HAVEN - Sabrina, Norman, Robert

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Wie lange dauert alles noch? Kommen gewisse Dinge die mir wichtig sind vielleicht sogar nie wieder?

HAVEN: Eine junge, spannende Band im Gespräch zum aktuellen Weltgeschehen und ihrer neuen CD!

Veröffentlicht am 31.03.2021

Das Review zu HAVENs "Vessel" EP hat einiges zutage gefördert, konnte aber nicht alle Hintergründe restlos aufdecken. Aus diesem Grund mussten unsere berühmt berüchtigten Stormbringer-Kidnapper in einer Nacht und Nebel Aktion ausrücken, um einige Bandmember zu überwältigen und an uns auszuliefern. So viel ist sicher: Wir haben Mittel und Wege gefunden, um an die nötigen Informationen zu gelangen!


Arne hat in unserem letzten Interview gesagt, Musik sei seiner Ansicht nach nie „zu Ende gedacht“. An welchem Punkt seid Ihr als Band mit der neuen EP „Vessel“ angelangt?

Norman: Die zweite EP ist definitiv ein Schritt vorwärts. Bis auf „Within“ gab es die Songs zwar schon eine Weile – und wir haben diese auch live gespielt – aber im Prozess der Aufnahmen und der folgenden Arbeit im Studio haben wir als Band weiter dazugelernt. Produktion und Arrangement, Experimente in unserer Soundlandschaft, Details in Vocals und Melodie – alles Dinge die wir auf der zweiten EP tiefer betrachtet haben. Alexander Khromov hat uns in seinen „Sonic Boom Studios“ in Berlin auch diesmal wieder unterstützt und konnte uns da einiges an Inputgeben. „Vessel“ schließt auf eine Art aber auch die erste Phase der Band ab und wir können die Erkenntnisse mitnehmen für kommende Songs verwenden. Dabei behalten wir bei, was uns ausmacht und was wir als Identifikation gefunden haben, werden aber auch weiterhin experimentieren und neue Dinge suchen, die unsere Musik erweitern können.

Die Titel der Lieder deuten schon darauf hin, dass die Lyrics wieder einiges zu bieten haben. Wovon handeln sie?

Norman: Wie auch bereits bei „Anima“ haben alle Songs ein bildhaftes Thema, in denen sich dann verschiedene spezifischere Dinge wiederfinden. So benutzt „Miasma“ eine Metapher aus Umwelt und Natur für den Größenwahn der Menschheit; „Samsara“ bezieht sich vor allem auf Lebenskreisläufe und Dinge wie Glaube, Fügung und Angst, während „Within“ sich mit der Endlichkeit des Seins und dem (fehlenden) Verständnis des eigenen Wesens beschäftigt. Da ich diese ganzen Dinge – wie alles im Leben – aber als eine sich gegenseitig beeinflussende, verwobene Struktur betrachte, finden sich diese Thematiken auch in allen Songs wieder. Ich versuche, Bezüge aufzumachen und werfe Fragen auf, die auch mich beschäftigen. Da die Lyrics und das eigene Gelernte – wie die Musik – an sich auch nie „zu Ende gedacht sind“, weil alles einen Status Quo an Denken und Ansichten beschreibt, versuche ich die Texte möglichst bildhaft zu halten. So hoffe ich, dass interessierte Hörer sich auch ihre eigenen Gedanken zu den Bildern machen können.

Bei nur drei Songs erwartet man einen kleinen Happen für zwischendurch, aber die Laufzeit beträgt fast 28 Minuten. Das ist ein Anreiz, sich auch die CD zu kaufen.

Robert: Ja, zumindest zwei der drei Songs auf „Vessel“ sind wieder ein bisschen länger geraten – aber noch ein größerer Anreiz für den Kauf der CD sollte sein, dass da noch mehr drauf ist, als beim digitalen Release: das komplette Material von der ersten EP „Anima“ sowie ein fetter Remix von unserem Freund „BLCKSMTH“. Mit der CD bekommt man quasi alles, was wir bisher rausgebracht haben. Übrigens gibt es die CD beim Kauf der Vinyl-EP auch mit dazu – also auch wieder ein Kaufanreiz für die Platte.

„Samsara“ bekam sogar ein schickes Musikvideo spendiert. Stand das von Anfang an fest oder durchlief die Entscheidung einen längeren Denkprozess?

Sabrina: Ich glaube, es war ziemlich klar und unbestritten, dass „Samsara“ dieses Video bekommen soll. Auch Normans Grundidee dazu bestand schon sehr lang. Mir persönlich liegt dieser Song besonders nah am Herzen. Er stammt aus den frühen Anfängen von HAVEN als Norman dazu kam. Und es macht mich auch sehr glücklich, dass dieses Video in meiner Heimat gedreht wurde. Dadurch wird es für mich ein ganz persönliches Zeitzeugnis.

Norman: Auch für mich persönlich ist „Samsara“ der bisher wichtigste Song unserer Band. Als wir dann entschieden haben das Video anzugehen, habe ich überlegt, wer uns bei der Umsetzung unterstützen könnte. Über Bekannte und Kontakte kamen dann Fabian Willi Simon als Visual Artist (Kamera, Schnitt, Set-Regie usw.) und Valentin Tszin als Protagonist dazu. Mit Fabian haben wir auch das inhaltliche Konzept zuvor noch verfeinert. Die Performance und Präsenz von Valentin hat zudem noch eine weitere Ebene im Video aufgemacht. Alles in Allem war der Dreh eine sehr tolle Erfahrung, weil es wiederum ein nächster Schritt im Dasein unserer Band war. Alle haben von Anfang bis Ende sehr gute Arbeit geleistet und zusammen etwas erschaffen, auf das wir stolz sein können.

(Erfahrt im Samsara Video-Clip, was an den Fesseln der Gesellschaft hängt!)

Norman, du sagtest, "Miasma" und "Samsara" existierten schon 2019, als wir zum ersten Mal miteinander sprachen und Euer Wunschrelease für „Vessel“ war damals gegen Ende 2019. Warum kam es zu einer Verspätung von etwa einem Jahr?

Norman: In ihrer Grundform gab es sie schon länger, ja. Im Laufe der Arbeiten an der EP haben wir uns im Studio die Zeit genommen, viel auszuprobieren – aber auch gleichzeitig Stellen bemerkt, wo wir als Band besser hätten vorbereitet sein können. Es ist auch hier ein Lernprozess. Dadurch hat sich alles etwas länger hingezogen, als wir ursprünglich erwarteten. Als dann Anfang 2020 die ganze Pandemie-Geschichte aufkam, haben wir erstmal beschlossen, abzuwarten und den Release zu verschieben, da wir auch gehofft hatten, für den Fall das alles schnell wieder im Lot gewesen wäre, nach dem Release dann auch wieder vermehrt live zu spielen. Als es sich dann nicht so entwickelte, wählten wir den Release Termin für Ende 2020.

Inzwischen habt ihr bei Argonauta Records unterschrieben. Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Label?

Norman: Noch ist das alles sehr frisch. Das Interesse des Labels an uns kam praktisch zeitgleich zum Release der EP auf. Es ist auf jeden Fall eine sehr vielversprechende Möglichkeit für uns und unsere nähere Zukunft. Die Label-Verantwortlichen sind super Leute, das Label hat in der Szene ein gutes Standing und wir freuen uns auf alles was kommt – wie z.B. unser erstes Full-Length Album.

Kurz nach der Veröffentlichung begannen allmählich die Viruseindämmungsmaßnahmen. Welche weiteren Pläne von Euch haben diese durchkreuzt?

Sabrina: Wie alle anderen auch haben wir mittlerweile ein ganzes Konzertjahr verloren. Ein Festival-Konzert auf das wir uns sehr gefreut hatten, fiel aus und ein Videodreh musste zweimal abgesagt werden.

Robert: Ja, es sind – vor der Veröffentlichung und auch danach – einige fest geplante Gigs weggebrochen, und das Ganze wirkt sich natürlich auch erschwerend auf so ziemlich alle anderen geplanten Aktivitäten aus: Proben, Video-Dreh, etc., also müssen wir Wege finden, damit umzugehen; zur Not Sachen vorerst auf Eis legen, uns auf andere Dinge konzentrieren, und manches auch einfach nur ein bisschen anders organisieren. Es muss ja irgendwie weitergehen, aber das trifft ja im Prinzip auf alle gesellschaftlichen Bereiche zu.

Ironischerweise hattest du Norman von Eskapismus gesprochen. Hat deiner Meinung nach das weltbekannte Virus die Realitätsflucht sowohl für Leugner wie für Gläubige salonfähig gemacht?

Norman: Nun bin ich kein Soziologe oder Psychologe, aber ich denke, dass Eskapismus in der Menschheit schon immer salonfähig war. Das Virus und alles was dabei mitspielt, ist nur ein weiteres Beispiel, wie sich gewisse Dinge aufzeigen können. Da es ein so tiefer Einschnitt ins alltägliche Leben – und vor allem in die persönlichen Gewohnheiten – von uns allen geworden ist, spielt dabei natürlich in erster Linie eine Art Angst vorm Unbekannten und dem Verlust von Sicherheit eine Rolle. Ebenso auch, dass alles nicht klar einschätzbar ist: „Wie lange dauert alles noch? Kommen gewisse Dinge die mir wichtig sind vielleicht sogar nie wieder?“ Ich denke, für eine derart neue Situation Akzeptanz und persönlichen Umgang zu finden und zusätzlich den Bezug zur Verantwortung an die Gemeinschaft abzuwägen, kann dabei jedem mehr oder weniger schwer fallen. Und dann kann es eben auch passieren, dass man sich in Glaubenszügen und Ansichten verfängt, die aufzeigen, dass man diese Unsicherheit nicht wirklich meistert. Der Eskapismus – und was einem bleibt in dieser Situation – ist eben dann, auch wieso oft, der eigene Glaube und das Vertrauen daran – welche als Stütze dienen für das, was man akut verloren hat oder glaubt, verloren zu haben. Ganz trocken betrachtet geht es dabei ja aber auch bei vielen Menschen einfach um die Existenz. Für mich also auch verständlich, wenn dann nicht alles sofort rational abläuft, auch wenn das am Ende keine Ausrede sein kann.

Die Kunstindustrie hat durch die Vorkommnisse unbestreitbar schweren Schaden davongetragen – ist auf der anderen Seite aber dadurch der Wunsch nach Kunstkonsum und Sehnsucht in der Bevölkerung angewachsen?

Robert: Im Gespräch mit Freunden höre ich oft, wie sehr sich alle nach Konzertbesuchen und Ähnlichem sehnen – und in Online-Diskussionen ist das Thema ja auch allgegenwärtig. Die ganze Sache macht deutlich, wie wichtig Kunst und Kultur sind, sowohl gesamtgesellschaftlich, als auch auf individueller Ebene als etwas Erlebbares, was den sozialen Aspekt von Konzerten und Veranstaltungen im Allgemeinen betrifft. Da geht es um wichtige Bedürfnisse, die einem teilweise erst richtig bewusst werden, wenn es Einschränkungen gibt. Insofern wird es sicher „Nachholbedarf“ geben. Außerdem hängen da ja auch noch wirtschaftliche Interessen mit dran. Ich bin gespannt, wie sich die Kunst- und Kulturlandschaft verändern wird, z.B. ob vielleicht die Bedeutung von eher kleineren Events und unkonventionellen Konzepten zunimmt – oder ob es aufgrund von Auflagen und Sicherheitskonzepten etc. immer schwerer werden wird, auch ohne großes Budget was auf die Beine zu stellen.

Gibt es einen positiven Aspekt, den Ihr in der Krise seht?

Robert: Mir fällt es leider momentan schwer, positive Aspekte der Krise auszumachen. Es werden sich sicherlich tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen ergeben – unabhängig davon, ob man diese nun eher als „positiv“ oder „negativ“ bewertet. Ich persönlich hoffe ein bisschen auf Umdenkprozesse in Bezug auf die Bedeutung von Kunst und Kultur, wie gesagt, aber auch in Bezug auf individuelles und gesamtgesellschaftliches Konsumverhalten, vielleicht im Zusammenhang mit einem generell steigenden Interesse an ökologischen Themen, mehr Solidarität, Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, ein Hinterfragen des Stellenwerts von Arbeit, solche Aspekte eben – aber ich weiß nicht, wie optimistisch man da sein kann. Vieles wird sich ja erst längerfristig ergeben.

Jetzt existieren von HAVEN die zwei EPs „Anima“ und „Vessel“. Konzerte sind aktuell noch nicht gestattet. Begünstigen diese Umstände die Produktion eines vollwertigen Albums?

Norman: Begünstigen höchstens in dem Sinne, dass man sich darauf konzentrieren kann, neue Musik zu schreiben, weil viele andere Dinge nicht möglich sind. Wir vermissen das Live-Ding ziemlich, weil es unsere Essenz und unser Wesen als Band mit am besten ausdrückt. Daher versuchen wir die Zeit – wie viele andere Bands auch, denke ich – eben möglichst effektiv zu nutzen, um an neuer Musik und dementsprechend auch unserem erstes Full-Length Album zu arbeiten. Natürlich beschränken die Umstände das zusammen Musizieren auch wieder. Man muss dabei, wie Robert auch bereits sagte, auch seine eigenen Prozesse überdenken und adaptieren. Bisher läuft das ganz gut bei uns und das Album ist in Arbeit.

Dann verfolgen wir weiter gespannt das Geschehen! Vielen Dank für das gute Gespräch und bis bald!

Robert: Ebenfalls vielen Dank!

Norman: Gerne, und gerne wieder. Wir hoffen, dass allen Lesern und euch von Stormbringer die nächste Zeit weiter Gesundheit geschenkt bleibt und dass alle mit gutem Gemüt das Jahr beschreiten können.

Sabrina: Danke auch von mir.


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