SANKT VELTEN / DARKNESS - Arnd

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Heavy Metal war für mich immer Rebellion, Aufbegehren, auf den Mainstream scheißen, frei sein und sein eigenes Ding machen.

Der Teufel selbst bittet zum Interview! DARKNESS Gitarrist und Songwriter Arnd präsentiert sein Alter Ego.

Veröffentlicht am 11.05.2020

Hallo Arnd! Ende letzten Jahres erschien das Debütalbum deines Projekts SANKT VELTEN, „The Discreet Charm Of Evil“. Wie lange hattest du schon den Wunsch gehegt ein Soloprojekt zu machen?
So um 2013 oder 2014 kamen mir die ersten Einfälle und die Lust, eine Solo-Geschichte auf die Beine zu stellen. Der erste Song, den ich geschrieben habe, war „Warporn“. Da hatte ich den Namen „SANKT VELTEN“ aber noch nicht.

Einige der Songs hattest du vor ein paar Jahren schon online veröffentlicht. Welche waren das und hast du sie für das Album neu eingespielt?
Das waren „Dancing in Purgatory“, „Sex in a Microwave“ und „Warporn“. Alle drei Songs waren damals aber eher mäßig produziert. Das waren die ersten Gehversuche und das erste Lebenszeichen von SANKT VELTEN. Natürlich habe ich die Songs komplett neu aufgenommen.

War es schwer, Musiker für das Album zu finden?
Gar nicht! In 2010 oder 2011 habe ich mit EURE ERBEN eine kleine Europa-Tour gespielt. Pipers Band WAR-HEAD aus Kroatien war unser Support, daher kennen wir uns. Piper ist ein extrem versierter Drummer und ein akribischer Musikarbeiter. Dazu ist er noch einer der nettesten Menschen ist, die ich kennen gelernt habe.
Catharina und ich haben uns auf einer Party kennen gelernt. Da gab es die Idee zu SANKT VELTEN schon und weil ich immer schon Frauengesang im Chor haben wollte, hat sich so das eine zum anderen gefügt.

Das Album wird zwar sicher auch Fans von DARKNESS gefallen, ist aber musikalisch doch etwas anderes, was ja verständlich ist, denn sonst hättest du die Songs auch für die Band verwenden können. Worin siehst du selbst den größten Unterschied zwischen SANKT VELTEN und DARKNESS?
DARKNESS sind eine reine Thrash-Band. Ich spiele gerne diese Art von Musik und spiele gerne Konzerte mit der Band, aber musikalisch sind wir weitestgehend im Spektrum Thrash gebunden.
SANKT VELTEN bietet mir die Möglichkeit, mich musikalisch anders zu entfalten. Ich höre und schreibe nicht nur Thrash, sondern auch andere Musik, die kann ich mit SANKT VELTEN umsetzen. Eine Ballade wie „Back Into The Fire“ wäre mit DARKNESS kaum denkbar gewesen. Nicht, weil die Band vom Können her dazu nicht in der Lage wäre, sondern weil der Song nicht in das Genre passt. SANKT VELTEN bietet mir mehr Freiheiten.

Wie kamst du auf den Namen SANKT VELTEN?
Vor einiger Zeit habe ich den Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ von Grimmelshausen gelesen, darin kam SANKT VELTEN vor. Da wusste ich gleich: wenn Du mal ein Soloprojekt machst, ist das der Name dafür.

Es mag zwar nicht direkt ein Konzeptalbum sein, aber man erkennt hier schon ein gewisses Konzept, einen thematischen roten Faden der sich durch das Album zieht mit seinem Fokus auf die menschliche Natur und vor allem deren dunkle Seite. Auch wenn viele Songs aus der Perspektive des „Bringer of Light“ [Luzifer aka Sankt Velten] geschrieben sind, gehe ich wohl richtig in der Annahme, dass wir uns alle darin wiederfinden könnten?
Die einen mehr, die anderen weniger. Ich denke, wir alle haben genug Leichen im Keller um nach den Maßstäben von „Moral“ oder „Sünde“ zu brennen. Das beschreibe ich ja in „Postcards From Hell“.
Die Texte schreibe ich aus der Perspektive des Teufels, der ja ohnehin schon immer für alles Böse und Schlechte in der Welt verantwortlich gemacht wird. Das eröffnet textlich sehr schöne Perspektiven.
Den roten Faden, der sich durch die Songs zieht, hast Du also völlig richtig erkannt.

Thematisch eher unüblich für Thrash Metal (auch wenn du bei DARKNESS, etwa mit „I Betray“, schon in die Richtung gingst), ist die Beschäftigung mit dunklen (auch fleischlichen) Gelüsten, die hier auf „The Discreet Charme Of Evil“ sehr prominent ist. Zu denen stehen viele ja nur „anonym“ in der „virtuellen Welt“. Fällt es dir leicht über solche Dinge zu schreiben oder hilft es dir dabei auch, dass du in der Form eines künstlerischen Ichs schreibst?
In ein künstlerisches Ich zu schlüpfen ist grundsätzlich eine hervorragende Sache, die mir viele Möglichkeiten eröffnet. Nicht umsonst sage ich, dass SANKT VELTEN mein Alter Ego ist.
In finstere Dinge einzudringen und darüber zu schreiben, gerade auch in vermeintlich dunkle Dinge wie Sadomasochismus und Fetisch, stellt für mich kein Problem dar. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Menschen eine Seite haben, die sie eben nicht offen vor sich hertragen. Eine Seite, die halt  nicht den gängigen gesellschaftlichen Normen von Beziehung, Liebe und Sex entspricht.
„Do Penance“ und „Sex In A Microwave“ behandeln offen das Thema SM, wobei letztgenannter Song das eher in einer humorvollen Weise tut. In „Sex In A Microwave“ geht es um die fleischliche Lust des Teufels, der ja auch nur ein Wesen aus Fleisch und Blut ist.
Mich interessieren die sogenannten Normalos nicht, die geben mir nichts, sie bieten mir keine interessanten Geschichten außer eben den „Discreet Charm of Evil“.
Ich beschäftige mich lieber mit dem, was neben dem von den Normen ausgetretenen Pfaden geschieht, mit speziellen Menschen, die Ecken und Kanten haben. Mit dem Mainstream komme ich nicht klar, der führt zu nichts, außer zu Langeweile.
Upps – war das jetzt zu persönlich?!

„Warporn“ beschäftigt sich auch mit etwas, dass sich manche wahrscheinlich nicht gerne eingestehen. Gerade in unserer Zeit wo auch Hardcore Pornos mit wenigen Mausklicken sofort abrufbar sind, man geradezu übersättigt ist und immer extremeren Kontent braucht um überhaupt noch einen Kick zu erleben, sind manche schon so abgestumpft, dass das einzige was sie noch wirklich erregt reales, brutales Footage von Kriegsgeschehen oder auch Exekutionen ist (von Saddam Husseins Erhängung bis zur Köpfung von IS-Geiseln). Ist das eine Entwicklung die uns zum Nachdenken geben sollte?
Unbedingt! Wer diesen Dreck braucht um sich zu erregen, sollte dringend einen Psychiater aufsuchen. In der Tat verdreht virtuelle Welt vielen Leuten das Gehirn, das finde ich in weiten Teilen schon eine erschreckende Entwicklung.
Wie eingangs erwähnt, war „Warporn“ die erste Nummer, die ich für ein Soloprojekt geschrieben habe. Da wusste ich aber noch nicht so recht, wohin die Reise gehen soll. Deshalb behandelt dieser Text etwas sehr weltliches, nämlich die Videoaufzeichnungen von zumeist amerikanischen Soldaten aus Gefechten oder Kämpfen. Auch die Aufzeichnung der Folterungen von Gefangenen ist damit gemeint. Das ist wirklich „Broadcast from Hell“!

Hast du dir selbst auch schon solche Videos angesehen und wenn ja, was gingen dir dabei für Gefühle und Gedanken durch den Kopf?
Ich habe einen Bericht über dieses Thema gesehen, der hat mich zu dem Song inspiriert. Ich selbst habe derartige Videos noch nicht gesehen, außer halt in entschärfter Form in diesem Bericht.

Auch wenn er im Heavy Metal (und nicht nur dort) gerne anders dargestellt wird, gibt es eine lange Tradition den Teufel als wortgewandten, auch charmanten Verführer darzustellen. Schon in der Bibel, über Mephistopheles in Faust, bis hin zu neuen popkulturellen Darstellungen als Mann im Anzug wie bei „Im Auftrag des Teufels“. Das Böse und Üble ist von außen oft nicht zu erkennen. Wo und in welcher Form siehst du den „Discreet Charme Of Evil“ in unserer Gesellschaft?
Daher habe ich ja den Anzug als das Image des Teufels gewählt, quasi die zeitgemäße Version des Satans. Ich sehe „das Böse“ in vielen Bereichen; meistens in solchen, in denen das vermeintliche Gute und Richtige dieser Bereiche immer wieder plakativ herausgestellt gestellt wird.
Das Böse erscheint nicht immer mit Krach, Monstern und Explosionen, sondern meistens still und unscheinbar. So wie der Bänker, der Dich abzieht, der Börsenbroker, der den Fond mit Deiner Altersvorsorge versenkt, der Pfaffe, der von Keuschheit spricht und sich an die Messdiener heran macht, der Politiker, der von Frieden und Freiheit spricht, jedoch Überwachung und Unterdrückung meint. Oft ist es auch der Mensch gegenüber, der Dich anlächelt, aber das Messer schon hinter dem Rücken hält, usw.
Ich denke, das größte Unheil bringen uns immer freundliche und vertrauenerweckende Menschen in teuren Anzügen oder Kostümen.

Auch wenn du dich einer biblischen Figur bedienst, scheinst du Religion – vor allem aber institutionalisierter Religion wie der Kirche – kritisch gegenüberzustehen. Hier die Gretchenfrage: Wie hast du's mit der Religion?
Da ich SANKT VELTEN bin, glaube ich zwangsläufig an Gott, ich habe ihn ja persönlich kennen gelernt. Ich hab nur meinen Job als Parkwächter gemacht und ab und zu mal ein paar kritische Fragen gestellt. Schließlich hat er mich aus dem Paradies geschmissen, ohne Anklage, unter fadenscheinigen Begründungen, hahaha!
Doch im Ernst: ich bin Atheist. Die Religion ist das Opium des Volkes, um Karl Marx einmal zu bemühen. Ursprünglich sollten Religionen uns Menschen ja einen und Verhaltensregeln geben, damit wir uns eben nicht benehmen wie die Primaten, die wir eigentlich sind. Das ist denn irgendwann mutiert, bis zu dem Punkt, an dem irgendwer erkannt hat, dass Religion ein super Geschäftsmodell ist und man damit die Leute wunderbar im Zaum halten kann.
Das prangere ich an.

Für viele Fans ist der Heavy Metal auch eine Art Religion. Wie du in „Mano Cornuta“ thematisierst, ist da vieles mittlerweile Mainstream und trendig geworden, somit auch sinnentleert. Tattoos sind alltäglich, Fashion-Bloggerinnen „rocken“ in Metallbandshirts vom Billigklamottenladen und Teufelshorn-Handzeichen, ob man auch nur einen einzigen Song der Band auf dem Shirt kennt ist egal Hättest du dir in den 80ern vorstellen können, dass die Ästhetik des Heavy Metal einmal so vom Mainstream adaptiert wird?
Nein. Heavy Metal war für mich immer Rebellion, Aufbegehren, auf den Mainstream scheißen, frei sein und sein eigenes Ding machen. In den 80ern konnte man mit langen Haaren noch richtig schocken.
Dass das einmal so kommen würde, hätte ich mir damals nicht vorgestellt.

Siehst du es auch so, dass es leider auch viele Metalfans einem Schubladendenken unterliegen wie man auszusehen und sich zu gebären hat?
Marketing-technisch jetzt vermutlich eine völlig falsche Antwort, dafür aber eine ehrliche: ja. Wie zuvor erwähnt geht es nach meiner Auffassung im Heavy Metal noch immer um Freiheit und darum, anders zu sein. Dazu passen Schubladen nicht.
Wenn ein Thrasher meint, dass er aus einem Trinkhorn sein Bier zu sich nehmen und zu AMON AMARTH die Birne schütteln möchte, soll er es verdammt noch einmal tun.
Metal ist tolerant und weltoffen, dazu passen keine Schubladen.

Letztes Jahr habt ihr 35 Jahre DARKNESS mit einem geilen Jubiläumskonzert im Don't Panic in Essen gefeiert. Wie war es für dich mit alten Wegbegleitern auf der Bühne zu stehen?
Sehr geil. Das war eine wirklich emotionale Show.

Ihr arbeitet schon am Nachfolger für das großartige „First Class Violence.“ Gibt es schon Pläne wann es erscheinen soll?
Wir schreiben an einer EP, die in 2020 erscheinen wird und wir arbeiten an einer DVD über die Bandgeschichte. Ferner haben wir uns für einige Shows vorbereitet, von denen einige leider verschoben werden müssen.

Eure geplanten Gigs im September in den  USA. Habt ihr dort schon mal gespielt und macht ihr euch Sorgen, dass ihr die Konzerte eventuell auch verschieben oder gar absagen müsst?
Schweden [Show hätte im April stattfinden sollen] ist ja leider schon in den Januar nächstes Jahr verschoben worden. Die Show in den Staaten wäre eine Premiere, ich hoffe, dass sich der Corona-Spuk bis dahin erledigt hat [die ursprünglich geplanten Termine wurden schon verschoben].

Das Thema Coronavirus ist derzeit omnipräsent. Bands, Locations und Festivalveranstalter stehen nicht nur vor großer Ungewissheit, wann und wie es weiter geht, sondern auch finanziellen Verlusten. Aus der Perspektive eines Musikers, wie bewertest du die derzeitige Situation und wie beeinflusst sie dich und DARKNESS?
Für mich ganz persönlich ist der Fluch zum ersten Male ein Segen. Ich habe es bislang immer sehr bedauert, dass die Musik einen nur sehr schlecht ernährt und dass ich neben der Musik gezwungen bin, einen bürgerlichen Job ausüben zu müssen. Jetzt bin ich ganz froh darüber.
Die ausgefallenen Shows tun sehr weh, aber eher in emotionaler Hinsicht. Ich liebe die Bühne und live zu spielen, das ist jetzt ein wenig wie Knast oder kalter Entzug. Aber das beeinflusst mich nicht. Ich, also wir, machen weiter. Es geht immer nur nach vorn!

Danke für das Interview!
Ich habe Dir zu danken!


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