am 20. Mai. *lacht* Und natürlich auf allen Streaming-Plattformen. 

Dann bleibt mir nur noch, dir alles Gute zu wünschen und mir ein hoffentlich baldiges Live-Konzert. Immerhin habt ihr ja eigentlich zwei Alben zu spielen. Ihr hattet ja nicht viel Gelegenheit, „Escape O The Phoenix“ an den Mann zu bringen, richtig? 

Ja genau, deswegen sind wir auch schon dabei, die Setlist zu diskutieren. Wir haben noch eine ganze Menge zu proben und viele Entscheidungen zu treffen. Aber es wird ganz bestimmt eine Menge Spaß! 

Vielen Dank für deine Zeit! Alles Gute für euch und viel Spaß auf der Bühne!

 

Hier gehts zu unserem Review von "A Heartless Portrait (The Orphean Testament)"

 


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