DESTRUCTION - Schmier

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Ich bin wahrscheinlich so viel Fahrrad gefahren wie seit meiner Jugend nicht mehr und das war schön. Das hat mich wieder ein wenig geerdet und mir gezeigt, in welcher schönen Ecke ich wohne. Da lernt man, auch die kleinen Dinge im Leben wieder zu genießen.

Der Festivalsommer fällt flach und Entzugserscheinungen machen sich breit. Um die ganze Sache zumindest ein wenig erträglicher zu machen, erfreuen DESTRUCTION ihre Fans mit dem spontanen Livealbum "Born To Thrash (Live In Germany)". Frontmann Schmier nahm sich Zeit für einen netten Schwatz.

Veröffentlicht am 19.05.2020

Dass einmal die ganze Welt stillstehen und zum Hausarrest verdonnert werden sollte, hätte noch vor wenigen Monaten keiner zu glauben gewagt. Doch dem bescheidenen Zweck dienend, einen kollektiven Kollaps der Gesellschaft zu verhindern, befindet sich nun der gesamte Planet im Ausnahmezustand und kassierte unseren heißgeliebten Festivalsommer kurzerhand ein. Die deutschen Thrash-Titanen DESTRUCTION erwischt die historische Auszeit mitten in der Bühnenphase ihres gelobten Albums "Born To Perish". Damit der Sommer nicht ganz so trocken und staubig bleibt, packten die Zerstörer flugs den Mitschnitt ihres Gigs beim letztjährigen Party.San Metal Open Air aus und veröffentlichten ein neues Livealbum namens "Born To Thrash (Live In Germany)". Basser und Sänger Schmier sprach mit uns über das Ausnahmejahr 2020, Picture Discs und Erinnerungen an sein erstes DESTRUCTION-Konzert.

Servus Schmier!

Servus, hi! Alles klar?

Alles klar und selber?

Ja, läuft! Kann nicht klagen! Es ist zwar nichts los, aber dafür sind gerade viel mehr Interviews als erwartet - deshalb ist die Schedule im Moment knalldicht, aber es läuft gut!

Das ist die Hauptsache! Bin ich der Letzte für heute oder kommen noch mehr?

[Amüsiert] Der Letzte?! Ich habe noch bis Mitternacht Interviews heute!

OK, dann müssen wir dieses Mal auf den Zeitplan achten - nicht, dass wir wieder überziehen...

Jaja [lacht hämisch...#dejavu]! Da geht hart was ab - wenn, dann sind das elf bis zwölf Stunden Interviews...

Das verstößt ja gegen das Arbeitszeitgesetz!

Ja, das ist nicht erlaubt, ich weiß. Aber das ist Rock'n'Roll und da ist Einiges illegal [lacht]!

Wobei...ihr seid ja eh selbstständig, dann gilt das nicht!

Das ist auch wieder wahr...

Jou! OK, dann starten wir gleich mit der ersten Pflichtfrage: wie seid ihr auf die Idee mit der Liveplatte gekommen?

Ja, das ist ein klassisches Corona-Produkt, würde ich sagen! Wir hatten eigentlich nicht vor, eine Liveplatte zu machen, aber wir waren in der komfortablen Verfassung, dass wir diese Show am Party.San letztes Jahr hatten und dass die recht spontan aufgenommen wurde. Wir wussten, wie geil die Show war - also hatten wir in die Tasche gegriffen und gesagt "es ist gerade eine Scheiß-Zeit, alles geht schief, keine Konzerte, die Fans sitzen zu Hause...also lasst uns was machen!" Wir mussten uns dann natürlich irgendwie mit Nuclear Blast einig werden, dass wir das auch so machen, dass es Sinn macht - sprich: zuerst den digitalen Release, damit das alle Fans sofort hören können, und die physische Version im Sommer nachschieben. Sowas macht man heute eigentlich nicht mehr. Ist ja natürlich ein bisschen schlecht für die Plattenfirma, weil man weniger verkauft, wenn schon drei Monate vorher gestreamt wird. Wer kauft sich dann noch die CD oder das Vinyl, außer den Diehard-Fans und Sammlern. Aber es ist halt eine komische Zeit, die etwas andere Ideen braucht. Deshalb bin ich froh, dass das Label auch mitgezogen ist.

War es ein Kraftakt, das durchzuboxen? Bei Nuclear Blast war man sicher verdutzt, als ihr mit der Idee aufgeschlagen seid...

Ja, klar! Nuclear Blast sind ja riesig, die haben jedes Jahr so viele Releases, da wird schon geplant bis nächstes Jahr im Sommer! Das ist alles nicht so einfach gewesen, aber ich bin ja schon lange da und kenne die Leute. Es ist ja auch so, dass die Corona-Krise vieles aus der Bahn geworfen hat. Viele Bands haben ihre Releases gestoppt oder zurückgeschoben, wodurch man das dann doch irgendwo einschieben konnte. So hat am Ende alles geklappt. Ich glaube, wenn wir jetzt nicht DESTRUCTION wären und nicht so lange dabei wären, hätte es vielleicht nicht geklappt. Aber weil wir schon sehr viel Erfahrung haben und wissen, wie's läuft, war das alles ein wenig einfacher.

Die Setlist ist ein klassisches Festival-Set mit zwei neuen Songs und einer Menge Klassikern. Ich nehme an, es kam euch darauf an, ein Stück Festivalfeeling in diesen konzertlosen Sommer zu bringen?

Genau, und wir können natürlich auch das neue Lineup vorstellen. Eigentlich müssten wir auf Tour sein und die neue Besetzung live vorstellen, aber das geht nun mal gerade nicht. Wir wollten den Leuten trotzdem mal zeigen, wie geil die Band jetzt live klingt. Viele haben uns so noch nicht gesehen. Wir haben zwar in Europa getourt und einige Festivals gespielt, aber halt noch nicht weltweit. Daher ist das auch so ein Lebenszeichen von uns - und man hält die Connection zu den Fans. Weißt du, das ist auch eine wichtige Sache. Wenn du zu Hause sitzt und nix machst, dann passiert auch nichts. Aber wenn du eine Liveplatte draußen hast, gehen die Leute auf deine Website, es gibt Interaktion, du machst ein paar Fan-Aktionen, schreibst mit den Fans...es passiert was und es ist eine positive Energie da - dafür ist die Liveplatte toll. Natürlich ist die Setlist eine Festival-Setlist, was wir so nicht gemacht hätten, wenn wir die Liveplatte geplant hätten. Dann hätten wir eine größere Setlist veröffentlicht, ganz klar. Aber in diesen schwierigen Zeiten war das jetzt einfach die beste Möglichkeit. Ich denke, viele Fans werden das verstehen. Die Reaktionen waren auch toll. Es gab natürlich ein paar Leute, die gesagt haben "öh, die Setlist ist ja langweilig!", aber die wirste immer haben. Und DESTRUCTION-Setlists werden immer gewisse Songs beinhalten, die wir spielen müssen. Während der Fan XY denkt, wir sollten andere Songs spielen, werden die anderen 1.000 Fans trotzdem nach "Bestial Invasion" schreien.

Ist klar! Ich meine, MOTÖRHEAD hätte man ohne "Ace Of Spades" sicherlich auch nicht von der Bühne gelassen...

Eben, is' so! Wir haben auch jetzt auf der letzten Tour vier neue Songs gespielt und haben "Total Desaster" durch "Thrash Attack" ersetzt. Und nachdem "Total Desaster" nicht in der Setlist war, haben sich jeden Abend Leute beschwert! Ja, aber "Total Desaster" haben wir nun zwanzig Jahre lang jeden Abend gespielt und haben jetzt mal einen anderen alten Song reingebracht - der kam auch gut an, aber eben nicht so gut wie "Total Desaster". Das ist halt das Schwierige, wenn man so lange dabei ist, wenn man zu viele Songs hat, die die Leute hören wollen. Das ist auf der anderen Seite ein großes Geschenk, aber auch eine schwierige Situation - gerade auf Festivals. Ich halte es ehrlich gesagt für eine Schweinerei, wenn man uns auf Festivals 45 Minuten spielen lässt, das ist kein Respekt gegenüber der Band.

Kommt auch manchmal auf die Uhrzeit an, oder?

Ja, die Festivals sind ja auch nichts anderes als Entertainment und Bespaßung. Wenn gerade eine Band hip ist, die z.B. Pagan Metal spielt, dann ist es egal, ob es sie erst seit zwei Jahren gibt. Dann wird diese Band auf eine Position gesetzt, die in diesem Moment gut passt, aber die nicht das repräsentiert, was die Band in ihrer Karriere geleistet hat. Das ist halt Musikbusiness, da muss man durch. Aber wir haben trotzdem Spaß auf Festivals und können mit 45 Minuten eine richtig geile Setlist spielen, wo ich alles geben und jeden Song im Schlaf spielen kann. Das ist herrlich, weil ich da voll aus mir rausgehen kann. Wenn ich eine Setlist spiele, die viele neue Songs hat und wo ich viel nachdenken muss, ist die Show auch automatisch gebremster. Ich spiele gerne Festivals, auch gerne mal keine zwei Stunden. Aber die Fans sind anspruchsvoll und wollen halt immer mal neue Songs und eine veränderte Setlist hören. Ich finde das gut, aber es ist eben nicht so einfach.

Außerdem hat so eine Evergreen-Setlist auch etwas Cooles.

Ja, natürlich. Ich meine, ich bin ja selber so. Wenn ich auf Konzerte gehe und ACCEPT spielen nicht "Fast As A Shark", dann bin ich auch enttäuscht. Außerdem wissen alle, was passiert ist, als IRON MAIDEN auf Tour waren und komplett nur neue Songs gespielt haben. Alle waren enttäuscht, aber auf der anderen Seite: wenn AC/DC kommen und zum hundertsten Mal dieselbe Setlist spielen, sind auch wieder alle enttäuscht. Man kann es eigentlich nicht richtig machen. Man muss aber auch auf sich selbst hören, was sich gut anfühlt, denn man kann nicht alle zufriedenstellen.

Habt ihr auch eine DVD oder Konzertdoku in der Hinterhand?

Von der Show gibt es kein Material. Wir drehen ja gerade einen DESTRUCTION-Film. Die Show wurde ja nicht offiziell gefilmt, sondern wir haben mit der Crew, die für die Documentary da war - das waren fünf Kameramänner, die Backstage gefilmt hatten - den Anfang der Show aufgenommen. Daraus hatten wir dann auch den Liveclip geschnitten, den man schon gesehen hat: "Curse The Gods". Wir haben noch zwei Songs mehr, die auch noch rauskommen, aber wir haben nicht die ganze Show professionell gefilmt. Dann hast du ja eine Krankamera, eine Drohne...du hast eine Extrakamera auf den Schlagzeuger, eine am Mischpult, zwei im Fotopit, eine auf der Bühne...du hast zehn Kameras teilweise und das hatten wir nicht. Wir haben das wirklich mit kleinen Mitteln gefilmt, weil wir eigentlich gar keine Liveshow aufnehmen wollten. Unser Producer, der den Film macht, hat uns dann einen geilen Liveclip daraus geschnitten. Hier und da fehlte natürlich etwas Material, wo wir dann Zeitlupen eingeblendet haben - aber ein guter Filmemacher weiß eben, wie man Filme macht. Ich bin sehr froh drum, jetzt ein paar Liveclips für die Platte zu haben. Wir hätten auch gerne eine DVD gehabt, aber dafür war es einfach zu spontan.

Und was eure Documentary angeht?

Ja, das wissen wir alle noch nicht so genau, der Film ist ja ein Riesenprojekt. Er dokumentiert auch unser Leben in den letzten Monaten. Wir hatten einige Ziele, die jetzt erst einmal in weite Ferne gerückt sind, weil wir Shows und Events filmen wollten, die jetzt vielleicht gar nicht stattfinden. Aber der Film ist als Langzeitprojekt angelegt, zu dem man, sagen wir, auch nächstes Jahr noch filmen muss und das dann vielleicht ein Jahr später erst rauskommt. Da müssen wir mal abwarten. Das braucht halt seine Zeit und wenn es fertig ist, wird es hoffentlich auch von einer Firma rausgebracht. Das sollte dann eher auf Netflix oder irgendwelchen Streamingportalen laufen und vielleicht in einigen ausgewählten Kinos. Es ist auf jeden Fall etwas Spannendes und Neues, das bisher großen Spaß gemacht hat.

Ich bin gespannt! Ich fand die Aktion mit der Fan-Karte nett - wie sind eigentlich die Erinnerungen an DEIN erstes DESTRUCTION-Konzert?

Boah...unser allererstes Konzert? Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob das in Oberursel bei Frankfurt in einer ungeheizten Halle war oder die Show mir SODOM und IRON ANGEL in Altenessen im Ruhrgebiet. Ich weiß noch, dass wir am Anfang extreme Bühnenangst hatten, wir waren ja noch total unerfahren und konnten nicht spielen. Die ersten Konzerte waren auch echt außerhalb unserer Komfortzone...bei uns in der Gegend gab es noch keine Metalszene und keine Konzerte, weil dazu nur wir und unsere Kumpels gekommen wären. Mehr Metalfans gab es damals noch nicht. Deswegen musste man schon zur nächsten Stadt fahren...oder halt eben nach Frankfurt oder ins Ruhrgebiet. Und wir waren sehr nervös, ich weiß noch, dass ich am Anfang immer dachte "Oh fuck! Im Proberaum bin ich immer so locker und auf der Bühne so angespannt...wie krieg' ich das nur weg?!" Aber es war dann auch eine Frage der Erfahrung. Die Aufregung und das Adrenalin machen dich anfangs sehr steif, aber das gehört dazu glaube ich.

Heutzutage liest man leider kaum was anderes als Corona...wie hart treffen die Maßnahmen euch und inwieweit könnt ihr da was kompensieren?

Kompensieren ist unmöglich...wir haben natürlich Geld verloren...mit allen Konzerten, die nicht stattgefunden haben, mit Sachen, die wir schon gekauft hatten, Merchandise, Flüge, Planung, Reisen, die wir nicht mehr absagen konnten. Einen Teil konnten wir eintauschen, einen Teil konnten wir auch verkaufen, über Drittpartner - Nuclear Blast und andere Mailorder verkaufen teilweise unser Merchandise, das jetzt übrig war. Ja...es ist halt schwierig. Aber zum Glück haben wir etwas Licht am Ende des Tunnels. Irgendwann wird es wieder Konzerte geben wird - hoffentlich ab September. Glücklicherweise leben wir in Deutschland, der Staat hat ja die Soforthilfe angeboten. Da haben wir uns zum ersten Mal im Leben was vom Staat zurückgeholt und das war in dem Moment sehr notwendig. Ich hatte noch nie einen Pfennig Arbeitslosengeld oder so genommen, aber diese Soforthilfe war wirklich gut gemacht, muss man sagen. Unkompliziert, unbürokratisch und für uns auch sehr wichtig, um die Band am Leben zu halten, laufende Kosten zu bezahlen, usw. Dann haben wir die Liveplatte gemacht, um den nächsten Schritt zu gehen - damit ein bisschen was an Geld rein kommt, damit wir auch was zu tun haben, denn das Schlimmste ist, wenn man keine Perspektive hat. Dadurch hangelt man sich von kleinem Erfolg zu kleinem Erfolg und wir sind auch vorbereitet, falls tatsächlich alle Shows im Sommer nicht stattfinden sollten. Im Moment haben wir noch viele kleinere Konzerte, die alle noch auf der Liste stehen, aber wir rechnen natürlich damit, dass die auch abgesagt werden. Wenn das so kommt, brauchen wir im Sommer das nächste kleine Erfolgserlebnis, vielleicht werden wir dann neue Songs schreiben und ins Studio gehen, erste Demos aufnehmen - einfach, dass die Band aktiv bleibt. Dass man auch Spaß an der Musik hat und nicht immer diese Negativität im Alltag auf einen einprasselt. Für uns war es bisher brutal, was aber andererseits zu erwarten war, weil wir eine Szene sind, die von Livekonzerten lebt.

Man hört und liest ja immer wieder, dass man mit Tonträgern kaum mehr was verdient - glaubst du, dass ihr mit der Liveplatte ein wenig was reinbekommt?

[holt Luft] Ja...die Liveplatte hat uns auf jeden Fall Beschäftigung und Interaktion mit den Fans gebracht. Sie wird uns bestimmt auch ein paar Euro einbringen - nix, wovon wir jetzt lange leben können, aber auch eine Art Soforthilfe...dass wir irgendwo wieder kleinere Einnahmen bekommen, weil die Live-Einnahmen ja völlig wegbrechen. In der Beziehung war das schon eine gute Sache - und machen wir uns mal nichts vor: alle Bands müssen spielen, um zu überleben. Man lebt heutzutage von den Liveshows und den Verkäufen auf der Tour. Daher ist es extrem schwierig, ohne Konzerte überhaupt zu überleben. Aber die Zeit wird kommen, wo es wieder Konzerte gibt, sonst wird die Szene einfach nicht überleben, das ist klar. So wie es im Moment gelaufen ist, war das bisher noch glimpflich. Ich meine, als Corona am Höhepunkt war, hieß es ja aus allen Richtungen teilweise "keine Konzerte bis nächsten Sommer" - das würde keiner überleben, glaube ich.

Ich schätze, das Ganze hängt auch sehr vom medizinischen Fortschritt ab, sprich: Impfungen usw.

Ne...glaube nicht, dass das was damit zu tun hat! Du kannst doch nicht alle impfen. Man muss auch sehen, dass ein hoher Anteil der Menschen keinerlei Symptome zeigt und bedenken, warum der Lockdown gemacht wurde. Man hat das gemacht, weil man gesagt hat, dass man nicht alle im Krankenhaus retten kann, dass man nicht genug Beatmungsgeräte hat und dass man viel zu wenig über das Virus weiß. Mittlerweile wissen wir viel mehr darüber. Wir haben gesehen, dass die meisten, die daran gestorben sind, über 80 waren. Ich denke also, wenn der Impfstoff kommt, dann kriegst den nicht du oder ich, sondern erst einmal die alten Leute und die, die gefährdet sind. Dann werden wir sehen...ich kann mir nicht vorstellen, dass die alle impfen werden. Ich glaube, dass wir eine Herdenimmunität bekommen werden ab 70% wahrscheinlich und dass die besonders Gefährdeten geschützt werden. Anfangs dachte man ja, dass Lungenkranke besonders in Gefahr sind, jetzt heißt es plötzlich "Moment! Wir haben noch ein paar tausend Menschen auseinandergeschraubt, in die Lungen reingeguckt und dies und das festgestellt". Viele Leute sterben ja an Herzversagen, auch extrem übergewichtige Leute sind stark gefährdet und haben sehr schlechte Überlebenschancen. In einem halben Jahr werden wir mehr wissen. Ich glaube nicht, dass der Impfstoff alleine die Rettung ist, sondern nur ein Teil davon.

Es ist ja eine einfache Rechenaufgabe - man weiß, wie viele Menschen man gleichzeitig behandeln kann und wie hoch die Rate der schweren Fälle nach derzeitigem Kenntnisstand ist. Und wenn man die Kapazität überschreitet, hat man ein Problem.

Absolut, das haben wir ja gesehen. In New York, Norditalien, in Spanien teilweise, in Ländern, die nicht gut vorbereitet waren und ein auch schlechteres Gesundheitssystem haben wie die Deutschen z.B. Da hat es teilweise extrem eingeschlagen. Gewisse Krankenhäuser waren da eher Bestattungsinstitute als Krankenhäuser und das ist schon heftig. Da spielen eine Menge Faktoren mit ein und der Lernprozess braucht noch länger. Man muss aber auch sehen, dass Corona eine relativ harmlose Pandemie ist...die richtige Pandemie kommt wahrscheinlich noch irgendwann. Wenn das kommt, das richtig tödlich ist, was dann? In der Hinsicht war das ein ziemlich schlimmer Schuss vor den Bug und hat auch gezeigt, wie verletzbar die Welt ist. Und dass wir etwas ändern müssen an dem ganzen Konzept. Ich hoffe, dass wir aus der Corona-Krise auch etwas Positives mitnehmen, dass neue Erkenntnisse kommen und wir etwas daraus lernen, dass sich auch politisch etwas ändert. Es muss ein neues System her, denn das ständige Scheffeln, das die Welt kaputt macht, funktioniert einfach nicht.

Das ist jetzt sehr lustig, denn meine nächste Frage wäre gewesen, dass du ja immer in allem Negativen das Positive sehen willst - und was dies nun in Bezug auf Corona wäre?

[lacht] Ja, natürlich! Man sagt sich, das Leben muss weitergehen. Der Mensch ist ja Überlebenskünstler und am Ende des Tages ist es auch ganz witzig, dass gewisse Sachen immer zurückkommen und die Leute Sachen vergessen, z.B. die ganzen Impfgegner. Da muss ich drüber lachen, denn wenn wir nicht alle geimpft wären, wären wir nicht hier! Wir haben es ja auch geschafft, unsere Lebenserwartung so hoch zu treiben, dass wir alle 80 werden oder zumindest in diese Region kommen. Vor nicht allzu langer Zeit sind die Menschen auch mit 35 gestorben. Wir sind also schon sehr weit fortgeschritten, aber wir müssen lernen, dass auch unser System die Menschheit kaputt macht...dass dieser ganze Egoismus, die Zerstörung des Planeten und all das irgendwann nicht mehr funktioniert. Da kann man aus der Corona-Krise glaube ich schon Einiges an Lehren ziehen. Die Zusammenarbeit der Europäischen Union bzw. der ganzen Welt war am Anfang doch katastrophal und das kann nicht sein, oder? Da frage ich mich: "wie kann es sein, dass man in Europa so schlecht zusammenarbeitet und auch so unvorbereitet ist?" In Deutschland lief es ja ganz gut, ich meine alle Welt schaut nach Deutschland und sagt, die Deutschen haben das gut gehändelt. Das muss man auch einem kritischen Deutschen mal sagen. Wir waren sehr diszipliniert, die Regierung hat nicht alles richtig gemacht, aber doch Vieles. In der Beziehung hat es andere Länder schlimmer getroffen.

Es ist für mich verständlich, dass nicht jeder Handgriff sitzt, wenn man schnell reagieren muss. Aber was diese Aluhut-Fraktion inzwischen wieder vom Stapel lässt, halte ich für sehr gefährlich.

Die Menschen wollen immer sofort eine Antwort und eine Lösung, das ist unsere Generation. Wenn man keine Lösung vorfindet, wird gegrübelt und das nächste gegriffen, das da ist - und das sind eben die Aluhüte, die Verschwörungstheorien und der Schwachsinn dieser Welt. Das ist gerade die einfachste Lösung und deshalb ist es normal, dass weniger gebildete Leute oder die, die denken, sie wären superschlau, sich darüber hinwegsetzen und glauben, sie wissen mehr als die Virologen. Und dass ein paar dumme Leute das nachschreien, ist auch klar. Ich meine, warum ist der Trump so populär? Weil er ein Populist ist, weil er dumme Phrasen spricht, die einfache Menschen sofort verstehen und nachschreien können. Und so ist es auch hier mit der Pandemie und das ist ein bisschen beschämend, wenn man das so sieht. Ich bin ja auch jemand, der sozialkritisch ist und nicht alles gut findet, was in der Welt passiert. Aber auf diese Verschwörungstheorien und diesen ganzen Quatsch kann ich mich beim besten Willen nicht einlassen. Da muss man auch mal sagen, dass Deutschland in der Krise gut reagiert hat und auch das Volk sich am Riemen gerissen hat und zu Hause geblieben ist. Das war sehr vorbildlich und was, worauf wir ein wenig stolz sein können.

Neue Musik hattest du ja schon angesprochen. Könntest du dir vorstellen, dass die ganze Situation im Moment einen Einfluss auf eure Musik und Texte haben würde?

Ja, ich weiß nicht. Ich denke schon, dass da ein bisschen was hängen bleiben wird, aber ich sehe es jetzt nicht, dass wir eine Art Corona-Album mit negativen Texten machen, das bringt mir garnix. Eine Platte soll ja einen Schub nach vorne sein, positive Ideen haben und natürlich eine Portion Kritik - das gehört für mich zum Thrash dazu! Es wird sich jetzt zeigen, ich weiß selber noch nicht genau, wo's hingeht. Wir sind ja schon bald soweit, neue Songs zu schreiben. Wir haben ja erst vor Kurzem eine neue Platte rausgebracht und hatten noch kaum Gelegenheit, damit zu touren. Und jetzt sollen wir schon wieder neue Songs schreiben, da müssen wir mal schauen, wie's funktioniert. Aber ich sehe uns jetzt noch nicht im nächsten Jahr eine neue Platte rausbringen, weil dann jeder seine Alben rausbringt. Das wird das Jahr der Corona-Musik und der überfüllten Plattenregale werden. Aber man weiß ja nicht, wie's läuft. Kann sein, dass ja wirklich keine Konzerte stattfinden und wir die Platte in einem Rutsch im Sommer schreiben und Ende des Jahres aufnehmen...und dann bleibt sie natürlich nicht in der Schublade liegen.

Hattest du die Konzertabsagen auf den Sommer bezogen oder darüber hinaus?

Das war schon alles, wir haben alles abgesagt bekommen bisher. Nicht nur die Sommerfestivals, sondern auch die Asien- und Australien-Shows. Die werden wahrscheinlich erst für nächstes Jahr September angesetzt. Dann haben wir leider unsere USA-Tour mit VOIVOD im Oktober verschieben müssen. Im November hatten wir eine Südamerika-Tour mit RAGE, die auch komplett ohne neuen Termin verschoben wurde. D. h., uns wurde praktisch alles abgesagt außer der Tour, die wir von April / Mai auf November / Dezember verschoben haben. Die wird hoffentlich stattfinden, ist ja auch schon länger angekündigt. Es sieht im Moment so aus, als gäbe es ein Rebooking und als könnten vereinzelte Konzerte wieder möglich sein, also versuchen wir, vielleicht im September schon ein paar Shows zu spielen. Es ist ein halt Katz-und-Maus-Spiel.

Und was steht sonst noch so an, vielleicht außerhalb von DESTRUCTION?

Joa...DESTRUCTION ist mein Leben, da hab ich 24 Stunden zu tun! Ich hab' jetzt in meiner Freizeit versucht, mehr Fahrrad zu fahren und etwas mehr Natur zu genießen. Das war toll ohne die ganzen Autos draußen - ich wohne ja im Dreiländereck, wo es durch die geschlossenen Grenzen extrem ruhig ist. Das war sehr angenehm, ich hatte hier wirklich einige Ecken von meiner schönen Natur wieder kennengelernt, die ich schon längst vergessen hatte. Ich bin wahrscheinlich so viel Fahrrad gefahren wie seit meiner Jugend nicht mehr und das war schön. Das hat mich wieder ein wenig geerdet und mir gezeigt, in welcher schönen Ecke ich wohne. Da lernt man, auch die kleinen Dinge im Leben wieder zu genießen. Das sollten wir auch alle aus dieser Krise mitnehmen. Wir sind so verwöhnt und schätzen nicht mehr, was wir haben. Man sagt ja, man soll krank werden, um die Gesundheit zu schätzen und von daher hat so eine Krise etwas Gutes, weil man wieder weiß, wie gut es einem eigentlich geht.

Absolut! Noch eine letzte Off-Topic-Frage: du bist doch Manager der BURNING WITCHES - habt ihr mal daran gedacht, von der letzten Platte eine Picture Disc rauszubringen?

Das ist eine gute Frage! Normalerweise macht ja für die Konfiguration der Platten das Label Vorschläge, und diesen Vorschlag gab es nicht. Picture Discs sind wohl nicht mehr so populär, wir machen ja jetzt mit DESTRUCTION eine Picture Disc und die wurde erst mal von Nuclear Blast abgelehnt. Da musste ich dann schon ein bisschen Rabatz machen, damit das Label die auch macht. Picture Discs kosten nun mal mehr und werden nicht so oft verkauft - dadurch ist die Gewinnspanne für das Label immer kleiner. Ich denke, das mit den BURNING WITCHES zu machen, wäre auf jeden Fall interessant. Könnte sein, dass das noch irgendwann angegriffen wird. Die haben auch eine Menge Fans, die Sammler sind. Könnte also sein, dass man nach den Erfahrungen mit der DESTRUCTION-Picture Disc auch Nuclear Blast überzeugen kann. Muss man mal gucken - aber gute Anregung, werd' ich weiterleiten!

OK! Dann machen wir heute mal pünktlich Schluss - gibt es noch etwas, das du loswerden willst?

Ich würde sagen, ich hoffe, wir sehen uns alle bald wieder! Es wird ein harter Sommer für alle Konzertgänger, aber dafür wird es nächstes Jahr hoffentlich umso schöner! Bleibt alle gesund, hört viel Musik, unterstützt die Künstler...Rock'n'Roll!


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