WITCHERY - Patrik Jensen

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Es gibt viele Beispiele bekannter Bands, die Alben rausbringen, denen man anhört, dass die Jungs bei den Aufnahmen nicht wirklich Spaß hatten.

Wenn Patrik Jensen nicht gerade mit THE HAUNTED zugange ist, dann frönt er zusammen mit seiner All-Star-Rotte seiner zweiten Band WITCHERY. Der redselige Schwede verriet uns ein paar Details zum Hammeralbum „I Am Legion“ und plauderte auch sonst angeregt aus dem Nähkästchen.

Veröffentlicht am 24.01.2018

Euer neues Album “I Am Legion” ist kürzlich rausgekommen. Du weißt hoffentlich was ihr da für einen Bastard von Platte auf die Menschheit losgelassen habt, oder?

Hahaha, danke! Ja, ich denke, es ist ein großartiges Album geworden, aber du weißt nie, ob Leute außerhalb der Band verstehen, was man da eigentlich damit erreichen wollte. Wir haben, seitdem das Album draußen ist, verstanden, dass die meisten Leute unsere Auffassung darüber teilen: Es ist wirklich ein Bastard geworden!

Ihr habt eine sehr bodenständige Arbeitsethik im Studio, oder nennen wir es mal „old school“. Ihr versucht, die Songs immer „live“ und in einem Stück aufzunehmen, richtig?

Ja, genau. Ich denke es geht so viel verloren, wenn man anfängt, die Instrumente alle einzeln aufzunehmen. Eine Band ist eine Gruppe von Leuten, und man reagiert auf das, was der jeweils andere spielt oder sonst mit seinem Instrument macht. Die besten Musiker – ich lieg vielleicht falsch, aber ich denke das sind klassische Orchester- oder Jazz-Musiker – würden niemals zuerst die erste Violine aufnehmen, dann die zweite Violine und so weiter. Klassische Musiker oder Jazz-Bands verstehen, dass Musik etwas ist, das entsteht wenn Menschen miteinander interagieren. Es gibt eine Menge Beispiele an klassischen Thrash-Bands, die ihre alten Alben neu aufgenommen haben. Die Produktion ist natürlich um vieles besser, sie sind mittlerweile vielleicht bessere Musiker als mit 16 oder 18 Jahren, als sie begonnen haben. Und sie nehmen jedes Instrument einzeln auf, weil dann klingt alles super-tight. Aber sind diese neuen Versionen besser als die Originale? Natürlich nicht. Jeder kann hören, dass die Originalversionen so viel mehr Enthusiasmus in sich tragen, Aggression und Gefühl. Und das nur, weil sie damals „live“ aufgenommen wurden, nur, weil hier ein Haufen junger Leute voller Enthusiasmus ans Werk geschritten ist.

Wenn der einzige Fokus ist, etwas perfekt klingen zu lassen, so richtig fett und so weiter, dann wird im Laufe der Aufnahme das Feeling verloren gehen. Noch ein Beispiel: Was ist denn eigentlich „perfekt“? Die Band zu sein, die am besten zusammenspielt, ist etwas, das man messen kann. Ist gute Kunst denn messbar? Oder reden wir hier plötzlich von einem athletischen Wettbewerb? Menschen verstehen visuelle Vergleiche meistens besser als solche, bei denen es ums Hören geht. Würde ein Maler bessere Kunst erschaffen, wenn er sich immer nur innerhalb der Grenzen bewegt? Wenn er niemals versuchen würde, Farben zu mischen oder zu verschmieren, irgendetwas zu tun was nicht Standard ist? Natürlich nicht. Musik ist Kunst und Kunst ist immer auch der menschliche Aspekt. Ich finde, Bands sollten einfach aufhören, sich an den Beckenrand zu krallen und einfach beginnen, raus zu schwimmen, und irgendetwas kreieren, das eben nur diese Band kreieren kann. Entschuldige das Geraunze, aber das ist für mich ein sehr leidenschaftliches Thema. Viel zu viele Alben heutzutage klingen komplett gleich. Wenn da kein Umdenken stattfindet, wie Bands in Zukunft ihre Songs kreieren, wird der Metal vielleicht zusehends Hörer verlieren und irgendwann irrelevant werden.

Ok, ich verstehe was du meinst. Aber wenn du schon so leidenschaftlich bist mit diesem Thema, weiß ich zum Beispiel auch, dass du auch zu viel Perfektionismus verabscheust …

Ups … Hahaha … Ja ich denke ich hab so viel bei der vorigen Antwort rumgelabert, dass ich diese Frage ja auch gleich mit beantwortet habe.

Ja, irgendwie schon. Auf der anderen Seite ist euer Producer Daniel Bergstrand aber bekannt für seinen perfekten Sound. Wie handhabt ihr das im Studio, arbeitet er mit euch dann mehr „old school“?

Ich stimme dir zu, Danne ist ein großartiger Produzent. Er hat ein Händchen dafür, etwas abzuliefern, das der Band gefällt und das immer noch frisch und modern klingt. Was ich meine: Bands berufen sich oft auf die Alben anderer Künstler, um ihre Sound-Vorlieben Ausdruck zu kommunizieren. Bei Danne bekommst du etwas, das in deine Vorstellung passt, aber gleichzeitig frisch und unverbraucht klingt.

Glaubst du, es ist ein Zeichen unserer (hochtechnologisierten) Zeit in der wir leben, dass die Leute sich nach dem ganzen „alten Kram“ wie etwa Vinyl, Vintage-Computern oder alten Handys sehnen?

Es kann sein, dass da ein wenig Nostalgie mitspielt bei diesem Wiederaufleben von Vinyl überall auf der Welt, ja. Ich glaube es ist auch stark in unserem „Jäger/Sammler“-Erbe als Menschen verwurzelt. Es ist halt schwer, eine Musiksammlung „zu fühlen“, wenn du tausend Alben irgendwo auf iTunes hast. Das sind alles nur Einsen und Nullen. Vinyl ist etwas, das man genießen kann, alleine dann, wenn man seine Sammlung vom Wohnzimmersessel aus betrachtet. Es ist auch der Kick, nach der einen Schallplatte zu suchen, die dir noch für die Sammlung fehlt. Und natürlich sieht das Artwork besser aus in LP-Format. Seien wir ehrlich – in einer Welt voll von Spotify, iTunes du CDs ist das Artwort irgendwo verzichtbar geworden. Ich vermisse die Tage der großen Cover-Artworks. Sich hinzusetzen, das Artwork zu betrachten und die Linernotes zu lesen ist schon die halbe Miete wenn man sich ein neues Album zulegt. Und diese Erfahrung geht halt leider verloren, wenn du Musik im Internet hörst oder oft sogar, wenn du eine CD kaufst.

Angus Norder (NEKROCRAFT) hat ja vor einiger Zeit das Mikro von Emperor Magus Caligula übernommen, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiter machen konnte. Hat er eigentlich versucht, seinen eigenen Stil mit dem von Caligula zu vereinen, oder hat er von Beginn an sein eigenes Ding durchgezogen?

Die Nachricht, dass Caligula mit dem Singen aufhören muss, kam ziemlich knapp vor den Aufnahmen zu „In His Infernal Majesty’s Service”. Es war eigentlich nur zwei, drei Wochen bevor wir das Studio gebucht hatten, als Caligula die schlechten Neuigkewiten von seinem Arzt bekam und wir uns um Ersatz umschauen mussten. Darum waren die Songs auf „IHIMS“ natürlich für Caligula geschrieben. Angus hat da aber einen tollen Job abgeliefert, indem er seinen eigenen Stil mit dem von Caligula vermischt hat. Beim neuen Album „I Am Legion“ konnten wir uns aber darauf konzentrieren, die Vocals rein auf Angus‘ Gesangsstil zuzuschneiden.

Bei fünf Bandmitgliedern, die alle in anderen Bands spielen – einige davon nicht gerade unbekannt: Wie läuft das bei euch mit den Proben? Vom Touren möchte ich gar nicht anfangen …

Die Bands heutzutage proben ja eigentlich nicht mehr so viel, vor allem Bands, die schon lange dabei sind. THE HAUNTED wurden damals in Göteborg immer „The Rehearsing Band“ genannt, nur weil wir uns fast jeden Tag zum Proben trafen hahaha! Heute gibt es so viele technische Hilfsmittel, du hast Computer, Internet und so Zeug, das macht es verdammt einfach, individuell zu proben. Bei WITCHERY versuchen wir, die Dinge so organisch wie möglich zu halten. Wir nutzen natürlich den Vorteil, Songs auf einem PC zu schreiben, treffen uns aber auch immer wieder mal, um unsere neuen Ideen im Proberaum rauszuhämmern.

Martin Axenrot von OPETH, der mal bei euch an der Schießbude saß, musste WITCHERY letztendlich aber deswegen verlassen, oder?

Ja, Martin ist ein guter, langjähriger Freund von uns und war lange Mitglied von WITCHERY. Aber seine Arbeit mit OPETH machte es sehr schwer, mit ihm zu arbeiten, vor allem zu proben, aufzunehmen oder „IHIMS“ rechtzeitig zu unserem 20-jährigen Jubiläum fertig zu bekommen.

Bis etwa 2001 habt ihr relativ schnell eure Scheiben rausgeballert, dann gab’s da eine etwas langsamere Periode bis 2016, und … hier haben wir Album nummer zwei innerhalb eines Jahres. Warum der plötzliche Kreativitätsschub?

Ich denke es ist eine Mischung aus a) der Erkenntnis, dass die Band (oder jede Band, genau genommen) nicht ewig da sein wird und auch nicht immer einen Plattenvertrag oder die Möglichkeit, Musik zu veröffentlichen haben wird. Und b) weil gerade jetzt eines der wichtigsten Bandmitglieder von WICHERY – der Drummer – verfügbar war. Ich schiebe die langen Pausen aber jetzt keineswegs auf Martin Axenrot. Ich glaube, das wichtigste Bandmitglied, um eine WITCHERY-Probe passieren zu lassen, bin ich, und ich war ab 2001 mit THE HAUNTED sehr viel unterwegs. Jetzt haben wir auch einen Drummer, der oft verfügbar ist, und wir können Musik kreieren … also lasst uns Musik kreieren!

Ursprünglich war „In His Infernal Majesty’s Service“ aber bloß als Jubiläums-Scheibe zum Zwanziger gedacht, ohne Absichten danach noch was raus zu bringen, oder?

Also, „IHIMS“ war zwar keineswegs als letztes WITCHERY-Album gedacht, aber du hast recht, wir hatten nicht wirklich geplant, so schnell – innerhalb eines Jahres! – einen Nachfolger rauszubringen. Es war einfach die Tatsache, dass „IHIMS“ so gut bei den Leuten angekommen ist und wir merkten, dass man uns und unsere Musik immer noch mag. Und deshalb haben wir so schnell nachgelegt. Wir wollten das Eisen schmieden, solange es heiß ist, wie man so schön sagt.

Ist WITCHERY für dich eigentlich eine „richtige“ Band oder mehr ein Projekt?

Das war auch einer der Gründe, warum „I Am Legion“ so schnell rauskam: wir wollten den Leuten zeigen, dass wir eben eine richtige Band sind und kein Spassprojekt. Wir haben uns eigentlich immer schon als Band gesehen.

Es gibt mannigfaltige Einflüsse bei WITCHERY: Klassischen Heavy Metal, Death Metal, sogar Hard Rock, vermischt mit einer Menge schwarzmetallischen Sounds a la SATYRICON oder DISSECTION. Ihr habt aber nie ein großes Ding aus diesem „Trueness“-Gesülze gemacht – im Gegenteil, manchmal veräppelt ihr das ja fast schon …

Ich glaube, das tolle an WITCHERY ist, dass wir beliebige Einflüsse in unsere Musik einarbeiten können. Es war für uns immer amüsant zu beobachten, in welche Schublade uns die Leute stecken werden. Manchmal sind wir einfach nur Heavy Metal, oft Death Metal und manchmal Thrash Metal, mit einem Zuckerguss Black Metal oben drauf. Das gibt uns viel künstlerischen Spielraum, wir könne spielen, was immer wir wollen. Und weil wir eben live im Studio aufnehmen, kann auch jeder Musiker individuell glänzen und das macht den Sound von WITCHERY aus.

Ich hab euch im Oktober auf der „Close Up Cruise“ in Stockholm live gesehen. Was hältst du von Metal Cruises?

Metal Cruises sind cool. Ich mag sowas. In ein paar Wochen geht’s nach Florida zur „70.000 Tons Of Metal“, da freuen wir uns schon sehr drauf!

Auf der „Witchburner“ EP von 1999 habt ihr Songs von ACCEPT und JUDAS PRIEST gecovert. Spielt ihr diese Covers immer noch live?

Wir haben schon lange keine Cover-Versionen mehr im Live-Set gehabt. ACCEPTs „Fast As A Shark“ haben wir oft live gezockt, als das „Witchburner“-Album damals rauskam, aber mit dem aktuellen Line-Up haben wir sowas noch nicht live gebracht.

Wie bereits erwähnt spielst du ja auch noch bei THE HAUNTED, Angus hat seine eigene Band NEKROCRAFT und Sharlee zockt bei ARCH ENEMY. Bekommt ihr da beim Songwriting manchmal Konflikte? Sind alle Songs, die du schreibst, auch WITCHERY-Songs oder alnden sie auch mal bei einer anderen Band?

Nein, es gibt bei WITCHERY keine Konflikte beim Songwriting. Normalerweise schreibe alles ich, auch die Lyrics, also muss sich von den anderen niemand zu sehr anstrengen und kann sich auf seine jeweilige Band konzentrieren. Ich bin es gewohnt, für mehrere Bands Songs zu schreiben, und normal leidet keine meiner Bands unter dieser Arbeits-Flut. Ich beginne auch, neue Songs mit WITCHERY im Hinterkopf zu schreiben. Wie ich schon gesagt habe, haben wir da viele Freiheiten, das ist sehr befreiend für die Inspiration und ein gutes Mittel gegen Schreib-Blockade. In der Geschichte der zwei Combos – WITCHERY entstand ein wenig vor THE HAUNTED – gab es immer wieder Songs, die zwischen den Bands hin- und her getauscht wurden. Beispielsweise verwendeten wir mit THE HAUNTED oft „The Reaper“ (und auch einige AT THE GATES-Songs) von WITCHERY als wir begannen, Headliner-Shows zu spielen und nicht genügend Material hatten um eine gute Stunde zu füllen.

Ein anderes Beispiel für die gemeinsame DNA der zwei Bands ist, dass „Dark Intentions“ – ein Song der natürlich mit THE HAUNTED in Verbindung gebracht wird – bei einem WITCHERY-Rehearsal entstanden ist. Die Jungs mochten den Song sofort, aber ich musste ihnen leider sagen, dass der Song für mich viel mehr THE HAUNTED als WITCHERY ist. Da haben sie natürlich gemeckert … hahaha. Die Geschichte hat mir da aber am Ende recht gegeben. Es funktioniert natürlich auch anders rum: „Legion“, der erste Song auf „I Am Legion“, wurde für’s letzte THE HAUNTED-Album geschrieben. Er kam aber nicht in die Endauswahl für’s Album, also habe ich ihn zurückbehalten und eben für WITCHERY verwendet. Es ist instrumental ein großartiger Song und er funktioniert mit WITCHERY mindestens ebenso gut wie er mit THE HAUNTED funktioniert hätte.

Wenn man deine Platten hört, so hört man vor allem zwei Dinge raus: Hingabe und Spaß. Alles ist irgendwie enthusiastisch, aber immer noch bodenständig …

Das genau wollen wir durch unsere Musik auch erstrahlen lassen. Die Leute missverstehen „Spaß“ immer mit „herumalbern“, ich aber denke an eine Band, die beim Spielen Spaß hat, eine gute Zeit und mit Leidenschaft Alben veröffentlicht. Es gibt viele Beispiele bekannte Bands, die Alben rausbringen, denen man anhört, dass die Jungs bei den Aufnahmen nicht wirklich Spaß hatten. Da leidet die Musik natürlich direkt darunter. Du kannst das auch nicht überspielen. Wenn innerhalb der Band eine miese Stimmung herrscht, dann kannst du nicht inspiriert klingen, du klingst dann gezwungen. Und solange wir inspiriert sind und Spaß an der Sache haben werden wir mit WICHERY auch wietermachen und Platten veröffentlichen.

Das ist schön zu wissen. Hast du noch ein paar Worte an unsere STORMBRINGER-Leser?

Nur das übliche – aber in unserem Fall wirklich ernst gemeinte – Bedürfnis, mal nach Österreich zu kommen und bei euch live zu spielen. Also, wenn das hier irgendjemand liest, der Connections zu Veranstaltern und Festivals hat, wir würden uns freuen wenn man das in die Tat umsetzen könnte! Nichts macht uns glücklicher als raus zu gehen in die Welt und unseren unheiligen „Legion“-Gospel unters Volk zu bringen!

 

Alle Fotos (c) Michaela Barkensjö


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