Interview: PREINCARNATION - Henrik Niesler, Michael Spindler, Björn Zimmermann, Martin Chwalczyk

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Die große Vielseitigkeit des Albums wird gelobt, und dass es so viele Facetten zu entdecken gibt.

STORMBRINGER bat die progressive Überraschung des bisherigen Jahres vor den Vorhang. Henrik Niesler (dr), Michael Spindler (gt), Björn Zimmermann (kb) und Martin Chwalczyk (b) berichten über ihren Erstling "Incarnation I"

Text: Harald
Veröffentlicht am 22.05.2022

Hallo Henrik! Du bist der Drummer der Ruhrpott Progressive Rock Band PREINCARNATION. Vor 5 Wochen hat STORMBRINGER eine Rezension Eures Album-Erstlings „Incarnation I" veröffentlicht. 5.0 von 5.0 Punkten – nicht gerade ein Verriss. Was hat sich seitdem getan?

Henrik:
Also, der Trend hat sich fortgesetzt. Wir bekamen auch in anderen Publikationen durchwegs gute bis sehr gute Bewertungen, obwohl uns so mancher „Alter Hase" der Musikbranche prophezeit hatte, dass man als Newcomer diesbezüglich keine Chance hat. Wir bekommen sehr viel positives Feedback aus der ganzen Welt. Die große Vielseitigkeit des Albums wird gelobt, dass es so viele Facetten zu entdecken gibt.

Apropos viele Facetten: „Incarnation I" nimmt einen mit auf eine phantastische Reise nach Indien (Qintro), Marokko (Qandisha), Venezuela (El Dia) und sogar ins Weltall (Saturn). Ist das Album als Konzeptalbum zu verstehen?

Martin (b) schaltet sich ein: Es ist mit der Zeit gewachsen und hat dadurch auch eine lange Reise hinter sich gebracht. So könnte man es vielleicht als konzeptloses Konzeptalbum verstehen.

Zu den beiden Single Auskopplungen: „Heartless" war ja praktisch eine aufgelegte Sache. Es ist sicher mit das beste und komplexeste Lied auf dem Album und Deibys Gesangsleistung ist sehr beeindruckend. Wolltet Ihr mit „Saturn", das eher in die Melodic Rock Richtung geht, bewusst einen Kontrapunkt setzen?

Henrik (dr): Singles haben ja ein bisschen ihre eigenen Gesetze, das Intro darf nicht zu lang sein, der Gesang muss möglichst früh einsetzen usw., sowas ist wichtig für die Spotify Algorithmen und diesen ganzen neumodischen Quatsch. Als Musiker ist man von solchen Taktiken eher genervt, und mit Heartless haben wir das dann ja auch ignoriert, Saturn war aber ein Singlewunsch unseres Labels. Bis zu dem Zeitpunkt war der Song eigentlich eher als Bonus Track gedacht, denn hier fehlen die progressiven Elemente, die sich mehr oder weniger durchs ganze Album ziehen eigentlich gänzlich. Aber egal, der Song ist gut und er war unsere erste Zusammenarbeit mit Deibys [Anm. der venezolanische Sänger der Band] er hat seinen Platz verdient.

„Heartless" ist, wie schon erwähnt, ein ganz wunderbares Lied. Aber speziell das instrumentale Intro macht einen fast sprachlos. Habt Ihr vor, den Faden einmal weiterzuspinnen und einen ganzen Instrumental-Song dieser Machart herauszubringen?

Martin (b): Das sind Stücke, die aus einer bestimmten Grundstimmung entstehen, natürlich ist so etwas nie zu erzwingen, aber wenn es sich ergibt wären da sicher die eine oder andere Idee in dieser Richtung, ich für meine Seite hätte durchaus nichts dagegen. Ob es nun ein Instrumentalstück werden muss, werden wir aber sicher erst beim Arrangieren entscheiden können.
Björn (kb): Instrumentalstücke sind für die meisten Hörer oft schwierig und häufig dann doch eher was von Musikern für Musiker. Aber es ist durchaus möglich, dass wir das noch mal weiter spinnen. Geplant haben wir noch nichts dazu, aber wenn uns eine tolle Idee kommt, warum nicht!

Bei einem Erstlingswerk über eine Stunde Spielzeit zu veranschlagen, das zeugt von Chuzpe! Es gelingt Euch aber vorzüglich, den Spannungsbogen über die gesamte Distanz zu halten. Hattet ihr im Entstehungsprozess nie Angst, dass Euch vor dem Finish die Luft ausgeht?

Martin (b): Mit der Dauer eines Albums war es schon immer ein hin und her Spiel zwischen technischen Möglichkeiten und der aktuellen Mode in der Musik, wobei mittlerweile uns auch irgendwelche Maschinen vorschreiben wollen wie wir unsere Alben zu gestalten haben. Das hat Henrik schon sehr gut bei "Heartless" beschrieben. Ich finde jegliche Einschränkungen dieser Art nur störend. Sie beschränken die Möglichkeiten beim Songwriting und führen am Ende oft zum Einheitsbrei. Was das Luftreservoir anbetrifft, nun ja wir hatten es nicht eilig, das Album sollte vor allem gut sein, ungeachtet dessen, wie lang es dauert.
Michael (gt): Es war tatsächlich mehr ein Marathon als ein Sprint. Und an vielen Stellen war es sicherlich nicht so leicht – sehr viele Arbeitsstunden, die hier in dem Werk stecken. Als das Album immer mehr Form angenommen hat (insbesondere mit Deibys an Bord) hat die Motivation auf den letzten Kilometern aber nochmal ordentlich an Schub gewonnen. Insbesondere der letzte Feinschliff und die letzten Details in den Arrangements kosten am Ende tatsächlich nochmal viel Zeit.
Björn (kb): Beim Schreiben an den Songs hab ich da zumindest nie einen Gedanken dran verschwendet. Letztlich soll ein Album Spaß machen, und wenn dafür eine Stunde notwendig ist, dann ist genau das auch richtig. Und Luft ausgehen, das passiert sicher immer mal jedem kurzfristig. Aber das ist das schöne in einer Band mit Menschen, bei denen auch die Chemie stimmt: Man motiviert sich immer wieder gegenseitig mit neuen Ideen oder kleinen Einfällen, die dann wieder zu größerem führen. Am Ende war dann halt klar: Das Album wird lang, aber für uns so genau richtig.

Eure Songs sind sehr clever aufgebaut, oft findet sich eine gewisse Symmetrie in den Liedern wieder, die über das übliche Strophe-Chorus-Strophe hinausgeht. Wieviel Bauch und wieviel Kopf steckt in „Incarnation I"?

Martin (b): Ich für meine Seite entscheide hauptsächlich aus dem Bauch heraus und der Kopf wird für das Verfeinern gebraucht. Um Michelangelo zu zitieren „Die Figur war schon in dem rohen Stein drin. Ich musste nur noch alles Überflüssige wegschlagen." Genauso verhält es sich auch mit dem Songwriting. Zuerst muss man den Weg finden, den das Stück gehen will und dann kommt die Handwerkskunst es zu vollenden.
Michael (gt): In den meisten Fällen ist es viel Experimentierfreude gepaart mit Intuition und Bauchgefühl – es muss sich richtig anfühlen. Und wie Martin bereits gesagt hat – es lässt sich in der Regel auch nichts erzwingen.
Björn (kb): Kopf eigentlich ganz wenig. Der schaltet sich allenfalls mal kurz bei mir ein, wenn ich überlege, welche Sounds oder "Instrumente" zu einem Song passen würden. Der Rest ... man setzt sich ans Instrument und spielt los, vom Bauch und Herz in die Finger und ins Instrument. Wenn man dabei zu viel nachdenkt passiert es schnell, dass man sich verzettelt in Kleinigkeiten, die dem Song nicht gut tun.

Ein herzliches Dankeschön für das ausführliche Interview und viel Glück auf Eurer weiteren musikalischen Reise!

 

Hier weiterlesen: Unser Review zu "Incarnation I"


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