HAVEN - Arne, Norman & Sergey

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Ich persönlich stehe sehr auf den ästhetischen Wert von Sprache. Gut klingende Worte, epische Formulierungen – besonders im Englischen als Fremdsprache, aber auch im Deutschen… da läuft mir manchmal richtig ein wohliger Schauer den Rücken runter.

ATTENTION! Wie gewohnt versorgt euch Stormbringer mit den besten Geheimtipps im Schwermetall-Universum! Heute stellen wir euch HAVEN aus Berlin und ihren Alternative Metal im Interview vor.

Veröffentlicht am 12.04.2019

Der HAVEN Sound ist düster, schwer, klingt nach verregneten Herbsttagen und ist mit tiefgründigen Texten versehen. Mit "Anima" lieferten die ehrgeizigen Berliner Ende 2018 eine stimmige und qualitativ hochwertige Debüt-EP, die gleich Lust auf mehr machte. Nun sind Sänger Norman, Drummer Sergey und Gitarrist Arne angetreten, um die frohe Botschaft zu verkünden, dass in nicht allzu langer Zeit ihre Nachfolge-EP veröffentlicht wird. Wir begrüßen die Band und nehmen sie direkt ins Ver- und Gehör!


Der HAVEN Sound klingt nach vielfältigen Interessen, ohne zu viele musikalische Einflüsse implementiert zu haben - Oder  anders gesagt, musikalische Spielereien sind nicht zu prägnant. Habt ihr eure Idealvorstellung eurer Stilrichtung bereits gefunden, oder seid ihr noch am experimentieren?

Arne: Ich empfinde Musik nie als „zu Ende gedacht“ oder irgendwo angekommen. Die Palette von Sounds, Stilistik, spielerischen Kunstgriffen – allgemein dem musikalischen Biotop, was wir uns mit unseren ersten Songs geschaffen haben – gefällt mir bisher sehr gut. Als stabile Basis hat das aus meiner Sicht Bestand. Und trotzdem muss immer etwas Neues dazukommen, sonst wird mir langweilig. Eine funktionierende Band im Zugriff zu haben, bedeutet für mich die Möglichkeit, jegliche musikalische oder künstlerische Idee in einer lebendigen Umgebung testen zu können. Sie mit meinen Mitstreitern zu interpretieren und weiterzuentwickeln. Dabei fliegen natürlich auch mal Ideen zurück aufs Reißbrett oder in den Mülleimer. Zusammengefasst: nein! Die kommende EP wird aus dem Vorhandenen schöpfen, diesem aber auch Aspekte hinzufügen. Danach habe ich Lust, musikalisch noch breiter zu werden und auch einige Richtungen, die wir jetzt angeschnitten haben, konsequenter umzusetzen. Musik ist endlos und das liebe ich besonders an ihr!

Interessanterweise gehen die Meinungen eurer Hörer in Punkto Genre etwas auseinander. Gerade was den Doom-Gehalt betrifft. Passiert auch bei anderen Bands, aber bei euch ist das doch etwas ausgeprägter. Wie viel Doom, falls überhaupt, steckt in HAVEN und welche Zielgruppe habt ihr im Auge?

Arne: Doom ist für mich eine Musikrichtung, die ich immer mal wieder höre und gehört habe. Ich bin aber definitiv kein versierter Fan des Genres. Ich höre gerne CATHEDRAL, MY DYING BRIDE, BLACK SABBATH oder CANDLEMASS, aber von modernem Doom habe ich wenig Ahnung. Eine Zielgruppe habe ich nicht im Auge. Das führt einen nur weg davon, die Musik zu machen, die einen wirklich interessiert. Manchmal finde ich es ganz spannend zu schauen, wie die Leute im Publikum auf uns reagieren. Ich höre mir auch Feedback zu unserer ersten EP an – oder ich lese, was Magazine schreiben. Das ist ganz spannend, um mal zu schauen, wie Musik, die ich gut finde und die für mich rund klingt, auf andere wirkt. Natürlich steckt da auch der Ehrgeiz dahinter, Songs zu schreiben, die irgendwie „funktionieren“. Das ist ja auch ein Stück Handwerk – und in diesem Handwerk möchte ich auch gut sein. Aber entscheidend ist immer: Knallt es für mich und den Rest der Band? - Dann ist es gut.

Norman: Genre spielt für mich in meiner musikalischen Herangehensweise keine große Rolle. Wir komponieren die Lieder, auf die wir Lust haben und die unser Selbst ausdrücken. Wir haben „Doom” eigentlich auch nie als Kategorie für uns definiert. Eher „Alternative Metal”, wenn man denn so möchte. Dabei haben wir aber auch keine Angst, Dinge zu machen, die etwaig „dem Genre eigentlich nicht so entsprechen”. Eine Zielgruppe entsteht daher – denke ich – auch einfach heterogen, indem Menschen entweder von deiner Musik berührt werden oder eben nicht. Jeder besteht aus so vielen Einflüssen im Leben, die Geschmack usw. bestimmen, dass wir wohl überall Leute abholen können, die sich mit etwas härterer Musik gut stellen. Sicherlich sind darunter dann eher Menschen, denen auch Inhalt und Atmosphäre in der Musik und dem ganzen Drumherum wichtig sind, aber ich glaube, unsere Hörer könnten über Zeit relativ breit aufgestellt sein, was ihre (musikalische) Herkunft angeht.

Eure Texte sind tiefgründig und einfallsreich. Erzählt den Lesern bitte ein bisschen mehr über die Hintergründe.

Arne: Ich bin beim Schreiben der Texte nicht involviert, auch wenn es mir manchmal in den Fingern juckt, selbst etwas zu verfassen. Ich vertraue Norman da 100% und er macht einen sehr guten Job. Ich persönlich stehe sehr auf den ästhetischen Wert von Sprache. Gut klingende Worte, epische Formulierungen – besonders im Englischen als Fremdsprache, aber auch im Deutschen… da läuft mir manchmal richtig ein wohliger Schauer den Rücken runter. Auch die visuelle Qualität von Worten und Buchstaben weiß ich sehr zu schätzen. Aber natürlich steht als erstes der Inhalt – und wenn der dann auch noch attraktiv in Worte übersetzt ist, bin ich im Boot.

Norman: Zu den Lyrics müsste man theoretisch einen breiten Kontext aufmachen, weil sie mit dem Grundkonzept von HAVEN essentiell zusammenhängen. HAVEN steht in unserem Falle für „Zufluchtsort”. Wenn man unser Logo betrachtet, sieht man einen Kreis und zwei Parallelen. Ersterer steht für die immer wiederkehrenden und unaufhaltsamen Dinge in uns allen und in unserer gegebenen Umwelt, mit denen wir hadern und die uns herausfordern –  also der Kreislauf bzw. die Kontinuität, die größer ist als wir im Einzelnen, die uns mitbestimmt und die wir kaum durchbrechen können. Die Parallelen stehen für die persönliche Ebene und dafür, dass man durch das, was diese Kontinuität mit einem macht und wie sie das Gemüt treibt und beeinflusst, in Situationen kommt, die einen zum persönlichen „HAVEN” hinleiten (was oder wer auch immer das für jeden sein mag) ...dort wo man dann diese Dinge verarbeitet, daraus lernt, Energie walten lässt und wieder sammelt und dann wieder hinaustritt, um sich neuen Dingen im Kreislauf zu stellen.

Dieser Grundtenor wird dann in den Texten sozusagen bebildert – und ich benutze emotionale, soziale, politische oder philosophische Motive, die unser Leben schreibt. Es geht dabei viel um die Wahrnehmung des eigenen „Ich”, dem Verhältnis von Lebewesen untereinander, bis hin zum Universum selbst. Wo sind wir in dessen konditioniert, wo glauben wir etwas zu wissen über uns und alles um uns? Was ist das eigene Ich bzw. Selbst überhaupt? Woraus setzt es sich zusammen? Wie weit sind wir tatsächlich alle miteinander verwoben und bestimmen somit das „Ich” des Gegenübers mit? Was heisst das für die Selbstbestimmung im Leben? Und wo kreiert die Endlichkeit in unserem Sein ein Verhältnis zu eben dieser größeren Kontinuität und kann dadurch Dunkel und Licht im Leben hervorbringen?
Das sind ein paar der Fragen, die dabei auftauchen, die ich versuche für mich durch die Texte zu ergründen.

( © by Krousky Peutebatre-pictures)

Wie ist der Umgang eurer Fans mit euren Lyrics? Beschäftigen sich Jugendliche heute noch mit Messages in Musik?

Arne: Beschäftigen wir uns selbst noch mit den Messages? Ich mag es, wie der Zusammenklang von Musik und Worten mich aktivieren kann. Gar nicht so sehr im politischen Sinne, eher abstrakt gesprochen. Wie gesagt: Worte haben für mich oft einen ästhetischen Wert und damit auch einen emotionalen. Ich mag Musik mit intelligenten Texten, eleganten Formulierungen. Das ist für mich dann wie ein gut geschriebenes Gedicht oder sogar ein Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel. Wo man dann denkt: „well done“ und „interessantes Thema”. Ich habe aber nicht den Anspruch an irgendwen da draußen, dass er unsere „Message“ verstehen oder überhaupt eine sehen muss.

Norman: Bisher haben wir zu den Texten tatsächlich wenig Rückmeldung erhalten. Wenn sich jemand geäußert hat, war schon zu merken, dass Wertschätzung da war für die Art der Formulierung – und dass der Inhalt auch bemerkt wurde. Da jeder natürlich Worte auch individuell versteht, sehe ich es eh grundsätzlich so, dass die Wirkungsweise immer unterschiedlich ist. Selbst wenn ich einen bestimmten Ausdruck benutze... sobald jemand es wahrnimmt, verlässt es meine Hand. Das ist auch das Schöne: die Energie wird geteilt, es werden etwaig Gedanken angeregt.
Die Menschen, die bisher auf mich zugekommen sind, waren auch eher keine Jugendlichen mehr. Bisher haben wir in der Altersklasse noch keine persönlichen Feedbacks bekommen. Wenn man generell Fans von Musik betrachtet, die mehr auf Jugendliche ausgerichtet ist (ob Billie Eilish oder sagen wir „your random Trap Artist”), finde ich, dass sich Jugendliche ebenso wie andere Altersgruppen verhalten. Wenn etwas deine Interessen tangiert, bist Du daran interessiert. Manche achten auf Inhalt, manche wollen „nur” zur Mucke feiern oder sich treiben lassen. Alles hat seine Berechtigung. Wir betreiben alle auf eine Art Eskapismus im Leben. HAVEN ist auch für uns als Band eine Zuflucht ...und wir lassen uns, neben dem Anspruch an den Inhalt, ebenso in der Musik und unseren bezüglichen Emotionen treiben. Das sieht man bei mir z.B. dann vor allem auch live.

Im Oktober 2018 habt ihr mit der „Anima“ EP habt ihr ein vielversprechendes Debüt vorgelegt, mit dem ihr schnell eine Fanbasis aufgebaut habt. War die Zeit in euren Vorgängerbands dabei hilfreich, oder konnten die HAVEN Scheibe und eure Tour die Musikfans überzeugen?

Arne: Ich spiele seit 1994 in Bands – und für mich hat es immer einen Lerneffekt gegeben in allen Projekten dieser vielen Jahre. Insofern bin ich heute ein anderer Mensch und Musiker als in meiner ersten Band, die übrigens 2020 ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. Ich bin in den Jahren und besonders in der intensiven Zeit der Formung von HAVEN ein besserer und selbstbewussterer Musiker und Gitarrist geworden. Ich gehe heute vieles professioneller und abgeklärter an, das ist ein großer Gewinn für mich – und ich denke, wohl auch für die Band. Kommerziell dürfte meine Vergangenheit oder auch die der anderen kaum einen Effekt haben. Natürlich aktiviert man ein paar alte Freunde und schlägt ihnen vor, das gut zu finden und einen zu unterstützen, aber das ist eher eine Selbstverständlichkeit aus Stolz auf das eigene Werk und bringt nicht viel an Basis. Da stehen wir relativ am Anfang mit allem.

Ein halbes Jahr später werkelt ihr an der neuen EP herum. Was könnt ihr uns darüber erzählen?

Arne: Die wird toll! Es wird quasi der zweite Teil von „ANIMA“ werden. Das Material ist in der gleichen Zeit entstanden und enthält viele vertraute Elemente, aber auch ein paar neue. Die zweite EP wird den Kreis schließen und hoffentlich insgesamt noch eine Schippe von allem drauflegen.

Ist ein Release Datum schon angepeilt?

Arne: Wir hoffen auf Herbst 2019. September wäre toll.

Es wird wieder eine Tour zur neuen Scheibe geben. Was bietet ihr Party- Rockern, die euch nicht kennen, und von ihrer Freundin angeschleppt wurden?

Norman: Abgesehen davon, dass ich glaube, dass unsere Songs in guter Balance von Abstraktheit und Eingängigkeit sowie Härte und Sanftheit stehen, legen wir vor allem live auch Wert auf eine dichte Stimmung. Wir werden unsere Bühne dabei noch weiter mit Ideen erweitern – sei es spezielles Licht, etwaige visuelle Untermalung oder das persönliche Auftreten. Ob einem das dann gefällt, ist für jeden selbst zu sehen. Als Beispiel kann ich da mein Verhalten und Auftreten auf der Bühne nennen, was bisher schon aufgefallen ist und wo Menschen auf mich zugekommen sind und mir darin Intensität sowie Authentizität bescheinigt haben. Alles in allem denke ich, wir bieten live eine Stimmung und Präsenz, die – wenn man ihr Aufmerksamkeit schenkt – auch jemanden mitreißen kann, der eigentlich „nur zum Party machen” da ist. Also, das hoffen wir zumindest.

Arne: ...und es gibt immer eine Bar bei den Konzerten!

Sergey: Aber bevor es für uns ins Studio geht und wir im Spätherbst die Tour starten, spielen wir am 12. Mai noch ein letztes Konzert in unserer Heimatstadt, Berlin. Darauf freue ich mich schon ganz besonders, da wir die Bühne mit meinen langjährigen Freunden von KHROMA teilen werden. Das wird ein Abend voller Krach und Liebe im guten, alten Cassiopeia.

Vielen Dank für die Zeit, die ihr euch für das Interview genommen habt! Stormbringer wird euch weiter stalken und in Zukunft über eure Taten berichten!


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