CALLEJON - Bastian „BastiBasti“ Sobtzick

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Ich find’s gut, wenn man sich an der Stelle mal nackt macht und das sagt.

Einfach mal blankziehen, sich nackig machen - so ganz ohne Rücksicht auf Verluste. Wer jetzt an einen Sauna-Nachmittag denkt, liegt leider falsch: BastiBasti von CALLEJON spricht über das neue Album, altes Geschrei und ehrliche Worte zu Depressionen.

Text: Lora
Veröffentlicht am 04.10.2017

Erzähl mal, wie läuft die Tour mit PAPA ROACH?

Gut, läuft auf jeden Fall gut. Für uns ist diesmal alles etwas anders. Wir machen keinen echten Soundcheck, sondern nur einen Virtual-Soundcheck, weil wir nicht so viel Zeit haben. Aber das ist als Support-Band ganz normal – man ist dann „nur“ die Support-Band, kriegt nur kleine Teile der Bühne zugewiesen und so. Aber die Leute sind ganz nett. Wenn man halt mit so großen Amerika-Produktionen unterwegs ist, dann ist man selbst hier nur ein kleines Licht. Das haben wir auch bei den Konzerten gemerkt, denn das war mal ein ganz anderes Gefühl als bei einer Headliner-Show. Bist du selbst Headliner und kommst auf die Bühne, da schreien alle und rasten aus und hier ist das alles so (klatscht langsam und leise dazu) „Hallo. Na wer seid ihr denn?“. Aber das ist mal ganz interessant.

 

Ihr seid zum ersten Mal mit eurem neuen Album „Fandigo“ unterwegs, wie läuft es damit, wie sind die Reaktionen?

Momentan ist das ja noch so, auch heute, dass wir teilweise nur 30 Minuten auf der Bühne haben, was echt wenig ist. Ansonsten haben wir 40 Minuten. Also da können wir gar nicht so viel präsentieren, da spielen wir zwei Songs davon. Ansonsten müssten wir uns überlegen, ob wir „Porn from Spain 2“ oder „Kind im Nebel“ streichen – und das kann man halt irgendwie einfach nicht streichen. Und man muss auch so eine gewisse Stimmung drin haben. Wenn wir jetzt bei so einer kurzen Spielzeit nur, oder hauptsächlich das neue Album spielen würden, das macht dann nicht genug Stimmung für das, was man als Support-Band in der Situation bringen sollte. Aber wir gehen Anfang nächsten Jahres nochmal auf Tour, die Dates geben wir nach der Tour mit PAPA ROACH bekannt. Da werden wir dann deutlich mehr Songs davon spielen. Wir haben bei den Release-Shows natürlich mehr gespielt, da kann ich dazu sagen, dass das mega geil war! Da haben wir auch „Powertrauer“, „Hölle Stufe 4“, „Nautilus“ und so gespielt, das war schon fett.
 


 

So gesehen wart ihr schon beim Titel des Albums kreativ. Woher kommt denn der Begriff, was bedeutet das?

Grundsätzlich wollten wir einen etwas auffälligeren Namen haben. Es gab halt einen Song auf dem Album, der heißt „Fandigo Umami“. Dahinter versteckt sich eine Geschichte, die ich mir überlegt habe. Aus der Sicht irgendeines Fans, also es geht da nicht um uns oder so, der Fan ist völlig besessen von seinem Idol, dass er es essen möchte. Deshalb haben wir die Worte „Fan“ und „Wendigo“ zusammengepackt, daraus wurde dann der Neologismus „Fandigo“. Und dieses Wechselspiel, also was gibt man Fans, was geben die einem, was wird einem genommen, das fanden wir ganz interessant. Und Fandigo blieb dann hängen und wurde zum Titel. Ein Kunstwort für ein Kunstalbum, würde ich mal sagen.

 

Ich muss zugeben, als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, dachte ich mir schon, dass das nicht jeder verkraften wird. Wart ihr auf Kritik gefasst?

Oh ja, auf jeden Fall. Also ich muss ehrlich sagen, das ist von der Kritik her das am schlechtesten aufgenommene Album, also das am krassesten diskutierte Album. Das war uns ein bisschen klar im Vorhinein, aber dass es so krass wird, war uns nicht klar, aber ok. Was uns halt extrem wichtig war und warum wir das Album ganz konsequent so geschrieben haben war, dass wir gesagt haben, dass wir das Album für uns selbst als Musiker so schreiben müssen. Es ist nicht so als ob da jemand steht und uns sagt wie wir es zu machen haben, das war noch nie so. Dieses Mal war es halt so, dass es auch inhaltlich so viele Punkte in uns selbst gab, die wir musikalisch umsetzen wollten, oder auch mussten. Das war dann wie ein Befreiungsschlag für uns. Und die Konsequenz daraus, dass es dann vielleicht nicht so erfolgreich ist oder nicht so gut ankommt, das war uns bewusst.

 

Wann war bei euch der Moment, in dem ihr dachtet „jetzt machen wir mal ordentlich was anders?“. Kam das spontan oder war das ein längerer Prozess?

Also als wir uns über das neue Album Gedanken gemacht haben, da haben wir uns hingesetzt und uns gefragt, wer wir eigentlich wirklich sein wollen und wie das neue CALLEJON-Ding so aussehen soll. Und da haben wir festgestellt, dass wir irgendwie gelangweilt von uns selbst waren und sind durchgegangen, was wir alles schon tausendmal gemacht haben. Eigentlich hassen wir es, uns zu wiederholen, auch wenn es draußen gar nicht als Wiederholung ankommen würde. Aber wir wissen das noch irgendwie besser, von unserer eigenen Musik her. Da haben wir gesagt, dass wir diesmal konsequent was anders machen wollen. So entstand „Fandigo“. Da sind dann auch ganz viele Dämme gebrochen, also es ist ja auch ein inhaltlich wirklich schweres Album. Es ist teilweise nicht nur melancholisch, sondern auch leicht depressiv. Aber dafür bin ich der Musik ganz dankbar, dass man die Stimmungen in denen man lebt, nur durch die künstlerische Arbeit an einem Song oder einem Album abarbeiten kann.

 

Ist das nicht irgendwie komisch? Zuerst schreien alle, Metalcore ist nur noch Einheitsbrei. Dann macht man was anders, und es passt wieder nicht?

Oh ja! Das ist die Wahrheit, das ist leider so. Ich glaube, sowas wie „Fandigo“ braucht einfach Zeit. Damit sich das richtig entfaltet, braucht das auch mehr Zeit als bis zum nächsten Album. Ich kann mich noch erinnern, als das Album „White Pony“ von DEFTONES rauskam, da war das auch so. Die Fans haben es nicht gemocht, in der Presse ist es nicht gut angekommen. Da war der Umschwung zwar nicht so krass wie bei uns, aber trotzdem. Und inzwischen ist es deren beliebtestes Album. Gut, ich will jetzt nicht sagen, dass „Fandigo“ das beliebteste CALLEJON-Album bei den Fans wird, das weiß ich nicht. Aber allgemein ist es so, dass am Anfang erstmal der Schock kommt, dann die Verarbeitung, und irgendwann finden die Leute doch zu solchen Sachen. Bei „Kind im Nebel“ war’s das gleiche – am Anfang sind wir ziemlich gebashed worden, weil „oh, jetzt machen die so einen Softie-Balladen-Song“. Ich kann mich noch erinnern, damals, auch noch zu Demo-Zeiten, als wir uns dann weg von diesem „Jugend-Screamo“ in Richtung Metal emanzipiert haben, da war’s auch so, dass man auf einen Schlag Leute verloren hat.

 

Bei manchen Bands ist es so, dass sie wochenlang versuchen gegen die ganzen negativen Kommentare anzukämpfen und anzuschreien. Wie geht mir mit Kritik um?

Eigentlich ist uns das klar, was da passiert. Man darf nicht vergessen, es ist nicht so, dass alle das Album hassen. Es gab halt bisher noch kein Album von uns, das so heiß diskutiert wurde und wo es so viel Ausschlag in alle Richtungen gab. Es gibt kaum Leute die da mit einer wirklich ernstzunehmenden Meinung kommen und sagen, dass ihnen das Album egal ist und es sie kalt lässt, weil es langweilig ist. Das haben wir nirgendwo gelesen. Und wenn jemand schreibt, dass es wie Sportfreunde Stiller ist, dann ist das einfach lustig. Ich meine, das ist dann einfach Quatsch und derjenige hat sich nicht damit befasst. Aber ich kann schon verstehen und nachvollziehen, wenn es einem aufgrund unserer Historie, was CALLEJON gemacht hat, von der oberflächlichen Musik her nicht gefällt. Aber wie wir damit umgehen – das ist halt so, das müssen wir ertragen. Als Künstler muss man da durch. Ich rechtfertige mich nicht insofern, dass ich sage, dass wir’s nächstes Mal anders machen. Vielleicht machen wir es nächstes Mal wieder anders, aber nicht aufgrund von sowas, das hat gar nichts damit zu tun. Dieses Album so zu schreiben und auch konsequent so zu machen, war ganz wichtig für uns. Und dazu stehen wir dann auch voll und ganz. Meiner Meinung nach ist es auch das bis jetzt beste CALLEJON-Album, aber das ist mein persönlicher Geschmack. So nehme ich Musik selbst wahr und so will ich inzwischen auch Musik machen. Und grundsätzlich ist es so, das ist aber in Band-Geschichten auch ganz normal, da passiert es ständig, dass man mal etwas macht, was nicht jeder abfeiert und dann vielleicht erst später wertgeschätzt wird.

 

Auf „Fandigo“ wird ja mehr gesungen als geschrien, das war bei euren Alben bisher nicht so. Für viele Musiker ist ja dieser Wechsel vom Schreien zum Singen, als ob sie blankziehen würden. Wie war das für dich?

Uhh, blankziehen! Ne! Ich find’s eigentlich viel anstrengender zu schreien und ständig diesen Switch zu machen. Das ist für die Stimme viel anstrengender, also ständig in einer hohen Schlagzahl zwischen Geschrei und Gesang zu wechseln. Wenn du in einem Song bist in dem du nur schreist, dann bist du in der Schrei-Stimme. Und ich hab halt eher krasses Geschrei, das beruht nicht auf irgendeiner Technik, ich nenn das immer das „alte Hardcore-Geschrei“. Und wenn du mal einen Song nur singst, ist das gar nicht anstrengend. Und Angst davor das zu zeigen, hatte ich nie. Ich glaub ich kann gut singen, das kann ich den Leuten gerne live präsentieren. Und wenn mal ein Ton nicht sitzt, dann ist’s halt so.
 


 

Ihr habt ja schon mal ein Cover-Album gemacht, „Man spricht Deutsch“. Auf „Fandigo“ ist auch ein Cover, „People are People“. Auf den ersten Blick klingt das doch verrückt, aber ihr habt das wirklich interessant umgesetzt. Woher kam die Idee, warum genau dieser Song?

Das ist tatsächlich einer unserer Lieblingssongs. Wir brauchten noch einen Bonus-Track und haben da mal überlegt, was wir denn machen könnten. So haben wir dann beschlossen, dass wir einfach einen unserer Lieblingssongs covern. Ich find den voll geil. Um das zu entlarven: Man schreibt ja ein Album, dann hat man meistens noch Songs übrig, so zwei oder drei Nummern, für Bonusmaterial. Diesmal haben wir so kompakt geschrieben, dass das einzige, was nicht ganz vom Flow und vom Habitus her reingepasst hat, „Callejon is dead“ war. Der hat uns halt auf der Bonus-CD als wirklich letzten Song gefallen: Callejon is dead, bum! Und dann mussten wir noch einen machen und haben uns für einen Song, den wir lieben, als Cover entschieden.

 

Als ich gehört habe, dass ihr mit PAPA ROACH auf Tour geht, war ich etwas verunsichert. Vor allem als deren Album rauskam dachte ich, dass das eine ganz eigene Show wird. Aber dann kam „Fandigo“, und ihr habt euch da wohl irgendwie angenähert. Wie kam das denn zustande, mit PAPA ROACH auf Tour zu gehen und wie kommt ihr damit zurecht?

Wir wurden lustigerweise gefragt. Wir haben dann ziemlich schnell gesagt „passt voll gut, machen wir“. Normalerweise wären wir jetzt oder im Oktober auf eigene Tour gegangen, aber dann haben wir das so gelegt, dass wir zuerst mit PAPA ROACH auf Tour gehen, um auch mal neue Leute zu erreichen. Die Sache ist halt, dass das normale PAPA ROACH Publikum CALLEJON mal gar nicht kennt. Und genau das macht’s spannend. Dann stehst du da auf der Bühne und schaust in ganz fragende Gesichter. Aber das coole ist, wir sind dann nach den Shows auch immer noch an den Merch-Stand gegangen, und da kamen echt viele Leute die dann meinten, dass sie noch nie von uns gehört haben aber es mega cool fanden. Das funktioniert auf jeden Fall. Ob wir uns musikalisch angeglichen haben, ich weiß nicht...

Mehr als vor dem neuen Album...

Mehr als vorher, das stimmt. Ja, das auf jeden Fall. Aber wenn ich so über das neue Album rede, bezieht sich das immer auf das Inhaltliche. Da sind wir halt wo ganz anders als PAPA ROACH. Bei denen geht’s um einfachere Dinge. Ich will nicht sagen, dass das blöd oder dumm ist – auf keinen Fall. Aber da geht’s halt doch irgendwie um die ähnlichen Themen wie auf den Alben davor.

 

FRANK CARTER & THE RATTLESNAKES haben relativ spontan die Termine in Europa abgesagt.

Ja, voll schade.

Als Ersatz sind bei manchen Terminen, wie auch hier in München, EMIL BULLS nachgerückt. Bist du zufrieden mit der Konstellation?

Emil Bulls kennen wir jetzt auch schon seit 70 Millionen Jahren. Man kennt sich, man versteht sich, das ist ganz cool. Trotzdem mega schade, dass Frank Carter abgesagt hat. Aber ich find’s gut, dass das so konsequent abgesagt wurde. Auch mit der Begründung „Hey, ich hab ´ne Depression, ich kann nicht mehr. Ich bin die letzten zwei Jahre getourt.“ Ich find’s gut, wenn man sich an der Stelle mal nackt macht und das sagt. Der braucht kein Mitleid, darum geht’s auch nicht. Es geht einfach darum, dass man mal sagt wie’s ist und nicht nur probiert die Leute in ihrer Wohlfühlblase zu lassen. Es ist an sich ein hartes Business und irgendwann, wenn du immer nur ackerst, dann frisst es dich auf. Ich find’s gut, wenn man darüber spricht. Das heißt nicht, dass man in Trauer versinken muss. Manchmal braucht man, wie jeder andere auch, seine Pausen. Ich find’s eigentlich quatsch sowas als Tabuthema zu behandeln. Von daher kann ich’s verstehen, aber ich find’s etwas schade, weil wir doch große Fans von FRANK CARTER & THE RATTLESNAKES sind.

 

Abgesehen von PAPA ROACH und EMIL BULLS, egal ob tot oder lebendig: Mit wem würdest du gerne mal auf der Bühne stehen?

Das Geile ist, ich bin da etwas ambivalent. Am liebsten natürlich mit meiner Lieblingsband, TYPE O NEGATIVE. Aber irgendwie weiß ich gar nicht, ob das klappen würde. Ich weiß nicht wie die so als Typen sind, wie das ist oder wie das musikalisch passen würde. Wahrscheinlich gar nicht. Mhh, da ist die Frage mit wem möchte man das am liebsten oder mit wem wünscht man sich das. Oder wo wünscht man sich das und wo würde das Sinn machen. Also ich muss sagen, alle Helden die ich so hab, da bin ich froh, dass ich die nur angucken darf. Auch sowas wie THE CURE, das würde niemals passen. Ich fänd’s spannender zum Beispiel mit Robert Smith von THE CURE einen Song zu machen, das würde mich mehr reizen. Songwriting ist auch das, was ich am liebsten mache. Auf der Bühne steh ich auch gerne, klar, aber das ist nur ein Teil davon. Das, was mich am meisten erfüllt, ist das Erschaffen von Dingen, nicht das Reproduzieren auf der Bühne, obwohl das natürlich auch geil ist und Spaß macht, klar. Aber da formulier ich jetzt einfach deine Frage um in „Mit wem würdest du gerne einen Song aufnehmen?“ und sage: Robert Smith.

Dann hoffe ich, dass das irgendwann mal klappt! Vielen Dank!


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